Spektrum.de: Frau Bänninger-Huber, inhaltlich hat sich Angela Merkel am Sonntagabend bei vielen Dingen nicht so recht festlegen wollen. Was hat die Kanzlerin durch ihre Körpersprache und ihre Mimik preisgegeben?

Eva Bänninger-Huber: Frau Merkel hat fast gar keine Mimik gezeigt. Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Gesichtern und mimischen Veränderungen, aber ihr waren ihre Emotionen kaum anzusehen. Normalerweise zeigen Menschen in Gesprächssituationen eine Menge so genannter Mikroexpressionen, winzige Gesichtsbewegungen wie das Hochziehen der Oberlippe, die nur einen kurzen Moment dauern und zum Beispiel signalisieren, dass jemand einen Sachverhalt negativ bewertet. Bei der Kanzlerin ist so etwas kaum vorgekommen. Das Gleiche gilt für typische Spannungszeichen wie Lippen zusammenpressen, sich ans Ohrläppchen fassen oder durch die Haare streichen. Frau Merkel hat ein Pokerface extremster Art.

Und wie sah es bei Martin Schulz aus?

Eva Bänninger-Huber
© Michael Reusse, München
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernEva Bänninger-Huber, Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Innsbruck

Martin Schulz war viel lebendiger. Er hat oft die Augenbrauen hochgezogen und auch häufiger gelächelt. Doch auch er hat nur selten negative Emotionen gezeigt. Ich gehe davon aus, dass beide trainiert haben, ihre negativen Gefühle zu verbergen und das ist ihnen gut gelungen.

Wer hat sich im Hinblick auf Mimik und Körpersprache besser präsentiert: Merkel oder Schulz?

In meinen Augen Schulz. Wenn jemand so wenig preisgibt wie Frau Merkel, dann weiß das Gegenüber nicht, woran es bei der betreffenden Person ist. Mimik und Gestik sind ja immer auch Hinweise: Jemand sagt etwas, und das Gegenüber macht einen entsprechenden Gesichtsausdruck dazu. Daran merkt der Sprecher, wie das Gesagte bei seinem Gesprächspartner angekommen ist. Wenn das nicht stattfindet, ist das seltsam. Wir untersuchen zum Beispiel Paare oder Mütter mit ihren erwachsenen Töchtern, die über Schuldgefühle oder andere negative Themen sprechen. Zwischen solchen Interaktionen und der von Merkel und Schulz liegen Welten. Wenn ein Liebespaar so miteinander umgehen würde wie die beiden, dann wäre das kein gutes Zeichen für die Beziehung.

Wie untersuchen Wissenschaftler die menschliche Mimik?

Wenn wir eine Gesprächssituation analysieren, machen wir zunächst Videoaufnahmen von den beteiligten Personen und legen die Gesichter als Großaufnahmen im Split Screen nebeneinander. So können wir genau sehen, wie jemand auf den Gesichtsausdruck seines Gegenübers reagiert. Um alle beobachtbaren mimischen Bewegungen objektiv zu erfassen, arbeiten wir mit dem so genannten Facial Action Coding System (FACS), das 1978 von den US-Psychologen Paul Ekman und Wallace Friesen entwickelt worden ist. Hier werden alle einzelnen Muskelbewegungen mit Nummern bezeichnet und wir erfassen genau, wann eine Bewegung beginnt und wann sie endet. Action Unit 12 steht zum Beispiel für ein Lächeln. Auf Basis von Forschungsarbeiten können wir bestimmten Muskelkombinationen schließlich auch bestimmte Emotionen zuordnen, also etwa unterscheiden, ob es sich um ein echtes oder ein aufgesetztes Lächeln handelt.

Welche Form des Lächelns hat man als Zuschauer bei Frau Merkel und Herrn Schulz am Sonntagabend häufiger gesehen: echt oder aufgesetzt?

Die Kandidaten haben eigentlich selten spontan gelächelt. Ab und an hat Frau Merkel gelächelt, um eine Beziehung zu Herrn Schulz aufzubauen. Aber sie hat ihn auch belächelt.

Wie gut kann man einen Menschen überhaupt auf Basis solcher nonverbalen Signale durchschauen?

Wenn jemand gut darin ist, seine Emotionen zu verbergen, dann bleibt man im Ungewissen. Aber man lernt oft wahnsinnig viel über die Beziehung zwischen den Menschen. Wir haben zum Beispiel Mütter und ihre Töchter untersucht, die an Anorexie leiden. Hier findet in der Mimik häufig ein richtiger Machtkampf statt. Die Mütter lächeln häufig und machen viele Beziehungsangebote, während die Töchter zum Teil nicht einmal zur Mutter hinschauen. Die Forschung hat auch gezeigt, dass es Geschlechtsunterschiede im Hinblick auf das Mienenspiel gibt: Frauen lachen und lächeln andere Menschen etwa häufig an, um eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Männer tun das eher weniger. Dafür lachen sie oft über ihre eigenen witzigen Bemerkungen. Frauen unterstützen den Mann dann und lachen mit – sozusagen der Beziehung zuliebe.

Im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit untersuchen Sie auch die Mimik und Gestik von Ärzten und Patienten während Psychotherapiesitzungen. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Wir wollen herausfinden, welche nonverbalen Verhaltensweisen zu einer erfolgreichen Psychotherapie beitragen. Im Rahmen unserer Forschung untersuchen wir in erster Linie psychoanalytische Therapiesitzungen. Dabei konnten wir bereits entdecken, dass produktive Behandlungsstunden dadurch gekennzeichnet sind, dass der Therapeut nur selektiv auf Lächeln und Lachen des Patienten eingeht und so eine Balance zwischen Beziehungssicherheit und Konfliktspannung aufrechterhält. Außerdem beschäftigen wir uns mit den Themen Weinen und Schweigen. Weinen kommt oft während einer Therapie vor, in unserem Material allerdings interessanterweise nur bei den weiblichen Patienten. Wenn diese aufgelöst zusammenbrechen, dann ist das für den Therapeuten eine schwierige Situation. Im Alltag würden man die betreffende Person trösten, aber Therapeuten müssen Wege finden, ihre Patienten zu beruhigen, ohne sie in den Arm zu nehmen. Und dabei können nonverbale Verhaltensweisen eine gewisse Rolle spielen.

Vielen Dank für das Gespräch!