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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn Radioaktivität Leben retten würde?

In Rauchmeldern sorgte radioaktives Americium für Sicherheit, inzwischen ist das offenbar oldschool, meint unser Kolumnist, der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert.
Der Kabarettist Vince EbertLaden...

In Deutschland gibt es bekanntlich eine Menge Gesetze und Regeln. Und pro Jahr kommen etwa 150 neue Verordnungen dazu. Die skurrilsten Paragrafen regeln die Bereiche Unfall und Tod. So ist laut Bundesfinanzministerium der Tod keinesfalls als »dauerhafte Berufsunfähigkeit« anzusehen. Nach § 26 Landesreisekostengesetz NRW ist beispielsweise die Dienstreise beendet, sofern ein Beamter während dieser stirbt.

Zu unserer Ehrenrettung muss man sagen, dass ein paar Gesetze durchaus vernünftig sind. Zum Beispiel müssen laut Bauordnung in jeder Wohnung Rauchwarnmelder installiert werden. Fehlen sie, so ist in Zukunft der Ausbruch eines Zimmerbrands eindeutig rechtswidrig.

Um es ganz klar zu sagen: Rauchmelder sind absolut sinnvoll, denn die meisten Brandopfer sterben nicht in den Flammen, sondern ersticken am giftigen Brandrauch. Schon das Einatmen einer einzigen Lungenfüllung mit Rauchgas kann tödlich sein. Ein Brandmelder kann das weitgehend verhindern. Er registriert schon geringste Rauchmengen und stößt dann einen lauten Piepton aus. Doch wie funktioniert so ein Ding?

Früher arbeiteten die meisten Rauchmelder nach dem Ionisationsprinzip. Normalerweise ist die Raumluft ein ausgezeichneter elektrischer Isolator. Das ist ziemlich praktisch, denn andernfalls würden wir jedes Mal eine gewischt bekommen, wenn wir zu nah an einer Steckdose entlanglaufen. Der Grund ist die chemische Zusammensetzung der Luft. Sie besteht im Wesentlichen aus Sauerstoff- und Stickstoffmolekülen. Und die besitzen – anders als Metalle – keine freien Elektronen, die elektrischen Strom leiten können.

In einem Oldschool-Rauchmelder ist nun eine winzige Portion Americium-241 eingebaut. Das ist ein radioaktives Element, das bei jedem Zerfall so genannte Alphateilchen freisetzt, zweifach positiv geladene Heliumkerne. Und bei radioaktiven Alpha-Typen ist es wie bei ihren menschlichen Pendants: Sie können in ihrem direkten Umfeld beträchtlichen Schaden anrichten. Und das tun sie auch. Die emittierten Alphateilchen treffen auf die herumfliegenden Luftmoleküle und schlagen bei jeder Kollision Elektronen aus dem Molekülverbund heraus. Im Klartext heißt das: Die Luft wird in einem kleinen Bereich um den Rauchmelder herum permanent ionisiert und dadurch elektrisch leitfähig. Eine eingebaute Batterie liefert einen sehr schwachen elektrischen Strom, der durch die ionisierte Luft fließt.

Und jetzt kommt unser Zimmerbrand ins Spiel: Sobald nämlich Rauchpartikel in die Luft gelangen, stoßen die Stickstoff- und Sauerstoffionen, die um den Rauchmelder herumfliegen, mit den Rauchpartikeln zusammen und verlieren dabei ihre Ladung. Weniger geladene Moleküle bedeuten weniger Stromfluss. Ein Schaltkreis erkennt diesen Stromabfall und schlägt Alarm.

Ein geniales Prinzip, das zugegebenermaßen auch ein paar Nachteile hat: Zum einen haben viele Menschen eine Abneigung gegen Radioaktivität. Besonders im eigenen Schlafzimmer. Auch wenn die Menge an Americium-241 denkbar gering und gesundheitlich unbedenklich ist, fühlen sich viele durch den gelb-schwarzen Warnaufkleber in ihrer Intimsphäre gestört. Zum anderen hat ein solcher Ionisationsrauchmelder eine begrenzte Lebensdauer. Americium-241 hat nämlich eine Halbwertszeit von 432 Jahren. Wenn Sie sich also heute so ein Ding an die Zimmerdecke dübeln, funktioniert es zwar auch nach rund 400 Jahren noch einigermaßen. Aber schon um das Jahr 3500 herum ist die Radioaktivität so weit abgesunken, dass der Rauchmelder selbst ohne jeden Rauch Alarm auslöst. Spätestens dann empfehle ich das Gerät auszutauschen. Denn immerhin kann ein falscher Alarm sogar Tote aufwecken. In Privathaushalten sind Ionisationsrauchmelder mittlerweile allerdings deutschlandweit verboten und in der Industrie nur unter strengen Auflagen zugelassen, obwohl sie nicht wirklich eine Gefahr für den menschlichen Körper darstellen.

Doch auch Anti-Atomkraft-Fans müssen auf Rauchmelder nicht verzichten. Die meisten Geräte sind mittlerweile optische Rauchmelder und arbeiten politisch korrekt nach dem so genannten Streulichtverfahren: In einer lichtdichten Kammer strahlt eine Leuchtdiode. Dringt nun Rauch in die Kammer ein, wird das Licht der Diode durch die Rauchpartikel gestreut und auf eine Fotozelle abgelenkt. Ein Prozessor erzeugt daraufhin einen elektrischen Impuls, das Gepiepe geht los, und im ganzen Haus bricht auch ohne Radioaktivität Panik aus.

Vince Ebert geht mit seinem Kabarettprogramm »Zukunft is the Future« bis Ende Mai 2019 in die letzte Runde. Tickets und Termine finden Sie unter www.vince-ebert.de.

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