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Das Verständnis der Natur. Band II: Die Geschichte des ganzheitlichen Denkens.

C. H. Beck, München 1996.
276 Seiten, DM 48,-.

Philosophiegeschichten und Werke zur Geschichte der Naturwissenschaften gibt es in Fülle. Neu dagegen ist ein Buch zur Geschichte des ganzheitlichen Denkens. Karen Gloy, Philosophie-Professorin in Luzern mit Arbeitsschwerpunkt Naturphilosophie und antike Philosophie, wollte das heutige ökologische Denken nicht allein als eine Antwort auf Umweltkrisen sehen, sondern nach seinen historischen Wurzeln suchen.

In ihrem Buch trennt sie sehr strikt zwischen dem ökologisch-ganzheitlichen Denken einerseits und dem naturwissenschaftlich-mechanistischen andererseits. Seit der Renaissance, die noch durch ein einheitlich naturphilosophisches Weltbild geprägt gewesen sei, hätten sich beide Denkweisen zunehmend voneinander entfernt.

Naturwissenschaftlern mag an manchen Stellen diese scharfe Trennung als zu drastisch erscheinen. Denn viele betreiben ihre Tätigkeit mit einer durchaus emotionalen Komponente, gerade weil sie die Natur bewundern. Einseitigkeit kann man der Autorin jedoch nicht vorwerfen, denn den ersten Band der Reihe "Das Verständnis der Natur" hat sie gerade der Geschichte des naturwissenschaftlichen Denkens gewidmet.

Einer der Denker, die sie noch als Grenzgänger zwischen naturwissenschaftlichem und ganzheitlich-spekulativem Denken einstuft und entsprechend ausführlich behandelt, ist Joseph von Schelling (1775 bis 1854), auch als der "Philosoph der Romantik" bezeichnet. Während er sich in jungen Jahren vorwiegend mit Naturphilosophie beschäftigte, kennzeichnet seine Spätphase der Versuch, Mythologie und Offenbarung zu durchdringen und zu denken. Dementsprechend berufen sich jene, die – wie etwa Anhänger der New-Age-Bewegung – nach ihrem eigenen Anspruch Gegenkonzepte zur Moderne vertreten, auf das späte, "moderate" Naturwissenschaftler auf das frühe Werk Schellings.

Moderat nennt die Autorin diejenigen, die an den Resultaten und Methoden der exakten Naturwissenschaften festhalten, dabei aber versuchen, sie in ein umfassenderes Konzept zu integrieren – wie zum Beispiel Schelling. Dieser betrachtete die ganze Natur als lebendigen Organismus, der Stufen höherer Entwicklung in einer Art Selbsterkenntnis durchläuft. Alles, was ist, so Schelling, ist wegen seiner gemeinsamen Herkunft aus dem Absoluten an sich identisch und unterscheidet sich nur in seiner Erscheinungsweise, in der sich die jeweilige Organisationsstufe ausdrückt.

Über die Frage, ob diese Organisationsstufen nur eine methodologische Rekonstruktion darstellen oder ihnen Realität zukomme, kam es 1801/1802 zum Bruch zwischen Schelling und Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814). Schelling hielt an der Selbständigkeit der Natur fest, während Fichte das absolute Ich oder den Verstand zum alleinigen Prinzip erhob, woraus die Natur in einem aktiven Prozeß erschaffen worden sei.

Von der dauernden Entwicklung und Bewegung her denkend, hielt Schelling nicht das Lebendige, sondern das Tote für erklärungsbedürftig und vom Lebendigen her zu verstehen. In einer radikalen Denkweise des 20. Jahrhunderts mündet dies in die Forderung, nicht Biologie auf Physik und damit auf mechanische Prozesse, sondern Physik auf Biologie zu reduzieren. Heute werfen Naturwissenschaftler mitunter Schelling ein nicht exakt mathematisch-naturwissenschaftliches Denken vor; "arrogant und spekulativ" nannte es der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine. Vielleicht hat die spätere Interpretation durch die Romantik Schelling in Mißkredit gebracht. Was die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit betrifft, so war er auf der Höhe.

Außer Schelling bespricht die Autorin in ihrem Gang durch die Geschichte als weiterführende Bewahrer der Tradition Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646 bis 1716), Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843) und Novalis (1772 bis 1801).

Als Weisen ganzheitlichen Denkens im 20. Jahrhundert behandelt sie Vitalismus, Holismus, New Age und Ökologie. Dabei geht sie stärker auf die spekulativen Denkweisen ein als auf solche, die sich wirklich zwischen Naturwissenschaften und Naturphilosophie befinden. Der von der New-Age-Bewegung absorbierte Fritjof Capra wird erwähnt, James Lovelock und Lynn Margulis kommen am Rande vor als Vertreter der Gaia-Hypothese, welche die Erde als ein sich selbst regulierendes System – einem Organismus ähnlich – betrachtet. Grenzgänger wie der Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861 bis 1947) werden überhaupt nicht erwähnt, obwohl er, der für ein Naturverständnis aus der Dynamik, nicht aus der Statik heraus plädierte, sich gut in den Zusammenhang des Buches eingefügt hätte.

Karen Gloy löst in den historischen Passagen in respektabler Weise den Anspruch ihres Buches ein, die Traditionen des ganzheitlichen Denkens aufzurollen. Der letzte Abschnitt über Ökologie und Gentechnologie dagegen, in dem sie eine Art Moral aus der Geschichte dieses Denkens zu ziehen versucht, ist schwächer. Was sie als den freiheitlich subjektivistischen Standpunkt bezeichnet und vertritt, ist ein wohlfeiles Einerseits-Andererseits: Sie plädiert für eine kompromißbereite Sichtweise, für eine "Forschung mit Geschwindigkeitsbegrenzung". Als kompromißbereit gilt, wer Stellung beziehen kann, ohne fundamentalistisch in einem beispielsweise religiösen Regelsystem verankert zu sein, wer manches, aber nicht alles machen will, was machbar ist. Ratsamer, als stur auf einem Standpunkt zu verharren, sei es, dynamisch von Fall zu Fall zu entscheiden und so die Entwicklung des Ganzen im Auge zu behalten.

Das ist so ausgewogen, daß es gar nicht falsch sein kann. Hat am Ende der gelungene historische Abschnitt nur als Wegbereiter für schon allzu oft Gesagtes gedient? Zwischen den Zeilen des Schlußabschnittes steckt ein politisches Pamphlet, und zwar von der billigsten Sorte: Computer schaden uns, Ingenieure und Mathematiker sind böse Menschen, und alle zusammen sind sie am Tod der Bäume schuld.

Ich glaube schon, daß es angesagt ist, (wieder) ganzheitlich denken zu lernen – aber zur Ganzheit gehören eben auch die bösen Menschen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 136
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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