ESSAY

Ulrich Kattmann

Menschenrassen

Rassenbegriff

„Rasse“ ist – bezogen auf den Menschen – für viele Biologen und Nichtbiologen ein umstrittener Begriff. Während im englischen und französischen Sprachgebrauch „race“ oft einfach eine Gruppe von Menschen oder die gesamte Menschheit („human race“) bezeichnet, ohne damit die Absicht einer Klassifizierung oder tiefgreifender Unterschiede zu verbinden, steht „Rasse“ im Deutschen für Menschengruppen, die durch genetische Verschiedenheit definiert werden sollen. Im Streit um diesen Rassenbegriff steht biologisch nicht in Frage, daß es genetisch bedingte Unterschiede zwischen Menschen gibt. Fraglich ist aber, ob das biologische Konzept der Rasse und die mit ihm verbundenen Kategorien geeignet sind, die augenfällige Vielfalt der Menschen angemessen zu erfassen.

Im Sinne der zoologischen Systematik bilden alle heute lebenden Menschen eine einzige Art. Angehörige aller Populationen können sich unbegrenzt fruchtbar miteinander paaren (Fortpflanzung, Fruchtbarkeit, sexuelle Fortpflanzung).

Der Terminus Rasse ist in der Zoologie kaum mehr gebräuchlich. Er wird durch den Terminus Unterart fast vollständig ersetzt (trinäre Nomenklatur). Die Einteilung von vielgestaltigen Arten in Unterarten macht selbst bei Tieren häufig Schwierigkeiten und ist mit willkürlichen Entscheidungen verbunden. Wie bei anderen Arten hat man auch bei Homo sapiens versucht, Unterarten oder Rassen zu unterscheiden. Nach der zoologischen Nomenklatur ist dies weder bei anderen Lebewesen noch beim Menschen biologisch gefordert, d.h., es gibt keine Vorschrift, unterhalb der Art Taxa (Taxon) zu bilden. Dies hat einen klaren Grund in den Lebewesen selbst: Zwar gehört jeder sich zweielterlich (biparental) fortpflanzende Organismus zwangsläufig einer Fortpflanzungsgemeinschaft an, und damit zu einer biologischen Art. Die Unterscheidung von Unterarten oder Rassen aber ist eine Sache der Zweckmäßigkeit, die für verschiedene Arten je nach der erfaßbaren Populationsdifferenzierung ganz unterschiedlich zu beurteilen ist.

Beim Menschen wurden beinahe so viele Rassensystematiken aufgestellt, wie es Wissenschaftler gibt, die sich mit dem Problem befaßt haben. Die Anzahl der unterschiedenen „Rassen“ reicht dabei von 3 bis über 200.

Ein großer Teil der traditionell zur Klassifikation von Menschenrassen herangezogenen Merkmale scheint unter bestimmten Bedingungen einen selektiven Vorteil zu bieten. Es sind Merkmale der Körperoberfläche, die vor relativ kurzer Zeit unter den jeweiligen Umweltbedingungen herausgebildet worden sind (Oberflächenmerkmale). So ist die Pigmentierung der Haut abhängig von der durchschnittlichen Einstrahlung von UV-Licht (Hautfarbe, Ultraviolett), das Verhältnis zwischen Körperoberfläche und -volumen steht in Zusammenhang mit der Thermoregulation (Temperaturregulation), das Kraushaar (Haar [Abb.]) wird als Luftpolster zum Schutz des Gehirns vor Überhitzung gedeutet („natürlicher Tropenhelm“; Haarkleid), die Lidfalte (Mongolenfalte) als Schutz vor Licht, Schnee, Sand usw. Weitere Merkmalsunterschiede (Lippenbreite, Augenform [facial attractiveness], Körper-Gestalt) könnten durch „sexuelle Selektion“ herausgebildet worden sein. Selektionsbedingte Merkmale sind ungeeignet, genetische Verwandtschaft anzuzeigen, da sie, wie die dunkle Hauttönung in den äquatorialen Gebieten aller Kontinente, parallel herausgebildet sein können (Funktions-Ähnlichkeit: Konvergenz; Rassengenese). Die so erfaßten Merkmale und Merkmalskombinate sind von vielen Genen und Umweltfaktoren bedingt, so daß ihre genetische Basis bis heute unklar ist (Polygenie).

Molekularbiologische Methoden erlauben dagegen, DNA-Sequenzen (Sequenzierung), Gene (Gen) und monogen bedingte Merkmale (monogenes Merkmal) direkt zu erfassen. Solche Methoden (molekulare Genetik, Biochemie) umfassen u.a. die Analyse der Variabilität und Koppelung von Punktmutationen (single nucleotide polymorphism, SNP), die Sequenzanalyse einzelner Abschnitte der Kern-DNA (Desoxyribonucleinsäuren), insbesondere wenig oder nicht rekombinierender Sequenzen des Y-Chromosoms und des X-Chromosoms, hochvariabler DNA-Regionen oder ganzer Genome von Mitochondrien (Chondrom) sowie die vergleichende Untersuchung von Chromosomenstrukturen (Chromosomen). Dabei werden vorzugsweise selektionsneutrale Merkmale berücksichtigt, z.B. Sequenzen von nicht-codierender DNA (Genmosaikstruktur, Prozessierung). Die Ergebnisse haben zusammen mit der statistischen Auswertung (Statistik) der geographischen Verteilung von Allelfrequenzen (Allelhäufigkeit) monogen bedingter Merkmale zu einem neuen Bild der menschlichen Vielfalt und der Geschichte menschlicher Populationen geführt (u.a. L. Cavalli-Sforza, B. Sykes, A.R. Templeton).

Nach den in der Zoologie angewandten Kriterien zur Klassifizierung sind Unterarten

1) geographisch begrenzte, klar differenzierte Populationen;

2) über längere Zeit getrennte Stammeslinien.

Die beiden Kriterien treffen nach den Ergebnissen der evolutionsbiologischen (Evolutionsbiologie) und molekulargenetischen Forschung auf menschliche Populationen nicht zu. Die Rassensystematiken finden daher keine Bestätigung. Das gilt selbst für die Einteilung in sog. geographische Großrassen und ihre angebliche Entstehung in eiszeitlichen Isolaten. Kurz gefaßt: Die Unterschiede zwischen den geographischen Gruppen sind gering, die Differenzen ändern sich mit der geographischen Entfernung kontinuierlich, die Unterschiede zwischen den Gruppen sind geringer als die zwischen den Individuen innerhalb der jeweiligen geographischen Gruppen. Es lassen sich keine (über längere Zeit) getrennten Stammeslinien unterscheiden. Statt dessen besteht ein genetisches Netzwerk, das alle Populationen verbindet (s.u.). Das traditionelle Rassenkonzept ist zugunsten einer geschichtlichen und dynamischen Sicht menschlicher Vielfalt aufzugeben ( vgl. Infobox ; UNESCO-Stellungnahme).

Versuche zur „Rassenklassifikation“

Der „Vater“ der biologischen Systematik, C. von Linné, ordnete den Menschen nicht nur in eine Ordnung mit den Affen, sondern unterschied 1740 auch 4 geographische „Varietäten“ (americanus, europaeus, asiaticus, afer), denen er typisierend – entgegen der ihm bekannten Variationsbreite – verschiedene Hautfarben zuschrieb (rot, weiß, gelb, schwarz). F. Blumenbach leitete 1775 aus Schädelvergleichen idealtypisch 3 Grundformen ab (Afrikaner, Kaukasier, Mongole), zwischen die er noch 2 Zwischenformen einfügte (Malaye und Indianer). Obgleich von Schädelskeletten (Schädel) hergeleitet, wurde Blumenbachs Klassifikation mit der Charakterisierung durch die zugeteilten Hautfarben populär: „Schwarze“, „Braune“, „Weiße“, „Rote“ und „Gelbe“. Ein weiterer bekannter Versuch einer Rassenklassifikation, dem in Deutschland bis heute in wissenschaftlichem und populärem Schrifttum häufig gefolgt wurde, ist der von E. von Eickstedt (1934) mit 3 geographischen „Großrassen“ (Europide, Mongolide, Negride) sowie zahlreichen regionalen „Rassen“ und „Unterrassen“ ( vgl. Tab. 1 ). Die Einteilung erfolgte wie in allen älteren Versuchen typologisch vor allem anhand von Methoden der deskriptiven oder messenden Morphologie (Anthropometrie).

Eickstedt verwendete zwar auch exakte Meßmethoden, meinte aber, daß „Rasse“ auch unmittelbar wahrgenommen werden könne, und zwar durch „Typenschau“ des erfahrenen Wissenschaftlers. Mit den „Eickstedtschen Rassenformeln“ glaubte er Mischungsanteile der Rassen (z.B. „Nordide“ und „Osteuropide“) im Individuum bestimmen und auf diese Weise prozentuale „Rassenanteile“ in den Bevölkerungen ermitteln zu können. „Rasse“ wurde dabei als eine überdauernde Größe vorausgesetzt, die durch die Rekombination der Gene bei der Fortpflanzung nicht zerstört werde. Ziel war es, Rassen des Menschen als „zoologische Formengruppen“ umfassend sowohl hinsichtlich der Morphologie wie des Verhaltens zu beschreiben. Die Unterscheidung von Rassen war so von Beginn an eng mit Aussagen über psychische und kulturelle Eigenschaften verbunden, die als „rassetypisch“ verstanden wurden (s.u.: Rasse und Kultur).

Dem typologischen Vorgehen entsprach die Vorstellung, daß die „Großrassen“ in 3 Isolaten (sog. Züchtungsräumen) durch Mutation und Selektion herausgebildet worden seien. Man hat daher auch versucht, Fossilien des Homo sapiens als Rassen zu klassifizieren. Diese werden heute jedoch als Varianten innerhalb der fossilen Populationen gedeutet (Aurignacide, Cromagnide).

Durch die populationsgenetische Betrachtung (Populationsgenetik) rückten schon in den 1930er Jahren die Vielfalt der Populationen und die Übergänge zwischen ihnen stärker in den Blick. In Deutschland kam diese Sicht erst nach 1945 zum Tragen. Sie wurde auch durch biochemische Merkmale (vor allem der Blutproteine; vgl. Tab. 2 ) verstärkt, mit denen sich genetische Unterschiede zwischen den Populationen als Häufigkeitsverteilung der zugrunde liegenden Allele beschreiben ließen (Blutgruppen [Tab.]). Entsprechend wurden „geographische Rassen“ als Populationen definiert, die sich in der Häufigkeit bestimmter Allele von anderen unterscheiden (nach T. Dobzhansky). Die Typologie blieb dabei weiterhin im Spiel, indem die eigentlich bereits in ihrer Variationsbreite (Variation) erfaßte Vielfalt in den Populationen jeweils auf sog. populationstypische Merkmale reduziert wurde. Dadurch sollte wiederum eine wissenschaftliche Rassensystematik möglich sein. Die Fragwürdigkeit dieses Vorhabens zeigt sich, wenn nicht nur „Schwerpunkte“ der geographischen Merkmalsausbildung, sondern auch die „Abstufungen zwischen ihnen“ als eigene Rassen klassifiziert werden sollen (so R. Knußmann). Übergänge werden hier durch „taxonomische Rassentrennung“ beseitigt. Auf diese Weise wird weiterhin eine Vielzahl von „Rassen“ und „Unterrassen“ konstruiert, zu der es in der zoologischen Systematik keine Parallele gibt.

Gleitende Übergänge und genetische Nähe

Die ins Auge fallenden Unterschiede zwischen den Menschen, wie die Pigmentierung (Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe), Haarform und Gesichtsform (Gesicht, Kopf) werden durch nur wenige Allele bewirkt und sind geographisch weitestgehend durch gleitende Übergänge miteinander verbunden ( Menschenrassen II ). Die heute lebenden Menschen stimmen zu 99,9 Prozent in ihren DNA-Sequenzen überein. Alle denkbaren genetischen Unterschiede betreffen also nur 1 Promille der genetischen Substanz. Bemerkenswert ist, daß Menschen sich untereinander in genetischer Hinsicht viel weniger unterscheiden als etwa Schimpansen. Während Schimpansen verschiedener geographischer Herkunft phänotypisch (Phänotyp) kaum voneinander verschieden sind, so daß Individuen selbst von Spezialisten nicht einer der geographischen Unterarten zugeordnet werden können, sind die genetischen Differenzen zwischen ihnen etwa 10mal größer als die zwischen Menschen ( Menschenrassen II ). Unterschiede zwischen Populationen des Menschen können zwar statistisch erfaßt werden, sie sind aber entweder zu gering oder zu unbedeutend, um nach den Maßstäben der zoologischen Systematik Unterarten („Rassen“) unterscheiden zu können. Zwischen europäischen und asiatischen Populationen können statistisch signifikante genetische Differenzen festgestellt werden, aber auch zwischen Norddeutschen und Süddeutschen oder gar zwischen den Bevölkerungen verschiedener Stadtteile derselben Stadt. Die Variabilität verändert sich weitestgehend kontinuierlich: Die genetischen Distanzen zwischen den Populationen korrelieren hoch (Korrelation) mit der geographischen Entfernung, in der sie heute leben ( vgl. Abb. 1 ). Die Variation von Gensequenzen (Nucleotidsequenz) verbindet alle Kontinente miteinander ( Menschenrassen I ). Genetische Marker, die z.B. im Human-Genome-Project (Genomprojekt, Human Genome Diversity Project) entdeckt wurden und werden, ermöglichen zwar, die geographische Herkunft von Individuen zu bestimmen. Sie sagen aber ebenso wenig etwas über das sonstige Genom des untersuchten Menschen aus wie ein morphologisches Merkmal, z.B. die Stärke der Hautpigmentierung. Die sichtbaren Unterschiede zwischen Menschen verschiedener geographischer Herkunft können als groß und bedeutsam erscheinen, weil sie als Oberflächenmerkmale besonders auffallen. Geographisch benachbarte Populationen stehen sich jedoch auch dann genetisch näher als geographisch entferntere, wenn ihre Vertreter sehr verschieden aussehen ( Menschenrassen I )). Die auf Oberflächenmerkmalen beruhenden, typologisch erfaßten Unterschiede sagen wenig oder nichts über die genetische Nähe oder Distanz von Menschen aus: „Rasse geht nicht unter die Haut“ (R. Lewontin).

Verschiedenheit innerhalb der Gruppen

Der Abschied vom Rassenkonzept bedeutet nicht, genetische Unterschiede zwischen Menschen zu leugnen. Das Rassenkonzept erweist sich jedoch als ungeeignet, diese angemessen zu erfassen. Der größte Teil der genetischen Unterschiede ist nicht zwischen den geographischen Gruppen, sondern zwischen den Individuen ein und derselben Population zu finden ( vgl. Abb. 2 ). Das Erfassen von Haplotypen der Mitochondrien und des Y-Chromosoms erlaubt darüber hinaus, die Herkunft der väterlichen und mütterlichen Linien in einer Bevölkerung zu unterscheiden. Dabei zeigt sich, daß – mit vielleicht der Ausnahme kleiner Isolate (Inzucht) – keine Bevölkerung eine genetische Einheit darstellt, sondern ein dynamisches genetisches Netz von Linien unterschiedlicher Herkunft. Zuweilen läßt sich unterschiedliche geographische Herkunft der häufigsten mütterlichen (mitochondrialen) und väterlichen (Y-chromosomalen) Linien nachweisen, wie z.B. bei Finnen europäische bzw. asiatische, bei Äthiopiern afrikanische bzw. europäische mitochondriale bzw. Y-chromosomale Linien.

Bei sog. Rassenmischung geschieht also nichts anderes als bei Paaren gleicher geographischer Herkunft: Kinder werden in jedem Fall von genetisch verschiedenen Menschen gezeugt. Daß Oberflächenmerkmale von Menschen verschiedener geographischer Herkunft als wesentliche Unterschiede wahrgenommenen werden, beruht auf sozialpsychologisch bestimmten Urteilen und nicht auf genetischer Differenz:

„Was uns eint, sind die Gene – was uns trennt, sind die Vorurteile“ (H. Seidler).

Populationsgeschichte

Was immer man unter „Rassen“ verstanden hat, sie waren nie etwas Konstantes oder gar eine zu bewahrende Einheit. „Typen und Taxa existieren nur in Gedanken, real vorhanden sind nur die Individuen und ihre Vielfalt“ (E. Mayr). Typen (Typus) sind statisch gedachte Konstrukte. Dem entspricht die Rassentypologie, indem „Rassen“ als an die jeweilige Umwelt angepaßte Gruppen betrachtet werden, die durch Selektion herausgezüchtet wurden. Diese einseitig selektionistische Sicht ist auf die Erhaltung der Rassen ausgerichtet und betrachtet sie als etwas Bleibendes. Im Lichte der Evolution rückt dagegen die schnellen Wandel bewirkende Dynamik der Populationen (Populationsdynamik) in den Vordergrund: Die genetischen Unterschiede in den Allelverteilungen waren und sind nur Momentaufnahmen in der Populationsgeschichte. In heutiger Sicht sind sie daher Hilfsmittel in dem Bemühen, die Geschichte der menschlichen Populationen zu rekonstruieren. Die Ergebnisse molekulargenetischer Forschungen weisen nicht auf eine „Züchtung“ von „Rassen“ in abgeschlossenen Isolaten hin, sondern auf Ausbreitung der Bevölkerungen, Wanderschübe und wiederholte Besiedelung der Wohngebiete. Als Ursachen genetischer Unterschiede zwischen den Populationen haben neben Mutation und Selektion vor allem Alleldrift (Gendrift) und Allelfluß (Genfluß) eine entscheidende Rolle gespielt. Für die Populationsdifferenzierung hat die Trennung durch geographische Entfernung (Isolation-by-distance) offensichtlich eine größere Rolle gespielt als geographische Barrieren (Separation). Dem entspricht die kontinuierliche Variation in Abhängigkeit von der geographischen Entfernung ( vgl. Abb. 1 ). Varianten von Gensequenzen findet man über die Kontinente verteilt. Entsprechend sind Diagramme zu genetischen Distanzen nicht klassifikatorisch oder phylogenetisch als Aufspaltungen zu deuten ( Menschenrassen I ). Anders als in Stammbäumen (Stammbaum) symbolisieren die Linien des Diagramms keine getrennten Stammeslinien. Die Darstellung als Aufteilungen ist vielmehr methodisch bedingt: Im Dendrogramm werden nur die relativen Abstände dargestellt, nicht aber die Beziehungen und Interaktionen zwischen den Linien. Ob die genetischen Distanzen das Resultat von zeitweiliger Trennung und nachträglicher Mischung sind oder aber ständig ein mehr oder weniger großer Genfluß zwischen den Populationen herrschte, wird im Dendrogramm nicht erfaßt. Die große genetische Nähe zwischen den Menschen und die Muster der genetischen Variabilität ( Menschenrassen II ) legen nahe, daß Phasen genetischer Separation zwischen den Populationen während der gesamten Populationsgeschichte der Art Homo sapiens unbedeutend waren. Die Aufteilungen im Diagramm sind populationsgeschichtlich als Zeugnisse von Wanderungen und Besiedlungen der verschiedenen geographischen Regionen zu deuten ( vgl. Abb. 3 ).

Nach allen fossilen Dokumenten und gemäß der engsten stammesgeschichtlichen Verwandtschaft mit den afrikanischen Menschenaffen (Schimpanse, Bonobo, Gorilla) kann als sicher gelten, daß die Gattung Homo in Afrika entstanden ist (Hominidae, Paläanthropologie). Demnach sind alle heute lebenden Menschen die Nachfahren von Auswanderern aus Afrika. Diejenigen Varianten von Gensequenzen, die man nur auf anderen Kontinenten findet, sind Abwandlungen von jenen, die in Afrika vorkommen ( Menschenrassen II ). In Europa lassen sich 95% der Bevölkerung auf 7 mitochondriale Typen von Afrikanern und damit genealogisch auf 7 mütterliche afrikanische Linien zurückführen (B. Sykes).

Die genetischen Distanzen der Populationen ( Menschenrassen I ) dokumentieren so die Auswanderungen aus Afrika, die Besiedlung der Kontinente und neuer Wohngebiete sowie die damit verbundenen Prozesse der Alleldrift und des Allelflusses. Letzterer Faktor ist auch als Ursache der im Vergleich zu Asiaten größeren genetischen Nähe der Europäer zu den Afrikanern anzusehen.

Nach dem Out-of-Africa-Modell begann die Auswanderung unserer Vorfahren vor rund 100.000 Jahren vor unserer Zeit, nach dem Multiregionalen Modell bereits vor etwa 2 Millionen Jahren. Die größte genetische Variabilität in afrikanischen Populationen, die enge Verwandtschaft der übrigen mit den Afrikanern und die große genetische Nähe aller heute lebenden Menschen stützen die erste Hypothese. Bei der zweiten muß angenommen werden, daß der Allelfluß zwischen den Populationen seit etwa 2 Millionen Jahren über große geographische Distanzen hinweg besteht. Die festgestellte genetische Nähe der menschlichen Populationen wäre nicht davon berührt, wenn sich die Multiregional-Hypothese schließlich doch als wahrscheinlich herausstellte. Es würde sich lediglich das Datum der Auswanderung aus Afrika ändern.

„Ob es uns gefällt oder nicht: Im Grunde genommen sind wir alle Afrikaner“ (U. Kattmann).

„Rasse“ und Kultur

Menschen beurteilen und bewerten sich gegenseitig häufig nach ihrer Gruppenzugehörigkeit (Gruppe, Gruppenidentität, Gruppennormen, Intoleranz, Vorurteil, Xenophobie). „Rasse“ ist daher auch und vor allem ein sozialpsychologisches Phänomen. Gerade auch in der sich naturwissenschaftlich verstehenden biologischen Anthropologie waren die Rassenklassifikationen von Anfang an mit sozialer Bewertung verbunden. Bereits Linné versah 1740 die von ihm unterschiedenen geographischen Varietäten mit psychischen und kulturellen Attributen.

Vorstellungen von höherwertigen und minderwertigen Rassen durchziehen die Rassenkunde des 19. und 20. Jahrhunderts. Vor allem die in der Typologie auf wenige Farbqualitäten reduzierten Hauttönungen wurden über die Farbsymbolik mit psychischen Eigenschaften in Verbindung gebracht (z.B. Schwarz und Weiß als „böse“ und „gut“). Die Absicht einer umfassenden zoologischen Beschreibung wurde von überlieferten Vorstellungen dieser Wissenschaft mitgeprägt. Besonders die von mittelalterlicher Theologie in die säkulare neuzeitliche Wissenschaft übernommene Stufenleiter der Wesen (Scala naturae) spielte eine wichtige Rolle. Sie kommt in der Einteilung in „Höhere“ und „Niedere“ Lebewesen zum Ausdruck und trug auch zu den Anschauungen von Höherentwicklung und evolutionärem Fortschritt bei. Übertragen auf den Menschen führte sie zur Unterscheidung von älteren und jüngeren „Rassenschichten“, die mit „primitiv“ und „fortschrittlich“ gleichgesetzt wurden. Bei Eickstedt ist dabei die Vorstellung der Überschichtung und Verdrängung der „Primitiven“ durch die fortschrittlichen, zivilisierten „Rassen“ leitend. Primitive „Rassen“ seien dementsprechend häufig in unwirtliche Rückzugsgebiete abgedrängt und zum Teil durch kindliche und tierische Merkmale gekennzeichnet. Eickstedt charakterisierte dementsprechend „pädomorphe“ und „theromorphe“ Rassen, die nach seiner Ansicht die „Altschichten“ der „Mongoliden“ und der „Negriden“ darstellen sollen. In ähnlicher Weise wurden die „Rassen des Deutschen Volkes“ nicht nur morphologisch, sondern auch seelisch gekennzeichnet (z.B. „nordischer“ Charakter bestimmt zum Herrschen, „östlicher“ zum Untertansein). Der Humangenetiker F. Lenz, der den morphologischen Rasseneinteilungen kritisch gegenüberstand, sah statt dessen den Kern der Rassenfrage im Psychischen und definierte im führenden Lehrbuch der Zeit („Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“; E. Baur, Eugen Fischer, F. Lenz, 1936) die „Juden“ als eine „seelische Rasse“, die unter den Bedingungen des Ghettos herausgezüchtet worden sei.

Wesentliche Elemente der Verbindung von „Rasse“ und Kultur waren neben der Annahme psychischer Rasseneigenschaften das Postulat unterschiedlicher Kulturfähigkeit der Rassen, die Vorstellung von Rassen als Größen, die die Individuen übergreifen und überdauern, und daraus folgend das Gebot der „Rassereinheit“ sowie die Überzeugung der Schädlichkeit von „Rassenmischungen“. Durch diese Konzepte war die biologische Rassenkunde eng mit gesellschaftlich und politisch motivierten Rassenlehren verbunden. Die angeblich wissenschaftlich begründeten rassenkundlichen Klassifikationen waren daher stets von sozialer Diskriminierung und gruppenegoistischen Interessen angeleitet (Rassismus). Sozial bestimmte Vorstellungen zu Rassen tragen weiterhin zum Fortbestehen des Rassenkonzepts in der Biologie bei, indem soziale Gruppen fälschlich als biologisch definierte „Rassen“ begriffen werden (z.B. die „Schwarzen“ in den USA). So sind wissenschaftlich orientierte Rassenkunde und weltanschaulich gedachte Rassenideologien in ihrer Wirkungsgeschichte kaum zu trennen. Letztere wurden mit philosophischen und politischen Ansprüchen zu „Rassentheorien“ formuliert, mit denen versucht wurde, den Verlauf der Geschichte als Folge von Rassenkampf und Rassenmischung zu deuten. Die Aussagen der Rassenkunde stützten diese genetizistische Geschichtsdeutung, wie sie u.a. von J.A. de Gobineau (1816–1882) und H.St. Chamberlain (1855–1927) vertreten sowie von A. Hitler (1889–1945) radikalisiert und in verbrecherische Praxis umgesetzt wurde (Ethnozid, Euthanasie, Genozid, Nordide). An der Rassenpolitik der Nationalsozialisten beteiligten sich Anthropologen, wie E. von Eickstedt, und Humangenetiker, wie Eugen Fischer und O. von Verschuer, u.a. durch populäre Schriften, Unterrichtsmaterialien und besonders durch das Erstellen gerichtlicher Rassengutachten, mit denen festgestellt werden sollte, ob die untersuchten Personen „jüdischer Abstammung“ waren und damit unter die Bestimmungen der Nürnberger Rassengesetze fielen.

Man weiß bis heute wenig über die humangenetischen Grundlagen (Humangenetik) und so gut wie gar nichts über die Häufigkeitsverteilung psychischer Merkmale in den Populationen des Menschen. Eine Ausnahme bildet nur scheinbar die Test-Intelligenz. Der Stanford-Binet-Intelligenztest und seine Nachfolger wurden im Hinblick auf das kulturelle Umfeld der Euroamerikaner konstruiert und häufig im Interesse sozialer Diskriminierung und Siebung durchgeführt (S.J. Gould). Die Ergebnisse sind daher nicht als genetisch bedingte Gruppenunterschiede zu deuten.

In der rassentheoretischen Geschichtsbetrachtung wurde angenommen, daß die Kulturentwicklung (kulturelle Evolution) von der genetischen Ausstattung der jeweiligen Bevölkerung abhinge. Dem ist entgegenzusetzen, daß die jeweiligen biogeographischen Bedingungen – vor allem das Vorkommen von zur Domestikation geeigneten Pflanzen- und Tierarten (Haustierwerdung) – die weitere Kulturentwicklung entscheidend mitbestimmt haben (das Wort „Kultur“ bezeichnet ursprünglich den Pflanzenanbau). Wenn man die Bevölkerungen von Europa und Australien vor etwa 10.000 Jahren gegeneinander ausgetauscht hätte, so wären die Historie und die Kulturentwicklung auf beiden Kontinenten vermutlich nicht wesentlich anders verlaufen: „Nicht Gene, sondern Kontinente machen Geschichte“ (J. Diamond). Anthropogeographie, Anthropographie, Ethnologie, Eugenik, Genetik, Humanbiologie, Humanethologie, Humanität, Humanwissenschaften, Humanökologie, Menschenrassen I Menschenrassen II

Lit.: Baur, E, Fischer, E., Lenz, F.: Menschliche Erblehre und Rassenhygiene. München 1931/1936 (4. Aufl.). Cavalli-Sforza, L.: Gene, Völker, Sprachen. München 1999. Cavalli-Sforza, L., Cavalli-Sforza, F.: Verschieden und doch gleich. München 1994. Cavalli-Sforza, L., Menozzi, P., Piazza, A.: The History and Geography of Human Genes. Princeton 1996. Diamond, J.: Arm und Reich. Das Schicksal menschlicher Gesellschaften. München 1999. Eickstedt, E.v.: Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit. Stuttgart 1934. Gould, S.J.: Der falsch vermessene Mensch. Basel 1983. Kaupen-Haas, H., Saller, F. (Hrsg.): Wissenschaftlicher Rassismus. Frankfurt 1999. Knußmann, R.: Vergleichende Biologie des Menschen. Jena 1996. Lewontin, R.C.: Menschen. Heidelberg 1986. Malina, R.M.: „Race“: Confusion about Zoological and Social Taxonomies and their Places in Science. In: American Journal of Human Biology 13, 2001, S. 569–575. Mayr, E.: Die Evolution und die Vielfalt des Lebens. Berlin, Heidelberg 1979. Preuschoft, H., Kattmann, U.: Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik. Oldenburg 1992. Seidler, H., Rett, A.: Das Reichssippenamt entscheidet. Rassenbiologie im Nationalsozialismus. Wien, München 1982. Science: Human Evolution: Migrations. Vol. 291, 2001, S. 1651–1846. Sykes, B. (Hrsg.): The Human Inheritance: Genes, Language and Evolution. Oxford 1999. Sykes, B.: The Seven Daughters of Eve. New York, London 2001. Templeton, A.R.: Human Races: A Genetic and Evolutionary Perspective. In: American Anthropologist 100, 1999, (3), S. 632–650.



Menschenrassen:



Abb. 1:
Genetische Distanzen und Isolation durch geographische Entfernung. Die genetischen Distanzen zwischen Populationen der Erde sind in Abhängigkeit von deren geographischen Distanzen aufgetragen. Die Punkte entsprechen erhobenen Daten; die Strichkurve gibt die theoretischen Werte an, die bei Isolation durch geographische Entfernung („isolation by distance“) zu erwarten sind.



Menschenrassen:



Abb. 2:
Genetische Unterschiede zwischen Individuen und Populationen. Von den Genen des Menschen sind höchstens 25% variabel: Von diesen gibt es jeweils mehrere Allele desselben Genorts. Die auf unterschiedlichen Allelen bzw. Allelverteilungen beruhenden genetischen Unterschiede bestehen ganz überwiegend zwischen den Individuen ein und derselben Population. Gegenüber den individuellen Unterschieden fallen diejenigen zwischen den Populationen nicht ins Gewicht: Die Unterschiede zwischen den geographischen Gruppen („Rassen“) betragen nur etwa 10% aller Unterschiede.



Menschenrassen:



Abb. 3:
Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika. DNA-Analysen weisen darauf hin, daß der moderne Mensch vor etwa 200.000 (130.000 bis 465.000) Jahren in Ostafrika entstanden ist und Angehörige dieser Art vor 100.000 Jahren aus Afrika ausgewandert sind. Die angenommenen Wanderwege stehen im Einklang mit der Datierung fossiler Belege auf den verschiedenen Kontinenten (Zahlenangaben in Jahren vor unserer Zeit). Hauptwanderwege nach Südasien und Amerika können auch entlang der Küsten verlaufen sein.