Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Jeder hat Anspruch auf eine astronomische Grundbildung

    03.01.2010, Lutz Clausnitzer, Obercunnersdorf
    Wir Menschen haben unsern Ursprung in den Weiten des Alls, denn unsere Bausteine (Atomkerne) wurden einst vornehmlich in Sternen synthetisiert. Kosmische Bedingungen determinierten dann auch die Evolution des Lebenden überhaupt und sind noch heute primäre Grundlage unseres Lebens. Man denke an den günstigen Abstand Sonne-Erde, die Jahreszeiten, Klimazonen, Tag und Nacht. Dass wir uns in dieser Weise als Teil des Kosmos verstehen, verdanken wir dem seit Jahrtausenden währenden Ringen, unseren Platz im Kosmos zu finden und astronomische Erkenntnisse für die Organisation unseres Lebens zu nutzen. Dabei lernten wir, wissenschaftlich zu arbeiten. Die Astronomie ist seit jeher kulturprägend und beeinflusst die gesellschaftliche Entwicklung erheblich. Das Maß, in welchem wir den Weltraum in unsere Arbeits- und Lebenswelt einbeziehen, steigt durch die Raumfahrt erheblich an. Heute verrichten Raumfahrzeuge im Weltraum ihre Arbeit. Der Alltag und so mancher Forschungs- und Industriezweig sind ohne die satellitengestützte Infrastruktur nicht mehr denkbar. Dazu gehören auch die Umweltüberwachung und die Klimaforschung, die für das Überleben der Menschheit unmittelbar relevant sein dürften.

    Wer in einem Bundesland astronomische Bildung nur Arbeitsgemeinschaften und anderen freiwilligen Unterrichtsformen zuordnet, nimmt in Kauf, dass 95% (Quelle: Google - "Erläuterung zum Professorenbrief") der Jungen Generation von all diesen Dingen nichts Zusammenhängendes erfährt. Das ist unverantwortlich gegenüber unserer Jugend und kann auch nicht mit der Aufzählung weiterer Mängel unseres Bildungswesens entschuldigt werden.

    Übrigens hat auch der Physikunterricht bisher in keinem Bundesland den Beweis erbringen können, dass er für eine systematische astronomische Grundbildung der breiten Schülerschaft sorgen kann. Warum es nicht gelang, obwohl man es seit der Apollo-Zeit, also seit einem halben Jahrhundert, vielerorts versucht, kann man im "Offenen Brief an Bund und Länder" nachlesen: "Die Natur- und Kulturwissenschaft Astronomie lebt aber vom Zusammenspiel so vieler Disziplinen, dass sie sich nirgendwo (d.h. in kein anderes Schulfach, L.C.) einordnen lässt." Ähnlich urteilte 2001 auch ein Gutachten des Sächsischen Bildungsinstituts, 2006 eine öffentliche Sachverständigen-Anhörung im Sächsischen Landtag usw.

    Zudem vermittelt ein eigenständiger Astronomieunterricht mit entsprechend qualifizierten Fachlehrern nicht nur Kenntnisse und Kompetenzen, sondern auch vielfältige Werte. Welches andere Fach ist beispielsweise in der Lage, dem Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse in Horoskopen und Mondkalendern kompetent entgegenzuwirken? Der offene Brief erläutert auch die wichtige Festigungs-, Systematisierungs- und Vertiefungsfunktion, die ein regulärer Astronomieunterricht am Ende der Mittelstufe zu erfüllen und damit viele andere Fächer latent zu unterstützen vermag. Diese Potenzen sollten jedem Schüler zugute kommen. Ein Pflichtfach Astronomie fördert die Effektivität des gesamten Bildungs- und Erziehungsprozesses und ist notwendige Komponente einer zeitgemäßen Bildung. Die Beweise dafür sind erbracht, siehe www.ProAstro-Sachsen.de!

    (Der Autor dieses Leserbriefs war Gesprächspartner im Spektrum-Interview Astronomie bundesweit als Schulfach?, Anm. d. Red.)
  • Ross und Reiter nennen

    31.12.2009, Prof. K. Kleinknecht, Garching
    Herr Lingenhöhl schreibt, die Weltgemeinschaft habe sich nicht auf eine neues Klimaabkommen einigen können. Das ist richtig, aber verkürzt. Es waren die größten CO2-Produzenten China, USA und Indien, die jegliche verbindliche Abmachung ablehnten und eine Einigung hintertrieben. Insbesondere China spielt meisterhaft auf zwei Hochzeiten: es bezeichnet sich als Entwicklungsland, aber andererseits nutzt es seine Stellung als Weltmacht, um internationale Abmachungen über die Kontrolle der CO2-Emissionen als Einmischung in innere Verhältnisse zu verhindern. Es will sein wirtschaftliches Wachstum ungestört fortsetzen, im Glauben, der Klimawandel betreffe nur andere Länder.

    Der deutsche Beitrag zu den weltweiten Emissionen ist mit drei Prozent so unbedeutend, dass wir und auch die gesamte EU den Klimawandel nicht aufhalten können, leider.
  • Weitere Hilfsmöglichkeit

    30.12.2009, Klaus Deistung, Wismar
    Das Verfahren kann nur funktionieren, wenn die Frequenz des Tinnitus relativ konstant und erfassbar ist, was vom Erkrankten mit abhängt. Ein Rauschen beispielsweise dürfte für die Musikbehandlung ungeeignet sein. Auch nicht alle Erkrankten hören so gerne und lange Musik.
    Und trotzdem ist es ein Erfolg, weil mit dieser Methode etlichen Menschen geholfen werden kann.
    Eine Schlussfolgerung wäre auch, dass in Hörgeräte entsprechende Bandfallen vorgesehen werden könnten.
  • Verschwundenes Meer entsteht neu

    30.12.2009, Paul Woods, 54347 Neumagen-Dhron
    Das Afar-Dreieck war bereits Meer, dann erhob sich zwischen der Danakil-Senke und dem jetzigen Roten Meer ein Höhenzug, der den westlichen Teil vom offenen Ozean abschnitt. Das Salz des verschwundenen Meeres wird von den Danakil abgebaut.
  • Dankeschön

    30.12.2009, Tim Reeves, 85221 Dachau
    Ich möchte mich ganz ganz herzlich bei Daniel Lingenhoehl bedanken. Die Themenschwerpunkte seiner Beiträge finde auch ich überlebenswichtig für die Menschheit, somit die Beiträge - immer ein Appell für einen bewussten Umgang mit unserer eigenen Lebensgrundlage - mitten ins Schwarze.

    Vielleicht wäre in 2010 ein wichtiger zusätzlicher Schwerpunkt, was man selbst - als "kleiner Mann" - positiv tun kann. Wir in Dachau z.B. wollen uns der Transition Town Initiative anschließen (siehe z.B. www.transitiontowns.org)

    Nochmals herzlichen Dank und alles Gute für das neue Jahr!

    Tim Reeves, Dachau
    (Spektrum-Abonnent seit vielen Jahren)
    Antwort der Redaktion:
    Herzlichen Dank nach Dachau!



    Mehr und zusammenfassendes über die Transition-Towns-Bewegung finden Interessierte unter anderem natürlich auch in der deutschsprachigen und, ausführlicher, in der englischsprachigen Wikipedia.



    Ein Frohes 2010 allen Lesern wünscht

    Die Redaktion von spektrumdirekt
  • Stereo ist absolut super!

    24.12.2009, Baumann Eduard, CH-1724 Le Mouret
    Ein wunderbarer Artikel, in dem amüsant und kompetent auf sehr viele Stereotechniken eingegangen wird.

    Im Kasten S. 44 ist zu präzisieren, dass dieses Bildpaar parallel und nicht überkreuz schielend zu betrachten ist.

    Übrigens haben Gerhard Brunthaler und ich im Rahmen des Wettbewerbes "Mathekunst" auch Stereobilder präsentiert: Wählen Sie die Webseite des Wettbewerbs und suchen Sie mit dem Stichwort "stereo".
  • Phantombilder dank Sauerstoff oder Methan

    23.12.2009, Dipl. Biol. Dr. Lutz Nevermann, 63814 Mainaschaff
    PhantombilderPhantombilder im Eis haben mich seit Jahren fasziniert und daher habe ich mich über das Fahrradphantom besonders gefreut. Das erste meiner Fotos zeigt vergleichbare Phantombilder eines Astes.

    Zu den Gasen möchte ich noch bemerken, dass es sich im Fall der Phantombilder um Sauerstoff aus der Photosynthese von Algen handelt. Da dieser Prozess bekanntlich lichtabhängig ist, findet er im Winter nur innerhalb weniger Stunden um die Mittagszeit statt. Bei konstantem Frostwetter kann man von einem recht gleichmäßigen Dickenwachstum des Eises ausgehen. Phantombilder

    So kommt es, dass die Phantombilder den Tag-Nacht-Rhythmus der Photosynthese dokumentieren können: Im zweiten Bild - die Phantombilder von Steinen zeigen Tag-Nacht-Rhythmus der Photosynthese - sind bis zu 6 Zyklen zu erkennen.

    Bei großen Gasblasen unterm Eis handelt es sich oft um Methangas (siehe die Methan-Blasen-Kolonnen im dritten Bild), welches durch Fäulnisprozesse (anaerober Abbau von Biomasse durch Methanbildner; Archaeen) im Seeboden entsteht. Die an einer Stelle austretende Gasmenge ist Phantombilderüber eine längere Zeit recht gleichmäßig, in regelmäßigen Abständen steigen die Blasen auf.

    Eine wachsende Eisdecke schließt die Blasen zu Kolonnen ein, die mehrere Stockwerke haben können und oft nicht vollständig voneinander getrennt sind. Der Abstand der Stockwerke zueinander ist in diesem Fall vom Rhythmus des Gasaustritts und der Zuwachsrate des Eises abhängig.

    Wenn man eine solche Kolonne von oben her öffnet, strömt das Gas unter hörbarem Zischen aus, da es von unten durch Wasser verdrängt wird. Das Gas kann entzündet werden, aber Vorsicht, es besteht Verbrennungsgefahr!

    Fotos: Dr. Lutz Nevermann
  • Kontribution durch Vulkane

    22.12.2009, Thomas Lindner, 69207 Sandhausen
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    auch in Anbetracht der politischen Dimension der aktuellen Klimadiskussion werden Behauptungen durch Wiederholung nicht zutreffender.

    Ich beziehe mich den Text "Wider den Klimanonsens":
    "Laut des Geological Survey der USA produzieren wir durch Abgase oder Brandrodung jährlich etwa 30 Milliarden Tonnen CO2 – mehr als 130-mal so viel wie Vulkane gegenwärtig ausstoßen."

    Bereits mit mäßigem Aufwand lassen sich auf seriösen Internetseiten mit wissenschaftlichem Anspruch (wie z.B. http://adsabs.harvard.edu, http://www.springerlink.com/content/3v1474623q351756/fulltext.pdf?page=1) verwertbare Daten recherchieren.

    Der italienische Ätna steuert an einem müden Tag rund zwei Kilotonnen CO2 bei, an Tagen mit erhöhter Aktivität können es auch mal vier Megatonnen sein. Dazu kommen erhebliche Mengen an SO2 und weitere Gase - 365 Tage im Jahr. Es werden weit über 1000 Vulkane als aktiv eingeschätzt, die in nicht unerheblichem Ausmaß auch ohne besondere Ausbrüche permanent Gase emittieren. Aktuelle Ausbrüche lassen sich ebenfalls zeitnah verfolgen (http://www.volcano.si.edu/).

    Ein Blick auf den VEI-Index (Volcanic Explosive Index) gibt Aufschluss über die Dimensionen einer Eruption:
    - Pinatubo, VEI 5, 10 Milliarden Kubikmeter Auswurf
    - Krakatau, VEI 6, 18 Milliarden m³
    - Tambora, VEI 7, 160 Milliarden m³
    - Toba (Supervulkan), VEI 8, 2800 Millarden m³
    Bereits ein "kleinerer" Ausbruch wie der des Pinatubo senkte im Folgejahr die Durchschnittstemperaturen weltweit um 0,5 Grad Celsius. Die obige Einschätzung von 0,2 Milliarden Tonnen CO2 (30/130) Emissionen durch Vulkane entbehrt meines Erachtens jeder Grundlage.

    Mit freundlichen Grüssen
    Thomas Lindner
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Lindner,



    vielen Dank für Ihre Zuschrift. John Rennie bezieht sich in seiner Aussage auf Daten des US Geological Survey. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung von Nils-Axel Morner und Giuseppe Etiope aus dem Jahr 2002 im Journal "Global and Planetary Change" (Band 33, S. 185-203), die von 300 bis 600 Megatonnen CO2 pro Jahr durch Vulkane ausgehen, was immerhin einem bis zwei Prozent der anthropogenen Emissionen entspräche. Die Untersuchung basiert auf CO2-Messungen an einer ganzen Reihe von Vulkanen.



    Zu noch geringeren Zahlen kommt eine Studie von Stanley Williams und seinen Kollegen aus dem Jahr 1992 im Journal "Geochimica et Cosmochimica Acta" (Band 56, S. 1765-1770), die ebenfalls auf weltweiten Daten beruht. Sie kommt zum Schluss, dass Vulkane sogar nur 30 bis 60 Millionen Tonnen CO2 emittieren - mithin 0,1 bis 0,2 Prozent der Menge, die durch Menschen freigesetzt wird.



    Sie haben natürlich Recht, wenn Sie darauf verweisen, dass heftige Vulkaneruptionen das Klima beeinflussen - vor allem durch ihren Ausstoß an Schwefelverbindungen, die als eine Art Sonnenschirm abkühlend wirken. Im Gegensatz zum recht trägen Kohlendioxid verbleiben sie aber deutlich kürzer in der Atmosphäre und beeinflussen entsprechend auch das Klima weniger lang. Exakte Daten zu allen Vulkanen liegen ebenfalls nicht vor, da nur ein Teil dementsprechend überwacht wird: Aus den vorhandenen Daten wird daher extrapoliert, und so könnten die Werte auch noch etwas höher liegen. Doch selbst bei einer weiteren Verdoppelung der Emissionen lägen sie noch weit unter jenen aus Industrie und Waldrodung.



    Die oben erwähnten Autoren bestätigen zudem, dass starker Vulkanismus in der Vergangenheit das Klima stark beeinflusst hat. Gegenwärtig spielen die CO2-Emissionen aus Vulkanismus jedoch nur eine untergeordnete Rolle.



    Mit freundlichen Grüßen


    Daniel Lingenhöhl


    Redaktion spektrumdirekt
  • Haftung der Banker

    21.12.2009, Otto Schult, Jülich
    Prof. Eberlein schreibt, dass die Banken den Kreditvermittlern übermäßig vertrauten. Hatten sie die nötige Fachkompetenz? Da hilft nur ein Gesetz: Wer mit dem Geld anderer fahrlässig umgeht, muss mit seinem Privatvermögen haften. Es ist inakzeptabel, wenn unsere Regierungen es zulassen, dass Gewinne privat vereinnahmt werden dürfen und Verluste von der Solidargemeinschaft getragen werden müssen.

    Zwei Ökonomie-Nobelpreisträger haben den Hedge-Fonds LTCM (Long Term Capital Management) beraten, wo man meinte, die Investoren bei minimalem Risiko mit 40 Prozent pro Jahr belohnen zu können. Wie Paul Blustein in dem sehr lesenswerten Buch "The Chastening. Inside the Crisis that Rocked the Global Financial System and Humbled the IMF" (2001) beschreibt, hat sich in nur fünf Wochen alles in Rauch aufgelöst, was die Krise von 1998 näher denn je an den Punkt brachte, an dem die gesamte US-Ökonomie erschüttert worden wäre. Das war 10 Jahre vor der jetzigen Krise! Was haben wir daraus inzwischen gelernt?

    Es gibt kein validiertes mathematisches Modell, das alle globalen ökonomischen Aktivitäten korrekt zu beschreiben gestattet. Das liegt am Menschen und seinem emotionalen Verhalten, das man in ein mathematisches Modell nicht quantitativ einbauen kann. Die Ökonomie ist in dieser Hinsicht viel schwieriger als die Physik. Sie braucht aber nicht nur gute Mathematik, sondern sollte auch biologische Tatsachen berücksichtigen (vor allem menschliche Zeitkonstanten) und, physikalisch gesprochen, eine Dämpfung wie bei den Stoßdämpfern am Auto ins System einbauen. Für gierige kurzfristige Spekulation bleibt dann kein Raum.
  • Biokulturelle Evolutionsprozesse

    20.12.2009, Dr. Michael Blume
    Umso mehr wir über die Frühgeschichte des Menschen erfahren, umso deutlicher wird, dass sich historisch langsame (im Vergleich zu Tieren jedoch unglaublich schnelle!), biokulturelle Evolutionsprozesse vollzogen, die dann - etwa bei Ansteigen der Bevölkerungsdichte - auch neue Ausdrucksformen fanden. Die Vorstellung, dass das Gehirn der Menschen erst in jüngerer Zeit zu entsprechenden Leistungen verschaltet worden wäre, wie dies etwa einige Vertreter einer "symbolischen Revolution" für etwa 40.000 Jahre vuZ vermuteten, ist dagegen auf dem Rückzug.

    Danke dafür, dass spektrumdirekt immer wieder solche "kleinen" Spezialmeldungen sichtet und veröffentlicht, die sich im Gesamtbild zu neuen Gesamtansichten fügen!

    Ihnen allen freudvolle Feiertage und viel Erfolg auch in 2010!
  • Mathematik-Kunst-Wettbewerb

    17.12.2009, Eduard Baumann
    Heute, im Dezember 2009, ist schon mehr als ein Jahr vergangen seit dem Ende des Wettbewerbes. Zusammen mit Kurt Karlheinz Hugo Ballay schicke ich immer noch Beiträge. Für mich ist es ein kleines morgendliches Ritual geworden. Es ist wie das Drehen eines Kalenderblattes. Immer wieder eine neue Surf-Überraschung.
  • Vertrauenssache

    16.12.2009, Fritz Kronberg, Rondeshagen
    Was mich stört, ist der scharfe Ton, der schon auf einen gewissen Fanatismus bei zumindest Teilen der in dem derzeitigen Mainstream schwimmenden Forscher hindeutet. Dass der Mainstream nicht immer richtig liegt, ist historisch belegt. Auch hier ist die Möglichkeit eines Irrtums nicht ausgeschlossen, zumal die Materie sehr komplex und in großen Teilen noch nicht verstanden ist.

    Es spricht allerdings nichts dagegen, sicherheitshalber den CO2-Ausstoß soweit wie möglich zurückzufahren. Es spricht aber auch nichts dagegen, die Möglichkeiten der Geoengineerings vorurteilsfrei zu untersuchen. Schließlich ist es immer besser, mehr als einen Pfeil im Köcher zu haben. Leider stößt so ein pragmatischer Ansatz zum Beispiel bei den Grünen wie auch großen Teilen der SPD (siehe das Verhalten des Ex-Umweltministers Gabriel beim Versuch, die Eisendüngung der Ozeane zu testen) auf völliges Unverständnis, ja sogar auf eine mit nichts Sinnvollem begründete krasse Ablehnung. Es ist zu hoffen, dass sich auch in diesen Politikkreisen irgendwann einmal vernünftiges Denken durchsetzt
  • Das ist Religion, keine Wissenschaft

    16.12.2009, Dr. Gilbert Brands, Krummhörn
    Es bringt herzlich wenig Sachliches in die Diskussion, wenn ein paar Kritikpunkte genau mit den Argumenten widerlegt werden, die kritisiert worden sind. Die einzige Konstante am Klima ist dessen stetige Änderung seit 4 Milliarden Jahren, und das stellt auch niemand in Frage. Aber was sollen die verstiegenen Rechnungen, die behaupten, man könne durch Beeinflussung eines Gases das Klima insgesamt steuern? Und diese Berechnungen kommen ausnahmslos von Leuten, die noch vor wenigen Jahren behauptet haben, derartige (vereinfachte) Rechnungen seien absoluter Blödsinn. Herr Latif ist beispielsweise in den 1990er Jahren wiederholt in den Medien aufgetreten, um die Eiszeit herbeizureden, und nun? Solche 180-Grad-Kehrwendungen schaffen nun nicht gerade Vertrauen.
  • Verhaltensforschung?

    15.12.2009, 97072 Würzburg
    Hallo liebe spektrumdirekt-Redaktion,

    schon seit ein paar Jahren lese ich Ihre Artikel und offensichtlich gefallen sie mir sehr gut, sonst wäre ich nicht so lange dabei.

    Allerdings hat das zum Artikel gehörende Video bei mir einiges "Stirnrunzeln" verursacht. Zwar stammt das Video aus den USA und bin mir auch bewusst, dass in der Bundesrepublik derartige Experimente (auch reine Verhaltensexperimente!) bei Vertebraten als Tierversuch eingestuft werden und mit entsprechend Auflagen versehen sind. Dennoch finde ich es nicht schön, dass derartige Videos so öffentlich gezeigt werden. Offensichtlich wird mit einer gewissen Kraft an dem Tier gezogen, was mutmaßlich für das Tier (in irgendeiner Form) unangenehm ist.

    Es ist ein gefundenes Fressen für "Extrem-Tierschützer", die am liebsten jegliche Tierexperimente zu Forschungszwecken verbieten würden. (Der Begriff "Extrem-Tierschützer" ist hier keineswegs polemisch gemeint. Nur ich kenne keinen passenden Begriff um sie von gemäßigten Tierschützern abzugrenzen.) Vielleicht hätte es eine Großaufnahme von einem der Saugnäpfe zur Illustration auch getan?

    Mit freundlichen Grüßen
    In Sorge
    S. Form
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Form,



    soweit ich weiß, darf in den Vereinigten Staaten keinem Tier unnötig Leid zugefügt werden. Ich gehe daher davon aus, dass der Forscher keine "rohe Gewalt" anwendet.



    Mit freundlichen Grüßen


    Daniel Lingenhöhl


    Redaktion spektrumdirekt
  • Nicht bessere Fahrer fordern, sondern bessere Autos

    15.12.2009, Stephan Fröde
    Der Artikel greift eine viel zu wenig diskutierte Problematik auf. Allerdings gibt es drei Dinge kritisch einzuwenden:
    1) Statt mehr und anspruchsvollerer Mathematik und deswegen mehr mathematischer Kompetenz in den Banken brauchen wir vielmehr leichter zu benutzende Modelle, die auch von Menschen mit durchschnittlicher mathematischer Begabung zu verstehen sind. Für die anspruchsvollere Technik in Autos soll man nicht bessere Fahrer fordern, sondern dass die anspruchsvolle Technik so verpackt wird, dass sie leicht zu bedienen ist. Das vermindert das Risiko in der Anwendung und steigert die Produktivität.

    2) Eine Grundannahme der mathematischen Modelle ist, dass ich in der Lage bin, Einschätzungen über die mögliche Zukunftsentwicklung eines Preises zu gewinnen. Benoit Mandelbrot schlägt eine fraktale Modellierung der Kurse vor (naheliegenderweise, da er dieses Thema entdeckt hat), er sagt aber auch, dass es noch 30 Jahre dauern wird, bis eine zufriedenstellende Modellierung des Chaos/der Unbestimmbarkeit möglich scheint.
    Im Zusammenhang mit dem Artikel ist es sehr wichtig zu verstehen, wie stark die Aussagekraft der Modelle überhaupt sein kann. Dies wird in dem Artikel aber nicht beleuchtet; wie kann man den Anwendern mangelnde Kompetenz vorwerfen, wenn sie nie verstanden haben konnten, wo die Grenzen der Modelle überhaupt liegen? Obendrein reicht es eben nicht aus, die Modelle einfach nur zu verstehen wie ein Mathematiker. Vielmehr ist es erforderlich, eine Risikokultur zu etablieren, welche eine Organisation als Ganzes in die Lage versetzt, mit den Risiken adäquat umzugehen. Das lässt sich aber nicht quantitativ erreichen, sondern ist eine Management-Aufgabe und eine philosophische Aufgabe, bei der es sehr hilfreich wäre, wenn die Forschung mindestens in der Lage wäre, die Restriktionen der Modelle zu qualifizieren.

    3) Der Artikel handelt ja von unserer aktuellen Krise, schweigt aber über den Fall LCTM von 1998. LTCM war ein Hedge-Fonds, der im Zuge der Asien-Finanzkrise von 1998 unterging. Zu den Angestellten von LTCM gehörten Myron Samuel Scholes und Robert C. Merton, die Nobelpreisträger für eben jenes Standardmodell. Die aktuelle Krise ist also keineswegs die erste, in der die Modelle eine tragende Rolle spielen; das war im Prinzip die von 1987. Das Problem ist alles andere als neu.
    Man kann also nicht behaupten, dass die Modelle bisher in der Lage waren, Krisen zu verhindern, und ich glaube, das werden sie auch nie können, selbst wenn eine Bank nur von Mathematikern betrieben würde.

    Abgesehen von den rein praktischen Schwierigkeiten, die Kausalitäten im Markt vollständig zu erfassen - de facto totale Markttransparenz herzustellen -, würde die Herstellung der Markttransparenz selbst in hohem Maße mit dem Markt wechselwirken und ihn beeinflussen, was wiederum zu einem unendlichen Regress führen würde. Ich wäre also nie in der Lage, den Einfluss meines eigenen Modells auf sich selbst zu erklären, was wiederum zu einer eingeschränkten Aussagekraft führen würde.

    Genau das sind auch die Diskussionspunkte, die ich für wichtig halte und die in der Anwendung der Modelle eine maßgebliche Rolle spielen müssen. Den Managern vor diesem Hintergrund mangelnde Kompetenz vorzuwerfen, halte ich so für nicht akzeptabel.
    Antwort der Redaktion:
    1) Die Forderung nach leichter zu benutzenden Modellen verkennt den Stellenwert, den der rasante technische Fortschritt in jeder Hightech-Industrie hat und den somit das Risikomanagement in den großen international agierenden Banken haben sollte. Wer in dieser Liga spielen möchte, kommt um den Aufbau des erforderlichen Knowhows im Hause nicht herum. Die Vorstellung, dass es sich hierbei um eine lästige Routineaufgabe handelt, die man mit 'bedienungsfreundlich verpackten Systemen' erledigen kann, verkennt die Dynamik, die in der Entwicklung moderner Finanzinstrumente wie etwa CDOs liegt. Es gibt eine ganze Industrie, die Risikomanagementsysteme entwickelt. Aus gutem Grunde verlassen sich die Spitzeninstitute nur auf Systeme, bei denen sie jede Modellannahme und jede Programmzeile der Implementierung selbst verstehen. Eine black box zu benutzen, kann auf diesem Feld keinem Institut empfohlen werden. Angesichts von Investitionen in der Größenordnung von vielen Milliarden, die mit solchen Systemen analysiert werden, handelt sich hier eben nicht um ein Massenprodukt, das für den technisch unversierten Endverbraucher möglichst bedienungsfreundlich verpackt werden muss. Um ein weiteres Bild zu gebrauchen: Kaum jemand wird die großen Fortschritte in der Herzchirurgie loben, dank derer das Leben vieler Menschen verlängert werden kann, und gleichzeitig die Forderung erheben, dass die Technik so vereinfacht werden muss, dass ein praktischer Arzt in der Lage ist, ein Herz zu verpflanzen.



    2) Mit Hilfe von finanzmathematischen Modellen lassen sich Risiken quantifizieren und somit Entscheidungsprozesse unterstützen. Ohne hinreichendes Verständnis der dabei verwendeten Begriffe (wie etwa verschiedene Risikomaße oder
    Modellannahmen) kommt man leicht zu Fehlurteilen. Ein einfaches Beispiel hierzu: In einer sonst ernst zu nehmenden überregionalen Tageszeitung habe ich Sätze gelesen wie 'Der Value at Risk (VaR) bezeichnet den maximalen Verlust, den ein Portfolio erleiden kann'. Wer ein einfaches statistisches Konzept wie das Quantil einer Verteilung so gründlich missversteht, darf sich nicht wundern, wenn er zu Fehlurteilen kommt. Aus diesem Grunde habe ich ausdrücklich hervorgehoben, dass modernes Risikomanagement eine Teamaufgabe ist, die Expertise aus mehreren Bereichen erfordert. Mathematik ist dabei nur ein, allerdings wesentlicher Bereich. Richtigerweise stellt der Schreiber des Leserbriefs noch einmal fest, dass das Risikomanagement in die Gesamtunternehmenskultur an der richtigen Stelle eingebettet sein muss, um wirksam werden zu können. Es ist zu hoffen, dass dies eine der Lehren ist, die solche Unternehmen aus der Krise ziehen werden, die diesen Unternehmensbereich bisher auf einer zu niedrigen Ebene angesiedelt hatten.


    Der Äußerung, dass die Forschung nicht in der Lage wäre, die Restriktionen der Modelle aufzuzeigen, kann ich entgegenhalten, dass ich seit Beginn der 1990er Jahre diese Restriktionen in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen untersucht und dargestellt habe. Damit bin ich im Übrigen keineswegs allein.



    3) Über den Fall LTCM vor mehr als zehn Jahren sind inzwischen nicht nur viele Artikel, sondern ganze Bücher geschrieben worden. Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.
    Betont werden sollte, dass die Mittel, die von einem Bankenkonsortium unter der Führung der US-Notenbank eingesetzt wurden, um eine folgenschwerere Krise zu vermeiden, gut angelegt waren. Durch die bestens gemanagte Abwicklung der von LTCM eingegangenen Positionen in den folgenden Jahren wurden weitere Verluste vermieden, ohne dass die finanzierenden Banken selbst Verluste erlitten hätten. Insofern war die damalige Vorgehensweise von Notenbank und Finanzindustrie sehr erfolgreich. Die LTCM-Krise wurde nicht durch Modelle verursacht, sondern durch das Eingehen von Risiken, für deren Beherrschung nicht genügend Eigenkapital zur Verfügung stand. Dies gilt auch für die jetzige um vieles größere Krise. Hinzugekommen sind jetzt vor allem die systemischen Effekte. Modelle können Fehlentscheidungen und als deren Folge Krisen nicht verhindern. Modelle können nur helfen, richtige Entscheidungen zu fällen. Sie unterstützen das Management, können dieses jedoch nicht ersetzen. Es wird in der Diskussion über die Krise häufig vergessen, dass eine ganze Reihe von Banken dank erfolgreichen Risikomanagements bestens über die Krise gekommen sind.


    Prof. Dr. Ernst Eberlein

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