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Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen


Als Sir Karl Popper und Sir John Eccles vor nunmehr 18 Jahren das Buch "The Self and Its Brain" (deutsch "Das Ich und sein Gehirn", 1982) veröffentlichten, löste es eine heftige Diskussion aus und wurde bald zu einem Bestseller. Der Philosoph Popper und der Neurophysiologe Eccles wurden sich in ihrem dualistischen Ansatz einig: Das "Selbst" – die selbst-bewußte Seele – erschafft sein Gehirn, indem es reaktiv in dessen Funktionsgefüge eingreift.

Freilich blieb die Natur dieser Wechselwirkung rätselhaft; und die Tatsache, daß das Rätsel sich als unlösbar erwies, hat das ganze Konzept einer naturwissenschaftlich begründbaren dualistischen Weltanschauung in Frage gestellt. Popper und Eccles setzten die Existenz des Gehirns, von dem sie sprachen, ebenso fraglos voraus wie die "objektive Welt" der physischen Materialität, der dieses Gehirn angehört. Denn dieses reale Gehirn und die sich darin abspielenden Vorgänge würden ja vom bewußten Selbst wahrgenommen und erkannt.

Diese Position wird von den allermeisten Neurobiologen und Hirnforschern nicht akzeptiert – oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen. Aber nicht nur der Philosoph, auch der gebildete Laie erwartet Aufschluß darüber, wie aus der Sicht des naturwissenschaftlich orientierten Hirnforschers die Begriffe "Geist", "Selbst", "Bewußtsein" oder gar "Seele" zu fassen sind.

Gerhard Roth, promovierter Philosoph und promovierter Neurobiologe, Direktor des Hirnforschungsinstituts der Universität Bremen, hat nun gerade dies geleistet und seinem neuen Buch einen Titel gegeben, der bewußt auf den des Werkes von Popper und Eccles anspielt: "Das Gehirn und seine Wirklichkeit". Roth macht deutlich, daß nicht nur dem Ansatz von Popper und Eccles eine Kategorienverwechslung zugrunde liegt, sondern auch dem vieler Hirnforscher, die annehmen, daß die bewußte Welt des Geistes ein Effekt (Epiphänomen) der Hirntätigkeit sei. Mein Gehirn, sagt Roth, erschafft die Welt, meine Welt. Aber dieses Gehirn existiert in zweifachem Sinne: real und wirklich. Das reale Gehirn entspricht in etwa dem bekannten Kantschen "Ding an sich" und konstruiert die Wirklichkeit, seine Wirklichkeit, zu deren Bestandteilen das erkannte, wirkliche Gehirn gehört.

Roth macht das in einem Gedankenexperiment deutlich, das sich an tatsächlich durchgeführte Untersuchungen an Hirnpatienten anlehnt: "Ich liege mit geöffnetem Schädel und freigelegtem Gehirn im Operationssaal und verfolge alles, was mit mir geschieht, über einen Fernsehmonitor oder einen Spiegel. Ich bewege mit Hilfe einer geeigneten Vorrichtung die Reizelektrode über meine Cortexoberfläche (Hirnrinde), senke sie hinein und stimuliere den einen oder anderen Ort meiner Großhirnrinde. Entsprechend habe ich unterschiedliche Arten von Halluzinationen. Ich kann hiermit das ,Entstehen des Geistes aus der Materie' an mir selbst nachweisen... Wenn ich also sage, daß Gehirn ,Geist' im Sinne von mentalen Zuständen hervorbringt, dann kann ich damit nicht das wirkliche Gehirn meinen, das ich in meinem Selbstversuch ansehe und stimuliere."

Wie steht es nun mit dem realen – im Gegensatz zum wirklichen – Gehirn? Zu dieser Frage liefert Roth mit seinem Konzept einer vom realen Gehirn geschaffenen ("konstruierten") Wirklichkeit einen Schlüssel.

Der Autor versteht es, den Leser durch Geschichte und Ergebnisse der Hirnforschung zu führen, ohne ihn mit technischen Details zu überfordern. Außerdem aber gibt Roth eine behutsame, geschickte und sehr überzeugende Einführung in die philosophisch-erkenntnistheoretischen Aspekte des Problems. Sozusagen nebenbei erfährt der Leser, welche Argumente in der einschlägigen philosophischen Fachliteratur geführt wurden und werden; und man versteht mit einem Male, warum Philosophen, die mit den Ergebnissen der Neurobiologie und der Hirnforschung nicht vertraut sind, nicht zu einer Lösung kommen konnten, die auch den Naturwissenschaftler und Hirnforscher befriedigt hätte.

Für den Neurobiologen ist Roths Buch überzeugend; den Philosophen, der nicht schon Anhänger eines physikalischen Konstruktivismus ist, wird es überraschen, vielleicht sogar bekehren. Dem Nichtfachmann aber öffnet es die Augen, sowohl in Richtung Hirnforschung wie im Blick auf die philosophische – und esoterische – Literatur. So mancher wird sich freuen, daß nun der von Popper und Eccles propagierte Schabernack der drei Welten ein gutes Ende findet.

Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben und setzt keine speziellen Fachkenntnisse voraus. Daß es dadurch nicht an Tiefe und naturwissenschaftlicher wie philosophischer Korrektheit verloren hat, ist ein besonderes Verdienst des Autors, der dazu noch die Gabe besitzt, leicht lesbar, ja spannend zu schreiben. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Register der behandelten Gegenstände – von "Abbild" bis "Zwei-Aspekte-Theorie" – ergänzt den Text. Wenn man die Wahl hat unter den vielen Büchern, die heute zum Thema Gehirn und Geist auf dem Markt sind, sollte man zuerst dieses lesen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1995, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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