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Futur III: Johnnie, Walker

Wandern für die Menschheit – und manchmal auch mehr als das. Eine Kurzgeschichte von Sven Klöpping
Ein Jogger in einem herbstlichen Wald bei Nieselregen.

Ja, genau, das ist die Kaiserstraße. Die ist schön lang. Vorbei an der Uni, an verschiedenen Cafés und Einzelhändlern. Richtung Schloss. Mit jedem Schritt steigt mein Kontostand. Pro Kilometer in der Stadt kann man mit ungefähr fünf Credits rechnen. Das ist ein tolles System, finde ich. Ihr nicht? Na ja.

Wurde jedenfalls höchste Zeit, dass sich die Regierung etwas gegen diese ganze fatale Entwicklung überlegt hat. Über Generationen hinweg sind wir Originale immer bewegungsunfähiger geworden, und dann hat das »genetische Optimierungsprogramm« so richtig zugeschlagen.

Eine genetische Toleranzgrenze, die dem Ganzen Einhalt hätte gebieten können, gab es nicht. Nichts gegen Menschen mit verkümmerten Gliedmaßen, aber wenn fast alle so sind, dann kommt man schon ins Grübeln, gell? Die »Faulenzerjobs« sind mittlerweile zum Glück größtenteils von Androiden übernommen worden. Sollen die sich doch das Steißbein ins künstliche Gehirn sitzen!

Wir Originale haben jetzt etwas Besseres. Arbeiten entweder auf dem Bau – stark subventioniert, weil Roboter billiger sind. Oder wir werden bezahlt fürs Laufen. Ja, ihr habt richtig gehört. Damit der »fortlaufende« Bestand der Menschheit gesichert ist. Kein Scherz! Die Regierung bezahlt für jeden Kilometer. Die Höhe des Entgelts hängt ab von Geschwindigkeit, Steigungsgrad und Gelände. So verdiene ich mit einem Stadtspaziergang natürlich weniger, als wenn ich zum Beispiel einen Waldlauf durch hügeliges Gelände machen würde.

Wie das geht, zeige ich euch in diesem Retinavideo meiner implantierten WatchCam. Die filmt alles, was ich mache, wenn auch leider ohne Ton. Und jetzt, vor dem Upload, nehme ich noch einen Kommentar dazu auf. Eine Werbemaßnahme fürs Laufen, wenn ihr so wollt. Meistens schaut sich das fast niemand an. Aber diese Aufnahme wird ein Hit. Versprochen!

So, hier muss ich links abbiegen, da ist schon das Schloss ausgeschildert. Bis übermorgen muss ich 35 Kilometer hinter mich bringen, um alle Rechnungen bezahlen zu können, daher der schnelle Schritt. Der Chip in meiner Hüfte registriert genau, wie viel, wie schnell und wohin ich mich fortbewege.

Da rennt übrigens gerade Gustav vorbei, mit ihm rede ich manchmal über so Sachen wie Miete, aber heute hat er es eilig. Seit anderthalb Jahren mache ich das mit dem Laufen schon, habe bislang nur Positives erlebt. Man trifft viele neue Leute und kann sich austauschen.

Das Konzept der Regierung geht voll auf: soziale Interaktion gepaart mit körperlicher Fitness. So gleicht man die Folgen der genetischen Optimierung des 22. Jahrhunderts aus. Und sichert den Fortbestand der Menschheit. Damals wollten einige Konzerne den perfekten Menschen erschaffen. Es kam zu Mutationen, vererbten Gendefekten, ansteckenden Krankheiten – und vollends verkümmerten Muskeln natürlich.

Als es fast schon zu spät war, stoppte man den Wahnsinn und startete ein staatliches Programm für alle, die noch nicht betroffen waren. Genetische Optimierung wird jetzt streng kontrolliert, auch Eheschließungen und Geburten. Schließlich wollen wir nicht, dass sich unsere Kinder mit den Degenerierten vermischen oder diese Missgeburten sich weiter vermehren. Oder noch schlimmer: dass man uns irgendwann durch Roboter und Androiden ersetzt.

Tadaaa! Hier sehen wir jetzt endlich das Schloss. Es wurde vor einigen Jahren wundervoll restauriert. Ich setze mich auf eine der Bänke und genieße den Ausblick. Jetzt sieht man, wie verschiedene Androiden und Läufer vorbeikommen … und auch ein paar Degenerierte. Wie die sich vorwärtsquälen! Fast tun sie einem leid. Was sagt ihr? Ja klar, natürlich könnten sie mechanische Gehhilfen oder Robotergelenke in Anspruch nehmen, wir sind schließlich eine moderne und aufgeschlossene Gesellschaft. Aber viele sind dafür zu arm.

So, jetzt spule ich mal etwas schneller vor. Ich gehe noch ein paar Kilometer in lockerem Tempo spazieren und kaufe Utensilien für den Ausflug in den Schwarzwald (Grapefruitsaft, Snacks, Orangen). Im Wald werde ich richtig loslegen, Kameraden, freut euch schon mal drauf! Schön durchs Gelände marschieren, die heimische Natur genießen und dabei Credits einheimsen.

Zurück zu Hause stelle ich mich aber erst mal aufs Laufband. Auch das wird natürlich mitgezählt. Bei Stufe eins bekomme ich etwa vier Credits pro Kilometer. Nach sechs Kilometern habe ich keine Lust mehr, lege mich auf die Couch. Dreieinhalb Stunden TV-Faulenzerei, dann geht es per Elektroauto ins Murgtal. Das überspringe ich jetzt mal.

Ich hab mir vorgenommen, etwa vier Stunden durch die Gegend zu wandern. Das ergibt ungefähr 20 Kilometer der Kategorie »schwieriges Terrain«. Macht also um die 250 Credits. Davon kann ich schon mal einige meiner Rechnungen begleichen. In der Nähe von Forbach halte ich auf einem Rastplatz direkt am Stausee. Wie ihr seht, ist hier fast nichts los. Auf dem linken Pfad geht es einmal um den See und dann direkt in den Wald.

Man kann hier über alles nachdenken, die Natur genießen und gleichzeitig Credits sammeln, quasi ohne dass man es merkt. Es ist angenehmes Wanderwetter. Um die 20 Grad, leichter Wind. Da begegne ich gerade einem Afropärchen – auch Originale –, grüße sie freundlich. Hach, es ist schön, dass unsere Gesellschaft endlich gelernt hat, die althergebrachten Rassengrenzen zu überwinden und sich gegenseitig zu tolerieren und zu respektieren.

Das einzige Problem ist derzeit die Computerisierung, Androidisierung und genetische Selbstverstümmelung der Gesellschaft. Das wisst ihr sicher alle. Wie gesagt, nichts gegen Andros! Aber manchmal, da ist ganz tief in mir drin so ein Gefühl … na ja. Nicht aufregen! Positiv denken. Ich bin im Wald, das Wetter stimmt, also auf geht´s – Credits sammeln! Ich folge schmalen Pfaden, auf denen mir nur selten jemand entgegenkommt. Meistens Originale, die erkennt man ja leicht, nur ab und zu ein Andro.

Wir Menschen lieben unsere Natur, wollen immer wieder zu ihr zurückkehren. Andros können das nicht nachempfinden. Sie sehen nur klassifizierbare Kategorien von Pflanzen, Insekten, Wildkatzen, Dreck. Bei aller Kompatibilität mit den verschiedensten Computer- und Satellitensystemen wirken sie hier draußen erbärmlich und winzig, ihre Ports und Chips symbolisieren die ultimative Verzweiflung der technisierten Welt: unfähig, sich selbst treiben zu lassen, den Körper zu genießen. Immer nur analysieren, logisch denken! Ohne jede Emotion. Das ist doch einfach nur traurig.

Seht ihr die Buche da vorn? Hier biege ich nach rechts ab, weiter hinab ins Dickicht, das naturgeschützt auf seine Entdecker wartet. Schaut mal, wie schön die Sonne ihre Strahlen tanzen lässt, das zeige ich direkt mal in Zeitlupe. Jetzt fliegt über meinem Kopf ein Rotkehlchen. Wahnsinn, oder?

Vier Stunden durch die Gegend laufen, bei schwierigem Terrain – das bringt 250 Credits.

Einige hundert Meter weiter höre ich etwas. Meine geübten Lauscher spitzen sich wie von selbst und ja … es ist das Stöhnen eines Liebespaars. Nach kurzem Zögern beschließe ich, mich ihnen zu nähern. Nicht dass ich ein Voyeur wäre – aber gewisse Dinge erregen einfach meinen Verdacht, müsst ihr wissen. Durch Gestrüpp, über Äste und Blätter schleiche ich, behutsam darauf bedacht, die beiden nicht in ihrer Ekstase zu stören, falls … Noch wenige Meter, dann habe ich sie erreicht … und was sehe ich da! Es sind tatsächlich Degenerierte!

Die verstecken sich glatt in dieser natürlichen Unschuld, um eine schändliche Sünde zu begehen! Ich hatte es schon vermutet, denn welcher normale Mensch sollte sich dabei verstecken? Das hier ist einfach eklig. Sie hat einen Roboterarm, er verstümmelte Beine. Das kann ich nicht dulden … darf ich nicht dulden! Einen Moment zögere ich, das sieht man auf dem Video deutlich, denn irgendwie sind wir ja alle Menschen, oder? Aber dann greife ich in meine Tasche, zücke das Jagdmesser, das ich für solche Fälle immer mit mir trage.

Warum eigentlich »Johnnie, Walker«, schießt mir da durch den Kopf. »Johnnie, Killer« wäre doch auch ein guter Nickname. Oder? Vielleicht in Zukunft.

Jetzt haben mich die beiden gesehen und schauen ganz erschrocken. Aber da beende ich ihren Liebesrhythmus mit schnellen, geübten Schnitten. Sorry, hier wird das Bild wackelig. Ich stoße sie von ihm herunter, rufe so etwas wie »Schande! Schande!«. Und da sackt er nach einem Hieb mit dem Knauf des Messers schon in sich zusammen wie ein altes Waschweib! Kein Wunder, seine Muskeln sind tatsächlich nur noch die allerletzten kläglichen Reste dessen, was uns Menschen einst auszeichnete.

Nun liegen beide reglos am Boden, und ich fotografiere den Tatort. Die Bilddatei schicke ich direkt an meinen Gauleiter, ich hab das Prozedere mit dem Handterminal gefilmt, falls euch auch mal so etwas passiert. Ich hatte da echt ein wenig Panik, die falschen Symbole zu betätigen. Der Gauleiter wird sich ab jetzt um alles kümmern, ein Aufräumkommando losschicken, Rechtliches klären, die Verwandten informieren.

Die Wanderung kann ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht mehr fortsetzen, ich laufe den Weg zurück. Es ist schon so eine Sache, zwei meiner Mitmenschen umgebracht zu haben. Das ist irgendwie ein ganz komisches, kribbelndes Gefühl. Na ja.

Ich werde vom Ministerium jedenfalls eine fette Belohnung kassieren und mich sofort morgen in Behandlung begeben. PTBS oder wie nennt man das? Mich trifft es nie ganz so hart wie andere, aber belastend ist es schon, das muss ich zugeben.

Ich laufe also zurück zum Parkplatz, vorbei an einigen Wanderern, die mich entsetzt anstarren. Schaut euch mal diese Blicke an! Kein Wunder, ich bin ja über und über mit Blut bespritzt. Ich erkläre ihnen alles, ernte dankbare Blicke, und da applaudieren sogar ein paar. Jawohl, wenn es ums Bekämpfen der Plage geht, sind wir alle Originale.

Nach einem kräftigen Schluck Grapefruitsaft steige ich in mein Auto und fahre nach Hause. Dort habe ich der Behindertenhilfe erst mal ein paar Credits überwiesen. Irgendwie fühl ich mich ja doch ein wenig schuldig, gell.

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