Im Februar 2014 forderte "Scientific American", die US-amerikanische Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft", das Verbot von psychoaktiven Drogen wie MDMA und LSD zu lockern. Obwohl manche der Substanzen ursprünglich sogar eigens für die pharmazeutische Anwendung entwickelt worden waren, hatte die US-Regierung ihnen im Jahr 1970 ihre medizinische Wirkung abgesprochen – und sie in deshalb in "Anhang I", die strengste Kategorie des amerikanischen Betäubungsmittelgesetzes, verbannt. Ähnlich stark werden die Rauschmittel in Deutschland und den meisten anderen Ländern auf der Welt reguliert: Handel und Abgabe sind strafbar. Das unterbindet allerdings nicht nur den Missbrauch der Substanzen, sondern auch ihre weitere medizinische Erforschung. Etwas, das man sich kaum leisten könne, mahnte die "Scientific American"-Redaktion. Vor allem im Hinblick auf die Zunahme zahlreicher psychischer Erkrankungen, die die marktüblichen Psychopharmaka heute in vielen Fällen ebenso wenig zu heilen vermögen wie noch vor 70 Jahren.

Fast vier Jahre nach dieser Aufforderung stehen die Zeichen auf Wandel. Ende November 2016 gab die US-Arzneimittelbehörde FDA dem kalifornischen Forschungsförderverband Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) grünes Licht für die Durchführung so genannter Phase-III-Studien mit MDMA. Die Chemikalie, die vor allem als Inhaltsstoff der Partydroge Ecstasy bekannt ist, soll die Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) unterstützen. In ihrer abschließenden Beurteilung Ende August 2017 verlieh die Behörde der Therapie den Status "Breakthrough Therapy" und signalisierte damit, dass sie signifikante Vorteile gegenüber allen bisher verfügbaren Methoden bieten könnte. Damit steht den klinischen Arzneimitteltests, die MAPS Anfang 2018 mit etwa 300 Probanden starten will, nichts mehr im Weg.

Neben MDMA könnten auch psychedelische Substanzen wie das chemisch synthetisierte LSD oder Psilocybin, der Inhaltsstoff der "magic mushrooms", die Psychotherapie bereichern. Auch hier hat die Forschung in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen. Im Juni 2017 kündigte der Psychologe William Richards von der Johns Hopkins University in Baltimore auf einer Pressekonferenz an, die psilocybinassistierte Therapie ebenfalls in größeren Studien erproben zu wollen. Dazu sollen je 100 krebskranke und körperlich gesunde Probanden mit Angst und Depression den Wirkstoff erhalten.

Ein Blick zurück

Der Begriff "psychedelisch" setzt sich aus den griechischen Wörtern "psȳchḗ" (Psyche) und "dēloũn" (offenbaren, klarmachen) zusammen und ist eine Schöpfung des britischen Psychiaters Humphry Osmond und des Schriftstellers Aldous Huxley. Psychedelika verändern die Wahrnehmung, lassen die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt verschwimmen. Meist geht ihre Einnahme mit Halluzinationen einher, für die vor allem LSD berüchtigt ist. Im Juni 2017 jährte sich der "Summer of Love", in dem die Hippiebewegung in den USA ihren Höhepunkt erreichte, zum 50. Mal. Bis heute geistern die farbenfreudigen Muster durch das Bewusstsein der Öffentlichkeit, welche die synthetische Droge der Flower-Power-Generation bescherte. Doch natürliche Halluzinogene wie das Dimethyltryptamin (DMT) im Ayahuasca-Tee aus Pflanzen des Amazonasbeckens sind in indigenen Kulturen weltweit bereits seit Jahrtausenden im Gebrauch – teils um spirituelle Erfahrungen zu erzeugen, teils um bei der Bewältigung von Krankheiten oder inneren Konflikten zu helfen. So verwundert es kaum, dass auch Wissenschaftler sich bald zu fragen begannen, ob solche Substanzen der modernen Medizin nutzen könnten.

1886 veröffentlichte der deutsche Pharmazeut Louis Lewin die erste systematische Untersuchung des Peyote-Kaktus. Eines seiner Bestandteile: das Halluzinogen Meskalin, das sich rund 80 Jahre später neben LSD ebenfalls großer Beliebtheit in der Drogenszene erfreute. 1958 isolierte der Schweizer Chemiker Albert Hoffmann, der bereits 15 Jahre zuvor durch Zufall am eigenen Leib die berauschende Wirkung von Lysergsäurediethylamid entdeckt hatte, den Wirkstoff aus halluzinogenen Pilzen. Mehr als 700 wissenschaftliche Studien beschäftigten sich in dieser frühen Forschungswelle mit dem Heilpotenzial von Psilocybin und Co. – und fanden Hinweise darauf, dass sie vor allem bei der Therapie von psychischen Erkrankungen helfen könnten. Statt sich auf die Forschung zu konzentrieren, propagierten jedoch Gurus wie der Harvard-Psychologe Timothy Leary bald die psychedelikabasierte Erleuchtung der Gesellschaft. Die unkontrollierte Verbreitung der Substanzen führte schließlich in den meisten Ländern der Welt zum Verbot.

Inzwischen haben Ärzte und Pharmakologen die medizinische Erforschung der Drogen auf fast allen Kontinenten wieder aufgenommen. Sie testen Psychedelika wie LSD und Psilocybin, aber auch das Empathogen MDMA auf ihren Einsatz bei Ängsten und Zwangsstörungen, Autismus und Schizophrenie oder auch Alkohol-, Nikotin- und Drogensucht. Manche Untersuchungen stützen sich auf die Erfahrungsberichte von Probanden, die die Substanzen illegal konsumieren, oder auf statistische Analysen. Doch mehr und mehr erhalten Wissenschaftler auch Sondergenehmigungen, um die Rauschmittel unter kontrollierten Bedingungen Betroffenen zu verabreichen. Tierversuche und erste Studien lieferten bereits Mitte der 1990er Jahre Hinweise darauf, dass zumindest Psychedelika in medizinisch wirksamen Dosen ungiftig sind und in der Regel nicht abhängig machen. Manche Experten betrachten sie deshalb als weniger schädlich als beispielsweise Alkohol oder Zigaretten.

Verdrängtes Grauen verarbeiten

MDMA (ausgeschrieben: 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin) scheint auf Grund seiner stimmungshebenden Eigenschaft vor allem Potenzial bei der Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen zu haben. Der Auslöser für eine PTBS ist stets ein außergewöhnlich belastendes Ereignis. Dabei kann es sich um Krieg, Folter, Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt handeln, doch auch schwere Autounfälle oder Naturkatastrophen können traumatisieren. Die Betroffenen werden von der ständigen oder wiederkehrenden Erinnerung an das Erlebte gequält, sei es durch Flashbacks oder Albträume, und meiden gezielt Situationen, die damit in Verbindung stehen. Obwohl sie das Geschehene immer wieder durchleben, weist ihre Erinnerung oftmals Lücken auf. Viele Betroffenen sind schreckhaft, ziehen sich sozial immer mehr zurück oder leiden an Beschwerden wie Schlaf- oder Konzentrationsstörungen. MDMA kann den Patienten möglicherweise die Konfrontation mit dem traumatischen Ereignis während der Behandlung erleichtern.

Zwei Drittel der Probanden, die MDMA in den ersten Sitzungen einer mehrmonatigen Psychotherapie bis zu dreimal einnahmen, waren anschließend als geheilt zu betrachten

Das Empathogen unterdrückt die Aktivierung des Angstzentrums in der Amygdala und regt die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin an, der die Stimmung hebt und Furcht dämpft. Nach der Einnahme sollen sich die Betroffenen ohne Panik an das Erlebte erinnern können, es aus einer neuen Perspektive bewerten und lernen, damit abzuschließen – so der Grundgedanke der MDMA-assistierten Psychotherapie. Bis 2015 sponserte MAPS sechs Studien in Charleston und Boulder in den USA sowie in der Schweiz, Kanada und Israel. Einige sind noch unveröffentlicht, doch ihre Ergebnisse liegen der FDA vor. "Zwei Drittel der 90 Probanden, die MDMA in den ersten Sitzungen einer mehrmonatigen Psychotherapie bis zu dreimal einnahmen, waren anschließend als geheilt zu betrachten", sagt MAPS-Geschäftsführer Rick Doblin. "Nach der Behandlung und auch noch Jahre darauf waren sie völlig symptomfrei."

Halluzinationen gegen die Angst vor dem Tod

Chancen sehen Forscher auch für psilocybinassistierte Psychotherapien. Im November 2016 erschienen gleich zwei randomisierte und placebokontrollierte Studien im "Journal of Psychopharmacology", welche die Substanz an Krebspatienten mit schlechten Aussichten auf Heilung testeten. Eine Vergleichsgruppe bekam entweder eine sehr niedrige Dosis des Halluzinogens oder aber ein Mittel zur Absenkung der Blutfettwerte verabreicht. Wenige Wochen später drehten die Forscher den Spieß um: Nun erhielten die Kontrollteilnehmer die Droge, während die anderen das Scheinmedikament einnahmen. Dabei entdeckten die Wissenschaftler, dass bereits die einmalige Einnahme von Psilocybin die Ängste und Depressionen der Probanden zu lindern vermochte. "Die Schmerzen verloren an Bedeutung, die Menschen vertieften ihre Beziehung zu Familienmitgliedern und Freunden und lebten ihr verbleibendes Leben sehr viel intensiver als zuvor", erklärt der Psychologe William Richards von der Johns Hopkins University in Baltimore, der an einer der beiden Untersuchungen beteiligt war. Noch Monate nach der Behandlung fürchteten sich mehr als zwei Drittel der insgesamt 80 Versuchsteilnehmer deutlich weniger vor dem eigenen Tod.

Dafür sind in den Augen einiger Forscher die mystischen Erfahrungen verantwortlich, die Konsumenten von Psilocybin häufig machen. "Es ist weniger die Droge selbst als vielmehr die Erinnerung an diese Erfahrung, die eine nachhaltige Transformation bewirkt", glaubt Richards. "Je vollständiger die Erfahrung mystischen Bewusstseins, von Unendlichkeit oder Ewigkeit ausfällt, desto besser wirkt sie."

Psilocybin zerfällt nach Einnahme zu Psilocin, das im Gehirn an so genannte 5-HT2A-Rezeptoren bindet und für etwa fünf bis acht Stunden das Andocken von Serotonin verhindert. Damit wirkt es ähnlich wie LSD, das ebenso außergewöhnliche geistige Phänomene hervorruft – und das Pilotstudien zufolge therapiebegleitend ebenfalls Ängste zu lindern vermag. Untersuchungen im Hirnscanner zeigen, dass beide Substanzen die neuronale Aktivität verändern. Hirnregionen, die mit Kontrollfunktionen assoziiert sind, drosseln ihre Aktivität nach der Einnahme, erläutert Robin Carhart-Harris, Leiter der psychedelischen Forschung am Imperial College London. Dafür kommen Kontakte zwischen Regionen zu Stande, die im Normalfall nicht miteinander kommunizieren. Ob sie das Bewusstsein jedoch wirklich "erweitern", ist unklar.

Keine Wundermittel

Sicher sind sich Forscher vor allem in einem: Psychedelika und Empathogene sind keine Wundermittel, die nach der Einnahme Krankheiten einfach so beseitigen. Vielleicht aber sind sie Katalysatoren, die den Boden für eine Heilung bereiten können. Die Wirkung der Substanzen ist vom Umfeld und von der Psyche der Patienten abhängig. In wissenschaftlichen Studien werden die Teilnehmer von ausgebildeten Therapeuten begleitet, zu denen sie bereits im Vorfeld eine Vertrauensbeziehung aufbauen konnten. Im Anschluss sowie einige Tage später trifft man sich erneut, um das Erlebte zu integrieren. Zur Selbstmedikation sind LSD und Co. schon deshalb ungeeignet, weil die surrealen geistigen Erscheinungen, die sie hervorrufen, selbst traumatisch sein können – etwa wenn eine latente Psychose vorliegt oder Konzepte für die Interpretation fehlen. Die Auflösung des eigenen Selbst oder ein "Horrortrip" können langfristige negative Folgen haben.

Die Rauschmittel haben nicht nur Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen. In den oben erwähnten Studien aus dem "Journal of Psychopharmacology" reagierten beispielsweise 15 Prozent der Teilnehmer auf die Einnahme von Psilocybin mit Übelkeit und Erbrechen. Ein Drittel klagte über Unwohlsein, Angst, Paranoia oder Bluthochdruck. Viele der bislang durchgeführten Studien sind zudem nicht ohne Schwächen. So gestalten sich etwa Verblindung und Placebokontrolle schwierig, weil speziell halluzinogene Substanzen in aller Regel eine so deutliche Wirkung hervorrufen, dass die Versuchspersonen vermutlich erahnen können, ob sie gerade eine Droge oder ein Scheinmedikament erhalten haben. Die niedrigen Probandenzahlen schränken die Beweiskraft der Untersuchungen ein und auch ethische Fragen bleiben zum Teil noch offen: Darf man das Machtgefälle zwischen Patient und Therapeut durch den Einsatz von bewusstseinsverändernden Drogen tatsächlich noch weiter vergrößern? Bildgebungsstudien lassen ebenfalls noch viel Raum für Spekulation; für eindeutige Aussagen gibt es noch zu wenige.

Die beiden groß angelegten Arzneimittelstudien zu MDMA und Psilocybin, die für 2018 geplant sind, werden hoffentlich mehr Klarheit bringen. Während die MAPS die Millionen einwirbt, die ihre Durchführung kosten wird, bilden die beteiligten Institute Therapeuten für die speziellen Anforderungen aus und rekrutieren die Probanden, sagt Rick Doblin. Künftig will die Organisation auch mit der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA verhandeln und 2019 MDMA-Tests in Europa starten.