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Grabhügel soweit das Auge reicht

In Europa kann man immer wieder mehr oder weniger gelungene Ausstellungen über die Terrakottaarmee des ersten chinesischen Kaisers sehen. Wie schön, dass ich nie dort mein Geld gelassen habe, sondern mir dank des DAI nun direkt das Original habe anschauen können!

Zusammen mit einem deutschen Geschwisterpaar, das wir – wie sollte es anders sein – in der Warteschlange am Bahnhof kennengelernt haben, machten Francis und ich einen Taxi-Ausflug zu den archäologischen Stätten um Xi'an. Zunächst zog es mich natürlich zum neolithischen Fundplatz Banpo.

Besiedelt in der Zeit der Yangshao-Kultur (5. und 4. Jt. v. Chr.), deren mit geometrischen Mustern bemalte Keramik mich schon im Museum von Lanzhou am Gelben Fluss an die Cucuteni-Kultur der nordpontischen Steppen hat denken lassen (wie und woher kam das Neolithikum eigentlich genau nach China?), bestand das Dorf aus Pfostenhäusern mit dickem Lehmverputz, ganz ähnlich wie man es auch vom Balkan her kennt. Der fruchtbare Lößboden, der noch heute den Huang He gelb färbt, ließ schon im Neolithikum Hirse und Weizen gut gedeihen. Noch heute isst man in Nordchina mehr Weizenfladen – übrigens die Standardbeilage zur Pekingente – als Reis.

Danach kam der Grabhügel des Ersten Kaisers Qin Shi Huangdi (er verstarb 210 v. Chr.) dran. Grabberg wäre allerdings eher angemessen, denn er war usprünglich fast 100 Meter hoch und trägt noch heute große Plantagen von Granatapfelbäumen. Sie machen in Verbindung mit den wenigen Besuchern das Monument zu einem angenehmen und beeindruckenden Ziel. Noch unausgegraben, soll es nach den Schriftquellen einen unterirdischen Palast mit der Grabkammer und einen vor Grabraub schützenden Quecksilbersee in sich bergen. Und in der Tat haben chinesische Bodenuntersuchungen erhöhte Quecksilberwerte feststellen können.

Circa einen Kilometer entfernt davon liegen die bisher ergrabenen länglichen Gruben mit den lebensgroßen tönernen Soldaten. Massen von Touristen werden hier durch eine flugzeughangarartige Halle geschleust. So braucht es schon ein bisschen Vorstellungsvermögen, um trotz der durchschnittlichen chinesischen Gesprächslaustärke und der gegen null tendierenden Disziplin beim Schlangestehen das ehrfürchtige Erstaunen angesichts dieses immensen Aufwandes im Totenkult aufrechtzuerhalten.

Ruhe fanden wir dann nach einer Fahrt durch die mit riesigen Kaisergrabhügeln nur so gespickte Ebene von Xi'an in der von den Pauschaltouren völlig unberührten Grabstätte des Kaisers Jing, des Gründers der Han-Dynastie. Jing, unter dem das Reich der Mitte wirtschaftlich prosperiert haben soll, hatte sich dem Taoismus verschrieben und regierte nach dem Prinzip des Wuwei ("Nichteinmischung").

Entsprechend friedlich sind seine Begleiter in der Unterwelt. Statt lebensgroßer Soldaten stehen hier nur circa vierzig Zentimeter große Angehörige des Hofstaates und vor allem Unmengen von tönernen essbaren Haustieren: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner und natürlich Hunde. Ich hatte immer gedacht, nur der Erste Kaiser habe einen Terrakottatross als Grabbeigabe bekommen, aber nun weiß ich, dass diese Sitte bis in die Ming-Dynastie, dann allerdings mit glasierten Tonpuppen, weiterging. Ein Besuch bei den Minggräbern nördlich von Peking zeigte uns, dass ein Riesengrabhügel und ein unterirdischer Palast selbst noch im 17. Jahrhundert n. Chr. unverrückbar zur Grabarchitektur der chinesischen Kaiser gehörte.

Was für eine immense Tradition! Man stelle sich vor, ein Habsburger Kaiser wie Karl V. hätte sich noch ebenso wie in der Latènezeit bestatten lassen...

Eva Rosenstock

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