Wie aus einer anderen Welt steht sie da, die bronzene Indianerin im Garten der Kirche St. George im englischen Städtchen Gravesend. Sie trägt eine Feder im Haar und ein ledernes Gewand. Grazil schreitet sie nach vorn, breitet die Arme aus und zeigt ihre leeren Handflächen, als wolle sie den Betrachter willkommen heißen. Das Standbild zeigt eine junge Frau, die vor 400 Jahren unfreiwillig in den Ort kam und nur wenige Tage später starb. Ihr Name war Pocahontas.

Wie muss sich die 22-jährige Indianerin gefühlt haben, als sie im Juni 1616 zum ersten Mal europäischen Boden betrat? Das ungewohnte Klima, die Enge Londons, die fremden Menschen – ein Kulturschock. Überall lauern neugierige Blicke, die Menschen wollen sich ein Bild von der "gezähmten Wilden" machen. Pocahontas ist eine Sensation – vermutlich wider Willen. Oder genießt sie die Aufmerksamkeit? Verstecken darf sie sich jedenfalls nicht. Als Werbeikone wurde sie nach England gebracht und muss nun ihre Rolle spielen. Ausgerechnet sie soll Menschen dazu motivieren, Geld in die Kolonialisierung – und damit Zerstörung – ihrer Heimat zu investieren. Sie wird von Empfang zu Bankett zu Theateraufführung herumgereicht, trifft König und Königin, steht dem Klerus über ihren christlichen Glauben Rede und Antwort, einen Glauben, den sie gerade erst angenommen hat. Und bei all dem ist die Prinzessin oft auf sich allein gestellt. Denn als Tochter eines großen Häuptlings betrachten die Adligen sie als eine der ihren – ihr englischer Ehemann hingegen muss draußen bleiben.

Pocahontas-Statue in Gravesend, Grafschaft Kent
© U.S. Embassy London / Gravesend Visit / CC BY-ND 2.0 CC BY-ND
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Hatte sie verstanden, welches Spiel mit ihr gespielt wurde? War sie gar einverstanden, schon in so jungen Jahren zur Repräsentantin eines ganzen Volks zu werden? Was wir über Rebecca Rolfe, wie sie zuletzt bei den Europäern hieß, wissen, stammt praktisch ausnahmslos aus der Feder der Kolonisten von Jamestown, der ersten dauerhaften englischen Siedlung auf dem amerikanischen Kontinent. John Smith, William Strachey, George Percy, Samuel Argall, Ralph Hamor – Männer mit handfesten Eigeninteressen – schildern uns die Geschehnisse von damals. Weder Pocahontas noch eine andere Person aus ihrem Volk hat seinerzeit eine einzige Zeile verfasst.

Mamanatowick Wahunsenacawh

Als sich die Neuankömmlinge die sumpfige Chesapeake Bay für die Gründung ihrer Kolonie aussuchten, landeten sie auf dem Gebiet der Virginia-Algonkin. Die zuvor unabhängigen Stämme hatten kurz vor Ankunft der Engländer eine entscheidende Wandlung durchlaufen: Dem machtbewussten Wahunsenacawh war es gelungen, mehr als 30 Stämme zu einem ausgedehnten Imperium zusammenzuführen und sich zu ihrem Mamanatowick – zum "Häuptling der Häuptlinge" – aufzuschwingen. Powhatan lautet sein viel bekannterer Name, ursprünglich wohl sowohl sein Titel als auch der Name der gesamten Föderation. Das Einflussgebiet Powhatans erstreckte sich auf das Gebiet der Flüsse James River, York River und Potamac River. Und damit auch auf die Chesapeake Bay.

Ähnlich wie seine europäischen Potentatenkollegen nutzte Powhatan die Heirat als politisches Mittel, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass er nicht nur seine Nachkommen vermählte, sondern vor allem sich selbst. Mehr als 100 Frauen soll er gehabt haben. Die Anthropologin Helen C. Rountree spricht von einer Art "Drehtürmentalität", denn mit Ausnahme der Favoritinnen verließen die Partnerinnen den Häuptling wieder, wenn sie einen Nachkommen geboren hatten. Die Kinder kehrten später in den Haushalt des Vaters zurück, um eine Rolle in der Herrscherfamilie einzunehmen. Quellen sprechen von etwa 40 Töchtern und Söhnen in Powhatans Gefolge. Unter ihnen auch eine gewisse Amonute, die von Vertrauten Matoaka, von den meisten anderen aber einfach "die kleine Ausgelassene" gerufen wurde: Pocahontas. Wahrscheinlich ist sie um 1595 geboren. Von der Mutter ist nichts überliefert, ebenso wenig wie von ihren ersten Lebensjahren. Erst als sie sich wieder in Werowocómoco, dem Dorf des Vaters, aufhält, tritt sie aus dem Schatten der Geschichte. Zu verdanken hat sie das sowohl ihrer sehr lebhaften Art, die sie zur Lieblingstochter des Mamanatowick machte, als auch den interkontinentalen Herrschaftsansprüchen eines englischen Königs.

Erster Schritt zum "British Empire"

Denn während seine Vorgängerin Elisabeth I. daran gescheitert war, dauerhafte Siedlungen in Nordamerika aufzubauen, hatte der englische König Jacob I. genau das ganz oben auf seine Agenda gesetzt. Der neue Erdteil sollte nicht den anderen europäischen Mächten überlassen werden. Um die Unternehmungen auch finanziell abzusichern, gründete er zwei Aktiengesellschaften: die Plymouth Company und die Virginia Company of London. Letztere schickte im Dezember 1606 drei Schiffe – die Discovery, die Godspeed und die Susan Constant – an die nordamerikanische Ostküste. Neben den Seeleuten waren 108 Männer und Jungen an Bord, die als Siedler das Neuland in Besitz nehmen sollten. Ihr Auftrag: die Grundlage für eine dauerhafte Kolonie schaffen und lukrative, schnell verfügbare Einnahmequellen erschließen, am besten in Form von Edelmetallen. Zudem wollten die Engländer prüfen, ob es eine Route zum Pazifik gibt.

Karte Virginias aus dem Jahr 1606
© William Hole, 1606 / public domain
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Die Karte zeigt die Vielzahl der indianischen Siedlungen um die Chesapeake Bay. Jamestown befindet sich am Ufer des am weitesten links gelegenen Flusses, des späteren James River.

Der Trupp erreicht Ende April die Ostküste Amerikas und beginnt schließlich am 14. Mai 1607 mit dem Bau einer überlebensfähigen Siedlung: Jamestown. Wenn man so will, leisten die Neuankömmlinge, unter ihnen vor allem Handwerker und "Gentlemen", damit die ersten Spatenstiche für das britische Empire. 108 Glückssucher, isoliert und in unbekannter Umgebung – jeder Reality-TV-Produzent würde sich angesichts dieser Umstände die Hände reiben. Schon auf der Überfahrt geraten die ersten aneinander, sogar von Meuterei ist die Rede. Während noch auf See die Befehlsgewalt unumstritten beim Kommandeur der kleinen Flotte Christopher Newport liegt, soll sich das in Jamestown ändern. Um Hierarchie und Ordnung zu schaffen, hat das Londoner Büro der Company in einem versiegelten Kästchen die Namen der ersten sechs Ratsherren der neuen Kolonie hinterlegt. Auf dem Zettel steht auch ein gewisser John Smith. Er wird die Geschehnisse in den ersten Jahren entscheidend lenken.

Zu viel Abenteuer für ein Leben

Glaubt man seinen eigenen Berichten – doch das fällt nicht immer leicht –, hatte Smith zu diesem Zeitpunkt bereits Abenteuer für zwei Leben hinter sich. In "The True Travels, Adventures and Observations of Captaine John Smith", das er 1630, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte, liefert er Anekdoten aus seinen Jugendjahren. Geboren 1580 an der englischen Ostküste, schmeißt der Sohn eines reichen Bauern nach dem Tod des Vaters seine Ausbildung bei einem Kaufmann und zieht in die Welt hinaus. Nach eigener Aussage kämpft der 16-Jährige als Söldner auf dem Kontinent für den französischen König Henri IV. und unterstützt die Holländer in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier. Danach absolviert er ein kurzes, aber einträgliches Praktikum auf einem Piratenschiff, kämpft an der Seite Österreichs gegen die Osmanen, gerät in türkische Gefangenschaft, wird auf der Krim versklavt, flieht, reist durch halb Europa nach Nordafrika und gelangt wieder auf die heimische britische Insel. Im Dezember 1606 schließlich besteigt er eines der drei Siedlerschiffe nach Amerika und erreicht etwa fünf Monate später als 27-Jähriger die Neue Welt.

Smith polarisiert die kleine Kolonistenkompanie, doch auf seine Erfahrung können die Siedler nicht verzichten. Immens schwer fällt es ihnen, in der Fremde Fuß zu fassen. Manche Stämme in der Nachbarschaft reagieren abweisend, gar feindlich auf die Eindringlinge. Andere sind freundlicher und beschenken die Engländer sogar mit Lebensmitteln. Und die sind bitter nötig, denn bereits ein halbes Jahr nach der Ankunft hungern die Kolonisten. Zudem haben Krankheiten, Erschöpfung und feindliche Pfeile sie schon um die Hälfte dezimiert. Um weitere Nahrungsquellen – und das erhoffte Gold und die Pazifikpassage – zu finden, begibt sich John Smith auf Expeditionen ins Inland, den Chickahominy River hinauf. Auf einer dieser Fahrten gerät er in die Gefangenschaft der Pamunkey.

Die scheinen den Fremdling vor allem als Kuriosum anzusehen und reichen ihn von Stamm zu Stamm. Bis er schließlich, Ende Dezember 1607, in Werowocómoco landet und zum ersten Mal dem Mamanatowick gegenübersteht. Die Geisel selbst schildert dieses erste Zusammentreffen in einem Bericht, der bereits ein Jahr später in der Heimat veröffentlicht wird. Er beschreibt den etwa 60-jährigen Powhatan als "großen, wohlgestalteten Mann mit strengem Blick". Die Begegnung verläuft äußerst freundschaftlich. Die beiden unterhalten sich über ihre Heimatländer, sie speisen zusammen, und schließlich lädt Wahunsenacawh die Engländer sogar ein, mit ihnen am selben Fluss zu leben. Smith selbst ernennt er zu einem Häuptling der Föderation. Wahrscheinlich will er damit die Neuankömmlinge in seinen Stammesverbund integrieren, um sie zum einen als (Handels-)Partner zu gewinnen und zum anderen zu verhindern, dass sie sich mit seinen Feinden verbünden. Nach vier Tagen entlässt er seinen Gast.

Im Jahr 1624, also 16 Jahre später, greift Smith die damaligen Geschehnisse erneut auf. In seiner "Generall Historie of Virginia, New England and the Summer isles" ergänzt er eine wichtige Episode, in deren Mittelpunkt Pocahontas steht. Smith schildert, wie er im Indianerdorf völlig unerwartet in Lebensgefahr gerät: Powhatan lässt ihn nach längerer Beratung packen und mit dem Kopf auf einen Stein pressen. Als ein Krieger mit einer Keule ausholt, um ihm den Schädel zu zertrümmern, wirft sich Pocahontas scheinbar in letzter Sekunde auf ihn, schützt seinen Kopf mit ihrer Umarmung und rettet ihm das Leben.

Geschichten, in denen die schöne Jungfrau den Helden rettet, sind beliebt zur damaligen Zeit. Hat sich Smith hier eine bunte Anekdote zur Auflockerung ausgedacht? Nicht notwendigerweise, meinen Experten. Die Szene erinnert an Initiationsriten, die Anthropologen bei nordostamerikanischen Stämmen beobachtet haben. Der Fremdling John Smith könnte zum Schein hingerichtet und durch den Schutz eines Stammesangehörigen als neues Mitglied des Stamms wiedergeboren sein. Kam das Ritual sogar einer Adoption gleich? Es gebe "die historische Möglichkeit, dass sich diese Pocahontas-Episode tatsächlich zugetragen hat", schreibt der Theologe und Altertumswissenschaftler Peter Lampe. "Smith hätte sie dann in seinem Bericht von 1608 aus plausiblen Gründen verschwiegen: Dem alten Haudegen, der nicht sehr viel von dem verstand, was rituell mit ihm in dieser Episode geschah, war es möglicherweise peinlich, dass ein junges Mädchen ihm das 'Leben rettete'." Erst später, als Pocahontas auch in England berühmt war, habe er die Geschehnisse wieder aufgegriffen. Eine Liebesbeziehung zwischen Smith und der damals etwa 13-jährigen Pocahontas, wie etwa der weltberühmte Disney-Zeichentrickfilm suggeriert, hat sich aus diesen Geschehnissen übrigens nicht entwickelt. Erst im 18. Jahrhundert begann man damit, die Begegnung der beiden zu romantisieren.

Nachbau des historischen Jamestowns
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Doch eine gewisse Verbundenheit zwischen den beiden Führungspersönlichkeiten Smith und Powhatan lässt sich nicht leugnen. So schicken die Indianer mehr als nur einmal Nahrungsmittel nach Jamestown, die dort nach wie vor dringend benötigt werden. In seiner "Generall Historie" macht John Smith Pocahontas für diese Hilfe verantwortlich und schreibt ihr somit einen großen Anteil am Überleben der Kolonie zu.

Im Lauf des Jahres 1608 verschlechtern sich die Beziehungen allerdings zusehends. Zwar haben die Engländer Powhatan Ende Februar einen Dankesbesuch abgestattet, bei dem sogar zwei Jugendliche ausgetauscht wurden, die die Sprache des jeweils anderen erlernen und so zum Dolmetscher werden sollen. Doch gleichzeitig liefern die Engländer sich immer wieder Scharmützel mit verschiedenen Stämmen der Föderation. Gefangene werden genommen und von den Engländern sogar gefoltert. In dieser Situation, so schildern es die Quellen, wird die junge Pocahontas politisch aktiv, vermutlich im Auftrag des Vaters. Denn Powhatan schickt eine Delegation mit seiner Tochter an der Spitze, die als Vermittlerin den Streit schlichten kann. Es ist unwahrscheinlich, dass sie in ihrem Alter als Wortführerin auftrat, die Anwesenheit der Häuptlingstochter verlieh den Gesprächen jedoch womöglich größere Bedeutung.

Die Eskalation des Konflikts kann indessen nichts aufhalten. Zu schnell breiten sich die Engländer aus, dank stetigem Siedlernachschub aus dem Mutterland. Dass der nicht versiegen wird, weiß nun auch Powhatan, denn sein Sohn Namontack, einer der beiden Dolmetscher-Azubis, ist inzwischen von einer Reise aus England zurückgekehrt und hat seinem Vater Bericht erstattet. Die Invasoren sind innerhalb kürzester Zeit zu einer existenziellen Bedrohung geworden. Der Mamanatowick beschließt, sie auszuhungern.

Immer prekärer wird nun die Versorgungslage der Bewohner Jamestowns. Sie halten sich über Wasser, indem sie den Nachbarn die Nahrungsmittelvorräte rauben oder abpressen. Erstmals versuchen sie sich auch am Anbau von Mais und Bohnen. Doch es kommt noch schlimmer. Als John Smith im September 1609 zur Rückkehr in die Heimat aufbricht, verlieren sie ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden Parteien. Zwar war auch Captain Smith an den Repressalien beteiligt, aber seine nach wie vor guten Kontakte zu den Indianern waren den Kolonisten stets von Nutzen. Er verlässt Jamestown mit einer schweren Oberschenkelverletzung, ohne je wiederzukehren – und ohne Abschied zu nehmen von den Indianern. Powhatan erhält die Nachricht, sein Stammesbruder sei verstorben.

Der eine geht, der andere kommt

Kurze Zeit später gibt der Mamanatowick den passiven Widerstand auf. Er überzieht die Engländer mit einem zermürbenden Guerillakrieg, in dem die Zahl der Kolonisten zwischenzeitlich von 500 auf 60 sinkt, unter anderem weil die Versorgung zusammengebrochen ist. Erst mit dem neuen Gouverneur Virginias wendet sich das Blatt. Thomas Delaware bringt nicht nur neue Siedler, sondern auch erhebliche militärische Verstärkung, mit der ihm in kurzer Zeit die Sicherung der Kolonie gelingt. Und mit einem Mal gewinnen die Invasoren im Jahr 1613 die Oberhand: James Argall, einer der zuletzt angekommenen Kapitäne, gelingt es, Pocahontas in seine Gewalt zu bringen. Sie hatte sich beim Stamm der Patawomeck im Norden aufgehalten, die entgegen dem Befehl ihres Mamanatowick immer noch Kontakte zu den Weißen unterhielten.

Die Beziehungen zu den Indianern erreichen einen neuerlichen Tiefpunkt. Aber ihre Geisel verleiht den Engländern eine starke Verhandlungsposition, die sie so lange wie möglich aufrechterhalten wollen. Powhatan lässt Gefangene frei, schickt erbeutete Waffen zurück, doch vergebens: Seine Tochter bleibt in der Gewalt der Feinde.

Fiktion oder Ritual?
© Alonzo Chappel: John Smith Saved by Pocahontas, ca. 1865 / public domain
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Die Szene, in der die 13-jährige Pocahontas den Fremdling vor dem Tod rettet, weckte die Fantasie der Europäer. Das farbenfrohe Gemälde von Alonzo Chappel entstand ungefähr 1865.

Während die eher militärisch ausgerichteten Machthaber die eigenen Leute mit harter Hand regieren, behandeln sie ihre Gefangene offenbar gut. Möglicherweise kann sie sich innerhalb des Forts – oder des Dorfs Henrico, wo sie sich wahrscheinlich aufgehalten hat – sogar frei bewegen. Bei den Einwohnern dürfte ihre Anwesenheit erhebliche Aufmerksamkeit erregt haben. Zumindest von einem ist das bezeugt: John Rolfe. Der 28-Jährige war 1610 nach Amerika gekommen, hatte unterwegs auf den Bermudas Schiffbruch erlitten und dabei Frau und Kind verloren. Nun verliebt er sich in die zehn Jahre jüngere Indianerin.

Doch so einfach lässt sich eine derartige Beziehung zwischen einem Christen und einer "Wilden", wie sie im Umfeld trotz allen Respekts wahrgenommen wird, nicht führen. Es wird geredet, die Stirn gerunzelt und kritisiert. Das jedenfalls belegt ein Brief Rolfes an den Gouverneur Thomas Dale, in dem er seine Gefühle rechtfertigt und Heiratspläne ankündigt. Eine Fügung Gottes sei seine Liebe zu Pocahontas, durch die der christliche Glaube auch auf sie und ihr Volk übergehen könne. Dale willigt ein, schließlich sieht er in der Verbindung die Möglichkeit zur Missionierung der Nachbarn. Außerdem erhofft er sich mit der neuen Verwandtschaft einen Neustart der Beziehungen zu Powhatan. Zumal sich Pocahontas überaus offen für die neue Religion zeigt und die Christenlehre, in der sie in den folgenden Wochen unterwiesen wird, begierig aufsaugt. Von Zwangsmissionierung könne keine Rede sein, heißt es. Im Frühjahr 1614 wird sie schließlich getauft und nimmt den Namen Rebecca an.

So lautet zumindest die Version, wie sie die Schriftquellen wiedergeben. Die amerikanischen Ureinwohner, etwa der Stamm der Mattaponi, erzählen bis heute eine andere Geschichte: Demnach habe sich Pocahontas bei den Patawomeck aufgehalten, weil das der Stamm ihres Mannes Kocoum gewesen sei, den sie 1610 geheiratet habe. Das bezeugt sogar der Kolonieschreiber William Strachey. Bei der Entführung der Häuptlingstochter sei ihr Mann getötet und die gemeinsame Tochter Ka Okee daraufhin von Stammesangehörigen im Geheimen aufgezogen worden. Auch die Geschehnisse im Lager der Kolonisten klingen in der Überlieferung der Mattaponi anders. In der Gefangenschaft sei sie mehrfach vergewaltigt und einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Pocahontas habe keinen Widerstand geleistet, damit ihr Volk nicht unter den Konsequenzen leiden musste.

Nachbau einer typischen Behausung der Virginia-Algonkin
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Der "Pocahontas-Frieden"

Was auch immer geschehen ist, die Engländer machen zumindest aus einem kein Geheimnis: Sie betrachten Pocahontas immer noch als Geisel. Vor einer Hochzeit muss also die politische Situation bereinigt werden. Eine hochgerüstete englische Delegation reist deshalb zum "Häuptling der Häuptlinge". Dem Druck kann Powhatan nicht Stand halten: Er schließt Frieden mit den Invasoren, der immerhin acht Jahre halten und als "Pocahontas-Frieden" in die Geschichte eingehen wird. Zudem gibt er seine Tochter frei. Sie allein dürfe entscheiden, wo und bei wem sie leben wolle. Allerdings müsse sie nun auf eines verzichten: auf ihren Vater selbst. All diese Nachrichten lässt er ihr von Familienmitgliedern ausrichten. Zu sehr scheint ihn der Verlust der Lieblingstochter zu schmerzen.

Auch zur Hochzeit in der ersten Aprilhälfte 1614 erscheint er nicht. Zwar ist er durchaus interessiert an ihrem Schicksal und hält Kontakt, wiedersehen werden sich beide jedoch nicht mehr. Die frisch geschlossene Ehe gilt als die erste zwischen einem englischen Siedler und einer Indianerin, ihr Sohn Thomas, der im darauf folgenden Januar zur Welt kommt, ist offiziell das erste Kind einer solchen Verbindung.

Nicht nur in der Neuen Welt ist Pocahontas beziehungsweise Rebecca Rolfe zu einer Berühmtheit geworden. Auch in England giert die Society nach neuen Nachrichten über die damals größte amerikanische Prominente. Vor allem die Company benutzt "die Indianerprinzessin" zu Propagandazwecken für ihre Überseeunternehmungen, denn noch immer fließt Geld in die Kolonie statt aus ihr zurück. Erst Jahre später werden die Tabakpflänzchen, die Pocahontas' Mann bei seiner Ankunft in Jamestown mitgebracht hatte, der Kolonie finanziell auf die Beine helfen. Rolfes südamerikanische Sorte erfreut sich in England großer Beliebtheit und wird der Kolonie den ersehnten Exportschlager bescheren.

Doch bis es so weit ist, muss bei Investoren die Werbetrommel gerührt werden. Einmal mehr wird Pocahontas zum Spielball fremder Interessen: "Als Geisel war sie als politisches Druckmittel missbraucht worden, nun sollte sie als Musterindianerin, als Propagandawerkzeug herhalten. Hier stand sie, die erste gezähmte Wilde", schreibt Peter Lampe treffend. Zwei Jahre nach der Hochzeit reist die kleine Familie gemeinsam mit zwölf weiteren Indianern über den Atlantik. Das strapaziöse Schaulaufen beginnt.

Vorwürfe an einen alten Freund

Wahrscheinlich ist es ein Infekt der Atemwege, den Pocahontas' Körper nicht kennt und deshalb nicht abwehren kann, womöglich Tuberkulose. Um zumindest für bessere Luft zu sorgen, verlässt die Familie London und zieht aufs Land. Den Besucher, der hier nun endlich vorstellig wird, hatte sie eigentlich schon viel früher erwartet: ihren alten und von den Toten wiederauferstandenen Freund John Smith. Seine Stammesschwester empfängt ihn deshalb nicht mit offenen Armen. Erst in England hatte sie erfahren, dass er noch am Leben war. Täglich hatte sie auf seinen Besuch gehofft, damit er ihr in der Fremde zur Seite stehen könne, wie sie es damals auch für ihn getan hat. "Du hast Powhatan versprochen, dass das, was dir ist, auch ihm sein soll, und er hat das auch getan. Du hast ihn Vater genannt, als du in seinem Land ein Fremder warst", habe sie ihm an den Kopf geworfen, schreibt Smith in seiner "Generall Historie". Vielleicht begreift er erst jetzt, welchen Bund er damals in Werowocómoco eingegangen war.

Den beiden bleibt keine Zeit mehr, das Vertrauensverhältnis wiederherzustellen, die Krankheit ist zu weit fortgeschritten. Als letzte Möglichkeit bleibt nur die Heimreise. Vielleicht bringt die Meeresluft Besserung. Doch Pocahontas erreicht nicht einmal mehr die offene See. Sie besteigt noch das Schiff, das sie zurück nach Amerika bringen soll, aber bereits vor der Themsemündung verschlechtert sich ihr Zustand. Im kleinen Örtchen Gravesend wird sie an Land gebracht, wo sie schließlich, am 21. März 1617, stirbt. Ihre letzte Ruhestätte findet sie in der örtlichen Kirche, die allerdings 1727 abbrennt. Das Grab gibt es heute nicht mehr; nur ihr bronzenes Ebenbild neben der neuen Kirche erinnert an die junge Frau aus der anderen Welt.