Im Jahr 2013 stand Beau Kilmer vor einer recht kniffligen Bestandsaufnahme: Gerade hatten die Wähler im US-Bundesstaat Washington beschlossen, den Freizeitkonsum von Marihuana zu legalisieren; und nun war der staatlichen Alkoholkontrollbehörde die Aufgabe zugefallen, den boomenden neuen Markt zu regulieren. Dafür brauchte sie dringend Daten: über die Zahl der Drogennutzer, und, besonders wichtig, auch über die Menge der von ihnen konsumierten Mengen.

Von Beginn an war klar: An diese Daten heranzukommen, dürfte nicht ganz einfach werden. So korrigiert jeder Drogenkonsument – und ganz besonders der gewohnheitsmäßige Vielnutzer – bei direkten Nachfragen die Menge seines tatsächlichen Verbrauchs nach unten. Also musste Kilmer, Kodirektor des RAND Drug Policy Research Center im kalifornischen Santa Monica, mit einem Expertenteam ein webbasiertes Umfragetool entwickeln, dem die Befragten dann ihren tatsächlichen Monats- und Jahrescannabiskonsum anvertrauen sollten. Beim Schätzen half das Programm den Befragten am Ende mit Bildern von exakt portionierten "Gras"-Häufchen. Am Ende machte diese Umfrage – zusammen mit anderen Datensätzen – einen recht drastischen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Realität deutlich: Zuvor hatten die Behörden einen Verbrauch von 85 Tonnen pro Jahr geschätzt; die Kilmer-Daten zeigten dagegen eine gut doppelt so große Menge, etwa 175 Tonnen. Daraus lässt sich vor allem schlussfolgern, meint Kilmer, "das wir besser anfangen sollten, möglichst mehr Daten zu sammeln".

Dieser Aussage können Forscher weltweit nur zustimmen. Überall auf dem Globus entstehen gerade Gesetze zur Cannabislegalisierung, und die Strafen für den Konsum werden abgemildert. Dealer auf düsteren Treppenabsätzen und in schummrigen Hinterhofgässchen werden allmählich verdrängt; das Geschäft wird mehr und mehr in modernen Ladenzeilen unter voller behördlicher Aufsicht abgewickelt. Uruguay war 2013 das erste Land, das den Marihuanahandel frei gab. Einige europäische Länder – etwa Spanien und Italien – haben die früher strengen Strafen für Besitz und Konsum abgeschafft. In 39 US-Bundesstaaten und in Washington DC gibt es zumindest die Möglichkeit, sich die Droge für medizinische Zwecke verschreiben zu lassen. Die Staaten Washington, Colorado, Alaska und Oregon sind noch einen Schritt weitergegangen und haben die Droge für den Freizeitkonsum frei gegeben. Die Wähler in einer Hand voll weiterer Bundesstaaten, wie Kalifornien und Massachusetts, werden ähnliche Gesetze wohl bis Ende 2016 durchwinken.

Allerdings: Die Forschung ist von dieser rasanten Entwicklung ziemlich unvorbereitet getroffen worden. "Grob geschätzt gibt es wohl 100-mal mehr Studien über Tabak und Alkohol als über illegale Substanzen", fasst Christian Hopfer zusammen, der als Psychiater an der Colorado School of Medicine in Denver forscht. "Aus meiner Sicht sind die Prioritäten damit falsch gesetzt."

Es kursieren nicht wenige Verlautbarungen über die medizinische Wirkung von Marihuana gegen eine Bandbreite von Krankheiten vom Gehirnschlag bis zur Schizophrenie, vieles ist aber wissenschaftlich nicht bewiesen und manches widersprüchlich. Forscher mühen sich noch auf der Suche nach Antworten auf die grundlegendsten Fragen des Cannabiskonsums: seine Risiken, seine Vorteile oder die möglichen Folgen einer Legalisierung.

Dabei böte der politische Umschwung im Augenblick allerlei Möglichkeiten zur Beobachtung der realen Welt – ein Zeitfenster, das sich aber auch schnell wieder schließen könnte. "Die Gelegenheit ist da: Gerade jetzt, im Augenblick, in dem die Marktbedingungen sich verändern, könnten wir die besten Einsichten gewinnen", erläutert Robert MacCoun, Sozialpsychologe und Politikexperte von der Stanford Law School in Kalifornien und Mitarbeiter in Kilmers Projekt in Washington.

Welche negativen Folgen sind zu erwarten?

Jahrelang ist die Debatte über die Gesundheitsgefahr der Droge hoch polarisiert geführt worden: Wer für die Legalisierung war, hielt Marihuana für harmlos; Regierungsvertreter weltweit haben es dagegen als eine der größten illegalen Drogengefahren porträtiert und in drastischen Kampagnen mögliche Gefahren für Psyche und Sozialverhalten beleuchtet.

Zumindest einige Fakten sind für Forscher immerhin klar – etwa im Bezug auf kurzfristige Folgen des Konsums: Er schwächt das Gedächtnis sowie die Koordinationsfähigkeit und kann Psychosen und Paranoia auslösen. Damit sind auch einige der klassischen "High"-Symptome beschrieben – die allerdings ihrerseits wieder schwer wiegende Folgen nach sich ziehen können. Studien belegen etwa, dass Autofahrer kurz nach dem Mariuhanakonsum zwischen zwei- und siebenmal so häufig in Unfälle verwickelt sind.

"Marihuana-Forschung heute ist wie Tabakforschung in den 1960ern. Jede Studie wird sofort attackiert" (Christian Hopfer)

Die Langzeitfolgen sind deutlich weniger klar, über einige aber sind sich die meisten Wissenschaftler einig. Anders als oft behauptet, gibt es Hinweise darauf, dass Cannabis zur Abhängigkeit führt. So werden rund neun Prozent der Konsumenten abhängig, was sich etwa an Anzeichen wie einer steigenden Toleranzschwelle oder Entzugserscheinungen festmachen lässt. Andere Langzeitfolgen sind dagegen schwerer zu beweisen.

Cannabis wird oft geraucht – womit das Risiko für Atemwegserkrankungen und womöglich Lungenkrebs steigt. Eine neuseeländische Studie ermittelte 2008, dass Haschrauchen das Lungenkrebsrisiko um acht Prozent pro "Joint-Jahr" erhöht (also über ein Jahr hinweg, in dem täglich ein Joint geraucht wird) – und das auch, wenn der Tabakkonsum gleichzeitig herausgerechnet wurde. Andere Studien widersprechen dem, sie finden sogar bei Vielkonsumenten kein erhöhtes Risiko.

Andere Folgen des Cannabiskonsums sind noch schwerer von möglichen zusätzlichen Einflussfaktoren abzugrenzen. Verschiedene Forschergruppen haben einen Zusammenhang mit schlechten Schulnoten, niedrigem Sozialstatus (etwa dem Beruf) oder einer veränderten Hirnentwicklung beschrieben. Die Christchurch Health and Development Study – darin sind 1300 in Neuseeland im Jahr 1977 geborenen Kinder erfasst – konstatierte, dass tägliche Cannabiskonsumenten mit rund 50 Prozent erhöhter Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome entwickeln würden als Nichtkonsumenten; zudem seien sie stärker gefährdet, keinen Schulabschluss zu erlangen.

Eine weitere Studie aus Neuseeland, an der 1000 Personen aus Dunedin von ihrer Geburt bis zum Alter von 38 Jahren teilnahmen, kam zu dem Schluss, dass andauernder Cannabiskonsum vor allem von früher Jugend an mit einem steileren Absturz des IQ im späteren Leben korreliert – und überdies, im Vergleich mit Nichtkonsumenten, mit Gedächtnis- und Logikproblemen.

Hall meint, dass diese Assoziation mit negativen sozialen und mental-gesundheitlichen Folgen immer wieder bestätigt wird – es bleibe aber umstritten, "wie wir die Assoziation erklären". Wahrscheinlich, meint er, ist hierbei eine Kombination verschiedener Einflussfaktoren zugleich verantwortlich.

Die Schwierigkeit sei eben, Korrelation und Kausalität sauber zu trennen, meint auch Valerie Curran, eine Psychopharmakologin vom University College in London: Es gebe "einfach zu viele Störfaktoren". So trinken jugendliche Cannabiskonsumenten oft auch große Mengen Alkohol und tendieren allgemein zu risikoreicheren Aktivitäten. Es fällt demnach extrem schwer zu entscheiden, ob ein Effekt einer der Drogen oder dem Verhaltensmuster entspringt.

Ähnliche Probleme spielen beim vermeintliche Zusammenhang zwischen Cannabis und Schizophrenie eine Rolle. Viele Studien zeigen hier einen Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und dieser psychischen Störung, so etwa eine Untersuchung in Schweden: Sie ergab bei 18- bis 20-jährigen Männern, dass Vielkonsumenten mit rund dreimal höherer Wahrscheinlichkeit Schizophreniesymptome entwickeln als Abstinenzler. Dabei ist der Anstieg zwar deutlich, das Gesamtrisiko aber recht gering: Nur 1,4 Prozent der Drogenkonsumenten entwickelten überhaupt die Störung, verglichen mit 0,6 Prozent derjenigen, die nach eigener Angabe noch nie Cannabis probiert hatten. Cannabislobbyisten legen angesichts solcher Ergebnisse nahe, dass der Zusammenhang entstehe, weil Menschen mit bestimmter mentaler Veranlagungen aus Gründen der Selbstmedikation eher zur Droge greifen. Das ist natürliche ebenso schwer zu beweisen.

Viele der negativen gesundheitlichen Folgen des Cannabiskonsums scheinen jedenfalls besonders dann aufzutreten, wenn Jugendliche zur Droge greifen – was vermuten lässt, dass Cannabis sich schädlich auf die Gehirnentwicklung auswirkt. Außerdem scheinen Dosis und Konzentration eine Rolle zu spielen, was aber wieder schwer zu untersuchen und nachzuweisen ist.

Mit einer Legalisierung dürfte die Datenerhebung nun immerhin leichter werden. Allerdings greifen viel weniger Menschen zum Joint als zu Alkohol oder Tabak, erklärt Wayne Hall, Suchtforscher der University of Queensland in Brisbane, Australien, und warnt vor voreiligen Schlüssen. Marihuana mag die beliebteste illegale Droge sein, meint er – rund 44 Prozent aller erwachsenen US-Amerikaner haben sie angeblich schon einmal im Leben getestet – aber davon habe nur einer von zehn im letzten Jahr zugegriffen. Zum Vergleich: Bei Alkohol sind dies 70 Prozent. "Nur ziemlich wenige konsumieren mit einiger Regelmäßigkeit über längere Zeiträume. Demnach sind Langzeitfolgen auch wirklich erst unvollständig untersucht".

Wie sehr haut es rein?

Ein Knackpunkt für alle Forscher – und ein Problemfaktor beim Einschätzen von beobachteten Auswirkungen – ist die Dosierung der Wirkstoffe. In einem Joint findet man mehr als 85 unterschiedliche chemische Varianten von Cannabinoiden. Die spannendste ist für Wissenschaftler – und Kiffer – das Tetrahydrocannabinol THC. Hanfzüchtern ist es gelungen, die Konzentration der Substanz in Pflanzen zu erhöhen, die zu medizinischen – und anderen – Zwecken gezüchtet werden. Die University of Mississippi hat im Auftrag der staatlichen US-Drogenbehörde in Reihenuntersuchungen ermittelt, dass die THC-Konzentrationen über die Jahre hinweg anstiegen: Von 2 bis 3 Prozent 1985 bis 1995 bis auf 4,9 Prozent im Jahr 2010. Dieser Anstieg ist noch höher bei Material, das illegal eingeführt und von den Behörden bei Kontrollen beschlagnahmt wurde: Hier zeigen die Untersuchungen einen Anteil von 4 Prozent in den späten 1980er beziehungsweise frühen 1990er Jahren und bis über 12 Prozent im Jahr 2013.

Haltung zu Hanf
© Nature 524, S. 280–283, 2015; Daten: Pew Research Center
(Ausschnitt)
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Es ist allerdings schwer herauszufinden, welche THC-Menge ein Durchschnittskonsument wirklich aufnimmt. So bleibt meist unbekannt, ob die User den Stoff je nach THC-Gehalt strecken. Nikotinabhängige verfahren nachweislich analog (sie rauchen mehr bei niedrigen und weniger Zigaretten bei starken Nikotinkonzentrationen), wobei Nikotin allerdings nachweislich auch die kognitiven Fähigkeiten kaum derart beeinflusst wie Cannabis. Zudem setzt die Wirkung von THC deutlich langsamer ein, besonders bei essbaren Formen wie Haschkeksen.

Weil die THC-Konzentrationen so deutlich steigen, sind ältere Untersuchungen womöglich nicht mehr sehr aussagekräftig: Die Teilnehmer dürften damals schwächere Dosierungen zu sich genommen haben, was die Ergebnisse durchaus verändert haben kann. Eine im Jahr 2015 publizierte Studie zeigte etwa, dass Cannabis in hoher Konzentration das Psychoserisiko gegenüber Nichtkonsumenten verdreifacht, dass gleichzeitig niedrige Konzentrationen aber offenbar gar keinen Effekt haben. In diesem Zusammenhang haben viele Forscher übrigens Bauschmerzen mit den Hasch-Proben, die von der US-Drogenbehörde offiziell für Forschungszwecke gesponsert werden: Die darin enthaltene THC-Menge sei schlicht nicht vergleichbar mit den gängigen Produkten auf dem Markt.

Parallel zur gelockerten Gesetzgebung erstellt das Colorado Department of Public Health and Environment (CDPHE) Referenztabellen zur Potenz der verkauften Drogen. Die US-Regierung erhöht indes die Varianten an Pflanzen, die von staatlich geförderten Forschern eingesetzt werden dürfen.

Dort, wo die Droge legal zu erwerben ist, sind zurzeit die Kennzeichnungspflichten noch nicht ausreichend. Eine von August bis Oktober 2014 laufende Umfrage ergab, dass gerade einmal 17 Prozent der essbaren Cannabisprodukte in San Francisco, Los Angeles und Seattle ordnungsgemäß gekennzeichnet waren. Über die Hälfte enthielten weniger THC als angegeben, einige auch deutlich mehr. "Eine ganze Reihe von Käufern dürfte eine böse Überraschung erlebt haben", kommentiert MacCoun.

Gibt es positive medizinische Wirkungen?

Staaten und Länder haben vorsichtig angeregt, die hohen Hürden für den gelegentlichen Freizeitkonsum von Cannabis abzubauen – was den Vorgang aber stark beschleunigt hat, ist die öffentliche Wahrnehmung der Droge als möglicherweise gesundheitsfördernd. So hat etwa der US-Bundesstaat Colorado Marihuana als Medizinprodukt schon ein Jahrzehnt vor der späteren generellen Freigabe erlaubt: Ein Verfassungszusatz listete dort acht Gegebenheiten auf, unter denen der Konsum straflos möglich war: Krebs, Glaukom, HIV/Aids, Kachexie (ein krankhaftes Abmagern), chronische Muskelkrämpfe, Schlaganfall, schwere Übelkeit und schwere Schmerzen. Nur, erläutert Larry Wolk, Chefmediziner und Direktor der CDPHE, "all diese sind zwar per Verfassung deklariert, aber nicht unbedingt auf Grund medizinischer Erkenntnisse".

Zwar türmt sich ein Berg von anekdotischen Indizien – und eine Vielzahl gut organisierter Lobbygruppen im Einsatz für den erleichterten medizinischen Zugang zur Droge –, die echte wissenschaftliche Faktengrundlage für die behaupteten Wirkungen ist aber meist recht dünn. Eine der Gründe für die dürftigen Resultate: Häufig wurde vor allem Forschung finanziell gefördert, die die negativen Folgen von Cannabis belegen sollte. Das beginnt sich allerdings gerade zu ändern.

Als die Droge zuerst in Colorado legalisiert wurde, begann die dortige Gesundheitsbehörde von Patienten in medizinischen Abgabestellen Gebühren zu verlangen. Bis 2014 hatte der Bundesstaat so schließlich neun Millionen US-Dollar eingesammelt, die dann fast sämtlich für vom CDPHE ausgesuchte Marihuana-Forschungsstudien reinvestiert wurden. Unter den dabei geförderten Projekten sind auch zwei, die eine womöglich lindernde Wirkung von Marihuana bei Kindern mit Schlaganfällen untersuchen. In Großbritannien und andernorts in den USA laufen derzeit ähnliche Studien.

Lückenhafte Forschung
© Nature 524, S. 280–283, 2015; Daten: Scopus / Office of National Drug Control Policy National Drug Control Strategy: Data Supplement 2014 (White House, 2014)
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Bereits gängiger ist die Behandlung von Menschen mit multipler Sklerose. Hier ist ein Cannabis-Spray in 27 Ländern der Welt zugelassen, um die Muskelprobleme und -krämpfe der Betroffenen zu lindern.

Andere postulierte positive Effekte von Cannabis – etwa die bei Aids-Patienten wünschenswerte Appetit anregende Wirkung – sind noch mit wenigen Forschungsdaten unterfüttert. Wenn die positive Wirkung eindeutig bestätigt werden könnte, wäre das eine enorme Genugtuung für Marihuana-Befürworter. Tatsächlich würde das dem Ruf gesetzlich geregelter medizinischer Anwendung von Cannabis Glaubwürdigkeit verleihen.

Bis es so weit ist, schaut die Forschung noch abwartend auf die neuen Entwicklungen an der Cannabis-Front. "Ich sehe das als Experiment", meint Robert Booth, ein Psychiater von der University of Colorado: "Ganz am Ende werden wir dann sicher eine Menge mehr über die Wirkung von Marihuana wissen."

Was passiert nach dem "Legalize it"?

Eine der wichtigsten offenen Fragen bleibt, wie sich die Legalisierung auf das Konsumverhalten auswirken wird. Nach einer Antwort suchen Forscher in Europa, wo die Cannabis-Gesetzgebung eher weniger streng als in den USA ausfällt. In Großbritannien etwa übersieht die Polizei durchaus einmal den einzelnen Kiffer oder die Miniplantage für den Eigenbedarf. In Spanien ist der Privatkonsum erlaubt und nur der Verkauf beschränkt.

Das seit Langem gern herangezogene Extrembeispiel findet sich in den Niederlanden, wo schon seit 1976 Besitz und Verkauf kleiner Mengen straffrei ist. Und obwohl ein paar Ecken in Amsterdam zum touristischen Hotspot mutierten, hat sich die Konsumhaltung im Land selbst fast gar nicht verändert. Harte Zahlen und Fakten über den Cannabisgebrauch sind zwar auch in Europa nicht leicht zu beschaffen, jedenfalls aber gibt es in den Niederlanden offenbar kaum deutlich mehr User als in den Nachbarstaaten: Die Drogen- und Verbrechensabteilung der UNO zählt etwa 7 Prozent der Bevölkerung; etwas mehr als in Deutschland und Norwegen (jeweils 5 Prozent), gleich viel wie in Großbritannien und weniger als in den USA (15 Prozent). Zudem erkennt man in den Niederlanden auch keinen deutlichen Anstieg im Konsum von harten Drogen – was Befürchtungen dämpft, nach denen Marihuana eine Einstiegsdroge für gefährlichere Wirkstoffe wie Kokain oder Heroin sein könnte. Die Botschaft aus den Niederlanden ist klar, meint Franz Trautmann, ein Drogenpolitikexperte vom Tribos-Institut in Utrecht: "Sehr liberale Drogenpolitik sorgt nicht für eine epidemische Ausbreitung. Cannabis ist ein endemisches Phänomen, durch Prohibition werden wir es nicht kontrollieren können. Und das wird nach und nach auch immer deutlicher".

Allerdings könnte die Lektion aus den Niederlanden nur begrenzt aussagekräftig sein. Denn immerhin ist die Droge auch dort noch illegal und Anbau und Verkauf großer Mengen verboten. Colorado ist einen Schritt weiter gegangen, als dort nicht nur der Konsum, sondern sogar die ganze Produktionskette legalisiert wurde. Das dürfte sich fundamental auf die Wirtschaftskreisläufe um Hasch und Co auswirken. "Die Legalisierung der Produktion erhöht die Wahrscheinlichkeit eines massiven Preisverfalls", erläutert MacCoun. "Gut möglich, dass die Marihuanapreise in einem völlig legalen Markt um 75 bis 80 Prozent einbrechen." (Das Beispiel Uruguay, wo der Cannabismarkt seit 2013 frei ist, hilft bei der Berechnung übrigens nicht weiter: Der Staat kämpft noch mit einer Regulierung des Anbaus und dem Aufbau von Ausgabestellen).

Die Folgen eines Preisverfalls sind unklar. Auch eine Besteuerung könnte unerwünschte Nebeneffekte haben: Würde der Staat etwa per Gewicht besteuern, so könnten Kunden nach potenteren THC-Produkten greifen, um Geld zu sparen. Dann dürfte das ordentliche Geschäft mit Cannabis auch bald Wirtschaftskreise anziehen. Schon jetzt berichten Cannabisforscher über E-Mail-Bombardements von Pro-Cannabis-Gruppen, sobald sie sich irgendwie negativ über Hanf und Co auslassen. "Marihuana-Forschung heute ist wie Tabakforschung in den 1960ern", erklärt Hopfer. "Jede Studie über eine gesundheitsschädliche Wirkung wird sofort attackiert. Das ist echt keine Kleinigkeit." Viele fürchten auch, dass das große Geld dafür sorgen könnte, etwaige Risiken kleinzureden. "Sobald kommerzielle Interessen auflaufen, wird das Profitstreben medizinische Fragen überlagern. Davor habe ich Angst", meint Trautmann.

Die Legalisierung bietet die Möglichkeit, wichtige offene Fragen zu beantworten. In ein paar Jahren werden Colorado, Washington und andere Bundesstaaten zumindest grob einschätzen können, ob die Legalisierung die Konsumgewohnheiten verändert, die Zahl der Autounfälle erhöht oder die Schlangen vor den Drogenberatungsstellen verlängert hat. Die CDPHE-Programme werden helfen, die möglichen positive Effekte für die Gesundheit abzuschätzen. Und weiter laufende Langzeitstudien mit einer großen Zahl von Konsumenten dürften die statistische Aussagekraft haben, um Korrelationen und Kausalitäten bei Cannabiseffekten auseinanderhalten zu können.

"Sobald Juristen die Marihuana-Gesetzgebung verändern, bekommen wir einen größeren Hebel für bessere Studien zur Hand, um Ursache und Wirkung der Effekte zu untersuchen", erklärt MacCoun. Allerdings dürften die Erkenntnisse nur dann eine wirklich eindeutige Richtung vorgeben, wenn die Legalisierung die Zahl der Konsumenten tatsächlich deutlich erhöht – was weder sicher ist noch wünschenswert wäre. "Klar, wir hoffen nicht gerade auf einen Anstieg des Marihuanakonsums, nur damit wir dann ein paar unserer Fragen beantwortet finden. Falls der doch stattfindet, werden wir jedenfalls in Daten schwimmen."



Der Artikel ist im Original als "The cannabis experiment" in "Nature" erschienen.