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Das Forschungszentrum Caesar in Bonn

Interview mit dem Mathematiker Prof. Dr. Karl-Heinz Hoffmann. Er ist Gründungsdirektor und wissenschaftlich- technischer Vorstand des Center of Advanced European Studies and Research (Caesar) in Bonn.


Spektrum der Wissenschaft: Caesar wurde als selbständige Stiftung neu geschaffen – im Rahmen der Ausgleichsmaßnahme aus dem Bonn-Berlin-Gesetz zur Unterstützung des Strukturwandels. Also ausschließlich aus regionalpolitischen Gründen?

Prof. Dr. Karl-Heinz Hoffmann: Caesar hat zwar einen starken regionalen Aspekt. Doch dieses Zentrum eröffnet der Forschungslandschaft in Deutschland eine neue Dimension. Seine Struktur ist im Vergleich zu anderen Instituten einzigartig: Es ist eine Stiftung des privaten Rechtes, aber das Geld kommt vom Bund und vom Land. Doch trotz dieser Finanzierung aus öffentlichen Mitteln unterliegt unsere Wirtschaftsführung nicht der sonst üblichen Kameralistik. Das heißt zum Beispiel, daß unsere Mitarbeiter nicht nach BAT oder Beamtentarif bezahlt werden, sondern daß die Gehälter mit der Stiftung ausgehandelt werden können. Damit ist unser Zentrum auch ein Feld, wo man einmal neue Strukturen ausprobieren möchte, die vielleicht ein Vorbild für andere Forschungseinrichtungen werden könnten.

Spektrum: Müssen Sie nicht um Genehmigung bitten, wenn Sie neue Geräte anschaffen?

Hoffmann: Das Jahresbudget müssen wir selbstverständlich unserem Stiftungsrat als Aufsichtsgremium vorlegen. Innerhalb des von ihm genehmigten Budgets können wir ziemlich frei über die Mittel verfügen.

Spektrum: Auch Ihre Stellung als wissenschaftlicher Direktor und die Forschungsstruktur sind ungewöhnlich.

Hoffmann: Das Institut hat eine flache Hierarchie. Wir haben keine Abteilungen wie andere Forschungseinrichtungen. Unter dem Vorstand, der aus dem wissenschaftlichen und dem kaufmännischen Direktor besteht und der die Verantwortung für alles hat, kommen unmittelbar die Projektleiter. Dort haben wir das Forschen in sogenannten triplets eingeführt: Jeweils drei Forschergruppen arbeiten an einem Projekt – aus unterschiedlicher fachlicher Sicht, aber mit dem gemeinsamen Ziel, ein wirtschaftlich verwertbares Produkt hervorzubringen. Eine Gruppe befaßt sich mit Informatik, Mathematik und Modellbildung, also mit computerorientierter Wissenschaft. Die zweite – bestehend etwa aus Physikern oder Chemikern – untersucht die Machbarkeit. Die dritte Gruppe sind die Ingenieure, die das Produkt machen.

Spektrum: Diese Dreiteilung führt von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis zum Produkt?

Hoffmann: Ja, wobei aber das Produkt von Anfang an im Mittelpunkt steht. Wir machen keine Grundlagenforschung nur um der Grundlagen willen, sondern sie ist von Beginn an auf ein fertiges Produkt fokussiert. Jeden, der hier beginnt, frage ich, was soll da zum Schluß herauskommen, wie können wir das vermarkten? Wir sehen uns zwischen Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft angesiedelt. Unsere Grundlagenforschung geschieht im Hinblick auf Anwendungen. Aber bei Aufträgen, die wir annehmen, muß in Abgrenzung zur Fraunhofer-Gesellschaft ein interessanter Forschungsanteil dabei sein. Also keine Routinearbeit.

Spektrum: Woher kommen die Themen? Sind sie auf dem Markt gefragt, oder suchen Sie sich die Themen aus und fragen auf dem Markt nach, ob das Ergebnis dann gewünscht wird?

Hoffmann: Das Letztere eigentlich nicht. Das unterscheidet uns etwas vom Ansatz der anderen Institute. Wir suchen Erfordernisse oder Forschungsprojekte aufzugreifen, die vom Markt her kommen. Der überwiegende Teil unserer Projekte ist vom Markt zumindest angestoßen worden. An fast allen Projekten ist die Industrie beteiligt. Zwei werden sogar gänzlich von der Industrie finanziert.

Spektrum: Welche thematischen Schwerpunkte verfolgen Sie zur Zeit?

Hoffmann: Wir haben insgesamt neun Forschergruppen. Der erste Bereich bewegt sich im Umfeld der Materialwissenschaften. Wir haben ein weitreichendes Know-how in der Herstellung dünner Schichten für adaptive Materialien, wie sie in der Sensorik und Aktorik gebraucht werden. Ein zweites Triplett befaßt sich im Bereich der Medizintechnik mit der Überlagerung verschiedener bildgebender Verfahren. Röntgenstrahlen stellen Knochen besonders gut dar, andere Verfahren sind für Weichgewebe geeignet. Durch Überlagern dieser Daten wollen wir dem Chirurgen ein Gesamtbild zur Verfügung stellen. Auch arbeiten wir an einem neuen bildgebenden Verfahren für die Darstellung von Oberflächen in der Medizintechnik. Im dritten Bereich, der Biochemie, haben wir zwei Projekte: Eines befaßt sich mit der Aufklärung der Struktur von Proteinen, was für die Entwicklung von Medikamenten wichtig ist; im zweiten wird eine Mikrowaage konstruiert, ein spezieller Sensor zum Erkennen bestimmter Biomoleküle in Flüssigkeiten.

Spektrum: Werden es in Ihrem künftigen Domizil mehr Gruppen und mehr Themen sein?

Hoffmann: Ja, wir werden dann etwa 25 bis maximal 30 Gruppen haben. Die Biochemie wird stärkeres Gewicht erhalten. An unserem jetzigen provisorischen Standort wäre das Einrichten biologischer Sicherheitsräume zu aufwendig. In den Materialwissenschaften, der Nanotechnik, sind wir hier wegen der innerstädtischen Lage sehr eingeschränkt. Im Neubau werden wir dann genügend Reinräume zur Verfügung haben. Auch die Kommunikationsergonomie, also die Forschung zur Mensch-Maschine-Schnittstelle, wird im neuen Gebäude deutlich ausgeweitet werden.

Spektrum: Sie haben noch ein Pilotprojekt im Bereich der Finanzen?

Hoffmann: Ja, wir nennen es "Financial Engineering". Das bedeutet, daß wir ingenieurwissenschaftliche Methoden verwenden. Die Vorstellung war, daß man hier bei Caesar eine Keimzelle etablieren könnte, die verschiedene Aktivitäten zusammenfaßt, und diese Art von Forschung und Entwicklung den Weg zu den Banken öffnet. Die Sparkassen und Banken sind wegen der Sensibilität dieses Bereiches im allgemeinen sehr zurückhaltend, was die Weitergabe von Daten zu Forschungszwecken betrifft. Ein Institut wie Caesar ist da ein viel geeigneterer Partner als andere Einrichtungen. Wir haben sehr gute und bekannte Partner im Finanzbereich gefunden und wollen ein Software-Produkt anbieten, mit dem die Banken das Risiko besser als mit den herkömmlichen Verfahren abschätzen können.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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