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Tagebuch: Auch Atomkerne sind nur Zwiebeln – J. Hans D. Jensen zum 100. Geburtstag

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An einem Ende des Ganges saßen die Astrophysiker, am anderen die Teilchenphysiker. So war die „Welt“ der zwei Professoren für Theoretische Physik an der Universität Würzburg noch in den 1970ern aufgeteilt. Das war im 5. Stock des neuen Physikgebäudes, in dessen Altbau Wilhelm Conrad Röntgen noch leibhaftig gewirkt und 1895 seine Strahlen entdeckt hatte.

Als Astrophysik-Diplomand sah ich wenig von Professor Helmut Steinwedel, der am anderen Ende des 5. Stocks die Teilchenhoheit über seine Assistenten ausübte. Lang, hager, mit blitzenden Augen, erlebte ich ihn fast nur in den wöchentlichen Kolloquien. Immer in der zweiten Reihe sitzend, schien er während des Vortrags häufig sanft zu entschlummern. – Doch dann, wenn das Klopfen auf die Tische das Ende des Referats verkündete, sprang er plötzlich auf, stach mit dem Finger in die Luft und stellte dem Referenten die alles entscheidende, tödliche Frage. Also doch nicht so tief geschlafen!

Daran musste ich letzte Woche denken, als im Festkolloquium zum 100. Geburtstag von Hans Jensen an der Universität Heidelberg plötzlich Steinwedel im Foto auf der Leinwand prangte, nur 30 Jahre jünger, als ich ihn kannte. Denn der junge Theoretiker war in den 1950er Jahren der erste Assistent des Kernphysikers Jensen gewesen – schon damals hager, groß und nach vorne gebeugt. Im Bild stand er mit einem jungen Kollegen offenbar diskutierend an der Tafel, die mit Formeln bedeckt war.

Aber es ging ja um Jensen! Auf den gezeigten Aufnahmen wirkte der aus Hamburg stammende Kernphysiker auf mich wie eine Mischung aus Gustaf Gründgens und Bernhard Grzimek. Im Jahr 1963 teilten sich er, Maria Goeppert-Mayer und Eugene Wigner den Nobelpreis für Physik für das Schalenmodell des Atomkerns. Die illustren Vorträge erinnerten an die aufregende Zeit der Kernphysik in den 1950er und 1960er Jahren. Der alte Hörsaal des Physikalischen Instituts war gefüllt mit ehemaligen Schülern und Freunden, meist inzwischen selbst betagt. Das Schalenmodell, seit den 1940er Jahren von Maria Goeppert-Mayer und Jensen zunächst unabhängig voneinander entwickelt, brachte einen Durchbruch im Verständnis der Atome, vor allem zur Erklärung der „magischen Zahlen“, also Atomkernen mit bestimmten Zahlen von Protonen und Neutronen. Die kosmische Häufigkeit der Elemente, Kernreaktionen, Supernovae, die schwersten je künstlich hergestellten Elemente – all das basiert heute wesentlich auch auf der Vorstellung, dass Atomkerne einer Zwiebel nicht ganz unähnlich sind.

In ihren Vorträgen erinnerten die Zeitzeugen an Jensen auch in Anekdoten. Nachdem in der Nazizeit der „deutsche Physiker“ Philipp Lenard die Heidelberger Physik in Verruf und Isolation getrieben hatte, war es Jensen, der, auch durch geschickte Berufungen, das ursprüngliche Renommee wieder aufbaute, vor allem mit moderner Hochenergiephysik und einer engen Anbindung an die Beschleunigerforschung am Cern in Genf.

So hörte ich von Berthold Stech zum ersten Mal, dass nicht nur Heisenberg in den frühen Kriegsjahren nach Kopenhagen gekommen war, um mit Niels Bohr über die deutsche Bombe zu sprechen. Bekanntlich hatte Bohr den deutschen Freund damals so verstanden (oder fatal missverstanden), dass die Entwicklung zur deutschen Bombe voranschreite, und entsprechend die Amerikaner informiert. Auch Jensen hatte in der Zeit Kopenhagen besucht, worüber Victor Weisskopf in seinem Buch „The Joy of Insight“ berichtet: „Jensen kam zu Bohr und sagte ihm direkt, dass die Deutschen nicht planten, eine Bombe zu bauen. Bohr kannte ihn nicht gut genug und dachte, er sei von den Nazis dazu gebracht worden, die Alliierten damit in die Irre zu führen. Daher glaubte Bohr nichts von dem, was Jensen ihm berichtete.“

Bertold Stech, selbst Jensen-Schüler, erinnerte auch an Jensens jovialen Sarkasmus. Als Carl Friedrich von Weizsäcker sein Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet hatte, sagte Jensen trocken: „Prima, jetzt haben wir ein Institut für Angewandte Kaffeesatzforschung!“ Jensen habe auch jedweden Popanz verachtet – und mit Brecht kommentiert: „Doch seh’ ich solche Leute aus der Nähe, da sagste dir: Das mußte dir verkneifen.“

Als Stech von Heidelberg einem Ruf auf seine erste Professur folgte, fand er zuletzt auf seinem Schreibtisch einen Zettel, den ihm Hans Jensen hingelegt hatte. Darauf stand, offenbar von diesem selbst getippt:

„Epistel des Paulus an die Hebräer:
Höret auf eure Lehrer und folget ihnen,
denn sie wachen über eure Seelen,
als die da Rechenschaft dafür geben sollen;
auf dass sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen.“

Reinhard Breuer

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