Herr Professor Dreßing, der Täter von München schlug am fünften Jahrestag des Massakers auf der norwegischen Insel Utøya zu. Er soll sich laut den Ermittlern intensiv mit den Amokläufen von Norwegen 2011 sowie von Winnenden 2009 auseinandergesetzt haben. Wie typisch ist eine Orientierung an früheren Amokläufen?

Prof. Dr. Harald Dreßing: Vorab möchte ich betonen, dass ich keine spezifischen Aussagen zu dem Fall in München machen kann, da mir über die in den Medien mitgeteilten Informationen hinaus keine tiefer gehenden Erkenntnisse zur Verfügung stehen. Man kann solche Vorkommnisse im Rahmen einer psychologischen Autopsie aufarbeiten, das ist eine aufwändige Arbeit, bei der zum Beispiel ein forensischer Psychiater alle verfügbaren Informationen zu dem Täter, seinem Umfeld und zum Tathergang post hoc zusammenstellt und auf der Basis dieser Informationen eine Erklärung zu den Tatmotiven ausarbeitet.

Aus der empirischen Forschung zu Amoktaten kann man allgemein sagen, dass die Täter in der Regel Vorbilder haben. Einzelne Taten und Täter werden regelrecht bewundert und verehrt. Nicht selten findet man bei Amoktätern dann auch Informationen, dass sie sich intensiv mit früheren Amokläufen beschäftigt haben.

Harald Dreßing
© mit frdl. Gen. von Harald Dreßing
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Die Opfer von Utøya waren Teilnehmer eines Jugendcamps, die Opfer jetzt waren laut Polizei mit Ausnahme einer 45-jährigen Frau ebenfalls zwischen 14 und 20 Jahre alt. Was bedeutet das im Hinblick auf mögliche Motive des Täters?

Zu den Motiven von Amoktaten lassen sich allein aus dem Tatablauf heraus keine belastbaren Aussagen treffen. Die Motive sind letztlich nur im Rahmen einer umfassenden psychologischen Autopsie herauszuarbeiten. Deshalb wäre es aus psychiatrischer Sicht wünschenswert, wenn sich alle Beteiligten – sowohl die Experten wie auch die Medien – hier etwas mehr Zurückhaltung auferlegen würden. Spekulationen und die permanente mediale Präsenz solcher Ereignisse haben Vorbildcharakter für mögliche künftige Taten.

Kann man von einem Sonderfall von Schulamoklauf sprechen – ein Schulamoklauf außerhalb der Schule gewissermaßen?

Der Tatablauf von München sollte aus meiner Sicht nicht als Schulamoklauf oder als ein atypischer Sonderfall davon bezeichnet werden. Mit diesem Begriff werden explizit nur Tötungen und Tötungsversuche in einer schulischen Einrichtung von Jugendlichen und Lehrern bezeichnet, gegen die sich Wut und Hass des Amoktäters richten.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es sich um ein Copycat-Verbrechen, also ein durch die Taten anderer inspiriertes Verbrechen, handelt?

In der empirischen Literatur ist bekannt, dass viele Amoktäter Vorbilder haben und sich auch bezüglich des Handlungsablaufs von früheren Taten inspirieren lassen. Wenn die Berichte in den Medien zutreffen, dann hat auch der Täter von München sich mit entsprechenden Vorbildern befasst. Natürlich hat jede Amoktat dann aber auch einen ganz spezifischen individuellen Motivhintergrund; die Tatabläufe ähneln einander, sind aber nie identisch.

Laut den Ermittlern besuchte der Täter 2015 Winnenden und machte dort Fotos vom Ort des Amoklaufes von 2009. Was besagt das?

Dieses Ermittlungsdetail würde den Hinweis bestärken, dass Amoktäter Vorbilder haben. Es ist so etwas Ähnliches wie der Werther-Effekt. Gleichzeitig ist es aber ein Hinweis auf eine erschreckende Gefühlskälte und Empathielosigkeit, denn in Winnenden ist ja eigentlich eine eindrucksvolle Gedenkstelle geschaffen worden, die Menschen anrührt und mitfühlen lässt.

Bundesinnenminister Thomas de Mazière sagte in seiner Pressekonferenz am Nachmittag nach der Tat, der Täter David S. habe unter einer "Ich-Schwäche" gelitten. Auch sei er gemobbt worden und habe gewaltverherrlichende Spiele gespielt. Sind dies charakteristische Merkmale von Amokläufern?

Der Begriff der Ich-Schwäche ist ein psychopathologischer Fachbegriff, den ich in diesem Kontext nicht verwenden würde. Es gibt auch keine empirischen Belege dafür, dass psychische Erkrankungen eine oder gar die wesentliche Ursache für Amoktaten sind. Die Tatsache, dass sich ein Amoktäter zuvor in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung befunden hat, belegt ja keineswegs, dass eine psychische Erkrankung die Ursache für die Tat ist. Alle empirischen Untersuchungen, die es bisher zu Amok gibt, kommen zu dem Ergebnis, dass es eben keine monokausale Erklärung für solche Taten gibt. Was man bei Amoktätern häufig findet, ist ein Bündel von folgenden Risikofaktoren beziehungsweise problematischen Persönlichkeitseigenschaften: niedrige Frustrationstoleranz, mangelhafte Bewältigungsstrategien, Gefühl der Verbitterung, Kränkungserlebnisse, Entfremdungserleben, mangelnde Empathie, Anspruchshaltung, Externalisierung von Verantwortung, geringe soziale Einbindung, plötzliche Verhaltensänderungen im Vorfeld der Tat, ausgeprägtes Interesse an Gewalt und Waffen sowie gewaltverherrlichenden Spielen, negative Vorbilder wie etwa andere Amokläufer sowie auch Rachefantasien.

Letztlich sind das aber alles unspezifische und ubiquitär vorkommende Konstellationen. Warum ein Täter in einer solchen Verfassung vom Vorgestalten in der Fantasie – die Taten sind ja geplant und werden in der Fantasie in der Regel mehrfach durchgespielt – zum Tatentschluss kommt, ist schwer zu erklären, und das macht die Vorhersage solcher Taten auch so schwer.

Erneut stellt sich heraus, dass ein Amokläufer offenbar exzessiv Ego-Shooter gespielt hat. Die Ermittler sprechen konkret auch vom berühmt-berüchtigten Spiel "Counter-Strike". Was besagt die Studienlage über die Gefahr, die von solchen Spielen für Jugendliche ausgeht?

Die Forschungslage zu dem Einfluss von Computerspielen auf aggressive Handlungen in der Realität ist widersprüchlich. Sicher kann man sagen, dass solche Spiele nicht ursächlich für Amoktaten sind in dem Sinne, dass sie die wesentliche Bedingung für die Tat sind. Es gibt Hinweise darauf, dass bei Jugendlichen unmittelbar nach solchen Spielen die Aggressionsschwelle etwas herabgesetzt ist. Solche Spiele stellen natürlich auch eine Plattform dafür dar, sich mit gewalttätigem Verhalten in der Fantasie exzessiv auseinanderzusetzen. Insofern ist denkbar, dass sie ein Risikofaktor in einem komplexen Bündel von Risikofaktoren sind.

Wie bewerten Sie die Aussagen der Staatsanwaltschaft, der 18-jährige Täter habe möglicherweise an einer Erkrankung "aus dem depressiven Formenkreis" gelitten?

Der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Amok ist nicht belegt. Ich halte es für sehr problematisch, wenn solche kausalen Zusammenhänge dennoch behauptet werden, denn das stigmatisiert psychisch kranke Menschen in einer unerträglichen Weise. In ähnlicher Weise sind solche Zusammenhänge mit dem German-Wings-Absturz in den Medien propagiert worden. Wir haben das in einer empirischen Auswertung der Presseberichte erst kürzlich untersucht und ausgewertet.

Warum lassen sich Amokläufe prognostisch nicht vorhersehen?

Die Risikofaktoren sind unspezifisch und ubiquitär. Es gibt aber durchaus Fälle, in denen eine Prävention zumindest möglich ist, nämlich wenn potenzielle Täter entsprechende Drohungen machen. Je konkreter solche Drohungen sind, umso größer ist die Gefahr.

Es scheint, als habe der Täter durch Facebook-Einträge von einer falschen Identität möglichst viele Menschen, vermutlich junge Menschen, an den Ort locken wollen, den er für seine Morde ausersehen hatte. Welche Schlüsse ergeben sich daraus aus psychiatrischer Sicht?

Sollte diese Information zutreffen, so wäre das ein heimtückisches Vorgehen. Heimtücke ist ein typisches Merkmal von Morddelikten.

Ist dem Umstand, dass es sich bei dem Münchner Täter um einen jungen Mann mit Migrationshintergrund handelt, eine Rolle beizumessen? Frühere Amokläufe wie 2002 an einem Erfurter Gymnasium, 2006 an einer Realschule in Emsdetten und 2009 in Winnenden wurden ja nicht von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen.

Ich würde dieser Tatsache kein besonderes Gewicht beimessen. Vielmehr zeigt es, dass es sich bei den konstellativen Faktoren einer Amoktat um kulturübergreifende Phänomene handelt. Früher dachte man zum Beispiel, dass Amok ein kulturspezifisches Phänomen in Malaysia und Indonesien sei. Mittlerweile wissen wir, dass Amok auch in Industrienationen vorkommt und somit ein kulturunabhängiges Problem darstellt.