Der Front National in Frankreich, die FPÖ in Österreich, Geert Wilders PVV in den Niederlanden: Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien finden zunehmend Gehör. Weltweit. Auch in Deutschland. Anfang September 2016 holte die Alternative für Deutschland, kurz AfD, in Mecklenburg-Vorpommern 20 Prozent der Wählerstimmen – und zog damit als zweitstärkste Kraft in den Landtag ein. Auch in Berlin wird sie nach den Wahlen am 18. September wohl mitbestimmen dürfen, da sind sich viele Experten einig.

Doch weshalb haben diese Parteien solch starken Zulauf? Wer wählt sie, und warum? Geht wirklich ein Rechtsruck durch die Nation, durch die Welt?

Diesen Fragen widmete sich im größeren Rahmen zuletzt die repräsentative Mitte-Studie. Unter der Leitung der Universität Leipzig befragen dafür Forscher seit 2002 regelmäßig Bürger aus ganz Deutschland zu ihren politischen Einstellungen. Im Jahr 2016 legten die Psychologen, Politologen und Sozialwissenschaftler ihr Augenmerk auf die "autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" sowie auf die Frage, wer die AfD wählt. Ihre Antwort: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würden vermutlich vor allem junge Männer ohne Abitur die rechtspopulistische Partei wählen. Denn die Wähler der Partei sind nach den Grünen-Wählern die zweitjüngste Wählergruppe. Diese besteht zudem zu zwei Dritteln aus Männern, und nur 16 Prozent der AfD-Wähler haben die Hochschulreife.

Ein ähnliches Bild zeichneten auch Wählerbefragungen zu den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern: So machten rund 25 Prozent der männlichen Wähler ihr Kreuz bei der AfD, bei den Frauen waren es nur 16 Prozent. Auch hier war die Partei vor allem bei der unteren und mittleren Bildungsschicht beliebt, gewählt wurde sie vor allem unter Arbeitern und Arbeitslosen – aber auch unter Selbstständigen. Ein wenig überraschend wirkt dagegen die Altersverteilung: Statt bei der jungen Wählerschaft zu punkten, kam die AfD in Mecklenburg-Vorpommern offenbar vor allem bei Menschen zwischen 30 und 59 gut an.

Rechtsradikale Parteien verkörpern eher männliche Stereotype

In der Mitte-Studie führten die Wähler der AfD die Statistiken zu rechtsextremen Ansichten an. Sie befürworteten am ehesten rechtsautoritäre Diktaturen, waren besonders ausländerfeindlich, antisemitisch oder verharmlosten den Nationalsozialismus. Von allen Befragten, die besonders viele rechtsextreme Ansichten vertraten, wählt mehr als jeder Dritte die AfD. Zum Vergleich: Nur jeder Siebte die SPD und noch seltener die anderen Parteien.

Von den mehr als 2400 befragten Erwachsenen stimmte zudem rund jeder Zehnte Aussagen wie dieser zu, Deutschland sollte "einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert"; außerdem, dass auch heute noch der Einfluss der Juden zu groß sei oder dass die Deutschen eigentlich von Natur aus anderen Völkern überlegen seien. Knapp jeder Dritte gar ist überzeugt, Ausländer kämen nur ins Land, um den deutschen Sozialstaat auszunutzen. Und mehr als sechs Prozent gaben an, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden.

Aus Denken wird Handeln

Insgesamt haben rechtsextreme Einstellungen bei den Befragten seit Beginn der Studie 2002 abgenommen. Zugleich hat sich aber ein sichtbarer Wandel vollzogen: Es lasse sich feststellen, "dass bisher viele Personen rechtsextrem eingestellt waren, aber nicht entsprechend handelten. Das hat sich nun geändert – die Einstellung führt zur Handlung", schreiben die Studienautoren. Und zwar "in Form von Wahlentscheidungen für die AfD und, wie die Statistiken von Polizeibehörden und Opferberatungsstellen zeigen, auch in Gewalt." Rechtspopulistische Parteien gäben dem schon lange vorhandenen Potenzial in der Bevölkerung den Forscher zufolge eine "neue Heimat".

Das ist gefährlich, meint der Soziologe Johannes Kiess von der Universität Siegen, der seit 2008 an der Mitte-Studie mitwirkt. "Rechtsextreme Werte normalisieren sich, wenn Parteien mit diesen vielfach gewählt werden", sagt er. Allein von dem Gedanken, dass manche Menschen anderen überlegen sind, sterbe noch keiner. "Aber wenn plötzlich ein gewählter Politiker öffentlich sagt, zur Not könne man an den Grenzen gegenüber Flüchtlingen Gebrauch von Schusswaffen machen, dann gibt es auch eher Menschen, die das tun würden", mahnt Kiess. Gelangen rechtspopulistische Parteien in ein Parlament, habe das außerdem zur Folge, dass die Parteien Gelder erhielten, mit denen sie Projekte starten könnten, die sie tiefer in die Gesellschaft vordringen lassen.

Nicht alle Experten glauben allerdings, dass die Situation in Deutschland wirklich so drastisch ist, wie die Mitte-Studie andeutet. Der Anteil der Befragten, die die Untersuchung insgesamt tatsächlich als rechtsextrem einstufe, sei mit rund fünf Prozent immer noch sehr gering, wenden die Kritiker ein – und damit würde eben auch nur ein sehr kleiner Teil der AfD-Wähler solche wirklich extremen Ansichten vertreten. Zudem seien viele Fragen so suggestiv gestellt worden, dass man kaum wirklich differenziert darauf antworten könne.

Menschen, die zuallererst eine mögliche Benachteiligung ihrer selbst wittern, haben eher eine Abneigung gegenüber Flüchtlingen

Die Leipziger Studienerkenntnisse öffnen die Tür zu einem bislang unbekannten Raum damit höchstens einen Spalt weit. Sie können auch nicht erklären, was Wähler rechtpopulistischer Parteien wirklich umtreibt, was sie zu ihrer Wahl bringt. Warum sind es vor allem Männer – und weshalb gerade weniger gebildete?

Wieso Männer so häufig den Rufen rechtspopulistischer Parteien folgen, ist bislang kaum erforscht. Die Politikwissenschaftlerin Kathleen Montgomery erklärt in einer Studie zum heutigen Ungarn, Männer arbeiteten vor allem im handwerklichen Sektor, der sich etwa durch Zuwanderung stark verändern könnte. Vor allem entstehe die politische Kluft zwischen Männern und Frauen aber, so Montgomery, weil rechtsradikale Parteien eher männliche Stereotype verkörperten, also andere Werte als Frauen pflegten. Die rechtsextreme Partei Jobbik aus Ungarn etwa gebe sich aggressiv, habe eine paramilitärische Gruppe gegründet, mache Minderheiten wie Roma, Juden, aber auch Intellektuelle, Feministen und EU-unterstützende Politiker zum Feindbild. Frauen hingegen würden eher so geprägt, dass sie Gewalt und radikalen Ausschluss anderer ablehnten.

Eine Frage der Persönlichkeit

Ob jemand eine rechtsextreme oder -populistische Partei wählt, hängt aber vor allem von seiner Persönlichkeit ab, meinen zahlreiche Forscher. In Österreich nahmen Sozialwissenschaftler 2016 Wähler der rechtspopulistischen FPÖ unter die Lupe. Sie werteten die Daten von mehr als 1500 Bürgern aus, die an der Nationalratswahl 2013 teilgenommen hatten. So konnten sie zeigen, dass Menschen, die wenig offen für neue Eindrücke, Kulturen oder Erlebnisse sind, sowie jene, die weniger sozial verträglich und anpassungsfähig sind, eher rechts wählten.

FPÖ-Wähler hatten zudem ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit für sich selbst und ihr enges Umfeld. Sie dachten mehr in Hierarchien, hielten also bestimmte Menschengruppen für minderwertig, andere für überlegen. Zugleich fühlten sie sich eher von Geflüchteten bedroht. "Erfolgreiche rechtsradikale Parteien bieten Wählern eine politische Position an, die vorsätzlich die grundlegenden Motivationen und Denkweisen von Menschen adressiert, die tief in deren Persönlichkeit und Haltung verwurzelt sind", fassen die Autoren zusammen. Gezielt soziale Ängste und negative Gefühle gegenüber Migranten auszulösen, scheine effektiv zu sein, um Wähler zu mobilisieren.

"Eine weitere Eigenschaft, die möglicherweise die Wahldrift nach rechts erklären könnte, ist der individuelle Umgang mit Gerechtigkeit", sagt Tobias Rothmund, Professor für Politische Psychologie an der Universität Koblenz/Landau. So gebe es Menschen, die schnell wahrnehmen, wenn anderen Unrecht geschieht, sowie solche, die vor allem registrieren, wenn etwas zu ihren Ungunsten ausgehen könnte. Letztere haben einer unveröffentlichten Studie von Rothmund und Kollegen zufolge eher eine Abneigung gegen Flüchtlinge. Menschen, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen Widerstand leisten, seien damit vor allem jene, die zuallererst eine mögliche Benachteiligung ihrer selbst wittern, so der Psychologe. "Sie befürchten einen sozialen Abstieg, weil der Staat sich nun um unzählige andere, bedürftigere Menschen kümmern muss." Die Tendenz, rechtspopulistischen Politikern zu folgen, liegt dann nahe.

Eine weitere Facette der menschlichen Persönlichkeit könnte ebenfalls die Entscheidung am Wahltag beeinflussen: die Fähigkeit, mit Widersprüchen, Unklarheiten oder auch Konflikten umzugehen. Experten sprechen von einem "need for cognitive closure" (auf Deutsch etwa: "Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit"). Menschen, die sich von Unwägbarkeiten bedroht fühlen, haben ein großes Bedürfnis danach – und sind meist konservativ eingestellt. "Sie lassen sich von populistischen Aussagen eher mitreißen, da diese eine radikal einfache Antwort auf schwierige Fragen geben", erklärt Rothmund. Das vermittle den Menschen Sicherheit und das Gefühl, die Welt besser zu verstehen. Bedürfnisse, die die etablierten Parteien und Politiker oftmals nicht befriedigen können.

"Die Welt, wie wir sie verstanden haben, ist in den vergangenen Jahren durch viele Krisen und insbesondere durch die Globalisierung komplizierter geworden. Sie ist komplexer, voll mit kaum durchschaubaren Prozessen, die nicht kontrollierbar scheinen", sagt Psychologe Rothmund. Die Welt ist für die Menschen voller Unsicherheiten. Rechtspopulistische Parteien sind dann eine Verlockung.