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Springers Einwürfe: Aliens sind überall

Weder haben Außerirdische uns kürzlich besucht noch empfangen wir ihre Radiosignale. Heißt das, es gibt sie nicht?
Mehrere grob untertassenförmige Objekte vor einem bläulichen, grob sternförmigen ObjektLaden...

Als die Physiker Enrico Fermi und Edward Teller 1950 in Los Alamos über fliegende Untertassen scherzten, spöttelte Fermi: »Where is everybody?« Seither heißt die Frage, warum sich keine Aliens bemerkbar machen, obwohl es im All genügend Zeit und Raum für das mehrfache Entstehen intelligenten Lebens gegeben haben sollte, Fermi-Paradoxon. Darauf sind zwei Antworten möglich: Entweder ist der Vorgang so extrem unwahrscheinlich, dass wir in der Galaxis die Einzigen sind – oder es gibt gute Gründe, warum wir die anderen nicht entdecken.

Die erste Antwort erscheint vielen Forschern immer weniger plausibel, seit das Kepler-Weltraumteleskop bereits in einem sehr kleinen Ausschnitt des Himmels tausende Planeten um ferne Sonnen gefunden hat. Unter den mehreren hundert Milliarden Sternen der Milchstraße bilden Einzelgänger offenbar die Ausnahme. Astronomen schätzen allein die Menge erdähnlicher Planeten in unserer Galaxie auf mehrere Milliarden. Sollte unserer wirklich der einzige sein, auf dem günstige Bedingungen und genügend Zeit für die Entwicklung intelligenten Lebens geherrscht haben? War noch keine andere Zivilisation zu interstellarer Raumfahrt fähig?

Eine neue Lösung des Fermi-Paradoxons suchen Astronomen um Jonathan Carroll-Nellenback von der University of Rochester im US-Bundesstaat New York. Nach ihren Berechnungen vermag sich eine intelligente Spezies unter plausiblen Annahmen im Lauf von Jahrmilliarden durchaus über die gesamte Milchstraße auszubreiten – umso mehr, als die natürlichen Bewegungen der Sterne die Verbreitung auch noch fördern (arXiv 1902.04450, 2019).

Damit stellt sich aber erst recht die Frage, warum wir keine außerirdischen Kontakte erleben. Die Autoren der Studie vermuten, dass die Siedlungstätigkeit der diversen Aliens immer wieder erlahmt. Immerhin ist die interstellare Raumfahrt ungemein aufwändig und Zeit raubend, denn man braucht riesige Schiffe, die vielen aufeinander folgenden Generationen als Habitat dienen – während die Heimat sich möglicherweise unterdessen radikal wandelt und die Expedition buchstäblich vergisst.

Deshalb bilden sich eher nur lokale Zivilisationsblasen, und offenbar liegt die Erde in keiner davon. Gebremst wird die Expansion zusätzlich dadurch, dass ein »habitabler« – lebensfreundlicher – Planet keineswegs auch besiedlungsfreundlich sein muss. Das nennen die Autoren den Aurora-Effekt, nach einem Roman des Sciencefiction-Autors Kim Stanley Robinson: Eine Expedition stößt auf einen belebten Planeten, dessen Organismen die Besucher mit tödlichen Krankheiten infizieren.

Die Wissenschaftler spekulieren, dass im Lauf der langen Erdgeschichte vielleicht sogar Besuche stattfanden, deren Spuren aber durch geologische Prozesse längst verwischt worden sind. Und was schließlich die bislang vergebliche Fahndung nach außerirdischen Radiosignalen im Rahmen der SETI-Projekte (search for extraterrestrial intelligence) angeht, so vergleicht Koautor Jason Wright das mit der Suche nach Delfinen in einem Salzwassertümpel statt im Ozean: Das untersuchte Frequenzband ist einfach viel zu schmal.

So bleibt es zwar äußerst unwahrscheinlich, dass wir demnächst einen Kontakt mit Außerirdischen erleben werden; doch das besagt nicht, dass wir im Universum mutterseelenallein sind. Angesichts der ungeheuren Menge von Planeten und der gewaltigen Zeiträume, die einer Evolution von Leben zur Verfügung stehen, gleicht unsere Milchstraße einem riesigen, dünn besiedelten Archipel, bei dem nur die Lichtgeschwindigkeit dem kulturellen Austausch Grenzen setzt – allerdings fast unüberwindliche.

April 2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft April 2019

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