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Steven Pinker:: Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet.

Aus dem Amerikanischen von Martina Wiese.
Kindler, München 1996. 560 Seiten, DM 49,80.

Eine radikal neue Auffassung von der Natur der Sprache und eine Fülle neuer Erkenntnisse prägen die heutige kognitive Linguistik und zwingen zu einer Revision etablierter Vorstellungen von der Sprache. Steven Pinker, Professor für Kognitionswissenschaft und Leiter des Center for Cognitive Neuroscience am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, deutet dies mit dem Titel seines Buches an und erläutert es im Inhalt überzeugend.
Nach der klassischen, nun zu revidierenden Auffassung ist die Sprache ein System von mündlichen oder schriftlichen Ausdrucksmitteln oder von Zeichen, die der Mensch aufgrund seiner allgemeinen Intelligenz mehr oder minder geschickt zur Kommunikation mit seinesgleichen zu benutzen versteht. Statt dessen zeigt sich nun, daß die muttersprachliche Beherrschung der komplexen Zusammenhänge der Grammatik und des Lexikons zur biologischen Natur des Menschen gehört: Es sind die beim Spracherwerb eingeprägten neuronalen Vernetzungen in spezifischen Arealen des Gehirns, welche beim Sprechen die Regeln realisieren, und zwar ohne besonderes Nachdenken. In der spontanen Rede denkt man bewußt nur über das nach, was man sagen will, nicht darüber, wie man es sagt; letzteres erledigt – selbst in hochkomplexen Ausdrucksformen – ein neuronal eingeprägter psychischer Automatismus, ohne daß man sich dessen be-wußt würde.
Die spezifische muttersprachliche Vernetzung im dafür zuständigen Hirnareal entwickelt sich aus einer bei der Geburt verfügbaren, noch unspezifischen neuronalen Vernetzung. Diese enthält nur die allgemeinen, für alle Sprachen geltenden Grundbestimmungen; sie ist die materielle Basis der allgemeinen Fähigkeit, eine beliebige Sprache als Muttersprache zu erwerben. Dank ihr vollzieht sich die Sprachentwicklung im Kindesalter so natürlich wie die Ausbildung eines Instinkts in den Tieren. Wahrscheinlich wird der Aufbau dieser unspezifischen Vernetzung im Embryo durch genetische Bedingungen gesteuert, die sich in der Evolution des Homo sapiens (oder der Hominiden) ausgeprägt haben.
All diese Vorstellungen deutet Pinker mit dem Titel "Der Sprachinstinkt" an. In den Hauptkapiteln 10 und 11 diskutiert er die damit verbundenen faszinierenden biologischen Fragen und heutigen Ansätze. Im letzten Kapitel stellt er sie sogar in den Kontext eines integrierten kausalen Modells, das "die Lektionen über die Sprache... mit den übrigen Aspekten des Geistes" in Beziehung setzt und "zu erklären versucht, wie die Evolution die Entwicklung eines Gehirns bewirkt hat, das psychologische Prozesse wie Wissen und Lernen bewirkt, die den Erwerb von Werten und Wissen bewirken, die schließlich die Kultur des Menschen ausmachen" (Seite 459). In diesem Kontext ist der – im Original nicht vorhandene – deutsche Untertitel sehr irreführend.
Am Anfang der Entwicklung der modernen kognitiven Linguistik standen jedoch gänzlich andere Fragen. Man glaubte von einer genaueren Beschreibung der Gehirnstruktur und der kognitiven Prozesse im Gehirn absehen und sich auf die dem Verhalten zugrundeliegenden komplexen Regularitäten beschränken zu können, wie dies ja auch die biologische Verhaltenslehre – zum Beispiel beim Wabenbau der Bienen – tut. Im Bereich der Sprachen sind es die Zusammenhänge der Grammatik und des Lexikons. Sie sind weitaus komplexer als die Regeln, nach denen die Bienen ihre Waben bauen; um sie zu erfassen, benötigte man die Beschreibungsmittel der kombinatorischen Merkmalsysteme, gewisse Fortentwicklungen formaler Logikkalküle. Auch wenn man sich durch diese symbolisch-kalkulatorischen Formalismen von einem Verständnis der konkreten Ausprägung des Sprachinstinkts im Gehirn zunächst entfernte, gewann man bei der präzisen Analyse sprachlicher Komplexität eine Fülle von Ergebnissen, die noch heute Bestand haben. Auch Steven Pinker geht auf sie ein.
Mit vielen Beispielen und überraschenden Erkenntnissen erläutert er die Struktur dieser Merkmalsysteme im Bereich der Semantik, der Syntax, der Wortstruktur und der Lautstruktur, Prozesse ihrer Verarbeitung, die Entwicklung der sprachlichen Variation in der jahrtausendealten Sprachgeschichte, die daraus hervorgegangenen Sprachfamilien des Globus und schließlich die Sprachentfaltung beim Säugling und beim Kleinkind. Der Verfasser ist ein hervorragender Kenner all dieser Bereiche und hat in einigen selbst wesentliche Originalbeiträge geliefert. Er informiert in einem exzellenten Stil, präzise und dennoch unterhaltsam, durch eine Vielzahl konkreter Beispiele und überraschender Erkenntnisse.
Außerdem aber kommt es ihm entschieden darauf an, die in der klassischen Vorstellung von der Sprache verbreiteten falschen Vorstellungen zu korrigieren und selbsternannte Sprachhüter und Sprachpfleger scharf zu kritisieren. Dieser Aufgabe dienen vor allem die zwei ersten und die zwei letzten Kapitel. In der Sprache eines der Wunderwerke der Natur zu sehen bedeutet für Pinker zu erkennen, daß die Sprache des einfachen Mannes, die Sprachen der fälschlich so genannten primitiven Völker, die Kreolsprachen und die Slangs wesentlich komplexer und bewundernswerter sind, als uns die rein geisteswissenschaftlichen Sprachwissenschaftler und die oft linguistisch völlig ungebildeten Sprachkritiker weismachen wollen. Die wirkliche Sprache "ist nicht das Tollhaus, zu dem die Klatschkolumnisten sie so gerne machen wollen" (Seite 22).
Ein noch so faszinierendes und kompetentes Buch wird einen im gleichen Forschungsgebiet engagierten Rezensenten nie vollauf zufriedenstellen können. So geht es auch mir: Das Wechselspiel zwischen Sprachstruktur und Literatur, das den Charakter einer Sprache eben auch prägt, sowie die sprachphilosophische Reflexion der Rolle der Sprache für den Menschen werden nach meiner Auffassung von Pinker kaum angemessen behandelt.
Aber diese Kritikpunkte sind nicht so gravierend. Das Buch ist Paradebeispiel für die lebendige, konkrete, unambitiöse, sachlich-ernsthafte und zugleich unterhaltsame Darstellung wissenschaftlicher Zusammenhänge, welche die besten Werke angelsächsischer Autoren auszeichnet. Nie vergißt der Autor, den Leser, der bei einer schwierigeren Passage bei der Stange geblieben ist, mit einer Reihe überraschender Details und Anekdoten sowie mit faszinierend präsentierten Fakten zu belohnen und dadurch wachzuhalten. Es macht Spaß, sich von diesem Verfasser über eines der faszinierendsten Gebiete der modernen Wissenschaft informieren zu lassen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1998, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1998

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