Manche glücklichen Menschen kennen ihn gar nicht, den Kopfschmerz. Nur wer selbst betroffen ist, weiß um die Belastung. Und das sind viele. Hier zu Lande nehmen jeden Tag acht Millionen Menschen Medikamente gegen Kopfschmerzen ein, allein rund eine Million davon leiden unter Migräne.

1. Wie entsteht der Schmerz?

"Über die zentrale Frage nach der Herkunft des Schmerzes weiß man vor allem für die Migräne schon einiges, aber insgesamt immer noch zu wenig", sagt der Migräne- und Schmerzforscher Markus Dahlem von der Humboldt-Universität zu Berlin. Relativ im Dunklen tappt man zum Beispiel beim Spannungskopfschmerz, der bisher hauptsächlich anhand von Symptomen beschrieben wird. Wegen der Häufigkeit und des fast alltäglichen Erscheinens des Kopfschmerzes mag das erstaunlich sein. Doch andererseits auch wieder nicht, denn alles, was sich im Kopf abspielt, ist komplex, schwer zugänglich und meist nur indirekt zu erforschen. Mausmodelle zu Migräne und Kopfschmerz gibt es kaum.

Das Gehirn selbst hat keine Schmerzsensoren, es ist nicht schmerzempfindlich. "Der Schmerz entsteht in den Hirnhäuten, den Schichten aus Bindegewebe, die das Gehirn umgeben", sagt Markus Dahlem. Genauer gesagt ist der Ort der Schmerzentstehung das trigeminovaskuläre System. Das sind die mit Schmerzrezeptoren ausgestatteten Ausläufer des Trigeminusnervs, in den Wänden der Blutgefäße, die die Hirnhäute durchziehen. Die Ansichten darüber, warum diese Sensoren beim Migräneschmerz Signale an verschiedene Hirnareale, die Schmerzmatrix, senden, haben sich im Lauf der Migräneforschung gewandelt, und auch heute gibt es keine einheitliche Sichtweise.

Die Idee, der Schmerz habe allein mit den Blutgefäßen zu tun, geht auf die 1940er Jahre zurück. Bei Operationen am Schädel erzeugte eine mechanische Stimulation von Gefäßen bei den Patienten starke Kopfschmerzen. Nach der vaskulären Theorie weiten sich die Gefäße während des Migränegeschehens, die Dehnung der Gefäßwände verursacht den Schmerz. Der Neurologe Peter Goadsby vom King's College in London ist anderer Ansicht. Die Gefäße an sich und auch diskutierte Entzündungsprozesse vor Ort spielten keine oder nur eine untergeordnete Rolle, so der Kopfschmerzforscher. Laut MRT-Untersuchungen von Menschen während spontaner Migräneattacken sind die Gefäße in den Hirnhäuten nicht erweitert, so Goadsby. "Migräne ist eine neurologische Erkrankung", ist sich der britische Forscher sicher. Bei der Migräne habe das Gehirn eine angeborene Tendenz, die Kontrolle über den Input gewisser sensorischer Informationen zu verlieren. Filtermechanismen im Hirnstamm und Hypothalamus versagten, die eingehende Licht-, oder Berührungsreize, Geräusche und Gerüche modulierten.

"Das Gehirn eines Migränikers unterscheidet sich in Struktur und Funktion von dem eines Gesunden, auch außerhalb von Schmerzattacken", sagt Goadsby. Das Migräne-Gehirn reagiert offenbar auch besonders empfindlich auf Veränderungen innerer und äußerer Einflussfaktoren, wie etwa auf die Hormonlage, Glukose, Insulin, Stress, Schlaf. Wie Turbulenzen innerhalb dieser Einflüsse die Migräne fördern, versteht man noch nicht genau. Aber an der Schmerzentstehung sind wohl mehrere Ebenen beteiligt, die Erkrankung ist biochemisch komplex, verschiedene Neurotransmittersysteme wirken mit. Die bisherigen Ergebnisse der Migräneforschung zeigten, dass der Schmerz weder rein vaskulär (gefäßbedingt) noch neurologisch sei, sagt Markus Dahlem "Gefäße und Nerven sind beteiligt, die Migräne ist ein neurovaskulärer Kopfschmerz", so der Berliner Forscher.

2. Welche unterschiedlichen Arten von Kopfschmerzen gibt es?

Es gibt den Donnerschlagskopfschmerz, den Hustenkopfschmerz, den Anstrengungskopfschmerz, den Kopfschmerz beim Sex, nächtliche Kopfschmerzattacken ohne Sex und noch viel mehr. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft hat das Dröhnen im Hirn in über 200 verschiedene Typen unterteilt. Grundsätzlich wird der primäre vom sekundären Kopfschmerz unterschieden. Letzterer ist eine Begleiterscheinung womöglich sehr ernster Erkrankungen, wie einer Hirnblutung, erhöhtem Hirndruck oder einer lebensgefährlichen Entzündung der Hirnhäute, einer Meningitis – Ereignisse, die klinische (Notfall-)Maßnahmen erfordern.

Die drei häufigsten primären Kopfschmerzarten sind der Spannungskopfschmerz, die Migräne und die so genannten Trigeminoautonomen Kopfschmerzen, zu denen der Cluster-Kopfschmerz gehört. Clusterkopfschmerzen sind selten, aber extrem heftig, die Attacken können über Wochen bis zu achtmal täglich den Kopf einseitig malträtieren. "Ist der Schmerz dumpf-drückend und verschlimmert er sich bei körperlicher Betätigung nicht, hat man es mit dem Spannungskopfschmerz zu tun", sagt Markus Dahlem. Rund 30 Prozent der Bevölkerung leiden immer mal wieder daran, Ruhe und leichte Schmerzmittel können Abhilfe schaffen.

Die Prävalenz der Migräne liegt, so Dahlem, bei zehn bis zwölf Prozent, Frauen sind dreimal häufiger als Männer betroffen. Der Schmerz pocht und pulsiert einseitig, meist an den Schläfen oder hinter den Augen. Die Migräne ist oft von Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet. Eine Migräne unterteilt sich in verschiedene Phasen, von denen die erste nicht nur vom Betroffenen selbst, sondern wohl auch von so manchem Arzt übersehen wird. Bis zu drei Tage vor dem eigentlichen Schmerz kann sich die Stimmung ändern, Licht als störend empfunden werden und ebenso Geräusche, die Konzentration sinken, Heißhunger (auf Schokolade) auftreten, häufiges Gähnen und Müdigkeit das Leben ein wenig ausbremsen.

Faktoren oder Umstände, die von vielen als Auslöser ihrer Attacke ausgemacht werden (Schlafmangel, Schokolade, helles Licht), sind womöglich eher Vorboten beziehungsweise Vorsymptome des nahenden Schmerzes und weniger ein Trigger der Migräne. Das heißt nicht, dass es solche fördernden Faktoren nicht auch gibt. Ausgefallene Mahlzeiten, zu wenig Schlaf oder Stress können eine Migräne anschieben. Bevor es schmerzt, tauchen bei rund einem Viertel der Betroffenen so genannte Auren auf, das sind neurologische Beeinträchtigungen in Form von Sehstörungen, Flimmern vor den Augen, Taubheitsgefühlen oder leichten Ausfällen in Sprache und Bewegung. Nach der Schmerzphase, die 4 bis 72 Stunden dauern kann (mit Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit), ist der Betroffene häufig noch länger müde, und bei manchem schmerzt ein steifer Nacken.

3. Wie lassen sie sich behandeln?

Für die Behandlung von Spannungskopfschmerzen steht eine ganze Palette von Schmerzmitteln bereit, etwa Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Häufig hilft auch eine leichte Kopfmassage mit ein paar Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn, Schläfe oder Nacken. Ausreichend Schlaf, Entspannungsübungen und Ausdauersport helfen, dem Spannungskopfschmerz vorzubeugen.

Auch bei der Migräne sind unspezifische Schmerzmittel und/oder die so genannten Triptane Mittel der Wahl. Sumatriptan, der erste Vertreter dieser Substanzklasse, ist bereits seit 1991 auf dem Markt. Das Medikament bewirkt eine Verengung der Blutgefäße und hemmt die Freisetzung von Botenstoffen an den mit Schmerzrezeptoren ausgestatteten Endigungen des Trigeminusnervs. Bei etwa einem Drittel der Patienten sind die bisher zugelassenen sieben verschiedenen Triptane nicht oder nicht ausreichend wirksam. "Dringend werden daher neue Optionen für die Migränetherapie benötigt", schreibt Karl Meßlinger vom Institut für Physiologie und Pathophysiologie in der Fachzeitschrift "Nervenheilkunde".

Schmerz als ständiger Begleiter
© fotolia / Ana Blazic Pavlovic
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSchmerz als ständiger Begleiter
Wenn Schmerzen nicht mehr aufhören wollen, belasten sie auf Dauer häufig auch die Psyche der Betroffenen. Für die damit verbundene Motivationslosigkeit könnten Neurone im Belohnungszentrum des Gehirns verantwortlich sein, die nicht mehr richtig arbeiten – darauf deuten zumindest Mäusestudien hin.

Einige Hoffnung setzt man zurzeit auf therapeutische monoklonale Antikörper, die die Wirkung eines Schlüsselmediators für den Schmerz bei der Migräne, dem CGRP (calcitonin gene-related peptide), hemmen sollen. Bei ersten klinischen Tests senkten diese Antikörper die Migränetage bei Menschen mit chronischer oder episodischer Migräne im Vergleich zum Placebo ein wenig und riefen kaum Nebenwirkungen hervor. Eine Hauptsorge bezogen auf die therapeutische Blockade des CGRP sind allerdings ungewünschte Wirkungen auf das Herz- Kreislauf-System (etwa eine mögliche Blutdrucksteigerung), da das CGRP überall im Körper gefäßerweiternd wirkt.

Relativ neu auf dem Markt sind Migräne-Apps, die als eine Art digitale Therapie helfen sollen, die Schmerztage zu verringern. Markus Dahlem hat an der Entwicklung einer solchen Hilfe per Handy mitgearbeitet. "Die App hilft herauszufinden, was ich tun und was ich meiden sollte, damit es mir besser geht", sagt Dahlem. Einer Migräne muss man sich keinesfalls schicksalhaft ergeben. "Nicht ein einzelner Faktor löst die Migräne aus. Stets müssen mehrere zusammenkommen, damit es so weit ist", erklärt der Berliner Wissenschaftler. Die App hilft Phasen niedriger Erregbarkeit zu erkennen, in denen das Gehirn relativ geschützt ist und auch einmal mit zum Beispiel etwas weniger Schlaf auskommen kann. Genauso macht die digitale Hilfe solche Zeiten aus, in denen der Betroffene empfindlicher ist und schlaf-, ernährungs- und stressmäßig gut auf sich achten sollte.

4. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetterfühligkeit und Migräne?

Der Deutsche Wetterdienst hat für den Migräniker Informationen parat. Er warnt bei Einstrom von Warmluft, bei längerer feuchtkalter Witterung und bei einem starken Temperatursturz. Das ist gut gemeint, doch "so groß ist der Zusammenhang zwischen dem Wetter und Migräne wohl nicht", sagt Markus Dahlem. Studien finden nur bei jedem 10. bis 20. Betroffenen einen Einfluss der Wetterlage auf die Migräne. "Da die Sensorik vor und während einer Attacke empfindlicher ist, Licht heller und Gerüche intensiver wahrgenommen werden, ist der Migräniker dann auch wetterfühliger", sagt Dahlem. Die Wetterfühligkeit sei eher Vorbote und nicht Auslöser der Migräne.

Warum dennoch so viele auf dem Einfluss des Wetters beharren, mag am Phänomen des "conformation bias" liegen. Gemeint ist die Neigung, Dinge und Ereignisse aufmerksamer wahrzunehmen und sich zu merken, wenn sie eine eigene Ansicht bestätigen – in diesem Fall die Meinung "Wenn es auf einmal wärmer wird, bekomme ich Migräne". Indirekt hat das Wetter unbedingt einen Einfluss auf den Kopfschmerz. "Lange Schlechtwetterphasen können depressive Stimmungen hervorrufen, sommerliche Tropennächte den Schlaf erschweren, und genau das kann den Verlauf einer Migräneattacke beeinflussen", sagt der Heilbronner Biologe und Wetterexperte Holger Westermann.

5. Kann Migräne vererbt werden?

Leiden die Mutter oder der Vater an einer Migräne mit Aura, haben ihre Kinder ein vierfach erhöhtes Risiko, ebenfalls an Migräne zu erkranken, bei Migräne ohne Aura erhöht sich das Risiko bei Verwandten ersten Grades immer noch um den Faktor zwei. Betroffene ahnen es beim Blick in die Familiengeschichte ohnehin: Die Migräne hat eine starke genetische Komponente. Welche Abschnitte im Erbgut die erhöhte Anfälligkeit verursachen, wird nach und nach verstanden. Erste Anhaltspunkte lieferten Fälle der familiären hemiplegischen Migräne, einer vererbten Migräneform, die durch die Mutation zum Beispiel des CACNA1A-Gens verursacht wird. Dieses trägt die Information für ein Protein, das den Kalziumtransport über die Zellmembran beeinflusst. Durch die Mutation kommt es zu einem Anstieg der neuronalen Erregbarkeit.

Die Migräne ist das Resultat einer genetischen Veranlagung und von Einflüssen aus der Lebensumwelt. Bei Studien an mehreren tausend Migränikern, die Variationen innerhalb des gesamten Genoms mit dem Auftreten von Migräne in einen Zusammenhang bringen wollen (so genannte genomweite Assoziationsstudien), konnten in den letzten Jahren Varianten in einigen Genen entdeckt werden, die offenbar an der Krankheitsentstehung der Migräne beteiligt sind. Darunter sind Gene, die an der Signalübermittlung zwischen den Nervenzellen über den Botenstoff Glutamat mitwirken, an der Schmerzempfindung, der neuronalen Entwicklung und auch der Funktion der Blutgefäße im Gehirn. Diese Ergebnisse unterstützen beide Hypothesen zur Entstehung des Migräneschmerzes: die Idee eines gefäßbedingten und eines neurologischen Ursprungs.