Die gigantische Eiche im Bialowieza-Wald reckt Äste in den Himmel, deren Durchmesser sich leicht mit dem Stamm eines Baumes in anderen Regionen Mitteleuropas messen kann. Allerdings sind die Oldies dort viel jünger – und erleiden rasch einen gewaltsamen Tod durch eine Motorsäge. Im dämmrigen Licht des Bialowieza-Waldes an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland dagegen sterben die Bäume häufig noch auf natürliche Weise. Auch danach steht der abgestorbene Stamm oft noch einige Jahrzehnte und bietet vielen Käfern und Pilzen eine Heimat. Diese Organismen sind aus anderen Forsten längst verschwunden, weil dort die Bäume lange vor Erreichen des Greisenalters geschlagen werden. So fehlen die riesigen Baumleichen, und die Spezialisten für diesen Lebensraum werden heimatlos.

An der heutigen Grenze zwischen Polen und Weißrussland aber hatten bereits im Mittelalter die polnischen Könige ihre Jagdreviere, am Ende des 18. Jahrhunderts traten die russischen Zaren an ihre Stelle. In weiten Teilen dieses Gebiets stand die forstliche Nutzung daher im Hintergrund. Abgesehen von massiven Eingriffen der deutschen Besatzer während beider Weltkriege wurden hier kaum oder nur relativ wenige Bäume gefällt. Auf einer Fläche von rund 2000 Quadratkilometern und damit einem Gebiet, das nur etwas kleiner ist als das Saarland, wächst dieser Bialowieza-Wald. Große Teile werden noch heute sehr naturnah und zurückhaltend bewirtschaftet, in jeweils einem Nationalpark auf polnischer und weißrussischer Seite bleibt die Natur vollständig sich selbst überlassen. Nirgends sonst in Mittel- und Westeuropa haben solche weitgehend natürlichen Wälder auf so großer Fläche überlebt. Bereits 1979 wurde der Bialowieza-Urwald als Welterbe der Menschheit von der Weltkulturorganisation UNESCO anerkannt, 2014 wurden die vorher nicht exakt definierten Grenzen des Welterbes erheblich erweitert. Damit schien eine der größten Erfolgsgeschichten im europäischen Naturschutz zu einem glücklichen Ende gekommen zu sein, eines der vielfältigsten Ökosystem Mitteleuropas war offensichtlich dauerhaft gesichert.

Insgesamt erinnert die Artenvielfalt im Bialowieza-Wald beinahe an den tropischen Regenwald. Oft finden sich auf einem einzigen Baumriesen mehr als 200 weitere Pflanzenarten. Rund 3500 Pilzarten haben Wissenschaftler im Urwald von Bialowieza gezählt. Viele von ihnen sind auf Totholz spezialisiert. Mehr als 20 000 Tierarten bevölkern diesen Urwald – eine von ihnen war auch der Grund, warum der Bialowieza-Wald schon lange geschützt wurde: Neben Reh, Rothirsch, Wildschwein und Elch lebt noch ein weiterer Paarhufer auf den Lichtungen, der früher in ganz Europa zu Hause war – der Wisent. Abgesehen vom Bären finden sich obendrein sämtliche für Mitteleuropa typischen Raubtiere einschließlich Wölfe und Luchse im Bialowieza-Wald. Allein 150 Vogelarten brüten dort, darunter so seltene wie der Schwarzstorch, die Krickente und die Rotdrossel. Alle acht Spechtarten Mitteleuropas finden im Totholz des Gebiets ausreichend Möglichkeiten, ihre Bruthöhlen anzulegen.

Ökosystem in Gefahr

In diesem Naturparadies aber gibt es bereits seit geraumer Zeit auch erhebliche Probleme. So grenzen im Osten mehr als 70 Quadratkilometer große Niedermoore an den weißrussischen Nationalpark. Ab den 1950er Jahren wurden dort lange, gerade Gräben ausgehoben, die das Wasser ableiteten. Auch im Nationalpark selbst wurden die Flüsse begradigt, damit das Wasser dort schneller abfließt. Durch diese Maßnahmen strömten gigantische Wassermengen vor allem über den in diesem Gebiet entspringenden Fluss Narew und weiter über die Weichsel und die Oder in die Ostsee. "Im Bialowieza-Wald sank dadurch der Grundwasserspiegel dramatisch um ein bis eineinhalb Meter", sagt der Leiter des Europa-Referats der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) Michael Brombacher über die Situation.

Die trocken gelegten ehemaligen Niedermoore in Weißrussland sind heute Wiesen. Das dort gemähte Gras fressen Kühe, deren Milch nach Russland geliefert wird. Damit gleicht das Land die fehlenden Lieferungen aus der Europäischen Union (EU) aus, die es mit einem Embargo für Agrarimporte belegt hat. Diese Maßnahme wiederum wurde als Gegenmaßnahme zu den Sanktionen der EU wegen der russischen Annektierung der Halbinsel Krim und des militärischen Konfliktes im Osten der Ukraine verhängt. Ein Ende der Wirtschaftsblockaden zwischen Russland und der EU ist derzeit kaum in Sicht. Die Nachfrage nach der Milch aus Weißrussland dürfte also hoch bleiben und die Mähwiesen neben dem Bialowieza-Wald auch weiterhin gutes Viehfutter liefern. Dabei beobachten Förster im weißrussischen Nationalpark längst die Auswirkungen des sinkenden Grundwasserspiegels durch die großflächigen Entwässerungen dieser Gebiete. "Statt Eichen, Eschen, Weißtannen und anderen Keimlingen des Mischwaldes kommen dort heute fast nur noch Hainbuchen hoch", sagt Michael Brombacher. Die Zusammensetzung der Arten im letzten Urwald Europas beginnt sich anscheinend tiefgreifend zu verändern, das Ökosystem könnte in Gefahr geraten.

Elch
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Mehr als 20 000 Tierarten bevölkern den Bialowieza-Urwald – unter anderem der Elch.

Und das nicht nur in Weißrussland, sondern auch auf der polnischen Seite. Dort wiederum ist wohl nicht nur der Grundwasserspiegel gesunken und verändert sich der Wald, sondern kippt die seit Ende 2015 regierende rechtspopulistische Partei PiS auch einen mühsam ausgehandelten Managementplan. Von den 630 Quadratkilometern Wald sind in Polen nämlich nur 105 Quadratkilometer als Nationalpark streng geschützt. Die restliche Fläche nutzten die Menschen der Region bisher sehr zurückhaltend. Nachdem das gesamte Waldgebiet seit dem Jahr 2008 zu den Natura 2000-Schutzgebieten der EU gehört, wurde 2012 unter Vermittlung der EU ein Managementplan für die zukünftige nachhaltige Nutzung der Wälder außerhalb der streng geschützten Flächen festgelegt. Nach dieser Vereinbarung dürfen die Einheimischen dort bis zum Jahr 2023 insgesamt 63 400 Festmeter schlagen, die weit überwiegend als Brennholz genutzt werden sollen. Dieser Plan machte 2014 den Weg für eine Erweiterung und erneute Anerkennung als UNESCO-Weltnaturerbe frei.

Polen gibt Welterbe de facto auf

Im Mai 2016 aber kündigte das polnische Umweltministerium diesen Kompromiss zwischen Naturschützern und Waldnutzern auf und verdreifachte die Holzmenge auf 188 000 Festmeter. War es bisher nur erlaubt, einzelne Stämme zu schlagen, dürfen jetzt auch wieder größere Flächen kahl geschlagen werden. Anders als bisher darf auch der Waldboden umgepflügt und mit Jungbäumen aus Baumschulen aufgeforstet werden. Kurzum: Der Urwald von Bialowieza soll auf polnischer Seite nicht mehr wie ein Welterbe der Menschheit, sondern ähnlich wie ein Wirtschaftswald bearbeitet werden. Das aber stößt auf erbitterten Widerstand verschiedener Beteiligter von der Weltnaturschutzunion IUCN über die UNESCO bis zum Europarat.

Hintergrund dieser Entwicklung war, dass die erlaubten 63 400 Festmeter Holzeinschlag bis 2023 bereits im Frühjahr 2016 fast ausgeschöpft waren. Offiziell begründete das polnische Umweltministerium die Maßnahme mit dem Klimawandel, durch den in jüngster Zeit die auch in naturnahen Wäldern und Urwäldern vorkommenden Borkenkäfer sich verstärkt über die Fichten im Bialowieza-Wald hermachen. Tatsächlich können diese Insekten in Wirtschaftsforsten enorme Schäden anrichten. Vor allem wenn die Fichten geschwächt sind, können sie nicht genug Harz produzieren, mit dem sie sich gegen die Larven der Borkenkäfer wehren, die sich durch das Nährgewebe des Holzes fressen. Nach einigen Wochen schwärmen dann aus einem einzigen Baum einige zehntausend erwachsene Borkenkäfer aus. Zur Abwehr eines solchen Ansturms reichen dann unter Umständen auch die Kräfte und das Harz einer gesunden Fichte nicht aus. In einem Wirtschaftswald können die Borkenkäfer so enorme Schäden anrichten, die den Besitzer ein Vermögen kosten können.

Solche Massenvermehrungen kommen auch in natürlichen Fichtenwäldern vor, wie sie zum Beispiel in den Hochlagen des Bayerischen Waldes wachsen. Nach einem Borkenkäferjahr bleiben dort große Flächen mit toten Stämmen zurück, auf denen kaum eine Fichte überlebt hat. Gerade auf solchen Freiflächen aber kommt der Fichtennachwuchs besonders gut zurecht, und nach ein paar Jahren wächst dort ganz ohne Nachhilfe eines Försters wieder ein Fichtenwald heran. Naturschutzexperten raten daher, der Natur auch im Bialowieza-Wald ihren Lauf zu lassen und dem Wald so eine Chance zu geben, sich an den Klimawandel anzupassen. Gleichzeitig könnten stärker als bisher Naturtouristen angelockt werden, die deutlich mehr Einnahmen als der Holzeinschlag in die Dörfer bringen können. Auf diese Vorschläge ist die polnische Regierung bisher nicht eingegangen.

Weißrussland als Vorreiter der Renaturierung

Auf der anderen Seite der Grenze schlägt die Verwaltung des weißrussischen Nationalparks genau den entgegengesetzten Weg ein. Dort wurden in den 1990er Jahren 1163 Hektar und damit beinahe zwölf Quadratkilometer des vorher trocken gelegten Dziki-Nikar-Niedermoores in den in dort "Belaweschskaja puschtscha" genannten Nationalpark eingegliedert. Anfangs wurden diese trocken gelegten Flächen noch ab und zu gemäht, in den letzten Jahren blieben sie dann weitgehend sich selbst überlassen. Während auf dem weit größeren Rest der einstigen Niedermoore Futter für die Kühe gemäht wird, deren Milch nach Russland exportiert wird, wachsen im Dziki-Nikar-Gebiet inzwischen hohe Stauden. Ein Niedermoor aber kam nicht zurück, weil die langen Gräben nach wie vor das Wasser der Niederschläge rasch abfließen lassen. "Könnte man dieses Wasser nicht zurückhalten", grübelten die Mitarbeiter der weißrussischen Naturschutzorganisation APB BirdLife Belarus und die Nationalparkverwaltung des Landes. Auch ZGF-Naturschützer Michael Brombacher hat diese Überlegung überzeugt, und die ZGF finanziert gemeinsam mit anderen deutschen Stiftungen seither die Rückkehr des Niedermoores.

Die Rückkehr der natürlichen Verhältnisse aber benötigt erst einmal röhrende Bagger. "Deren Schaufeln holen den unter den ehemaligen Moorflächen neben den Gräben liegenden Boden nach oben und füllen dieses Material als Plombe oder als eine Art Ministaudamm in die Entwässerungsgräben", erklärt Brombacher. Seit Mitte Dezember 2016 ist der Bagger an der Arbeit. Auf einer Länge von insgesamt 75 Kilometern füllt er an 112 Stellen solche Plomben in die Wassergräben, die dort das Wasser am Abfließen hindern. "Hinter diesen Dämmen staut sich das Wasser, und der Grundwasserspiegel in der Umgebung beginnt zu steigen", sagt Brombacher. Acht Wochen später zieht der Bagger wieder ab, und der Grundwasserspiegel pendelt sich wieder wie früher knapp unter der Oberfläche ein. Mit dem Wasser aber kommen auch die typischen Pflanzen des Sumpfes zurück. Zum Wachsen holen sie das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft und speichern den darin enthaltenden Kohlenstoff später in der toten Pflanzenmasse, aus der sich das Torf des Moores bildet. Mit den Pflanzen aber dürften nach wenigen Jahren auch die ehemaligen und selten gewordenen Bewohner dieser Niedermoore wie die Doppelschnepfe zurückkehren. Der Wachtelkönig ist sogar bereits zurück, weil seine Feinde in der längst höher gewachsenen Vegetation erhebliche Schwierigkeiten bei der Jagd bekommen. "Der Schrei-Adler jagt dagegen sehr gern an der Grenze zwischen dem Wald und sumpfigen Wiesen", erzählt Brombacher von einem weiteren potenziellen Heimkehrer in das wieder vernässte Moor.

Vor allem aber lassen die Plomben in den Gräben auch im Bialowieza-Urwald den Wasserspiegel langsam wieder steigen, der vorher drastisch gefallen war. Der Waldboden speichert wieder mehr Flüssigkeit und kann so auch längere Trockenperioden besser puffern, die der Klimawandel vor allem in der warmen Jahreszeit mit sich bringt. "Zusätzlich könnten in Zukunft auch die in den vergangenen Jahrzehnten im Nationalpark begradigten Flüsse wieder renaturiert werden", erklärt Michael Brombacher weiter. Dadurch fließt das Wasser langsamer ab, und der Grundwasserspiegel steigt weiter. Ein solcher Anstieg macht vor der polnischen Landesgrenze und damit der EU-Außengrenze nicht halt, im polnischen Bialowieza-Nationalpark und den angrenzenden Wäldern dürfte der Wasserstand bald ebenfalls nach oben gehen. Diese bessere Wasserversorgung stärkt ebenso die Fichten, die so die Borkenkäfer besser abwehren können.