spektrum.de: Was für ein Krankheitsbild steckt hinter "Buruli-Ulkus"?

Gisela Bretzel: Es ist eine Mykobakterien-Krankheit, die auch als "die kleine Schwester der Lepra" bezeichnet wird. Das Mycobacterium ulcerans setzt ein Gift frei. Dieses zerstört Haut und Gewebe und unterdrückt gleichzeitig die Immunabwehr der Patienten. Es entstehen große, nicht heilende, offene Wunden, die im fortgeschrittenen Stadium zu schweren Behinderungen führen. Arme, Beine und Gelenke sind oft so stark deformiert, dass als letzte Möglichkeit nur noch eine Amputation bleibt.

Ist eine Behandlung, gar Heilung möglich?

Gisela Bretzel bei der Untersuchung
© mit frdl. Gen. von Gisela Bretzel
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernGisela Bretzel bei der Untersuchung in Ghana

Wird die Krankheit rechtzeitig diagnostiziert, kann sie erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Oft sind auch chirurgische Eingriffe am erkrankten Gewebe mit Hauttransplantation notwendig. Für die weitere Behandlung ist dann Physiotherapie sehr wichtig.

Welche Regionen und Bevölkerungsgruppen sind von Buruli-Ulkus besonders betroffen?

Die Krankheit kommt in tropischen und subtropischen Regionen in etwa 30 Ländern Afrikas, Asiens, Amerikas und Ozeaniens vor, hauptsächlich jedoch in Westafrika. Dort, in Ghana und Togo, sind auch die Projekte unserer Arbeitsgruppe angesiedelt. Buruli-Ulkus betrifft überwiegend Kinder unter 15 Jahren. 5000 bis 6000 Fälle werden jährlich an die WHO gemeldet, die Dunkelziffer ist aber vermutlich um ein Vielfaches höher, weil es in vielen betroffenen Ländern, mit ihren weit verstreut liegenden kleinen Dörfern, oft keine geeigneten Infrastrukturen gibt, um Krankheitsfälle sicher ausfindig zu machen und zu diagnostizieren.

Dieses Problem gilt übrigens nicht nur für Buruli-Ulkus und Lepra, sondern auch für fast alle anderen vernachlässigten Krankheiten. Bei Buruli-Ulkus sind die Folgen für die überwiegend betroffenen Kinder jedenfalls schwerwiegend: Sie können irgendwann nicht mehr zur Schule gehen oder ihre Familien bei der Feldarbeit unterstützen. Die Krankheit bringt also auch das soziale Gefüge in den Dörfern in Gefahr.

Worin liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Meine Arbeitsgruppe hat in den vergangenen Jahren in Kooperation mit Partnerinstitutionen in Ghana und Togo, unter anderem dem Regionalbüro Togo der DAHW – der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe – Netzwerke für eine flächendeckende aktive Fallsuche und schnelle Diagnosemöglichkeiten implementiert: Medizinische Helferteams fahren von Dorf zu Dorf, um Erkrankte ausfindig zu machen und Gewebeproben und Abstriche zu nehmen. Dafür haben wir das einheimische medizinische Personal entsprechend geschult. Zugleich hat die DAHW in Togo groß angelegte Aufklärungsaktionen in der Bevölkerung durchgeführt. Mit Erfolg: Deutlich mehr Eltern als zu Beginn des Projektes bringen ihre Kinder nun in das nächste erreichbare Krankenhaus, um sie untersuchen zu lassen.

Lässt sich das beziffern?

Das Beispiel Togo zeigt: Beim Start unseres Projektes verstrichen oft mehrere Jahre, bevor ein Krankheitsfall entdeckt wurde. Diese Zeit hat sich mittlerweile auf zwei bis drei Monate reduziert. Wir konnten den Menschen also vermitteln, dass die Diagnostik extrem wichtig ist, umso mehr, wenn die Infektionswege unklar sind.

Einheimische Gesundheitshelfer beim Gruppenfoto
© mit frdl. Gen. von Gisela Bretzel
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 Bild vergrößernUnterstützung von einheimischen Gesundheitshelfern
Die deutschen Ärzte, darunter Gisela Bretzel (untere Reihe rechts), arbeiten in Ghana mit einheimischen Gesundheitshelfern zusammen. Die geschulten Helferteams fahren von Dorf zu Dorf, um Erkrankte ausfindig zu machen.

Man weiß also nicht genau, wie das Bakterium übertragen wird?

Nein, wir gehen aber davon aus, dass keine Infektion von Mensch zu Mensch stattfindet. Höchstwahrscheinlich steht das Bakterium in Zusammenhang mit ruhenden oder langsam fließenden Gewässern. Menschen, die solche Gewässer täglich auf dem Weg zu ihren Feldern überqueren, oder Kinder, die darin spielen, erkranken, Menschen ohne Kontakt zum Wasser nicht. Forscher konnten in Wassertieren und -pflanzen Spuren des Mykobakteriums nachweisen, der genaue Übertragungsweg auf den Menschen ist aber noch unklar.

Und was macht die Diagnose so schwierig?

Buruli-Ulkus kann mit einer Reihe anderer Tropenerkrankungen verwechselt werden. Erst der Nachweis einer für das Mykobakterium spezifischen Gensequenz im Labor kann die Verdachtsdiagnose eindeutig bestätigen. Wir mussten in unserer Arbeit Methoden und Wege finden, um die Entnahme von Gewebeproben oder Abstrichen von Erkrankten für die Untersuchung im Labor zu systematisieren. Wir haben dafür einfach zu handhabende Probenentnahme-Sets mit den bereits vorbereiteten Pufferlösungen für die Aufbewahrung der Proben entwickelt. Für die Labore haben wir eine "tropentaugliche", auf Trockenreagenzien basierende molekularbiologische Diagnostikmethode, die Polymerase-Kettenreaktion oder PCR, zum Nachweis der Buruli-Erkrankung etabliert. Während bei der konventionellen PCR die Reagenzien gekühlt gelagert werden müssen, schadet es den Trockenreagenzien nicht, wenn – wie so oft in Afrika – der Strom und damit der Kühlschrank ausfällt.

Die Weltgesundheitsheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit etwa eine Milliarde Menschen unter einer der vernachlässigten Krankheiten leiden. Viele bleiben unbehandelt. Betroffen sind hauptsächlich die Entwicklungsländer – mit fatalen Folgen für das soziale Gefüge und die volkswirtschaftliche Entwicklung der Regionen.

  • Bandwurm-Erkrankungen
  • Bilharziose
  • Buruli-Ulkus
  • Chagas-Krankheit
  • Cholera und andere epidemische Durchfallerkrankungen
  • Dengue-Fieber
  • Dracunculiasis (Guineawurm)
  • Elefantiasis
  • Flussblindheit
  • bestimmte Aspekte von HIV/Aids (nicht lt. WHO-Definition)
  • Leishmaniose (Kala Azar oder Orientbeule)
  • Lepra
  • Malaria (nicht lt. WHO-Definition)
  • Afrikanische Schlafkrankheit
  • Schlangenbisse
  • Trachom (Augenentzündung, die zur Erblindung führen kann)
  • endemische Treponematosen (z.B. Syphilis)
  • Tuberkulose (nicht lt. WHO-Definition)
  • durch Erdkontakt übertragene Wurmerkrankungen
  • Tollwut und Zoonosen (durch Wirbeltiere auf Menschen übertragene Krankheiten)

Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?

Wir – und damit meine ich auch Wissenschaftler, die an einer der anderen vernachlässigten Krankheiten forschen – sind auf die Förderung durch die Europäische Union, staatliche Fördermittel aus Deutschland und auf Stiftungen angewiesen. Großartige Hilfe leisten auch Kollegen wie der Mediziner Jörg Nitschke, der bis zu seinem Ruhestand Chefchirurg an verschiedenen großen deutschen Kliniken war und auch immer wieder für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz ist. In unseren Buruli-Projekten nimmt er chirurgische Eingriffe an den Patienten vor und schult das einheimische medizinische Personal in Diagnose und Behandlung – gegen ein eher symbolisches Honorar.

Wird die Erforschung vernachlässigter Krankheiten in Deutschland genug gefördert?

Nein, leider nicht. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Bundesforschungsministerium können zwar Fördermittel für die Forschung an vernachlässigten Krankheiten in Afrika beantragt werden. In der Afrika-Initiative der DFG wurden in den ersten beiden Ausschreibungsrunden seit 2007 aber nur rund ein Dutzend solcher Projekte ausgewählt, in der Initiative des BMBF zu deutsch-afrikanischen Forschungsnetzwerken hat es nur eine vernachlässigte Erkrankung in die engere Auswahl geschafft. In beiden Fällen ging die Mykobakterienforschung leer aus. Was uns aber nicht entmutigt, weiterhin Anträge zu stellen.

Und was passiert, wenn eine Förderung ausläuft?

Unser Projekt in Ghana wurde zunächst von der Volkswagenstiftung gefördert, dann durch EU-Mittel. Anders als "große" Tropenkrankheiten wie etwa Malaria können die vernachlässigten Krankheiten aber nicht mit Mitteln in Millionenhöhe rechnen, die Größenordnung ist eher im sechsstelligen Bereich. Generell ist die finanzielle Situation daher schwierig. In Togo engagiert sich glücklicherweise die DAHW finanziell, so dass dort eine Basisversorgung sicher gestellt ist.

Tropentaugliche Diagnostik
© mit frdl. Gen. von Gisela Bretzel
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 Bild vergrößernTropentaugliche Diagnostik

Weltweit werden jährlich etwa 2,2 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung der vernachlässigten Krankheiten investiert. Der Bedarf sei jedoch mehr als doppelt so hoch, sagt die WHO. Was bedeutet diese Lücke für Ihre Arbeit?

Wie mir der Leiter des ghanaischen Buruli-Kontrollprogramms kürzlich bestätigt hat, können die diagnostischen Netzwerke mangels staatlicher Mittel nicht aus eigener Kraft aufrechterhalten werden. Doch genau dies – Nachhaltigkeit – ist wichtig, um die Krankheiten wirklich erfolgreich bekämpfen zu können. Die Pharmaindustrie kommt als Förderin kaum in Frage: Ihr Interesse an den vernachlässigten Krankheiten ist gering, weil keine großen Absatzmärkte und somit auch kein Profit zu erwarten sind. Also brauchen wir die Ministerien und die Förderinstitutionen an unserer Seite.

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Memento Preis?

Ärzte ohne Grenzen und die DAHW sind wichtige Stimmen, wenn es um medizinische Hilfe in Entwicklungsländern geht. Ich hoffe, potenzielle Förderer und die Politik verstehen den Preis als Signal, die Bekämpfung vernachlässigter Krankheiten, verstärkt zu unterstützen.