Rund 300 neue Artikel entstehen täglich allein auf der deutschsprachigen Ausgabe der Wikipedia. Mit "Michenerit", einem Eintrag über ein seltenes Mineral, ist am 19. November 2016 der zweimillionste Beitrag entstanden. Dass das Prinzip der unbezahlten, kollektiven Erstellung von Wissen so gut funktioniert, ist ein kleines Wunder. Ein Wunder, das Wissenschaftler auf der ganzen Welt, von Soziologen bis zu Informatikern, zu verstehen versuchen.

Knapp 150 verschiedene Studien listet der Wikimedia Research Newsletter der Wikimedia Foundation allein für das Jahr 2016 auf, in der monatlichen Übersicht werden diverse internationale Forschungsergebnisse kurz skizziert oder länger rezensiert. Auch deutsche Forscherinnen und Forscher richten ihren neugierigen Blick auf Wikipedia.

Eine gläserne Decke bei Wikipedia?

Für eine heikle Frage interessiert sich beispielsweise die Informatikerin Claudia Wagner, die eine Juniorprofessur an der Universität Koblenz innehat und am Leibnitz-Institut für Sozialforschung ein Team im Bereich Data Science leitet: Inwiefern spiegelt sich die Geschlechterungleichheit der Gesellschaft auch in Wikipedia-Inhalten wieder? Zusammen mit drei Forscherkollegen aus der Schweiz, Chile und den USA hat sie in einer Studie Biografien von Männern und Frauen aus der englischsprachigen Wikipedia einander gegenübergestellt.

In allen internationalen Ausgaben des Onlinelexikons regeln nur eher schwammig formulierte Kriterien, ob eine Person als "enzyklopädisch relevant" gilt oder nicht. Unter den etwa 900 000 Biografien der englischsprachigen Wikipedia beziehen sich etwa 16 Prozent auf Frauen. Ist es für Frauen schwieriger, die Ehre eines Wikipedia-Eintrags zu bekommen?

Um das beurteilen zu können, haben Wagner und ihre Kollegen versucht, die tatsächliche Prominenz aller Personen mit einem Wikipedia-Eintrag zu testen. Dafür haben sie zwei Messgrößen herangezogen: In wie vielen Sprachversionen existiert für die Person ein Wikipedia-Eintrag, und wie relevant ist sie oder er über Länder und Zeiträume hinweg auf Google Trends? Auf dieser Basis unterschieden sie zwei Gruppen: "Superstars" mit globaler Relevanz und "Local Heroes", die nur in einzelnen Ländern prominent sind.

Queen Elizabeth II. und die Premier-Minister des Commonwealth während der Commonwealth-Konferenz 1960 auf Schloss Windsor
© British Government / John G. Diefenbaker Library Collection, University of Saskatchewan / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern"Superstar" Elizabeth II.

Im Ergebnis machen die Forscher klar einen Effekt aus, den sie als "gläserne Decke" bezeichnen: Frauen müssen prominenter und relevanter als Männer sein, damit ihnen die Wikipedia-Community einen biografischen Eintrag zugesteht. In der Gruppe der Superstars war das kaum bedeutend, doch für weibliche Local Heroes lag die Einstiegshürde umso höher. Für den Effekt diskutieren Wagner und Kollegen drei Erklärungen.

Keine Quellen – kein Eintrag

Zum einen könnte das geschichtliche Erbe eine Rolle spielen. Für die Relevanzbeurteilung schreiben Wikipedia-Regularien die Existenz solider Quellen zur jeweiligen Person vor. Diese fehlen bei Frauen aber oft, meint Wagner: "Es ist ein historischer Bias. Das Leben von Frauen ist in der Geschichte schlechter dokumentiert, und das spiegelt sich dann auch in Nachschlagewerken wieder." Von Bedeutung sei eventuell auch das unausgewogene Verhältnis in der stark männlich dominierten Editoren-Community. Sozialwissenschaftliche Studien legen nahe, dass sich Menschen tendenziell eher mit Personen der eigenen sozialen Gruppe beschäftigen, Autoren also tendenziell eher über ihre Geschlechtsgenossen schreiben. Und denkbar sei auch, dass prominente oder semiprominente Männer auf Grund einer oft höheren Bereitschaft zur Selbstdarstellung Artikel über sich selbst anlegen.

Ob Frauen und Männer "im wichtigsten Nachschlagewerk unserer Zeit" die gleichen Chancen hätten, erfasst und angemessen dargestellt zu werden, sei gesellschaftlich hochrelevant, meint Wagner: "Wenn das nicht der Fall ist, ist das schlecht."

Parlamentarier als Wikipedia-Autoren

Um Biografien ging es auch in einer Studie an der Uni Konstanz, die ursprünglich auf eine Seminararbeit eines Studenten am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft zurückging. Sascha Göbel und Simon Munzert wollten wissen, inwiefern die politische Elite der Bundesrepublik Wikipedia als Tool der Selbstdarstellung ernstnimmt und aktiv mitgestaltet. Untersucht wurden alle 1100 Artikel über Abgeordnete aus dem aktuellen Bundestag sowie den zwei vorhergehenden Legislaturperioden. Im Fokus standen die "Edits" – die einzelnen Bearbeitungsschritte, in denen Artikel geschrieben und ergänzt, mitunter auch Informationen korrigiert oder gelöscht werden. Über die Bearbeitungshistorie eines jeden Artikels lassen sich diese minutiös nachvollziehen.

Und sie lassen sich teilweise auch zuordnen. Bei unangemeldeten Nutzern werden die jeweiligen IP-Adressen angezeigt, über die die verwendeten Rechnernetzwerke identifiziert werden können. Die Forscher interessierten sich besonders für die Edits aus dem Rechnernetzwerk des deutschen Bundestags, denn dessen IP-Adressraum ist bekannt.

Fehler ausgebessert und Hinweise gelöscht

Von den etwa 110 000 Edits, die über den Beobachtungszeitraum auf den Profilen der Parlamentarier stattfanden, stammten lediglich 2,2 Prozent aus dem Bundestag. Allerdings wurde fast exakt jede zweite Biografie mindestens einmal an einem Rechner mit Bundestags-IP editiert. Was veränderten die Bearbeiter in den jeweiligen Artikeln? Dazu ordneten die Forscher eine Stichprobe der Edits manuell sieben "qualitativen Dimensionen" zu:

  • nichtsubstanzielle Edits
  • Teilen privater Informationen
  • "Formen" des Lebenslaufs
  • Bereitstellen von Informationen zu Wahlkampagnen
  • Hervorheben von Erfolgen
  • Positives Umdeuten
  • Entfernen möglicherweise schädlicher Informationen

In der ersten Kategorie, den nichtsubstanziellen Edits, wurde nur Unwesentliches verändert. Auf der Biografie der Linken-Abgeordneten Gesine Lötzsch beispielsweise wurde eine falsche Zeitform und eine falsche Parteibezeichnung korrigiert. Ein Beispiel für Kategorie zwei: Bei der CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt wurde hinzugefügt, dass sie auf einem Bauernhof mit Metzgerei und Gasthaus aufwuchs.

Als deutlich problematischer könnte man die beiden letzten Kategorien ansehen. Bei Anette Hübinger (CDU) wurde ein Verweis auf einen nur sehr knappen Sieg beim Rennen um ein Mandat durch die Formulierung positiv umgedeutet, sie habe ihr Direktmandat erneut verteidigen können. Auf dem Profil des Linken-Politikers Lutz Heilmann wurden mit Bundestags-IP die Information entfernt, dass er in seinem Landesverband nur schwache innerparteiliche Unterstützung genossen habe, sowie Verweise auf eine Stasi-Vergangenheit gelöscht. Beim SPD-Politiker Thomas Oppermann verschwand die Erwähnung einer Mitgliedschaft in der Kontrollkommission des Verbands Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken.

Ob Abgeordnete selbst aktiv wurden, deren direkte Büromitarbeiter oder Mitarbeiter aus der Fraktion, ließ sich nicht sagen. Wie sich die einzelnen IP-Adressen des Bundestags intern verteilen, ist nicht bekannt. Klar ist nur, dass die Edits aus dem Parlamentsnetzwerk stammten.

Reichstagsgebäude in Berlin
© iStock / TommL
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 Bild vergrößernProfilschärfung

Wikipedia werde offenbar durchaus von der politischen Elite als relevant eingestuft, schlussfolgern die Wissenschaftler. Aber die insgesamt geringe Zahl an Edits habe sie doch überrascht, meint Munzert, Mitarbeiter am Mannheimer Zentrum für europäische Sozialforschung. Die Dunkelziffer könnte gleichwohl viel höher liegen. Denn wer seine Identität verschleiern möchte, dem macht es Wikipedia nicht sonderlich schwer: So kann man sich entweder ein Wikipedia-Profil zulegen, dann verschwindet die öffentliche Anzeige der IP-Adresse. Oder man bearbeitet Wikipedia einfach von außerhalb des Bundestagsnetzwerks. Das sei tatsächlich ein blinder Fleck in der Forschung, meint Munzert: "Im Prinzip ist es so: Die Autoren, deren IP-Adressen öffentlich angezeigt werden, wissen entweder nicht, wie Wikipedia genau funktioniert, oder es ist ihnen egal, dass Rückschlüsse auf die Herkunft der Editierung gezogen werden können."

Pluspunkt Datentransparenz

Auch für andere sozialwissenschaftliche Fragestellungen sei die Plattform ein ergiebiges Forschungstool, meint Munzert: "An der Wikipedia finde ich besonders reizvoll, dass sie viele Akteure zusammenbringt, aktive Editoren, darunter eben auch 'Eliten', und passive Nutzer. Und im Gegensatz zu den großen sozialen Netzwerken stellt sie Daten relativ transparent zur Verfügung." Jeder kann sich die komplette Wikipedia als "Dump" herunterladen und nach allen Regeln der wissenschaftlichen Kunst durchanalysieren. Der Mannheimer Forscher bereitet beispielsweise gerade eine ähnliche Studie mit erweitertem Fokus vor, bei der Aktivitäten der "verborgenen Wählkämpfer" in Deutschland, Belgien und den USA verglichen werden sollen.

Claudia Wagners Interesse gilt allgemein "sozio-technischen Kollaborationssystemen", die Onlineenzyklopädie zähle als eine der größten und wichtigsten Wissensquellen zu den spannendsten Vertretern. Wie wirkt sich die Gemeinschaftsarbeit auf die erstellten Inhalte aus? Etwa auf die Darstellung von Essenskulturen? Wie funktioniert die Zusammenarbeit einer so großen Gruppe von Menschen? Fragen wie diese würden sich bei Wikipedia ungleich besser beantworten lassen als bei anderen soziotechnischen Systemen, meint Wagner. Auch für sie gebe der offene Umgang mit Daten, den das Nachschlagewerk pflege, den Ausschlag.

Für beide ist die Wikipedia im Übrigen nicht nur nützliche Datenquelle. Lange hat die Plattform an den Unis den Ruf der Unwissenschaftlichkeit weg. Doch heute können sich Wagner und Munzert freimütig als Leser outen. Wikipedia sei auch dank der Verweise am Ende der Artikel "ein guter Eintrittspunkt, wenn man über ein Fachgebiet noch wenig weiß", meint Wagner. "Außerordentlich häufig" frequentiere er Wikipedia, sagt ihr Kollege Munzert, aber so gut wie nie editiere er selbst Artikel. "Mein schlechtes Gewissen diesbezüglich – immerhin profitiere ich als Forscher ja extrem – versuche ich deshalb über den Spendenweg auszugleichen."