Sexualkunde ist ein Thema, das bei Schülern und Lehrern oft peinliches Schweigen auslöst – die Öffentlichkeit diskutiert es dagegen zurzeit umso lauter. Während viele Bundesländer die sexuelle Aufklärung künftig stärker interdisziplinär im Lehrplan verankern wollen und auch auf die Auseinandersetzung mit den Themen Homo-, Trans- und Intersexualität ­(siehe "Kurz erklärt", S. 30) pochen, runzeln manche Eltern die Stirn. Müssen Kinder und Jugendliche in der Schule wirklich lernen, dass es auf die Frage nach dem Geschlecht mehr als zwei Antworten gibt? Oder was schwul und lesbisch ist?

Alarmglocken schrillen bei vielen auch, wenn in den Medien von Unterrichtsmaterialien die Rede ist, die Schüler dazu anleiten, ein Bordell doch mal so umzugestalten, dass sich alle darin wohlfühlen. Oder offen über ihr "erstes Mal" zu sprechen. Beide Übungen sind Beispiele, die in der öffentlichen Diskussion 2015 oft genannt und mitunter heftig kritisiert wurden. Hinzu kommt: Der Aufklärungsunterricht beginnt immer früher, bisweilen schon in der Kita. Für manche genügt das, um eine "Frühsexualisierung" der Kinder zu befürchten – oder gar gleich die Umerziehung zur Homosexualität.

Klar ist: Seit jeher wird Sexualerziehung in der Schule heiß diskutiert – lange bevor die Debatte 2014 anlässlich der Reformpläne der baden-württembergischen Landesregierung besonders hochgekocht ist. Die grün-rote Koalition in Stuttgart will die Vielfalt und Gleichwertigkeit sexueller Orientierungen ab dem Schuljahr 2016/17 auf den Lehrplan bringen. Das stößt auf Gegenwehr: So unterzeichneten knapp 200 000 Bürger eine Petition, die sich gegen die Pläne aussprach. Der Landtag lehnte die Änderungsanträge der Bürgerbewegung jedoch ab …