Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Nicht scharf genug unterschieden

    23.06.2010, Prof. Dr. B. Ohnesorge, Stuttgart
    In dem genannten Diskurs, insbesondere im Betrag von Michael Pauen, ist meines Erachtens nach nicht scharf genug zwischen objektiven und subjektiven Urteilen über Straftäter unterschieden worden. Unter objektiven Urteilen will ich hier als Beispiel die geltende Rechtsnorm - niedergelegt im Strafgesetzbuch - verstehen, die bestimmte rechtswidrige Handlungen mit bestimmten, mehr oder weniger genau festgelegten Sanktionen belegt. Als subjektives Urteil will ich hier mein persönliches inneres Werturteil über Handlungen, die mir als böse erscheinen, und über den Täter bezeichnen.

    Das Strafrecht kann man gewissermaßen als Notwehr der Gesellschaft gegen den Rechtsbrecher, den Täter von Verbrechen, verstehen. Es urteilt über Taten, nicht über Menschen. Gerechtfertigt wird es durch die Abwägung zwischen den zu vermeidenden Leiden der potentiellen Opfer und den Leiden, die man den potentiellen Tätern androht bzw. den straffällig gewordenen Tätern zufügt. Entsprechendes gilt auch für materielle Schäden, die den Einzelnen oder der ganzen Gesellschaft durch Rechtsbrecher zugefügt werden. Eine solche Rechtfertigung hat auch Bestand, wenn man einen totalen Determinismus menschlichen Handelns annimmt, also einen freien Willen leugnet.

    Nimmt man an, dass menschliches Verhalten vollkommen von Veranlagung und Außeneinflüssen bestimmt wird, so wird mit dem Strafrecht den Außeneinflüssen ein neues Element hinzugefügt, nämlich die Furcht vor Entdeckung und den daraus resultierenden Folgen, und somit die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen gemindert. Entgegen der vielfach geäußerten Behauptung, die Furcht vor Strafe hätte noch kein Verbrechen verhindert, hat sich dieses utilaristische Prinzip als wirksam erwiesen, wie Ereignisse in der Vergangenheit gezeigt haben, wenn die Rechtsordnung vorübergehend außer Kraft war.

    Eines der übelsten Beispiele sind die widerwärtigen Vorgänge um die berüchtigte "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938, als die Juden halboffiziell zu Freiwild erklärt worden waren und unzählige "brave" Bürger, die nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, sich ganz ohne Not der schlimmsten Verbrechen wie Brandstiftung, sinnlose Zerstörung, Raub, Plünderung, Körperverletzung bis hin zum Mord schuldig machten. Auch die von Michael Pauen geforderte und der Annahme eines Determinismus widersprechende Forderung nach Unterscheidung zwischen verantwortungsfähigen und verantwortungsunfähigen Tätern ist kein Einwand gegen die utilaristische Begründung des Strafrechts: Dort, wo Erziehungsmaßnahmen oder ärztliche Therapie bessere Erfolge versprechen, soll man sie anwenden.

    Anders sieht die Sache bei den subjektiven Urteilen, den Werturteilen über andere Menschen aus. Hier sollte grundsätzlich die biblische Regel "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet" gelten.

    Edgar Dahl lässt zwar auch subjektiv gefärbte, stark emotionale, von Zorn und Abscheu geprägte Urteile zu und kann sie damit begründen, dass sie manchen potentiellen Täter prägt und vor entsprechenden Taten abhält. Auch dürfte die Furchte vor Verachtung durch die Mitmenschen die Furcht vor Bestrafung ergänzen und vielleicht sogar übertreffen. Werturteile moralischer Art über andere Menschen bergen aber große Gefahren. Sie führen leicht zu Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung und machen blind für die Abgründe im eigenen Charakter. Dies gilt für einzelne Personen wie auch für ganze Völker. Die Deutschen hielten sich in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg für besonders gut. Wie oft habe ich als Kind und als Heranwachsender zu hören bekommen, wir seien nicht nur fleißiger und tüchtiger, sondern auch gerechter und humaner als andere Völker. Und dabei stand das deutsche Volk unmittelbar vor dem tiefsten moralischen Fall seiner Geschichte.

    Besonders übel wirken sich Werturteile aus, wenn sie zur Ausgrenzung und Verfolgung andersartiger Menschen führen. Die Beispiele sind so zahlreich und so bekannt, dass ich sie nicht besonders zu nennen brauche.
  • Polyzyklisch oder monozyklisch?

    21.06.2010, Manfred Polak, München
    David Biello schreibt: "... darunter als kritischste polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) wie Naphthalin, Benzol, Toluol oder Xylol ...".

    Gleich drei dieser vier Verbindungen besitzen nur einen Benzolring, sind also eben nicht POLYzyklisch.
  • Ratlose Mediziner

    21.06.2010, Michael Gansera
    der Artikel über die „Dunkle Energie des Gehirns“ war äußerst erhellend. Die Aussagen im Abschnitt „Warum ein ausgedünnter Datenstrom genügt“ kann ich sogar aufgrund eigener und zugegebenermaßen außergewöhnlicher Erfahrung bestätigen.

    Seit meinem 17. Lebensjahr vergnüge ich mich mit LHON (Lebersche hereditäre Opticusneuropathie). Es handelt sich, wie der Name schon vermuten lässt, um eine erblich bedingte Beeinträchtigung des Sehnervs; verursacht wird sie durch Gendefekte der Mitochondrien-DNA. Nur zwei Faktoren sind daran positiv: Dass ich diese lästige Sache nicht am meine süße Tochter weitervererben konnte, und dass sich mein Sehvermögen wieder verbesserte. Damit bin ich beim Thema des erwähnten Abschnitts im o.g. Artikel.

    Nach einigen Jahren fast völliger Blindheit besserte sich mein Sehvermögen so weit, dass ich ohne Hilfsmittel Biologie studieren und eine Ausbildung zum Betriebswirt abschließen konnte. Seitdem war ich in mehreren Beschäftigungsverhältnissen tätig, ebenfalls ohne Hilfsmittel. Bildschirmarbeit ist kein Problem, nur eine Zusatzausbildung als Grafiker mußte ich abbrechen, da ich Farbunterschiede ab einem bestimmten Grad nicht mehr wahrnehme.

    Der Zusammenhang mit dem Thema? Die Regeneration meines Sehvermögens beruht NICHT auf einer physischen Regeneration meines Sehnervs. Ganz im Gegenteil. Im Rahmen eines Projektes an der Universität Heidelberg-Mannheim im Jahr 1997 sagte mir der leitende Arzt, nachdem er meine Sehbahn im NMR erfaßt hatte: „Herr Gansera, von Rechts wegen dürften Sie überhaupt nichts mehr sehen.“ Mein Sehnerv ist kein solider Strang, sondern eine leere Hülle, die nur noch aus den nichtleitenden Stütz- und Nährzellen besteht. Um es bildhaft auszudrücken: Der kugelschreiberdicke Strang besteht nur noch aus der Hülle, enthält keine Miene mehr - schreibt aber trotzdem.

    Die Medizin ist ratlos. Da meine Erkrankung sehr selten ist, wurde mir jahrzehntelang unterstellt, ich simuliere meine Blindheit nur. Seit der Untersuchung in Mannheim muss ich mit dem Verdacht leben, ich simuliere nur, dass ich sehen könne. Offenbar kann man es keinem recht machen ...

    Ihr Artikel liefert eine solide Erklärung dafür, dass ich trotz eines äußerst lädierten Sehnervs noch brauchbare optische Eindrücke erhalte. Mein Gehirn arbeitet die spärlichen Seheindrücke einfach auf zu einem plausiblen „Seheindruck“. Und meine „selbstgenerierten“ Seheindrücke sind in den allermeisten Fällen zutreffend - na ja: ausreichend. Manchmal liegen sie aber auch peinlich daneben. So kommt es vor, dass ich an Orten, die ich zum ersten Mal betrete, den Kleiderständer grüße. Oder ich sehe die sprichwörtliche Fliege an der Wand - nicht aber die Person, die unter der Fliege steht. (Nein, die Fliege grüße ich nicht.)

    Gesichtsfeldtests weisen seit 35 Jahren nach, dass ich massive Gesichtsfeldausfälle habe, aber mein subjektiver Seheindruck ist vollständig. Nur wenn ein LKW aus dem Nichts erscheint, merke ich, dass die freie Straße offenbar doch nicht so ganz frei war. Aus naheliegenden Gründen habe ich nie einen Führerschein gemacht.

  • Kein Alles-über-Akku-Heftchen

    21.06.2010, Rudolf Heinzelmann
    der Artikel "Maxienergie, Miniformat" liest sich wie in einem billigen Alles-über-Akkus-Heftchen.
    1. der von den NiCd-Akkus bekannte "Memory-Effekt" wird in den Medien und peinlicherweise auch bei SdW total übertrieben. Auch schadet es entgegen populär"wissenschaftlichen" Darstellungen, die Akkus vollständig zu entladen. Unbalancierte Akkupacks sind damit im Nu kaputt, bei einer Reklamation darf man sich anhören, man hätte die Akkus nicht richtig entladen. Ein Witz.
    2. 10 kWh pro kg Benzin bzw. Diesel ist richtig, man sollte jedoch den Leser darauf hinweisen, dass es sich dabei um eine Wärmemenge handelt, bei der Energie im Akku dagegen um Arbeit. Nur ca. 1/3 der Wärmemenge ist in Arbeit unter diesen Umständen umwandelbar.
    3. Wirklich peinlich wird es bei der Spannungsumpolung des Akkus zum Laden. Da ist sofort zappenduster. Natürlich wird beim Laden der Strom umgepolt, nicht die Spannung.
    4. Wieder der gleiche Fehler: Das, was in Ah angegeben wird, ist eine Ladung (Ladung ist Strom mal Zeit). Kapazität ist was für Kondensatoren. Auch wenn alle das falsch machen, Physik und Technik sind kein Hort der Demokratie.
    5. Wieso erwähnen sie keine LiFePO4-Akkus, die bei Elektrofahrzeugen schon weit verbreitet sind oder LiS-Zellen?
  • Energiespeicher nicht über den Nutzen vergleichen!

    21.06.2010, Roland Minde, Konstanz
    Hallo Herr Petzke,

    Zitat: "Ein Verbrennungsmotor nutzt auch allenfalls 30 Prozent der Energie, also 3000 Wh/kg, während man die gespeicherte Ladung eines Li-Ionen-Akkus fast vollständig nutzen kann."

    Dies ist kein passender Vergleich.
    Wenn man auch an den Akku einen Verbraucher anschliest: eine Glühbirne, kommt nur 5% Licht-Nutzen heraus. Wenn man Benzin im Ofen verbrennt, kommt 90% Wärme-Nutzen heraus.

    Grüße Roland Minde
  • Determinismus und freier Wille

    21.06.2010, Prof. Dr. Josef Kolerus
    Determinismus und freier Wille sind nicht unvereinbar.
    Für den Physiker ist es eigentlich immer wieder erstaunlich, mit welcher Ausschließlichkeit hier Diskussionspartner aller Richtungen am Begriff des so genannten ‚klassischen’ Determinismus nach Newton festhalten. Nichts gegen Isaac Newton, er war einer der größten Denker der Menschheitsgeschichte, sein Ansatz zur Formulierung der Bewegungsgleichungen ist nach Meinung vieler Physiker (Einstein) der größte Geistesblitz, den ein Mensch je hervorgebracht hatte.
    Aber er ist, wie alles, ein Modellansatz. Und Modelle haben ihre Grenzen. Und die sind hier einfach erreicht.
    Viele biologische Vorgänge, vor allem aber geistige Prozesse beruhen, physikalisch gesehen, auf chaotischen Prozessen, also Prozessen, bei denen kleine Änderungen im Ausgangszustand zur (sehr) großen Abweichungen bis zur Verzweigung (Bifurkation) im weiteren Verlauf führen können, wobei der Prozess selbst jedoch in jeder Phase voll deterministisch bleibt. Der Gedanke geht schon auf Henri Poincare (1854 – 1912) zurück, eine Theorie wurde Mitte der 1960er Jahre von dem Meteorologen und Mathematiker Edward Lorenz entwickelt. Die Plastizität neuronale Systeme, die Fähigkeit zum Lernen und Denken schlechthin wird wohl in diesem Bereich zu suchen und zu finden sein.
    Bliebe zu allererst natürlich die Frage, was bedeutet klein in diesem Zusammenhang? Misst man den Begriff an der Determiniertheit des Systems selbst, dann bekommt er eine greifbare quantitative Bedeutung. Als Gedankenbeispiel denke man etwa an die Frage der Entfernung zwischen München und Hamburg – auf Meter genau. Messtechnisch zwar im Prinzip lösbar, aber die Frage selbst ist per definitionem (besser per indefinitionem) sinnlos – der Meter ist hier klein. Ein griffigeres Beispiel aus der physikalischen Realität wäre die Begegnung des Kometen Shoemaker Levy mit Jupiter im Jahre 1994 - schon lange zuvor prognostizierbar, nicht aber im speziellen Verlauf, trotzdem in jeder Phase voll deterministisch. Gleiches gilt wohl aus heutiger Sicht mittlerweile selbst für die ewig stabilen Planetenbahnen (s. Am Rande des Chaos, SdW 1/2008).
    Unter diesem Aspekt des Determinismus bleibt selbst die Annahme des Kompatibilismus nach David Hume nicht mehr haltbar, wonach unter exakt gleichen inneren wie äußeren Bedingungen wir stets auch die gleiche Entscheidung treffen würden, denn was heißt jetzt exakt, was bedeutet gleich? Und die in diesem Sinne kleinen Abweichungen, die könnten jetzt im Bereich persönlicher Disposition, im sozialem oder kulturellen Umfeld oder anderen Umgebungsbedingungen liegen – bis hin zur bloßen Laune des Augenblicks, was immer das auch sein mag. Der Wille bleibt damit frei, auch wenn man mit beiden Beinen voll auf dem Boden des Determinismus steht. Natürlich hat auch jede Freiheit, wie alles ihre Grenzen. (Man könnte hier versucht sein, einen klassischen Freiheitsbegriff einzuführen). Und ein Bezug auf bloße Konventionen ist nicht haltbar, wäre doch danach etwa die Empörung über Kindesmisshandlungen dem Gesetzeskundigen vorbehalten!
    Aus evolutionärer Sicht passen sich hier unser Kenntnisse über die Funktion der Spiegelneurone ein, die beim Beobachten oder auch schon beim bloßen Vorstellen von Handlungen entsprechende emotionale Empfindungen im Beobachter auslösen, die wiederum auch vom eigenen Erleben in der Vergangenheit abhängen. Damit ist auch hier jeder Spielraum gegeben, vom kulturellen Einfluss, vom normalen Verhalten sogar bis zum perversen (Vieles, was die Älteren unter uns in ihrer Jugend als probates Erziehungsmittel genossen haben, würde heute wohl tief in die Kindesmisshandlung fallen.)
    Ergänzt man noch die üblichen, rein korrelativen Betrachtungen der Vorgänge im neuronalen Netzwerk durch die Beschreibung von Systemen mit Laufzeitverhalten (eine mathematische Formulierung wäre hier wahrhaftig ein Schritt im Newtonschen Geist), dann bekommt auf einmal alles Ordnung und Sinn – und zwar so, wie es ist. Etwa das vorzeitige Auftreten von Aktionspotenzialen – Ausdruck der Koordination beabsichtigter Handlungen im prämotorischen Kortex und Abgleich mit den Emotionszentren der sensiblen Hirnrinde (Spiegelneurone), eine wesentliche Basis sozialen Verhaltens. War nicht gerade dieses Phänomen der Auslöser der ganzen Debatte gewesen?
    Fasst man all diese Gedanken (oder besser gesagt, Kenntnisse) zusammen, so erscheinen Determinismus und freier Wille völlig widerspruchsfrei und problemlos miteinander verträglich, alle Phänomene plausibel (bzw. evolutionär) erklärbar – die ganze Diskussion könnte eigentlich unterbleiben. Sie sollte besser auch unterbleiben wegen der teilweise sehr problematischen Schlussfolgerungen, zum Beispiel auf dem Feld der Justiz!
    Interdisziplinäre Wissenschaften sind fruchtbar und zielführend, sie bilden den eigentlichen Kern wissenschaftlichen Fortschritts. Aber nur dann, wenn die Teildisziplinen auf dem Status quo basieren. Philosophische Betrachtungen, Metaphysik sind wertvoll, liefern sie uns doch Ein- und Ausblicke für neue Ansätze – aber nur dann, wenn sie auf dem Boden der heutigen Realität stehen. Große Denker aus der Vergangenheit sind aus diesem Grund nur mit Bedacht zu zitieren, schon um ihre großartigen Gedanken hier nicht ungerechtfertigt zu desavouieren. Denn zu ihrer Zeit waren sie sehr wohl am Status quo – und da sollten auch wir heute stehen.


    Name und Anschrift des Autors:
    Prof. Dr. Josef Kolerus
    Eichenstraße 49
    81375 München
    Tel. 089 857 6512
    Fax 089 545 70 439
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  • Zum "Intentionalen Modell" in Gerhard Hofmanns Beitrag

    21.06.2010, Dr. Gunter Berauer, München
    Nach der Quantenmechanik ist unsere Welt nichtdeterministisch (siehe auch mein Beitrag "Definition der Freiheit"). Diese, wohlgemerkt eben gerade nicht deterministische oder mechanistische Theorie, ist übrigens, so sagt man häufig, die erfolgreichste aller heutigen Theorien. Wenn die Welt aber nichtdeterministisch ist, dann kann sie nicht gleichzeitig deterministisch sein, und deswegen ist auch ein Einklang zwischen Quantenmechanik und einem deterministischen Modell nicht möglich. Im Gegensatz zu Herrn Hoffmanns Behauptung macht die Kopenhagener Deutung einen solchen Versuch auch gar nicht. Deshalb kann es auch keinen Einklang zwischen dem Determinismus und dem intentionalen Modell geben, welches ja eine nichtdeterministische Welt voraussetzt.
  • Es lässt sich auch einfacher erklären!

    16.06.2010, Wolfgang Zimmermann
    Möglicherweise spielt auch die gewählte Art der Kartenprojektion eine Rolle, die den südlicheren Ländern oft verkürzte Projektionen zuweist.
    Antwort der Redaktion:
    Lieber Herr Zimmermann,



    vielen Dank für Ihren Leserbrief. Bei den in der zitierten Studie verwendeten Kartenmaßstäben spielten Verzerrungseffekte keine Rolle. In der kostenfrei abrufbaren Studie (siehe Link bei "Quelle", bzw. hier) finden Sie auf S. 47 eine Abbildung der in den Experimenten verwendeten Karten.



    Mit freundlichen Grüßen

    Jan Dönges

    Redaktion
  • Komplexe Zusammenhänge

    15.06.2010, Otto Schult, Jülich
    Ob der Mensch einen wirklich freien Willen hat, lässt sich auch bei den allerbesten Erfolgswünschen für die Hirnforschung wegen der außerordentlichen Komplexität der Zusammenhänge vermutlich nie naturwissenschaftlich exakt beweisen. Derzeit mag man, wie Herr Dahl, spekulieren. Ist der menschliche Wille "frei", kann ich Herrn Pauen
    weit gehend zustimmen. In jedem Fall sollten wir über Schuld, Verantwortung und Strafe tiefer nachdenken und unser Strafrecht, aber auch unser Verhalten den Tatsachen optimal anpassen.

    Ganz am Anfang steht natürlich die Erziehung des Kindes durch Vorbild und Aufzeigen von Grenzen. Ein Beispiel aus der Realität: Eine Mutter hatte für ihren Sohn das Frühstückbrot vorbereitet. Der Sohn wies es schroff von sich und brüllte. Daraufhin fragte ihn die Mutter: "Wie
    hättest du es denn gern?" Der Sohn brüllte weiter! Nach mehrmaligem ruhigen Zureden sprach die Mutter dann: "Nun sage ich es dir zum letzen Mal." Diese Worte wiederholte sie mehrmals, aber der Sohn brüllte weiter. Freier Wille hin oder her - früher gab es da einen Klaps auf den Hintern, weil Kinder nun einmal ihre Grenzen ausloten wollen und "Fühlen" wirksamer ist als "Hören". Aber heute ist der Klaps mit dem Hinweis auf "Prügelstrafe" nicht opportun. Prügel mit einem Knüppel oder einer Peitsche sind eine andere Sache und abzulehnen. Aber müssen wir von einem Extrem ins andere fallen, wo wir doch wissen, wie schlimm Extremismus ist. Verstehen wir denn nicht, dass Kinder unterschiedlich sind und darum auch unterschiedlich erzogen werden müssen? Wohlerzogene Kinder respektieren auch als Erwachsene ihre Grenzen. Die anderen ignorieren sie und begehen auch böse Taten. Und davor muss die Solidargemeinschaft geschützt werden - nach dem Grundsatz: Opferschutz muss hoher bewertet werden als Täterschutz.

    Steht das, was Herr Dahl in den letzten beiden Absätzen schreibt nicht in einem deutlichen Kontrast zum Rest seines Artikels? Und werden einem Bankvorstand etc. die negativen Konsequenzen seines Handelns, die derzeit der Steuerzahler tragen muss, wirklich angelastet? Wie wäre es, wenn wir
    Bürger und besonders das Fernsehen uns weniger über andere erheben und sie sogar vorverurteilen? Überlassen wir doch die Rechtsprechung den Gerichten, in der Hoffnung, dass die Regierungen weltweit die Gesetze verbessert.
  • Willensfreiheit nicht gleich Handlungsfreiheit

    14.06.2010, Jörg Michael, Hannover
    Edgar Dahl bestreitet die Existenz einer menschlichen Willensfreiheit und zitiert dazu unter anderem folgendes Argument: "Wir tun, was wir tun, weil wir sind, wie wir sind." Auch wenn man diese Aussage akzeptiert, besagt sie zunächst einmal nur, dass unsere Handlungsfreiheit zum Beispiel durch biologische und physikalische Grenzen eingeschränkt ist. Wir sind nun einmal keine Fische, die unter Wasser schwimmen, und keine Vögel, die in der Luft fliegen. Biologische und physikalische Grenzen sind für sich genommen aber nichts Besonderes und schließen insbesondere Willensfreiheit nicht aus, denn Willens- und Handlungsfreiheit sind unterschiedliche Dinge.
    Dazu ein Beispiel: Wenn ich versuchen würde, mit bloßen Armen wie ein Vogel zu fliegen, wäre dieser Versuch ein Ausdruck meiner Willensfreiheit. Wenn ich anschließend von der Schwerkraft unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werde, zeigt mir dies die Grenzen meiner Handlungsfreiheit auf. Und vor Gericht zählt die Willensabsicht. Auch ein verhinderter Mord wird viel härter beurteilt als ein tödlicher Unfall, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu Stande kommt.
    2. Herr Dahl behauptet in Bezug auf die Möglichkeit zu Verhaltensänderungen: "Den einen ist es gegeben, den anderen nicht." Diese Behauptung müsste erst einmal bewiesen werden. Ich wüsste außerdem gerne, wie er seine Behauptung mit der Menschenwürde für vereinbar hält. Was uns zum "Homo sapiens" macht, ist ja gerade Folgendes: Die allermeisten Menschen haben einen Verstand und sind auch in der Lage, ihn zu gebrauchen, um sich etwa die Folgen ihres Handelns vorher zu überlegen. Die Möglichkeit als solche bringt bereits Verantwortung mit sich. Zudem gilt der alte Satz: "Man muss nicht immer wieder die gleichen Fehler machen, denn niemand kann einen daran hindern, dazuzulernen." Wenn wir hier über Verantwortung reden, reden wir nicht über die prozentual wenigen Ausnahmen von Menschen, die etwa wegen geistiger Umnachtung oder als Komapatienten nicht dazu fähig sind. Wenn beispielsweise ein vermeintlicher Triebtäter in Gegenwart potenzieller Zeugen in der Lage ist, sich zu beherrschen, beweist dies, dass er prinzipiell dazu in der Lage ist - und dass er außerdem genau weiß, dass sein Vorhaben ein Verbrechen ist. Und auch ein Alkoholiker mag vielleicht nicht in der Lage sein, seinen Drang zur Flasche zu beherrschen - aber er hat immer noch die Möglichkeit, seinen verbliebenen Rest an Verstand zu benutzen und sich für eine Therapie zu entscheiden. Eine frühere Kollegin von mir hat das Thema Entscheidungsfreiheit" folgendermaßen erlebt: Als Kind gab es von Seiten ihren Eltern aus immer wieder verschiedene Verbote. Sie wusste auch, welche Strafe sie im Übertretungsfall zu erwarten hatte. Sie hat sich dann vorher überlegt, was sie will - und wenn es die Sache wert war, hat sie die Strafe in Kauf genommen und es trotzdem gemacht.
    3. Die Aussage auf Seite 75 im Kasten "Info II", dass der "Newtonsche Determinismus" der Mechanik erst in der Quantenmechanik abgeschwächt wird, stimmt leider nicht. In der Astronomie ist schon seit zirka 150 Jahren bekannt, dass bereits das allgemeine Dreikörperproblem nicht
    mehr exakt lösbar ist. Die mathematische Verallgemeinerung führt zur Theorie des "deterministischen Chaos" und den damit verbundenen Fraktalen (z.B. Mandelbrot-Menge, "Apfelmännchen"). Neueren Forschungsergebnissen zufolge entspricht die Architektur des Gehirns einem Arbeiten "am Rande des Chaos". Im Kasten "Info III" auf Seite 77 hat der Kompatibilitismus von David Hume in Bezug auf Determiniertheit" die Voraussetzung, dass "exakt gleiche innere wie äußere Bedingungen" gegeben sind. Wie man heutzutage weiß, ist diese Voraussetzung in der Praxis niemals erfüllbar, denn im Gehirn gehen zum einen fortlaufend Nervenzellen zu Grunde und an anderer Stelle werden dafür neue synaptische Verbindungen (etwa für frische Erinnerungen) geknüpft.
  • Gibt's schon

    14.06.2010, Olaf Lezinsky
    Gab es schon 2006. Einfach mal bei Youtube recherchieren, bevor man was als neu ausgibt!

    http://www.youtube.com/watch?v=aJpdWHFqHm0

    http://www.ayrs.org/DWFTTW_from_Catalyst_N23_Jan_2006.pdf
  • kleine Korrektur

    11.06.2010, Windfan
    1. "Die Richtung des roten Wimpels am Bug des Fahrzeugs beweist es: Der Fahrtwind ist stärker als der Rückenwind."

    Das ist nicht ganz richtig. Der Wimpel zeigt nach hinten, sobald die Windgeschwindigkeit überschritten wird. Da ist der Fahrtwind zunächst aber noch ein laues Lüftchen und schwächer als der Rückenwind. Erst bei mehr als doppelter Windgeschwindigkeit wird der Fahrtwind stärker als der reale Rückenwind.

    2. "Bestens erprobt ist hingegen eine Segeltechnik, bei der man sich ebenfalls schneller als der Wind vorwärtsbewegt - allerdings funktioniert sie nur gegen den Wind, beziehungsweise in einem spitzen Winkel zur Luftströmung."

    Nein. Gegen den Wind ist es nicht so leicht auf Windgeschwindigkeit zu kommen. Das gelingt normalerweise nur auf Raumschot-Kurs (Wind schräg von hinten). Denn dann kommt der scheinbare Wind im spitzen (optimalen) Winkel.
  • Zu Paul Kalbhen: Logische Möglichkeit der Willensfreiheit

    11.06.2010, Uwe Lehnert, 14129 Berlin
    Vor allem die Quantentheorie mit ihren Wahrscheinlichkeitsaussagen kommt so manchem Philosophen bei der Verteidigung der Willensfreiheit wie gerufen. Mit leuchtenden Augen verkünden einige von ihnen, damit sei der Determinismus ein für alle mal erledigt und damit auch das Argument, dass alle Prozesse im Gehirn determiniert seien, vom Tisch.
    Entscheidend ist, dass auf der Ebene der Gehirnzellen tatsächlich alle Prozesse als determinierte ablaufen. Denn dort, wo nicht einzelne Atome oder subatomare Prozesse maßgebend sind sondern Nervenzellen, und zwar Tausende und mehr, die gleichzeitig »feuern«, addieren sich selbst bei akausalen Effekten die Einzelwahrscheinlichkeiten zu einem Mittelwert, der diesem Prozess den Charakter eines im Prinzip eindeutig voraussagbaren und damit determinierten Geschehens verleiht. Wäre dem nicht so, würden wir in unserem täglichen Verhalten wie zufallsgesteuerte Automaten und daher völlig unberechenbar agieren. Psychologie und Psychotherapie verlören ihre Arbeitsgrundlage, denn wo der Zufall regiert, ist keine rationale Analyse und erst recht keine Verhaltensvoraussage möglich.
    Im Übrigen bleibt festzuhalten: Eine Willensbildung, in die akausale oder aus einer geistigen Welt einwirkende Faktoren eingreifen, mag als »frei« bezeichnet werden, mein Wille wäre es dann jedoch nicht mehr. Eine Willensbildung dagegen, die in ihrer Entstehung vollständig – jedenfalls prinzipiell – mit mich steuernden Gründen nachvollzogen werden kann, kann wiederum nicht als frei bezeichnet werden. Meine Freiheit dagegen besteht in der Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Ich fühle mich frei, wenn ich mich ohne unerwünschte Beeinflussung in völliger Übereinstimmung mit meiner Persönlichkeit, also im Einklang mit allen mich charakterisierenden Eigenschaften und Zielsetzungen verhalten kann.
    www.uwelehnert.de
  • Definition der Freiheit

    11.06.2010, Gunter Berauer, München
    An beiden Artikeln fällt auf, dass keiner der Autoren den Versuch macht, den Begriff Freiheit zu definieren. Herr Pauen lässt nur durchblicken, dass er Freiheit nicht mit dem Zufall in Verbindung bringen will. Zur Annäherung an eine Definition, möchte ich hier Freiheit im Sinne von Entscheidungsfreiheit sehen und das Wort Willensfreiheit vermeiden, da wir bei Letzterem nicht nur den Begriff Freiheit, sondern auch noch den des Willens erklären müssten. Zunächst gibt es die subjektive Innensicht der (Entscheidungs-)Freiheit, die etwas darüber aussagt, wie frei sich ein Mensch bei einer Entscheidung fühlt. Diese subjektive, gefühlte Freiheit ist für wissenschaftliches Argumentieren weniger geeignet. Brauchbarer ist eine objektive Sicht der Freiheit, die unabhängig von den inneren Gefühlen des entscheidenden Individuums aus einer Außensicht beurteilt werden kann. Die Frage ist nun, welche Eigenschaften einer Entscheidung mindestens zuzuschreiben wären, wenn man sie in diesem objektiven Sinne frei nennen will. Eine, meines Erachtens notwendige Eigenschaft ist die der Nichtvorhersagbarkeit. Das heißt, die Entscheidung sollte sich durch keinerlei prinzipiell erfahrbare Kenntnisse a priori absolut sicher ableiten, d.h. vorhersagen lassen. Diese Grundforderung bedeutet, dass man eine Entscheidung nur dann frei (oder zumindest teilweise frei) nennen kann, wenn sie eine spontane, prinzipiell nicht berechenbare und damit zufällige Komponente besitzt. Freiheit (in der Außensicht) hat nach diesen Überlegungen also sehr wohl etwas mit dem Zufall zu tun, sie ist nämlich ohne ihn gar nicht zu haben. Diese Auffassung hat auch Immanuel Kant schon vertreten. So spricht er in seiner Kritik der reinen Vernunft von absoluter Spontaneität in der Natur, womit er etwas aus sich selbst heraus Beginnendes meint. Er nennt diese Spontaneität auch Freiheit im kosmologischen Verstande oder spricht von transzendentaler Freiheit. Er folgert dann (Zitat) „Es ist überaus merkwürdig, dass auf diese transzendentale Idee der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe“ und an anderer Stelle „die Aufhebung der transzendentalen Freiheit (würde) zugleich alle praktische Freiheit vertilgen“. Mit dem praktischen Begriff der Freiheit meint er hier auch die Wahl- oder Entscheidungsfreiheit. Ähnlich sah das auch Martin Heidegger, und auch heutige Philosophen, wie etwa Julian Nida-Rümelin, sehen eine, von Spontaneität und damit vom Zufall beeinflusste, nichtdeterministische Welt als notwendige Bedingung für die Existenz von Freiheit.

    Michael Pauen ist der Meinung, eine deterministische Welt sei kontrollierbar. Dies ist meines Erachtens ein Irrtum, wenn auch ein verbreiteter, der vielleicht sogar schon auf Descartes zurückgeht. Richtig ist sicher, dass in einer deterministischen Welt alles Geschehen zu jedem Zeitpunkt prinzipiell strickt vorhersagbar abläuft. So könnte man alles, was war, ist und sein wird, jeweils aus der Vergangenheit heraus im Prinzip beliebig exakt vorhersagen, und damit letztlich alles Geschehen aus einem Anfangszustand (etwa beim Urknall) heraus ableiten. Die ganze Welt liefe ab wie ein Uhrwerk, das nichts Überraschendes hervorbringt, denn das ganze Weltgeschehen wäre die Lösung eines Systems homogener Differentialgleichungen, deren Zeitverlauf allein durch den Anfangszustand ein für alle Mal festgelegt wurde. Wir Menschen befinden uns mitten drin in dieser Welt; ja, wir sind sogar Bestandteil des Räderwerks, unterliegen damit demselben unerbittlichen Determinismus und können auf das Geschehen keinerlei Einfluss nehmen. So hätten in solch einer armseligen Welt auch die beiden Autoren Dahl und Pauen ihre Beiträge im Spektrum bis auf das letzte I-Tüpfelchen gar nicht anders schreiben können, als sie es getan haben, und ich hätte nur in der Weise antworten können, wie ich es gerade tue, und das alles hätte auch schon vor Unzeiten genauso festgestanden. In einer deterministischen Welt ist damit nichts, aber auch gar nichts kontrollier- oder steuerbar. Und deshalb ist auch die von Herrn Pauen gegebene Begründung für den Kompatibilismus nicht stichhaltig, denn die Aufhebung der Determination führt nicht etwa zum Verlust an Kontrolle, sondern sie ermöglicht erst Abweichungen von den ewig kausal festgeschriebenen Abläufen und ist deshalb sogar eine notwendige Voraussetzung für Kontrollierbarkeit und für die Existenz von Freiheit in der Welt.

    Bei der Frage danach, ob die Welt nun deterministisch oder nichtdeterministisch ist, sollte man sich auch die heutigen physikalischen Erkenntnisse ansehen. Aus der Theorie der Quantenmechanik ergibt sich die eindeutige Antwort, dass die Welt grundsätzlich nichtdeterministisch ist. Der beobachtbare, absolute quantenmechanische Zufall ist dabei keine epistemologische Bezeichnung für Unkenntnis, sondern eine fundamentale ontologischen Größe. Dieser Zufall und die damit verbundenen Unschärfen beherrschen den Mikrokosmos vollständig. Im Makrokosmos lassen sie sich nur in wenigen Fällen direkt beobachten, sie transformieren sich aber durch verschiedene Verstärkungsmechanismen, wie etwa durch die in der Chaostheorie beschriebenen Instabilitäten, aus dem Mikrokosmos auch auf größere Skalen und machen sich so in fast allen Bereichen der Natur und unseres Lebens bemerkbar. So auch z.B. in unserem menschlichen Gehirn, in dem der quantenmechanische Zufall unsere Ideen auslöst, oder bei der Entwicklung der Arten, die ohne die Ideenquelle des Zufalls nicht hätte stattfinden können. Die heutige Physik bestätigt damit auch die Existenz jener Spontaneität, die oben als notwendige Voraussetzung für die Freiheit aufgezeigt wurde, und auf die bereits Kant den Begriff der menschlichen Freiheit zurückgeführt hatte. Mehr dazu findet sich z.B. in meinem Buch „Freiheit, die ich meine, und was von der Freiheit übrig blieb“, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, LIT Verlag, 2008.

    Edgar Dahl ist Determinist und bezweifelt deshalb – meines Erachtens folgerichtig - auch die Existenz von Freiheit und Verantwortung. Trotzdem verwendet er aber immer wieder Begriffe und Formulierungen, die in einer Welt mit Freiheit zwar etwas aussagen, in einer deterministischen Welt ohne Freiheit, an die er ja glaubt, aber keinen Sinn ergeben. Dahl spricht z.B. davon, dass manche Menschen ihr Verhalten ändern könnten. Wie sollte ein Mensch in einer deterministischen Welt dazu aber in der Lage sein, geschweige denn sich zu einer solchen Veränderung durchringen? In einer Welt, in der alles ohne jeden Spielraum von allem Anfang an feststeht. Ebenso ist es sinnlos, in einer deterministischen Welt von Entschließen, Versagen, Fehlverhalten oder vermeidbaren Streitigkeiten zu reden, denn in einer solchen Welt war nichts, was ist, vermeidbar; die Ergebnisse aller sogenannten Entscheidungen liegen von vornherein fest und von Versagen kann man auch nicht reden, weil es zu dem mit Versagen bezeichneten Verhalten prinzipiell keine Alternative gab.

    Ich stimme mit Herrn Dahl überein, dass in einer deterministischen Welt die Begriffe Schuld (damit allerdings auch der Begriff Unschuld) sowie Verantwortung sinnlos sind, und dass deshalb moralische Urteile in einer solchen Welt verfehlt sind. Herr Dahl schlägt stattdessen ästhetische Urteile vor, die aber – und da stimme ich wiederum Herrn Pauen zu - absurde Konsequenzen haben. Noch absurder scheint mir allerdings eine, auch unseren physikalischen Erkenntnissen widersprechende, deterministische Welt, in der wir noch nicht einmal sinnvoll über den Sinn von irgendetwas diskutieren können, und schon gar nicht über den Sinn eines Rechtssystems.

    Ganz anders sieht das in unserer nichtdeterministischen Welt aus, wie sie uns die heutige Physik beschreibt, in der Freiheit – wie man sie auch immer genauer definiert – zumindest möglich ist, und von deren Existenz ich auch überzeugt bin. Schuld und Verantwortung sind hier keine leeren Begriffe, wie sie es in einer deterministischen Welt wären, und das heute in der Rechtsprechung vorherrschend angewandte Schuldprinzip ist auch logisch und vernünftig. Nach diesem Prinzip kann jemand für eine begangene Tat nur dann zur Verantwortung gezogen werden, wenn es im Moment der Tat Alternativen gab, zwischen denen er, dank seiner angenommenen Freiheit, hätte entscheiden können. Hatte er keine Alternativen, dann hat er zwangsläufig und deshalb nicht schuldhaft gehandelt. In einem Strafprozess ist es die schwierige Aufgabe des Gerichts, herauszufinden, ob es aus der Situation des Täters für ihn Alternativen gab oder nicht. Dabei ist auch die Frage wichtig, wie sicher vom Gericht bescheinigte Unschuld oder Schuld auch tatsächlicher (subjektiver) Unschuld oder Schuld entsprechen. Man kann zeigen, dass zugesprochene Unschuld aus prinzipiellen Gründen mit höherer Wahrscheinlich tatsächliche Unschuld bedeutet, als zugesprochene Schuld auch tatsächliche Schuld bedeutet. Diese prinzipielle Unsymmetrie ist für den Angeklagten ein Nachteil, der allerdings etwas kompensiert wird durch die Verfahrenspraxis, im Zweifelsfall zu Gunsten des Abgeklagten zu entscheiden.“
  • Noch besser als sein Ruf - der Lithium-Ionen-Akku

    10.06.2010, Kai Petzke, Berlin. Der Physiker ist Chefredakteur von »teltarif«, eine Magazin für Telekommunikation.
    Einmal mehr wurde der Energieinhalt von Benzin – 10000 Wh/kg – mit dem eines Akkus verglichen, doch dabei gerät letzterer in ein zu schlechtes Licht. Nicht nur fehlt bei dieser Betrachtung stets die Masse des für die Verbrennung benötigten Sauerstoffs. Ein Verbrennungsmotor nutzt auch allenfalls 30 Prozent der Energie, also 3000 Wh/kg, während man die gespeicherte Ladung eines Li-Ionen-Akkus fast vollständig nutzen kann. Die Relation verringert sich damit etwa auf einen Faktor zehn.
    Wie komplex diese Stromspeicher sind, zeigten auch die in der verkürzten Darstellung manchmal etwas schief sitzenden Formulierungen des Artikels. Zum Beispiel schadet nicht allen Batterietypen auf Basis von Säure oder Base ein nur teilweises Laden beziehungsweise Entladen (es bilden sich schwer wieder aufzulösender Kristalle, welche die Kapazität senken). Auch NiMH-Zellen, die Nachfolger der NiCd-Zellen, zeigen keinen solchen »Memory-Effekt«. Falsch ist meines Wissens die Formulierung, beim Laden würden dem Lithium Elektronen entzogen. Tatsächlich liegt es an der Kathode bereits positiv geladen vor, Übergangsmetalle wie Mangan, Kobalt oder Nickel geben die Elektronen ab. Diese fließen über das Ladegerät zur Anode, die dadurch negativ aufgeladen wird, umgekehrt treibt das elektrische Feld zwischen den Elektroden Li-Ionen durch den Elektrolyten zur Anode, wo sie im Graphit jeweils ein Elektron aufnehmen.
    Neben der im Artikel erwähnten Materialalterung führen – wie bei allen Batterien – auch unerwünschte Prozesse beim Laden und Entladen zu Kapazitätsverlusten. Beispielsweise kann die Einlagerung von Lithium in das Kristallgitter des Graphits rein mechanisch Verbindungen aufreißen. Dient Mangan als Übergangsmetall kommt noch ein anderer Effekt zum Tragen: Das Redoxpotenzial von Sauerstoff liegt nur wenig über dem des Mangans, ein Teil der Elektronen wird deshalb von Sauerstoff-Ionen abgegeben. Das Problem daran ist, dass die anschließend nach einigen Zwischenschritten als Kohlendioxid über das Überdruckventil entweichen. Damit fehlen dem Lithium Reaktionspartner, um an der Anode aufgenommene Elektronen wieder abzugeben – die Kapazität hat abgenommen. Je mehr Elektronen fließen, desto stärker macht sich dieser Effekt bemerkbar. Hohe Stromstärken steigern außerdem die Temperatur und fördern damit die Materialalterung. Das ist der eigentliche Grund für die im Beitrag erwähnten Ladezeiten von mehreren Stunden. Wobei es durchaus Hochstromtypen gibt, deren interne Widerstände so optimiert wurden, dass sie sich in weniger als einer Stunde laden lassen.