In der Arktis herrscht Polarnacht – und eigentlich sollten die durchschnittlichen Temperaturen zweistellig im Minusbereich liegen. Doch statt minus 25 Grad Celsius wie sonst zu dieser Jahreszeit herrschen Mitte November nur minus fünf Grad Celsius, wie das Climate Change Institute der University of Maine meldet: ungewöhnlich milde Bedingungen für die Region, weshalb das arktische Meereis erneut schmilzt. Im September hatte es die zweitkleinste Ausdehnung seit Beginn moderner Aufzeichnungen Ende der 1970er Jahre erreicht. Nur 2012 nahm es eine noch kleinere Bedeckung ein. Ab Oktober wächst das Eis normalerweise wieder dank sinkender Temperaturen. Das war auch dieses Jahr der Fall, doch seit Anfang November stockt das Wachstum nicht nur, die bedeckte Fläche geht sogar erneut stark zurück.

Wärmeblase über der Arktis
© Climate Change Institute/University of Maine
(Ausschnitt)
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In der Arktis ist es 20 Grad Celsius zu warm. In Sibirien hat sich dagegen eine Kälteblase gebildet. Normal für diese Jahreszeit sind die Bedingungen allerdings nicht.

Mittlerweile liegt der Bedeckungsgrad deshalb sogar noch unter der Fläche, die das Meereis im Minusrekordjahr 2012 zur gleichen Zeit eingenommen hatte. "Die Durchschnittstemperaturen der Arktis bewegen sich weiterhin in die völlig falsche Richtung. Sie zeigen eine bemerkenswerte Spitze", so der Arktisforscher Zack Labe von der University of California in Irvine gegenüber der "Washington Post". Da das Meer zugleich träge auf sinkende Temperaturen reagiert, sind die Bedingungen für die Bildung von neuem Meereis vielerorts noch nicht gegeben. Im Gegenteil: Da das Wasser für die Jahreszeit noch zu warm ist, schmilzt das vorhandene Eis sogar schon wieder teilweise. Und das Meer kann weiterhin Wärmeenergie an die Atmosphäre abgegeben.

Mehrere Faktoren begünstigen die milden Bedingungen und das mangelhafte Eiswachstum. "Die arktische Wärme resultiert aus der rekordverdächtig geringen Eisbedeckung zu dieser Jahreszeit, sehr dünnem Meereis in vielen Bereichen und einem massiven Zustrom warmer und feuchter Luft aus niedrigeren Breiten, die von einem sehr welligen Jetstream nach Norden geführt werden", erklärt Jennifer Francis von der Rutgers University in New Brunswick. Dazu passe, dass über Teilen Sibiriens eine Kälteblase sitzt und die Temperaturen für diese Jahreszeit unterdurchschnittlich sind.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Klimaanomalie noch einige Zeit bestehen bleibt und warme Luft in die Arktis strömt. Dieses Jahr lagen die Durchschnittstemperaturen in der Region großflächig vier bis sieben Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Dadurch stellt sich ein für das Eis fataler Rückkopplungseffekt ein. Die Wärme heizt den Ozean auf, was wiederum die Bildung von neuem Eis erschwert, so dass das Meer längere Zeit Wärme an die Umgebung abgeben kann. Und das behindert dann mit der einströmenden Warmluft weiterhin die Eisbildung.