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Die Physik der Welterkenntnis. Auf dem Weg zum universellen Verstehen.

Aus dem Englischen von Anita Ehlers.
Birkhäuser, Basel 1996.
360 Seiten, DM 49,80.

Noch nie habe ich es erlebt, daß sich meine Einstellung zu einem Buch bei der Lektüre so radikal gewandelt hätte wie bei diesem: von überzeugter Zustimmung bis zu entschiedener Ablehnung.

Ohne weiteres zustimmen kann ich manchen wissenschaftstheoretischen Standpunkten des Autors: Erkenntnis ist grundsätzlich unsicher und wird es zwangsläufig bleiben. Insbesondere kann Induktion – der Schluß von gestern und heute auf morgen – keine Sicherheit bringen. Wie viele andere Naturwissenschaftler folgen sowohl David Deutsch als auch ich in diesem Punkt dem Philosophen Karl Popper (1902 bis 1994), der seine Wissenschaftstheorie in dem Satz "Wir wissen nicht, sondern wir raten" trefflich zusammengefaßt hat.

Mit uns glaubt der Autor, daß jemand, der vom Eiffelturm springt, zerschmettert wird, wenn er unten ankommt. Aber warum? Weil es in vergleichbaren Situationen immer so war? Das genügt Deutsch als überzeugtem Jünger Poppers nicht. Vielmehr sei die Begründung, daß die "besten" Theorien, die überhaupt über Sprünge vom Eiffelturm eine Aussage machen, dies implizieren. Die Erfahrung dürfe in den Schluß nur insofern eingehen, als sie mit solchen Theorien übereinstimmt.

Was aber macht die Qualität einer Theorie aus? Daß sie die Phänomene besser "erklärt" – und nicht nur vorhersagt – als andere. So weit bin ich einverstanden. Aber was ist eine gute Erklärung? Hier gleitet der Autor in extremen Subjektivismus ab: Er erkennt eine Theorie dann und nur dann als gültig an, wenn er – David Deutsch – sie versteht.

Hierzu ein Beispiel. Deutsch hängt der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik an (siehe seinen Artikel in Spektrum der Wissenschaft, November 1994, Seite 50). Das ist eine durchaus respektable, insbesondere von Kosmologen vertretene Vorstellung. Sie unterstellt, daß es zusätzlich zu dem einem Universum, in dem wir leben und das wir bewußt erfahren, praktisch unendlich viele parallele Universen gibt, in denen Doppelgänger von uns leben und die Deutsch zu einem – dem – Multiversum zusammenfaßt (Bild). Er vertritt seinen Standpunkt sehr entschieden: Es werfe "kein gutes Licht auf die Mehrheit dieser Zunft", daß nur eine Minderheit der Physiker von der Existenz des Multiversums überzeugt ist.

Im Buch spricht er von dessen Objekten so, als sei ihre Realität offensichtlich und nicht weiter zu hinterfragen – ein doch wohl allzu naiver Realismus. Die angeblich so schlecht belichtete Mehrheit der Physiker, mich eingeschlossen, hält jedoch die Viele-Welten-Interpretation für nichts weiter als eben dies: für eine Interpretation, die durch eine andere ersetzt werden kann, ohne daß dadurch beobachtbare Konsequenzen entstünden. Jede Interpretation ist ein Stück Metaphysik, nicht mehr. Wenn wir nun aber allen Welten des Multiversums Realität zusprechen sollen, verlieren wir zwangsläufig jeden Maßstab dafür, welche in einer "Erklärung" auftretenden Begriffe real existierende Objekte beschreiben und welche nicht.

Das aber kann nicht nur einer subjektiven, dem jeweiligen Einzelfall angepaßten Wahl überlassen bleiben. Denn Verständnis – eigentlich eine unordentliche Privatsache – kann mit unsinnigen Assoziationen einhergehen. Zumindest zum Zweck der gegenseitigen Verständigung brauchen wir also objektive Kriterien dafür, welchen Begriffen physikalische Realität entsprechen kann; und nach meiner Überzeugung hat sich das folgende Kriterium bewährt: Ein physikalischer Begriff ist dann und nur dann sinnvoll, wenn sich mit seiner Hilfe experimentell überprüfbare Sätze herleiten lassen, die ohne ihn nicht folgen.

Nach einer durchaus mageren Begründung seines Ausschließlichkeitsanspruchs vergleicht Deutsch seine Viele-Welten-Interpretation mit Galileo Galileis (1564 bis 1642) Anspruch von 1613, bewiesen zu haben, daß die Erde die Sonne umläuft, sich dreht und so weiter. An dieser Stelle wird exemplarisch deutlich, warum ich die späteren Thesen des Buches ablehne. Galileis Behauptungen waren eben Sätze, die seither durch zahlreiche Experimente überprüft und nicht widerlegt worden sind. Dem stand nicht entgegen, daß seine Experimente mit rollenden Stäben, die dem Anspruch zugrunde lagen, recht vage Ergebnisse hatten und daß ihr Anwendungsbereich beschränkt war.

Im Gegensatz dazu wurde die Viele-Welten-Interpretation von ihrem Erfinder Hugh Everett 1957 gerade so konstruiert, daß sie für die derzeit beobachtbaren Phänomene dieselben Konsequenzen hat wie die orthodoxe Kopenhagener Interpretation. Zu einer experimentell überprüfbaren naturwissenschaftlichen Theorie würde sie erst durch eine Bestätigung ihrer sensationellen Vorhersagen, die jedoch in ferner Zukunft liegen und die sogar David Deutsch der Science-fiction zurechnet: Zeitreisen in die Vergangenheit und Besucher aus der Zukunft. An diese sollen wir auf Grund der unbestätigten Viele-Welten-Interpretation genauso glauben, wie Galilei 1613 an die Drehung der Erde geglaubt hat.

Von Alan Turing (1912 bis 1954), einem der einflußreichsten Begründer der theoretischen Informatik, stammt das Prinzip der Turing-Maschine, eines hypothetischen Computers, der alles überhaupt durch eine Maschine Berechenbare berechnen kann. Deutsch erweitert dieses Prinzip nun dahingehend, "daß es möglich ist, einen Simulator zu bauen, dessen Repertoire jede physikalisch mögliche Umwelt enthält" (Seite 148). Und was möglich ist, findet auch statt – glaubt Deutsch.

Damit gerät er in die Debatte über die Gesamtmasse des Universums. Von dieser Größe hängt es nämlich ab, ob das Universum für immer expandieren oder wieder in sich zusammenstürzen wird. Unabhängig von allen Details ist zu vermuten, daß es vom endgültigen Schicksal des Universums abhängt, ob in ihm ein Simulator gebaut werden kann, in dessen Repertoire eben dieses Schicksal enthalten ist. Aber Deutsch ist ja von dieser Möglichkeit überzeugt; also schließt er, daß die Omegapunkt-Theorie, die Frank Tipler in seinem Buch "Die Physik der Unsterblichkeit" (Piper, München 1995) propagiert hat und die das endgültige Zusammenstürzen des Universums impliziert, korrekt sei. Womit denn auch die Frage nach der Gesamtmasse des Universums allein aufgrund des von Deutsch verallgemeinerten Turing-Prinzips entschieden wäre!

Vereint mit dem Darwinschen Prinzip der Evolution besagt das Turing-Prinzip laut Deutsch auch, daß der universelle Simulator tatsächlich gebaut werden wird. Bauen werden ihn unsere Nachfahren – Computer, auf denen das Programm des Lebens laufen wird, dessen Hardware heute noch wir bilden. Denn die Schranken, welche die biologische Hardware der Entwicklung von Intelligenz setzt, werden wir demnächst durch den Bau von Computern, die dem Leben das Leben abnehmen können, überwinden – mit dem Ergebnis, daß das biologische Lebens zugunsten des künstlichen abdanken wird. Wenn sich die Welt dem Omegapunkt nähert, wird es ohnehin kein biologisches Material mehr geben. Wir werden keinen körperlichen Nachfahren mehr haben, wohl aber einen geistigen in Gestalt eines – von heute aus gesehen – unermeßlich machtvollen Computerprogramms. Am Ende bleibt nur die Simulation.

Eine Weile ist es noch lustig, mit David Deutsch die Weiterungen seiner Prinzipien zu verfolgen, aber ab Seite 332 überwiegt entschiedene Ablehnung jede andere Regung: Eingekleidet in eine Besprechung des erwähnten Buches von Frank Tipler spekuliert unser Autor, daß "eine hinreichend fortgeschrittene Technologie eine Auferstehung der Toten" ermöglichen werde. Die unendlich weise Simulation am zeitlichen Ende des Multiversums könne jeden von uns als Teil ihrer selbst auferstehen lassen.

Ich breche ab. David Deutsch, der heute an der Universität Oxford über Quantencomputer und -kryptographie arbeitet, ist ein ausgewiesener, von vielen als brillant beschriebener Vertreter einer neuen Wissenschaft, der Quanteninformatik. Von ihm stammen einflußreiche Arbeiten, so daß ich bereit bin, ihm ein Stück weiter zu folgen als anderen. Bis zur Auferstehung der Toten aber nicht – nicht bis in die Esoterik-Abteilungen der Buchhandlungen.

Der unsägliche Schluß des Buches diskreditiert auch viele der glänzend formulierten, für manche Leser vermutlich provokanten Einsichten, die sich wieder und wieder in dem Buch finden. So ist (Seite 233) "die Beweistheorie kein Zweig der Mathematik, sondern ein Zweig der Naturwissenschaft". Vorstellbar ist (Seite 240), "daß die euklidische Geometrie oder die aristotelische Logik irgendwie in den Bau unserer Gehirne eingebaut ist, wie Immanuel Kant dachte. Aber deshalb müssen sie nicht aus logischen Gründen wahr sein". "Darwin konnte darüber staunen, daß Naturgesetze, die Elefanten überhaupt nicht erwähnen, sie trotzdem erzeugen, genau wie Newtons Gesetze Ellipsen erzeugen, ohne sie zu erwähnen" (Seite 322).

Nur gelegentlich und sehr kursorisch beschreibt Deutsch die physikalischen Grundlagen seiner weitreichenden Annahmen. Nichts findet sich zur quantenmechanischen Verschränktheit von Zuständen mehrerer Teilchen, welche die anschauliche Interpretation der Quantenmechanik vereitelt und dadurch erst den Anlaß zur Entwicklung der Viele-Welten-Interpretation gegeben hat. Das Literaturverzeichnis erwähnt weder die grundlegenden Arbeiten von Albert Einstein, Boris Podolsky und Nathan Rosen aus dem Jahr 1935 noch die Folgerungen, die John Bell ab 1964 aus ihnen gezogen hat (Spektrum der Wissenschaft, September 1992, Seite 82) – für einen Physiker, der überzeugen, nicht nur überreden will, eine merkwürdige Auslassung!

Bei aller Ablehnung der extravaganten Folgerungen: Ich empfehle das Buch dem kritischen Leser, der Spaß an provokativ formulierten Einsichten und Spekulationen hat. Allerdings sollte man vieles nicht ganz so ernst nehmen, wie Deutsch es tut. Schlimm wäre es allerdings, wenn das Buch wie andere Auferstehungsbücher, die in Folge von Tiplers Werk publiziert wurden, von Esoterikern vereinnahmt würde, wenn die esoterisch angehauchten Spekulationen in unmittelbarer Nachbarschaft wissenschaftlich korrekter Erörterungen den Eindruck erweckten, die Möglichkeit der Auferstehung sei wissenschaftlich erwiesen. Das ist sie selbstverständlich nicht und wird es nach meiner Überzeugung nie werden.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 133
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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