Die Kinder in den Videos sind gerade einmal zwei Jahre alt, manche sogar jünger. Aber sie nutzen das Tablet oder Smartphone ihrer Eltern schon wie ganz Große: Auf YouTube zeigen dutzende Filmchen, zum Beispiel https://www.youtube.com/watch?v=jVm1qyUuXI0 oder https://www.youtube.com/watch?v=MGMsT4qNA-c, wie intuitiv Kleinkinder mit digitalen Medien umgehen. Sie wischen mit dem Finger auf Bildschirmen hin und her, schauen sich auf diese Weise Fotos an oder malen mit Hilfe spezieller Apps eigene digitale Kunstwerke.

Längst sind Tablet, Smartphone und Co im Alltag von Kindern und Jugendlichen angekommen. Mit zwei bis fünf Jahren haben zwar erst sieben Prozent aller Kinder Erfahrungen mit dem Internet gemacht, wie die miniKIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest aus dem Jahr 2014 ergab. Doch schon im Alter von acht bis neun Jahren nutzt die Hälfte der Kinder das Internet zumindest selten, so das Ergebnis der repräsentativen KIM-Studie 2016 (kurz für: "Kindheit, Internet, Medien"-Studie). Unter den 12- bis 13-Jährigen nehmen dann bereits 94 Prozent regelmäßig Internetdienste in Anspruch. Und die ebenfalls repräsentative JIM-Studie 2016 (kurz für: "Jugend, Information, (Multi)Media") zeigte: Im Alter von 12 bis 19 Jahren gehen schließlich fast neun von zehn Jugendlichen sogar jeden Tag ins Internet, und ebenfalls fast alle besitzen ein eigenes Handy.

Die digitalen Medien bieten zweifellos eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten, sich zu informieren, zu lernen und mit anderen zu kommunizieren. In unserer (Arbeits-)Welt sind sie schon heute unerlässlich. Doch zugleich bergen sie besonders für den Nachwuchs vielfältige Risiken. Diese reichen von einem leichtfertigen Umgang mit den eigenen Daten (etwa beim so genannten "Sexting", also dem Austausch freizügiger Handyfotos) und einem unbemerkten Download von Schadsoftware über den Kontakt mit gewalthaltigen, rassistischen oder pornografischen Inhalten und falschen Nachrichten bis hin zu Cybermobbing und sexueller Anmache im Netz. 87 Prozent der Erzieher stimmen zumindest überwiegend der Aussage zu, dass das Internet für Kinder gefährlich ist, so die KIM-Studie. Viele Eltern fürchten zudem, ihr Kind könnte zu viel Zeit vor dem PC oder mit Handyspielen verbringen.

Einschlafprobleme und Konzentrationsstörungen

Zunehmend werden auch andere gesundheitliche Folgen diskutiert – zuletzt im Mai 2017 im Rahmen einer Studie unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung: Kinderärzte brachten dabei einen hohen Medienkonsum mit diversen Auffälligkeiten wie Einschlafproblemen bei Babys und Konzentrationsstörungen bei Grundschulkindern in Verbindung. Zwar lassen sich auf Basis der Ergebnisse keine abschließenden Aussagen zu Ursache und Wirkung machen. Doch die Drogenbeauftragte Marlene Mortler forderte einmal mehr, Eltern beim Thema Mediennutzung mehr Orientierung zu geben.

Darüber würde sich auch Angela Tillmann freuen, Professorin am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der Technischen Hochschule Köln. "Viele Eltern sind auf den digitalen Wandel nicht vorbereitet", sagt sie. Eine Befragung von 260 Familien in Deutschland im Rahmen der FIM-Studie 2011 ("Familie, Information, Medien") bestätigte, dass sich fast vier von fünf Eltern begrenzt bis gar nicht kompetent in Medienerziehungsfragen fühlen. Sie wollen ihre Kinder schützen, ihnen aber auch die nötigen Kenntnisse für deren Lebenswelt und den späteren Arbeitsmarkt vermitteln. Ein Zwiespalt.

"Wir sollten die Kinder also auf eine Welt vorbereiten, von der wir noch nicht wissen, wie sie aussieht"
Stefan Aufenanger

Dass Kinder und Jugendliche nicht automatisch zu kompetenten Mediennutzern werden, machen folgende Zahlen deutlich: Fast 30 Prozent der Achtklässler in Deutschland verfügen nur über sehr einfache Computer- und IT-Kenntnisse. Im europäischen Vergleich schnitt die deutsche Stichprobe mittelmäßig ab, das ergab die umfangreiche "International Computer and Information Literacy Study" (ICILS) im Jahr 2013. Experten für Medienerziehung fordern daher, dass Eltern, aber auch die Kita, die Schule und die Jugendarbeit den richtigen Umgang mit Medien thematisieren. Für den Mainzer Medienpädagogen Stefan Aufenanger sind dabei konkrete Tipps (etwa für den Umgang mit Anwendungen wie WhatsApp oder Snapchat) weniger wichtig als allgemeine Verhaltensregeln wie "Sei kritisch", "Überprüfe das", "Sei vorsichtig bei allem, was du nicht kennst". Der Experte gibt zu bedenken: "Die Risiken der digitalen Welt ändern sich ständig. Wer weiß, ob wir in zehn Jahren noch Smartphones nutzen? Wir sollten die Kinder also auf eine Welt vorbereiten, von der wir noch nicht wissen, wie sie aussieht."

5 Ratschläge, wie Eltern, Lehrer und Erzieher Kinder und Jugendliche zu kompetenten Mediennutzern erziehen können

1. Früh das Gespräch suchen

"Medienerziehung sollte beginnen, sobald Kinder mit Medien umgehen", meint Professor Stefan Aufenanger. Dabei steht zum einen die Kita in der Pflicht: Einige Betreuungseinrichtungen stellen Kindern bereits Tablets mit kreativen Anwendungen zur Verfügung. Aber auch Eltern können alltägliche Situationen dazu nutzen, um ihrem Kind zu erklären, was im Internet erlaubt ist und was nicht. Wird zum Beispiel gemeinsam ein Spiel aus dem Internet heruntergeladen, können Eltern oder Erzieher darauf hinweisen, dass einige Downloads Viren beinhalten oder illegal sind, und Kindern zeigen, woran sie eine seriöse Download-Seite erkennen.

Wer mit einem Kind regelmäßig Fotos oder selbst gedrehte Videos auf dem Tablet oder Smartphone anschaut, kann ihm dabei zudem erklären, warum der Schutz der eigenen Fotos, Videos und persönlichen Informationen so wichtig ist – dass also zum Beispiel Unbekannte offen zugängliche Informationen dazu nutzen könnten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Bereits 41 Prozent der 6-bis 13-Jährigen haben Fotos oder Filme, ihre E-Mail-Adresse oder Telefonnummer irgendwo hochgeladen oder gespeichert, und zwölf Prozent von ihnen geben an, diese Daten seien für jeden im Netz zugänglich, zeigte die KIM-Studie. "Die Jugendsünden von heute finden sich später im Netz wieder", so Angela Tillmann. "Das haben viele Jugendliche, aber auch Erwachsene nicht im Blick."

Eine Reihe Schüler mit Smartphones und abgeschnittenen Köpfen
© iStock / Wavebreakmedia
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSchüler mit Smartphones
So ist die Realität, und Eltern sollten nicht alles verdammen: Jugendliche ohne Smartphone werden schnell ausgegrenzt.

2. Ein Vorbild sein und klare Regeln aufstellen

Jede Familie sollte selbst entscheiden, ab wann der Nachwuchs mit Tablet, Smartphone und Co umgehen darf, bemerkt Stefan Aufenanger. Aber: "Man kann keinem Kind etwas verbieten, was man selbst auch macht." Sobald ein Kind merkt, dass seine Eltern mit Smartphone oder Notebook agieren, wird es neugierig werden und selbst damit spielen wollen. Eltern sollten daher ein gutes Vorbild sein.

Das gilt auch für Regeln innerhalb der Familie: Wann und wie lange dürfen Handy, Computer oder Tablet genutzt werden – und wann nicht? "Kommunikationsregeln sollten in jeder Familie aufgestellt werden", empfiehlt Angela Tillmann. Das Ziel: Kindern klare Grenzen setzen und ihnen eine Orientierung geben. Viele Eltern bestimmen zum Beispiel, dass das Smartphone bei den Hausaufgaben und auch am Esstisch oder bei gemeinsamen Ausflügen ausgeschaltet bleibt. "An solche Vorgaben müssen sich jedoch alle Familienmitglieder halten, nicht nur die Kinder", betont Tillmann. Die Seiten mediennutzungsvertrag.de oder www.surfen-ohne-risiko.net bieten interaktive Tools, mit deren Hilfe Eltern und Kinder gemeinsam eine schriftliche Vereinbarung über solche Regeln erstellen können.

Von reinen Verboten halten die Experten dagegen wenig. "Wenn Jugendliche zum Beispiel nicht in sozialen Netzwerken mitmachen dürfen, werden sie leicht aus der Gruppe ausgeschlossen", warnt Stefan Aufenanger. Besser sei es, ihnen ehrlich die eigenen Bedenken und mögliche Risiken zu vermitteln.

3. Geeignete Inhalte auswählen

Eltern kleinerer Kinder können selbst prüfen, ob sich Internetseiten, Anwendungen und digitale Spiele für ihren Nachwuchs eignen, bevor sie ihm diese zeigen oder zur Verfügung stellen. Dabei können sie sich an Empfehlungen und Altersangaben in den App-Stores orientieren oder aber die Programme einfach selbst ausprobieren. Internetportale wie www.klick-tipps.net oder "Ein Netz für Kinder" führen gute Kinderwebsites auf (siehe "Weiterführende Links").

Geht ein Kind schon selbstständig ins Internet, empfehlen Experten spezielle Kinderstartseiten wie meine-startseite.de und Kindersuchmaschinen wie "FragFINN" oder "Blinde Kuh", die nur kindgerechte Inhalte anzeigen. Auch Jugendschutzfilter, die ungeeignete Websites sperren, können eine Lösung sein – zumindest bis der Nachwuchs in die digitale Erwachsenenwelt entlassen werden kann.

4. Nachrichten gemeinsam einordnen

Je älter Kinder werden, desto mehr müssen sie heute lernen, Informationsquellen im Netz richtig einzuschätzen, um Fake News und versteckte Werbung zu erkennen. Die Ergebnisse der JIM-Studie zeigen, dass 15 Prozent der jungen Teilnehmer dem Internet mehr vertrauen als Tageszeitung, Radio oder Fernsehen. Diese Jugendlichen sammeln Informationen nicht nur über Onlineangebote von "Der Spiegel" oder "Zeit", sondern auch über Google, Facebook oder YouTube. Eltern und Lehrer sollten ihnen erklären, worin der Vorteil seriöser Nachrichtenseiten besteht.

5. Neugierig bleiben und Vertrauen haben

"Viele Eltern haben gar keine Idee davon, was Kinder und Jugendliche im Netz oder am PC machen und was diese Tätigkeit für sie bedeutet", sagt Angela Tillmann. So fällt es ihnen schwer, sowohl die Potenziale als auch die Gefahren für ihren Nachwuchs richtig einzuschätzen. Die Expertin empfiehlt Eltern daher, neugierig und offen für die neuen Medienwelten zu bleiben und sich auch mal neben ihre Kinder an den Computer zu setzen, um sich anzusehen, wofür sich ihr Kind gerade interessiert. So können sie zudem herausfinden, welche Funktionen die Mediennutzung hat, ab wann sie zu viel wird und andere Aspekte des Lebens vernachlässigt werden. Auch für Stefan Aufenanger ist die "Bereitschaft zum Dialog" unglaublich wichtig. "Eltern sollten nicht alles gleich verteufeln", erklärt er.

Angela Tillmann fordert zudem mehr Informations- und Beratungsangebote für Eltern, damit diese die nötige Unterstützung bekommen. "Zuletzt braucht es jedoch auch Vertrauen in den Nachwuchs", weiß sie. Schließlich lauerten ebenso in der analogen Welt viele Gefahren, auf die Kinder und Jugendliche immer schon ganz selbstverständlich vorbereitet werden. "Genau so müssen wir sie an die virtuelle Welt heranführen – das läuft heute noch nicht routiniert ab", so Tillmann.