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Lexikon: Der Brockhaus

Naturwissenschaft und Technik
F. A. Brockhaus, Mannheim, und Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2003. 3 Bände mit CD-Rom, 2300 Seiten, € 199,90 (bis 31. 3. 2003), später € 239,90


Der alte "Brockhaus – Naturwissenschaften und Technik" von 1983 hat mir nun fast zwei Jahrzehnte lang gute Dienste geleistet, auch wenn es immer wieder ein umständliches Hantieren war, den Stichwortverweisen durch fünf Paperbacks hindurch zu folgen. Nun also sein druckfrischer Nachfolger – drei Hardcoverbände plus CD-Rom. Auf den ersten Blick ist er größer, bunter, reichhaltiger und dabei handlicher als sein Vorgänger; bei näherer Prüfung entpuppt er sich als ein fast völlig neues Lexikon.

Die auffallendste Neuerung ist das weite Feld der Biologie, das im "alten" Wissenschaftsbrockhaus fast ganz fehlte und nun ausführlich zu seinem Recht kommt. Eine Bereicherung sind auch zahlreiche biografische Stichworte zu einzelnen Naturforschern, die an die Menschen hinter den Fakten erinnern. Großer Modernisierungsbedarf bestand bei Stichwörtern aus Informatik und Computertechnik. Das Thema "Quantencomputer" konnte im alten Lexikon noch nicht enthalten sein und wird nun in einem eigenen Essay "Quanteninformatik" gründlich behandelt. Überhaupt sind die zahlreichen Essays zu allgemeinen ("Materie", "Wissen", "Denken") und speziellen Themen ("Bose-Einstein-Kondensation", "Fullerene", "Schrödingers Katze") ein Gewinn für den Nutzer, der in 20000 Artikeln mit 45000 Stichwörtern die Orientierung zu verlieren droht.

Die CD-Rom enthält das gesamte Lexikon mit allen 3000 Abbildungen und 350 Tabellen in besonders rasch zugäng­licher Form. Man gibt ein Suchwort ein und wird sofort per Volltextsuche zu allen Fundstellen geführt – ganze Lexikoneinträge oder auch nur das fragliche Wort im laufenden Text. Außerdem erhält der Käufer ein Jahr lang kostenlosen Zugang zum Online-Portal www.naturwissenschaft-und-technik.de, das unter anderem einen "permanent aktuellen Informationsservice aus der Welt der Wissenschaft" verspricht.

Die CD-Rom erlaubt auch be­sonders einfache Stichproben, ob der Redaktion das Ziehen von Grenzen gelungen ist: Jedes Thema darf nur bis zu einer gewissen Tiefe dargestellt werden. Insbesondere sollte in der Erklärung kein Fachausdruck vorkommen, der nicht dortselbst oder durch Verweise andernorts erklärt wird.

Diese Aufgabe wurde – so das Ergebnis von Stichproben im Bereich Physik – fast immer zufrieden stellend gelöst, aber nicht ausnahmslos. So bleiben die "holonomen und nicht-holonomen Systeme" im Stichwort "La­grange-Funktion" unerklärt. Das alte Lexikon enthielt hingegen einen knappen Eintrag dazu. Noch ein Beispiel: Am Ende des Stichworts "Wellenfläche" findet sich das rätselhafte Satzfragment "Zu inhomogenen Medien (z. B. Kristallen) Strahlengeschwindigkeit." Was da wohl gemeint war?

Um im Rahmen von drei prallen Bänden Platz für die Neuerungen wie Essays, Kurzbiografien und vor allem für die ausgiebige Behandlung von Biologie und Biochemie zu schaffen, musste auf Themen verzichtet werden, die im alten Lexikon noch breiten Raum beanspruchten. Im Wesent­lichen war es die Technik, die Federn lassen musste. Zahlreiche Stichwörter zu Metallverarbeitung, Maschinen- und Bergbau wurden ebenso geopfert wie der gesamte Bereich der Militärtechnik, der zur Zeit des Kalten Krieges wohl mehr Interesse fand.

Vermutlich spiegelt sich in dem Zurücktreten der klassischen Verfahrenstechnik die zunehmende Automatisierung der Produktion wider: Tätigkeiten wie Spanen, Bohren und Schleifen werden fast nur noch über Bildschirme und computergesteuerte Abläufe erlebt. Dafür enthält das moderne Technik-Lexikon eigene Essays zu "Bionik", "Bioethik", "Biodiversität" und "Biotechnologie". So ändern sich die Zeiten.

Alles in allem ist die Sisyphusarbeit, den wissenschaftlich-technischen Kenntnisstand in ein kompaktes Nachschlagewerk zu bannen, eindrucksvoll gelungen.

Wenn man den alten und den neuen Wissenschaftsbrockhaus vergleicht, drängen sich typische Science-Fiction-Fragen auf: Wie wird wohl ein lexikalischer Schnappschuss des Wissens in zwanzig Jahren aussehen? Wird man Papier in Händen halten oder ein elektronisches Buch? Wird es einen Essay "Der Mars als künstlicher Lebensraum" geben? Einen Rückblick auf die Ära der fossilen Brennstoffe? Stichworte zu Nano-Militärtechnik und Biowaffen-Sensorik? Zur globalen Wasserstoff-Energietechnik? Zum Stand der Fortpflanzungstechnologie? Zur Teleportation makros­kopi­scher Objekte? Zur Biotechnik intelligenter Automaten? Der Leser gerät ins Träumen – kein schlechtes Kompliment für ein Lexikon.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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