Schaut man Menschen und Affen einmal genau auf die Finger, fällt schnell auf, wie deutlich wir uns im Bezug auf die Handanatomie von unseren nahen Verwandten im Tierreich unterscheiden: Während Menschenaffen wie Orang-Utans oder Schimpansen über lange Finger und einen kurzen Daumen verfügen, ist unser Daumen im Verhältnis zu den übrigen Fingern lang, stark und besonders beweglich. Diese Merkmale, so die bisher gängigste Theorie aus der Wissenschaft, haben sich im Lauf der Evolution vermutlich deshalb durchgesetzt, weil sie uns besonders geschickt im Umgang mit und bei der Fertigung von Werkzeugen machen.

Das könnte aber womöglich nur die halbe Wahrheit sein, argumentieren zumindest David Carrier und seine Kollegen von der University of Utah. Sie glauben nämlich, dass die kürzeren Finger und der längere, flexible Daumen unsere Hand nicht nur zum Präzisionswerkzeug machen – sondern dass sie sich auch deshalb herausbildeten, damit sich vor allem die männlichen Vertreter unserer Spezies gegenseitig besonders gut mit der Faust verdreschen können. Unsere spezielle Handanatomie, so Carriers Argumentation, erlaube es uns im Gegensatz zu Affen, eine "gestützte Faust" zu ballen, bei der der Daumen sich um Zeige- und Mittelfinger legt, die sich wiederum fest gegen die Handfläche pressen. Diese Fingerposition habe dabei den Vorteil, dass die Mittelhandknochen, die erfahrungsgemäß am ehesten bei Schlägereien in Mitleidenschaft gezogen werden, besser geschont seien, ergo seltener brechen.

Hau drauf!
© David Carrier, University of Utah
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernHau drauf!
In seinem Versuch ließ das Team um David Carrier acht Arme von menschlichen Leichen mit verschiedenen Handhaltungen gegen ein Ziel schlagen: mit einer geballten Faust, mit einer losen Faust und mit der flachen Hand – auf diesem Bild demonstriert von einer lebenden Person.

Um diese Theorie experimentell zu untermauern, besorgten sich Carrier und seine Kollegen nun acht Arme von menschlichen Leichen, spannten sie in eine pendelähnliche Apparatur und ließen sie anschließend mit verschiedenen Handhaltungen gegen ein statisches Ziel prallen. Gleichzeitig maßen sie dabei, wie stark die Belastung der Mittelhandknochen durch den Aufprall jeweils war. Nach Hunderten von Schlägen kamen die Forscher schließlich zu dem Schluss: Mit einer geballten Faust konnten zumindest die Leichenarme im Vergleich zu einer nur lose geschlossenen Faust mit rund 55 Prozent mehr Kraft zuschlagen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Im Vergleich zur flachen Hand ließ sich unter sicheren Bedingungen auf diese Weise sogar doppelt so fest zuhauen.

Keine Chance zu brechen

Eine wirkliche Chance zu brechen hatten die Handknochen der in dem Versuch allerdings ohnehin nicht: Aus technischen Gründen erlebten die Hände und Fäuste nur ein Siebtel jener Belastung, die es im Schnitt braucht, um eine Fraktur der Mittelhandknochen auszulösen. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass Tote ihre Hand nicht mehr selbst zur Faust ballen und wieder öffnen können. Um ihre Versuchshände in die richtigen Positionen zu bugsieren, zogen Carrier und seine Kollegen daher an den Sehnen der Unterarmmuskeln und fixierten sie mit einer ausgefeilten Konstruktion aus Angelschnur und Gitarrenkopfplatten. Stand die Angelschnur unter zu großer Spannung, riss sie während des Experiments. Die Belastungswerte eines echten kräftigen Schlags mussten die Forscher daher extrapolieren, was laut Carrier aber stichhaltig ist: Die Beziehung zwischen der auf die Knochen wirkenden Kraft und wie stark sie nachgeben, ist demnach linear.

Ausgefeilte Konstruktion
© Andre Mossman, University of Utah
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAusgefeilte Konstruktion
Für ihr Experiment platzierten die Forscher ihre Versuchsarme in einer pendelähnlichen Apparatur. Um die Position der Hände zu justieren, zogen die Wissenschaftler an den Sehnen der Unterarmmuskulatur und fixierten sie anschließend mit Hilfe von Angelschnur und Gitarrenkopfplatten.

Schon in der Vergangenheit ließ der Wissenschaftler von der University of Utah mehrfach in ähnlichen Studien die Fäuste fliegen, um so im Wesentlichen zu belegen, dass Gewalt und Aggression einst eine bedeutende Rolle in der menschlichen Evolution gespielt haben müssen. 2012 zeigte Carrier etwa in einem Experiment, dass man mit einer Faust fester zuschlagen kann als mit der flachen Hand – zumindest, wenn man die entsprechende Kraft in Bezug zur Aufprallfläche setzt. Ein Jahr zuvor war er bereits – ebenfalls durch einen Boxversuch im Labor – zu der Erkenntnis gelangt, dass man aufrecht stehend besser austeilen kann als auf allen vieren und geduckt. Das brachte ihn auf den Gedanken, auch der aufrechte Gang des Menschen könnte sich teils deshalb durchgesetzt haben, weil Männer besser dazu in der Lage waren, um Frauen zu kämpfen.

Umstrittene Theorie

Carriers Theorie ist in der Forschung allerdings stark umstritten. So führen Kritiker unter anderem an, dass es kaum historische oder prähistorische Belege für ausgiebige Faustkämpfe unter unseren Vorfahren gebe. Zudem sei die menschliche Faust aller Evolution zum Trotz viel zu empfindlich, um als ernst zu nehmende Waffe durchzugehen. Es sei wesentlich wahrscheinlicher, dass sich schon Frühmenschen eher mit Stöcken und Steinen bekämpften. Carrier hält jedoch vehement dagegen: Selbst heute noch werde bei zahlreichen Übergriffen und Auseinandersetzungen oft und gerne mit der Faust zugeschlagen, wie zahlreiche Untersuchungen zeigten – und Gesichtsknochen würden dabei wesentlich häufiger brechen als Handknochen.

David Nickle und Leda Goncharoff von den Merck Research Laboratories wiesen 2013 darauf hin, dass nicht jedes noch so kleine Merkmal der menschlichen Anatomie zwangsläufig direkt durch natürliche Selektion entstanden sein muss. Naheliegender sei es dagegen, dass, abgesehen von zufälligen genetischen Drifts, die geballte Faust sich als eine Art Exaptation entwickelt habe – also sozusagen eine "kreative Zweckentfremdung" eines Merkmals darstellt, das ohnehin schon gegeben und eigentlich für etwas anderes nützlich war. Würde man Carriers Gedanken weiterspinnen, müsste sich auf der anderen Seite zudem auch das Gesicht als vermeintliches Ziel der (Früh-)Menschenfaust angepasst haben.

Eine Studie, die genau das belegen sollte, lieferte Carrier mit seiner Arbeitsgruppe schließlich 2014 nach. Darin präsentierte er Belege dafür, dass zumindest die Gesichtsstruktur von Vor- und Frühmenschen sich entsprechend entwickelt haben soll, um einem ordentlichen Faustschlag bestmöglich standzuhalten. Die feineren Gesichtszüge der modernen Menschen versucht er wiederum damit zu erklären, dass die Schlagkraft unserer Vorfahren durch andere körperliche Merkmale nach und nach eben wieder abnahm.

Es steht zu erwarten, dass der Streit um Carriers Theorie auch mit seiner neusten Publikation noch nicht beendet sein wird. Eine ganz andere These zur Evolution der Hand geht übrigens inzwischen davon aus, dass es unter Umständen gar nicht die Hände der Menschen waren, die sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt haben, sondern vielmehr die der Affen. Dieser Annahme zufolge wies schon der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Menschenaffen eine ähnliche Handanatomie auf wie der moderne Mensch heutzutage. Die langen Finger und die kurzen Daumen entstanden erst, als Schimpansen und Orang-Utans begannen, in den Bäumen zu klettern. Auch diese Theorie ist unter Anthropologen allerdings umstritten.