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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


Flöhe und Ratten gab es genug, um das virulente, von Innerasien her vordringende Stäbchenbakterium Yersinia pestis weit über das Abendland zu verbreiten. Doch hat sich im Gedenken an den Schwarzen Tod, der vor sechseinhalb Jahrhunderten jeden dritten Europäer – insgesamt rund 25 Millionen – dahinraffte, eine Untat als das eigentlich auslösende Moment festgesetzt: Die kiptschaktürkischen Belagerer von Kaffa (heute Feodosia), einer genuesischen Handelsniederlassung auf der Krim, katapultierten im Herbst 1347 ihre Pestleichen in die Stadt.

Im Oktober liefen zwei Kauffahrteischiffe mit sterbender Besatzung in Messina ein. Alsbald sprang die Seuche mit den blutsaugenden Insekten von Nager zu Nager und von Nager zu Mensch durch die Mittelmeerhäfen und schließlich nordwärts über den Kontinent, bis sie 1350 noch im Baltikum und in Skandinavien ganze Landstriche entvölkerte.

Wirkte diese schwerste bekannte Pandemie etwa als ein abschreckender Lehrfall nach? Entsetzliche Grausamkeiten sind später wie zuvor verübt worden. Und moderne Forschung hat das militärische Instrumentarium nicht nur extrem schlagkräftig gemacht, sondern um wahllos treffende Mittel zur Massenvernichtung aufgestockt; der Erste Weltkrieg ist auch chemisch mit Reiz- und Giftstoffen geführt, der Zweite mit den beiden Atombomben beendet worden, die über Hiroshima und Nagasaki detonierten. Aber den zweiten Buchstaben im martialischen ABC, biologische Waffen, hat selbst in erbittersten Konflikten bislang kein Staat systematisch angewendet.

Wohl bietet die Natur Material dafür die Menge, außer Bakterien insbesondere Viren, zudem Parasiten, pathogene Pilze sowie toxische Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen. Neun von zehn Ebola-Infizierten beispielsweise gehen binnen einer Woche qualvoll zugrunde. Überdies können mittlerweile per Genmanipulation Erreger mit neuen, immer bösartigeren Eigenschaften hergestellt werden, gegen die ohnehin nur bedingt taugliche, wenn überhaupt vorhandene Schutzmaßnahmen wie Reihenimpfung gar nichts ausrichteten; internationale Abkommen von der Haager Landkriegsordnung (1907) bis zu der Konvention gegen die Umweltkriegführung (1978) haben keineswegs die intensive Entwicklung dieses Potentials verhindert. Dennoch scheint außer einer pragmatischen Risikoabwägung, daß nämlich Freund wie Feind gefährdet werden könnte, eine Art Tabu vom Einsatz biologischer Kampfmittel abzuhalten. Auch und besonders darauf setzt der Politologe Leonard A. Cole für die Zukunft: Seite 68.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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