Für die meisten Menschen sind Wale heutzutage keine gewaltige Proteinquelle mehr, die es hemmungslos auszubeuten gilt, sondern sanfte, kluge Meeresriesen. Nach Jahrhunderten der Bejagung bis fast an den Rand der Ausrottung haben sich viele Arten in ihrem Bestand wieder etwas erholt. Und neben einigen indigenen Völkern jagen nur noch wenige Nationen die Tiere in größerem Stil. Die Erforschung der Wale hat in den letzten Jahrzehnten rasante Fortschritte gemacht, viele Fragen sind aber weiterhin offen. Warum tauchen Cuvier-Schnabelwale so tief? Weshalb stranden Wale? Wie ernährt der Blauwal seinen massigen Körper? Und welche Arten drohen doch bald zu verschwinden?

Amazonas-Flussdelfin – auch im Süßwasser sind Wale zu Hause
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Wale und Delfine bringen wir vor allem mit Salzwasser in Verbindung. In der Tat lebt die überwältigende Mehrheit der rund 90 bekannten Arten im Meer. Eine kleine Gruppe hat sich allerdings an das Süßwasser angepasst und existiert inzwischen ausschließlich in großen Flusssystemen Südamerikas und Asiens: die Amazonas-Flussdelfine, die Gangesdelfine und der Jangtse-Delfin oder Baiji, der mittlerweile als ausgestorben gilt (einige andere Spezies wie der Irawadidelfin im Mekong suchen diesen Lebensraum nur zeitweise auf). Das auffälligste Merkmal der Flussdelfine ist ihre längliche, sehr schmale Schnauze, mit der sie sich an die oft trüben Gewässer mit geringer Sichtweite angepasst haben: Sie suchen damit nach Nahrung im Schlamm am Flussgrund. Wahrscheinlich entwickelten sich die ersten Flussdelfine vor etwa 20 Millionen Jahren aus Arten, die in flachen Küstenmeeren und im Brackwasser vor Flussmündungen zu Hause waren. Aus dem Amazonasbecken kennt man heute drei Arten, die sich auf großen Flüssen relativ leicht beobachten lassen. Der Amazonas-Flussdelfin (Inia geoffrensis), der unter ihnen am weitesten verbreitet ist, fällt darüber hinaus durch seine rosige Haut auf. Fischer betrachten ihn aber leider manchmal als lästige Konkurrenz und töten ihn – sein Fleisch dient dann auch oft als Köder für die eigentliche Beute.

Omurawal – unbekannte Vielfalt im Meer
© Salvatore Cerchio; Cerchio, S. et al.: Omura’s whales (Balaenoptera omurai) off northwest Madagascar: ecology, behaviour and conservation needs. In: Royal Society Open Science 10.1098/rsos.150301, 2015, fig. 3 (Ausschnitt) / CC BY 4.0 CC BY
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Er ist größer als ein Schwertwal, dennoch übersahen ihn Meeresbiologen lange Zeit: Erst im Jahr 2003 beschrieben japanische Wissenschaftler den Omurawal (Balaenoptera omurai). Zuvor wurden durch Walfänger getötete Exemplare als kleine Vertreter des Brydewals betrachtet. Und seit der offiziellen Anerkennung als eigenständige Spezies hat die Erforschung der Omurawale kaum Fortschritte gemacht, bis Salvatore Cerchio vom New England Aquarium in Boston und sein Team erstmals eine Population vor der Nordwestküste Madagaskars entdeckten und beobachten konnten. Laut einer DNA-Analyse weisen die Omurawale eine vergleichsweise geringe genetische Diversität untereinander auf, wahrscheinlich sind sie also recht selten. Die Tiere scheinen zumindest regional relativ flache und warme Schelfwassergebiete zu bevorzugen, wo sie Zooplankton aus dem Wasser filtern. Der Omurawal ist übrigens keine extreme Ausnahme: In den letzten Jahrzehnten wurden einige neue Walarten entdeckt und beschrieben – trotz ihrer Größe können sie in den Weiten der Meere übersehen werden oder wurden fälschlicherweise bereits bekannten Arten zugewiesen. Ein anderes Beispiel ist ein bislang unbeschriebener Schnabelwal aus dem Pazifik, den japanische Walfänger wegen seiner dunklen Färbung als Rabenwal bezeichnen.

Atlantischer Nordkaper – Kollisionen sind sein Schicksal
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Der Atlantische Nordkaper (Eubalaena glacialis) gehört zu den seltensten Großwalen der Erde. Bis heute hat er sich praktisch nicht von der Jagd erholt, durch die sich der einst rund 100 000 Tiere große Bestand drastisch reduziert hat: Nur etwa 300 bis 500 Exemplare schwimmen noch vor der nordamerikanischen Atlantikküste. Die europäische Population ist dagegen wohl ausgestorben. Im Englischen heißt die Art auch "right whale", weil diese Tiere die richtigen Meeressäuger am Anfang der Waljagd waren. Sie zogen langsam in Küstennähe dahin und ließen sich daher leicht erbeuten. Heutzutage besteht die größte Gefahr für sie in der Kollision mit Schiffen. Die Zusammenstöße während der letzten Jahrzehnte sind für ein Drittel aller geklärten Todesfälle der Wale verantwortlich. Häufig sterben die Tiere auch, weil sie sich in Fangleinen und Netzen verheddern. Wegen des kleinen Bestands bedeutet der Verlust jedes einzelnen Exemplars einen Rückschlag für den Artenschutz.

Pottwale – Vorsicht, wenn sie stranden
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Im Januar 2016 strandeten mehrere Pottwale an der deutschen und niederländischen Küste, obwohl sie laut Autopsie gesund waren – abgesehen vom Plastikmüll im Magen, der jedoch nicht unmittelbar zum Tod geführt habe, so die Veterinärmediziner. Wahrscheinlich hatten sich die Tiere auf ihrem Zug aus der Arktis nach Süden in die Nordsee verirrt, wo sie nicht ausreichend Nahrung fanden und schließlich im flachen Schelfmeer endeten. Prinzipiell können solche Strandungen weltweit auftreten. Die Ursachen dafür sind bisher nicht vollständig geklärt; diskutiert wird Verschiedenes, etwa dass Sonnenstürme die Magnetorientierung der Tiere beeinträchtigen, militärisches Sonar ihre Kommunikation fatal stört oder kranke Artgenossen sie ins Verderben leiten. Oft versuchen Menschen diesen Pottwalen wieder zurück ins Meer zu helfen, leider verendet jedoch die Mehrzahl am Strand. Für die Retter kann es sogar heikel werden – wenn Faulgase die massigen Leiber aufblähen. Denn bisweilen explodieren die Kadaver, wovon eindrucksvolle Videoaufnahmen zeugen. Manchmal werden die toten Wale auch präventiv gesprengt.

Schweinswal – Deutschlands einziger Wal
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In deutschen Gewässern tummeln sich nur selten Wale. Mitunter verirren sich Pottwale in die Nordsee, doch sterben sie dann bald. Auch Finn- und Zwergwale sind nicht häufig Gäste. Und der Große Tümmler lebt zwar in der Nordsee, hält sich aber meist von unseren Küsten fern. Ganz anders sieht es dagegen beim Gewöhnlichen Schweinswal (Phocoena phocoena) aus, den man mit etwas Glück vom Sylter Strand aus beobachten kann. Denn hier pflanzen sich die Meeressäuger fort und ziehen ihre Jungen groß. Den Gesamtbestand in unseren Gefilden schätzt man je nach Jahreszeit auf 15 000 bis 50 000 Tiere. Die Art ist also nicht akut gefährdet. Allerdings haben die Schweinswale in der Nordsee durchaus Probleme: Sie verfangen sich in Fischereinetzen und gelten als lärmempfindlich, so dass sie beim Bau von Offshore-Windkraftanlagen aus den betroffenen Regionen fliehen.

Vaquita – er stirbt leider gerade aus
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Als dieser Artikel verfasst wurde, schwammen wohl nur noch 30 Vaquitas oder Kalifornische Schweinswale im Golf von Kalifornien. Und dieser Hinweis ist wichtig, denn die Art stirbt gerade vor unseren Augen aus: Fast jeden Monat verendet einer dieser Kleinwale in einem der Fischernetze, mit denen einer ebenfalls vom Aussterben bedrohten Fischspezies illegal nachgestellt wird. Noch jede bislang ergriffene Gegenmaßnahme wie Fangverbote oder Schutzgebiete scheiterte, weil sich die Gesetze vor Ort nicht durchsetzen ließen. Als letzte Hoffnung gilt Meeresbiologen deshalb der gewagte Plan, die verbliebenen Kalifornischen Schweinswale zu fangen und in einer geschlossenen Einrichtung – beispielsweise einer abgesperrten Bucht – zu halten, wo sie sich vermehren können. Speziell trainierte Große Tümmler sollen die scheuen Vaquitas aufspüren und die Tierschützer zu ihnen führen. Im Herbst 2017 soll dieser letzte Notnagel zum Einsatz kommen. Hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät.

Narwal – der mit dem langen Zahn
© NOAA/OAR/OER / Kristin Laidre, Polar Science Center, UW
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Unter den Meeressäugern sticht der Narwal (Monodon monoceros) durch ein ganz besonderes Merkmal hervor: seinen überdimensionierten, spiralförmigen Stoßzahn, der bis zu drei Meter lang wird und aus der Oberlippe hervorragt. Lange rätselten Biologen, wozu er gut ist. Dient er als sekundäres Geschlechtsmerkmal, das Weibchen (die meist keinen Stoßzahn haben) von männlichen Qualitäten überzeugen soll? Oder fechten Rivalen damit Wettkämpfe aus? Handelt es sich um ein Sinnesorgan? Vielleicht ist der Zahn von allem etwas. Drohnenaufnahmen vor der Küste des kanadischen Territoriums Nunavut zeigen jedoch, dass er mit Sicherheit einer Sache dient: Die Tiere benutzen ihn, um potenzielle Beute zu überwältigen. Eine kurze, zackige Bewegung macht die Opfer des Narwals ohnmächtig. So sind sie einfacher zu fangen.

Blauwal – wie der Gigant sich ernähren kann
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Blauwale (Balaenoptera musculus) erreichen ausgewachsen eine Länge von mehr als 30 Metern und ein Gewicht von bis zu 200 Tonnen. Das macht sie zu der größten Tierart, die bislang auf der Erde gelebt hat. Dieser massige Körper muss ernährt werden, und das gelingt den Giganten fast ausschließlich mit dem Verzehr winziger Organismen: Plankton, Krill, selten Fisch. Kalkulationen kommen auf die gewaltige Summe von 40 Millionen Krebstierchen, die ein Blauwal pro Tag frisst – umgerechnet etwa 3,5 Tonnen Futter. Wie aber gelingt es einem solchen Tier, diese immensen Mengen zu vertilgen? Das Aufsperren des Mauls jedenfalls bremst es abrupt und stark ab, wenn Wasser und Nahrung hineinströmen. Bei jedem Vorstoß füllt sich das weit aufgerissene Maul mit einer Wassermasse, die etwa der Hälfte des Körpergewichts des Wals entspricht. Anschließend filtert er Nährstoffe und Krustentiere heraus, während die Flüssigkeit ins Meer zurückströmt. Das alles geschieht sehr energieeffizient: Pro "Bissen" nimmt der Wal 90-mal mehr Energie auf, als er für den Fressvorgang selbst sowie das anschließende Beschleunigen seines Körpers verbraucht. Um zu entscheiden, ob sich der Schluck überhaupt lohnt, besitzen die Blau- ebenso wie die anderen Bartenwale hochsensible Sensoren am Maul, mit denen sie die Beutedichte im Wasser vermessen.

Cuvier-Schnabelwal – keiner taucht tiefer
© Erin A. Falcone / Cascadia Research taken under NOAA permit 16111
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Als Säugetiere müssen Wale und Delfine natürlich regelmäßig an die Oberfläche kommen, um Luft zu holen. Dennoch tauchen manche Arten sogar bis hinab in die ewige Dunkelheit der Tiefsee, um dort zu jagen. Das bekannteste Beispiel hierfür sind die Pottwale, die in den lichtlosen Weiten großen Kraken nachstellen – ihrer Hauptnahrung. Den absoluten Tieftauchrekord hält nach bisherigem Kenntnisstand jedoch der Cuvier-Schnabelwal (Ziphius cavirostris), der bis zu sieben Meter groß und bis zu drei Tonnen schwer werden kann. Mit Hilfe des satellitengestützten Systems ARGOS entdeckten Gregory Schorr von der Cascadia Research Collective und seine Kollegen, dass der längste gemessene Tauchgang über zwei Stunden dauerte und der tiefste bis in knapp drei Kilometer Tiefe reichte. Auch die Cuvier-Schnabelwale erbeuten dort unten wahrscheinlich Kraken, wegen ihrer verborgenen Lebensweise weiß man bisher aber nur wenig über die Art.

Grönlandwal – der Methusalem unter den Walen
© NOAA Fisheries / Peter Duley
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Hoch im Norden leben die Grönlandwale (Balaena mysticetus), die gleich mehrere Besonderheiten aufweisen: Ihr Kopf nimmt fast ein Drittel der gesamten Körperlänge ein, ihre Fettschicht ist als Anpassung an die Kälte extrem dick – und sie werden besonders alt. Es sind einzelne Exemplare mit mehr als 200 Jahren Lebenszeit bekannt; das macht sie zu den langlebigsten Säugetieren. Unter den Wirbeltieren werden sie nur von wenigen Spezies übertroffen, etwa vom Grönlandhai, der möglicherweise bis zu 400 Jahre lebt. Wegen ihres ergiebigen Blubbers und weil sie so leicht zu bejagen sind, gab es unter den Grönlandwalen die meisten Opfer des industriellen Abschlachtens. Aber langsam wächst ihre Zahl wieder: Heute soll es 5000 bis 8000 Exemplare geben. In kleinem Umfang und recht traditionell dürfen die einheimischen Inuit die Tiere noch nutzen. Die überwiegende Mehrheit der Grönlandwale lebt im Pazifik. Der atlantische Bestand galt als lange erloschen, jedoch hat er vielleicht in kleiner Zahl überlebt – inmitten einer lange unbekannten Zuflucht zwischen grönländischem Packeis.