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Von Forschern und Fröschen

Wenn Amphibien auf den Zug der Zeit aufspringen

Jahrmillionen der Evolution haben Lebewesen auf definierte Anforderungen hin optimiert. Diesen Erfahrungsschatz für technische Anwendungen zu nutzen, darauf hofft die Bionik. In Zeiten, in denen das Wünschen allein nicht mehr hilft, wird aber auch mal ein PR-Gag daraus.

Es war einmal ein Laubfrosch der Marke Phyllomedusa trinitatis, der glaubte, er sei ein verwunschener Autoreifen. Erforsch’ mich, rief er einem Wissenschaftler der Universität Glasgow zu. Und weil der von der Natur lernen wollte, bekam das liebe Tier seinen Willen. Das Ergebnis: Ein Frosch ist kein Reifen, doch manch ein Reifen wäre froh, so gut auf nassem Grund zu haften wie dieser Bewohner des tropischen Trinidads. Deshalb erhielt der zwar keinen befreienden Kuß, doch immerhin: Eine Pressemeldung „Demnächst Reifen mit besserer Straßenhaftung“ verbreitete das Märchen in die Redaktionen. Mit Photo (siehe oben).

Das zeigt allerdings keineswegs eine neue Generation von Autoreifen. Überhaupt: Der schottische Wissenschaftler berichtet in einer Fachzeitschrift zwar, daß diese baumlebenden Frösche dank ihres Sohlenprofils wie nasses Papier an Glas kleben können. Den Schritt zur Lauffläche eines Reifens sieht er aber selbst nur als mögliche Option, die erst weiterer, intensiver Forschung bedürfe. Schließlich gebe es eklatante Unterschiede hinsichtlich der mechanischen Belastung. Zum Beispiel: Laubfrösche springen, Reifen rollen.

„Abgeschaut von Mutter Natur“ ist immer wieder trendy, die Neigung zum medienwirksamen Auftritt dementsprechend groß. Zu erforschen, wie sich die Lotusblume im Sumpf sauber hält, war unzählige Medienberichte und den Philipp-Morris-Preis ’99 wert. Wohl zu recht, denn eine schmutzabweisende Fassadenfarbe profitiert bereits von dieser Forschung. Auch der Haifisch zeigte Zähne: Die Struktur seiner Haut, mit Spezialfolien imitiert, verringert den Luftwiderstand von Flugzeugflügeln. Optimierungsalgorithmen simulieren die Anpassung von Bäumen oder Knochen an mechanische Belastungen und verbessern so beispielsweise orthopädische Schrauben.

Diese Erfolgsstories haben aber eine bis zu 20jährige Geschichte. So lange dauert es eben mitunter, aus der biologischen Grundlagenforschung ein Industrieprodukt abzuleiten. Wer hat aber angesichts immer kürzerer Produktzyklen noch so viel Zeit – und Geld? Spektakuläre Medienauftritte verschärfen diesen Konflikt, denn sie wecken die falschen Erwartungen. Deshalb die Moral von der Geschicht: Erst tue Gutes, dann rede darüber.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 85
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999

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