Im Einzugsbereich der altägyptischen Reichshauptstadt Memphis erstreckt sich über Dutzende von Kilometern und parallel zum Verlauf des Nils eine gewaltige Nekropole. Die Totenstadt war nahezu während der gesamten 3000-jährigen pharaonischen Geschichte in Benutzung. Jetzt haben tschechische Archäologen dort einen Aufsehen erregenden Fund gemacht: Eine 18 Meter lange Barke, die trotz ihres hohen Alters von wahrscheinlich rund 4550 Jahren noch erstaunlich gut erhalten ist. Sie wurde einst einem Verstorbenen mit auf die letzte Reise gegeben.

Zu verdanken sei der ausgezeichnete Erhaltungszustand des Schiffs dem warmen Klima und der Lagerung im trockenen Sand, erklären die Ausgräber unter Leitung von Miroslav Bárta. Die Archäologen der Prager Karls-Universität graben bereits seit vielen Jahren an Ort und Stelle. Das Gelände der Nekropole Sakkara-Nord, das für seine Königsgräbern aus der 2. Dynastie (zirka 2850 – 2700 v. Chr.) bekannt ist, geht hier in dasjenige von Abusir-Süd über, wo sich Pyramiden und Heiligtümer aus der 5. Dynastie (zirka 2500 – 2350 v. Chr.) finden.

Was die Forscher am meisten begeistert, ist die Tatsache, dass hier erstmals die Schiffsplanken allesamt noch in ihrer originalen Position ergraben wurden. Auch die Holzstifte und die Seile, mit denen sie zusammengehalten wurden, und sogar die Pflanzenfasern zur Abdichtung der Plankenfugen sind noch vorhanden. Um den einzigartigen Befund umfassend zu dokumentieren und auszuwerten, holen sich die tschechischen Archäologen jetzt Unterstützung von Experten des Institutes of Nautical Archaeology der Texas A & M University.

Gute Reise ins Jenseits

Bei vergleichbaren früheren Funden – wie zuletzt 1991 in Abusir oder Ende 2012 in Abu Roasch – waren die hölzernen Bestandteile der Schiffe immer entweder stark verrottet und entsprechend die Planken verrutscht. Im bekanntesten Fall, den beiden "Sonnenbooten" des Pharao Cheops, wurden die Wasserfahrzeuge zunächst sogar in ihre Bestandteile zerlegt und dann erst dem Herrscher als Grabbeigabe mitgegeben. Die eine dieser Barken kann heute unmittelbar am Fundort neben der Pyramide besichtigt werden, die andere wird gerade in den Restaurierungswerkstätten des neu entstehenden archäologischen Museum in Giza zusammengebaut.

Die Barke von Abusir
© Archives of the Czech Institute of Egyptology, V. Dulíková
(Ausschnitt)
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Das hölzerne Schiff verrät, wie die alten Ägypter ihre Wasserfahrzeuge bauten. Die Planken wurden durch Holzdübel verbunden, Seile hielten die Konstruktion zusammen – an vielen Stellen sind solche Feinheiten noch erhalten.

Von der jüngst entdeckten Barke erhoffen sich Forscher nun eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen über die damalige Schiffsbaukunst. Doch als bedeutsam könnte sich auch die offensichtlich isolierte Lage der Barke von Abusir entpuppen. Warum die Ägypter manchen Verstorbenen solche Schiffe als Grabbeigaben mitgaben, ist noch nicht in allen Details geklärt, einig ist sich die Fachwelt immerhin, dass sie dem Verstorbenen die Fortbewegung im Reich der Toten ermöglichen sollten, das man sich analog zum diesseitigen Niltal als von einem großen Unterweltfluss durchzogen vorstellte. Bei den "Sonnenbarken" des Cheops konnte anhand von Abnutzungsspuren sogar nachgewiesen werden, dass diese schon zu Lebzeiten des Pharao in Gebrauch waren und nicht explizit als Grabbeigabe hergestellt wurden.

In der frühdynastischen Zeit (1. und 2. Dynastie) und dem Alten Reich (3. bis 6. Dynastie) war es nach bisherigem Kenntnisstand ein Privileg des Pharao, solche funktionsfähigen Wasserfahrzeuge für seinen Aufenthalt im Jenseits mitzubekommen, denn sie wurden immer nur in unmittelbarer Nähe der königlichen Bestattungen aufgefunden. In Abusir fehlt aber das dazugehörige Pharaonengrab. Stattdessen hatten die tschechischen Archäologen schon in der Grabungssaison 2009/2010 unweit des aktuellen Fundplatzes eine mit 52,6 mal 23,8 Metern Grundfläche auffällig große Mastaba freigelegt – einen Grabbau, dessen kastenförmiger Oberbau durch schräg gestellte Wände gekennzeichnet ist. Da unter den rund 100 Steingefäßen aus den unterirdischen Räumlichkeiten zumindest eines beschriftet war, und dies glücklicherweise mit einem königlichen Thronnamen, konnte die Anlage, die damals markant im Friedhofsareal herausstach und jetzt von den Ausgräbern die Nummer AS 54 erhielt, datiert werden: Sie stammt aus der Zeit des Pharao Huni, des letzten Repräsentanten der 3. Dynastie (zirka 2690 – 2670 v. Chr.).

Mysteriöser Pharao Huni

Dieser Herrscher gibt noch viele Rätsel auf. Trotz seiner 24 Regierungsjahre, die ihm zumindest in später zusammengestellten ägyptischen Königslisten des Neuen Reiches zugewiesen werden, ist er mit zeitgenössischen Denkmälern kaum im Niltal präsent. Er wird als letzter Herrscher der 3. Dynastie geführt, ist aber wahrscheinlich mit den Pharaonen der 4. Dynastie verwandt. Es ist nicht einmal gesichert, wie er wirklich geheißen hat, denn die zweite Silbe "ni" seines Namens könnte eine Verballhornung des Königstitels "nisut" in der späteren Überlieferung sein. Hu wäre dann die verstümmelte Wiedergabe seines unbekannten vollständigen Namens. "Huni" ist die überlieferte Version seines Thronnamens; zur königlichen Titulatur gehörte jedoch auch der so genannte Horusname. Mehrere Denkmäler der ausgehenden 3. Dynastie überliefern solche Horusnamen, die sich bislang keinem bekannten Thronnamen zuweisen lassen und von denen einer, am wahrscheinlichsten Chaba, mit Huni zu identifizieren sein dürfte.

Der Grabherr der Mastaba AS 54 muss schon auf Grund von deren Ausmaßen eine hochgestellte Persönlichkeit im allernächsten Umfeld des Pharao gewesen sein; vielleicht war er sogar – aber das ist überwiegend Spekulation – für dessen Totenkult zuständig. Da es seinerzeit wichtig war, auch nach dem Tod im Jenseits dem Dienstherrn möglichst nahe zu sein, bemühten sich, wie die Beamtenfriedhöfe im Umfeld der diversen königlichen Pyramiden belegen, die allerhöchsten Würdenträger stets um ein Grab unweit des toten Pharao. Das dürfte auch für den Besitzer der großen Mastaba in Abusir gegolten haben. Schon bei deren Auffindung hatte Miroslav Bárta deswegen den Verdacht geäußert, dass sich die immer noch nicht eindeutig identifizierte letzte Ruhestätte des Huni ebenfalls in Abusir-Süd befinden könnte.

So könnte auf den spektakulären Fund der vollständig erhaltenen Barke bald die nächste Sensation, die Wiederentdeckung eines Pharaonengrabes, folgen.