Meldung | 19.06.2013

Europäische Besiedlungsgeschichte

Rätselhafte Schnecken-Connection zwischen Irland und den Pyrenäen

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Besuchten steinzeitliche Seefahrer aus Südfrankreich schon vor rund 8000 Jahren die irische Küste? Das legt jetzt eine aktuelle Studie nahe. Wichtigstes Beweisstück eines Forscherduos ist ein unscheinbares Mitbringsel: landlebende Gehäuseschnecken der Art Cepaea nemoralis.

Die zu Deutsch auch Hain-Bänderschnecke genannten Tiere sind über einen Großteil Westeuropas verbreitet. Bestimmte Varianten allerdings, die eine helle statt einer dunklen Mündung aufweisen, sind nur auf zwei Regionen beschränkt: Irland einerseits und den Pyrenäenraum sowie Kantabrien andererseits. Dass die Schnecken aus beiden Gegenden auch tatsächlich eng miteinander verwandt sind, haben nun Adele Grindon und Angus Davison nachgewiesen.

Die Forscher der University of Nottingham betrachteten dazu einen Abschnitt der mitochondrialen DNA verschiedener Exemplare aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Tiere und erstellten daraus einen Stammbaum [1]. Ergebnis war schließlich die gemeinsame Abstammung von Hain-Bänderschnecken aus den Pyrenäen und Irland. Im benachbarten Großbritannien leben Schnecken einer anderen Abstammungslinie.

Schnelle Reise nach Irland
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Irische Hain-Bänderschnecken stammen offenbar aus den Pyrenäen, aber genetische Veränderungen, die auf eine langsame Migration auf dem Landweg hindeuten würden, lassen sich nicht dingfest machen – demnach könnten die Tiere womöglich von mittelsteinzeitlichen Einwanderern verschleppt worden sein.

Da archäologische Funde von Schnecken in Irland auf ein Alter von rund 8000 Jahren datiert werden können, scheint es sich nicht um eine neuzeitliche Verschleppung zu handeln. Stattdessen müssen die Tiere bereits in der Mittelsteinzeit auf die Insel gekommen sein – und zwar mit der Hilfe menschlicher Einwanderer. Das sei jedenfalls die einfachste Erklärung, argumentieren Grindon und Davison.

Auch andere Tiere Irlands haben Ahnen weit im Süden. So beobachteten Forscher vor einigen Jahren erstaunliche genetische Übereinstimmungen zwischen Zwergspitzmäusen (Sorex minutus) aus Irland und Andorra. Diese Tiere mussten ebenfalls nach Ende der letzten Eiszeit auf die Insel gekommen sein [2, 3].

Die Connection zwischen der Fauna Irlands und dem spanisch-französischen Grenzgebiet ist Biologen schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Die zahlreichen Arten, die denen im Süden ähneln, werden als "lusitanische Arten" zusammengefasst. Wie dies unerklärliche Phänomen zu Stande kommt, das bereits mit Namen wie "die irische Frage" oder "pygmy shrew syndrome" ("Zwergspitzmaussyndrom") belegt wurde, ist eine offene Frage.

Die Tiere kamen wohl grob zur selben Zeit auf die Insel, als Irland nach der letzten Kaltzeit wieder bewohnbar wurde und auch von Menschen besiedelt wurde. Leider ist aus archäologischen Untersuchungen über diese Zeit nur wenig bekannt. Klare kulturelle Verbindungen zwischen Irland und der spanisch-französischen Atlantikküste lassen sich für das irische Mesolithikum, die Zeitspanne zwischen dem Ende der Altsteinzeit und der Einführung des Ackerbaus in der Jungsteinzeit, nicht herstellen. Obendrein ist nicht sicher, ob den damaligen Bewohnern Südeuropas überhaupt längere Seefahrten zugetraut werden können. Aber dass beispielsweise die Schnecken, die seit der Steinzeit als Nahrungsquelle dienten, natürliche Verbreitungswege eingeschlagen haben oder von Vögeln verschleppt wurden, ist ebenso unwahrscheinlich.

Als genaue Herkunftsregion der irischen Hain-Bänderschnecken geben Grindon und Davison das Gebiet um Toulouse an, damit stammen sie aus einer Gegend, die weit entfernt vom Atlantik liegt. Allerdings habe die Garonne, die parallel zu den Pyrenäen in den Atlantik fließt, seit jeher als Fernhandelsstraße zwischen Mittelmeer und Atlantik gedient – womöglich nutzten sie auch jene reiselustigen Menschen der Mittelsteinzeit, die mit ihren Booten schließlich bis nach Irland gelangten.

© Spektrum.de
Hain-Bänderschnecke

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