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Die veränderte Zelle. Die Rosenberg-Story: Das Rätsel Krebs und seine Entschlüsselung


„Medizinische Forschungsarbeit ist immer ein Abenteuer, und dieses Buch berichtet über ein solches Abenteuer: über den Versuch, ein Geheimnis zu entschlüsseln, das jährlich den Tod von Millionen unschuldiger Menschen verursacht – ein Einblick in das waghalsige Unternehmen, das sich Forschung nennt.“ Mit dieser Passage aus dem Vorwort charakterisiert Steven Rosenberg sowohl sich selbst als auch die Problematik, die sein Lebenswerk geworden ist. Diese äußerst lesenswerte und gedankenanregende Autobiographie faßt seinen Feldzug gegen den Krebs zusammen – insbesondere seine Bemühungen, die Früchte der wissenschaftlichen Arbeit auf diesem Gebiet möglichst unmittelbar seinen Patienten zugute kommen zu lassen.

Rosenberg schreibt seine Motivation für den Entschluß, Krebsforscher und Arzt zu werden, seiner Familiengeschichte zu. Die Eltern, polnische Juden, emigrierten nach dem Ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten, viele in Polen gebliebene Verwandte wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet. Diese Erfahrungen machten den jungen Rosenberg sensibel für menschlichen Schmerz und menschliches Leiden und bestimmten seine berufliche Laufbahn. „Die Art, wie der Krebs Macht über den Körper seines Opfers gewinnt und den Betroffenen und seine Familie zwingt, zuzusehen, wie er wächst und sich ausbreitet, all das macht ihn hassenswert. Krebs ermordet Unschuldige. Es ist ein Holocaust.“

Bereits Rosenbergs Studienzeit, später seine wissenschaftliche und medizinische Laufbahn sind von seinem Ehrgeiz und seiner Besessenheit für seine Arbeit bestimmt. Die Beziehung zu seiner späteren Frau Alice „stört“ diese Arbeit und bringt ihn zeitweise in solche seelischen Konflikte, daß er psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen muß. Später wird Alice zu einer Hauptstütze seiner Tätigkeit; sie ist hochgeschätzte Gesprächspartnerin bei seinen Forschungen und hält ihn von den Verpflichtungen des familiären und gesellschaftlichen Alltags frei. Man würde gerne sie selbst den Beitrag Rosenbergs zum Familienleben beurteilen lassen: „Und schließlich arbeitete ich zwar auch samstags und sonntags in der Klinik, aber am Sonntagabend ging ich mit Alice ins Kino.“

Als die Vereinigten Staaten 1971 mit großen Geldmengen einen „Krieg gegen den Krebs“ (National Cancer Act) eröffnen, fördert das auch Rosenbergs Karriere erheblich. Als 34jähriger wird er auf die Stelle des Chef-Chirurgen am National Cancer Institute in Bethesda (Maryland) berufen. Mit einem Jahresetat von mehreren Millionen Dollar und der Unterstützung von etwa hundert Mitarbeitern kann er hier intensiv Grundlagenforschung betreiben und die Ergebnisse direkt für die Therapie von Patienten einsetzen.

„Jeder Immunologe träumt davon, Krebs mit Hilfe des Immunsystems zu bekämpfen. Und der Alptraum aller Immunologen ist die Vorstellung, daß es beim Menschen keine Immunantwort auf Krebs gibt.“ Rosenberg entwickelt einen Fünf-Punkte-Plan im Rahmen eines Immuntherapie-Konzepts für die Bekämpfung von Krebs; es umfaßt die Isolierung darauf spezialisierter Abwehrzellen, ihre Vermehrung im Reagenzglas und schließlich ihre Wiedereinführung in den Körper, wo sie dann den Tumor angreifen und abtöten sollen. Schritt für Schritt erarbeitet Rosenberg die methodischen und technischen Voraussetzungen für die Verwirklichung.

In die Zwischenzeit fallen wichtige Entdeckungen über die Regulatoren der Immunantwort, die Interleukine. Rosenberg erkennt die Bedeutung des T-Zell-Wachstumsfaktors, Interleukin 2, für seine eigenen Arbeiten. Aber erst die Entwicklung gentechnischer Verfahren zur Herstellung dieser Substanz durch das amerikanische Biotechnologie-Unternehmen Cetus macht sie ihm in ausreichenden Mengen verfügbar.

Rosenberg entdeckt die LAK-Zellen (lymphokine activated killer cells), die er nach vielen Tierversuchen bei Patienten in der Endphase ihrer Krebserkrankung einsetzt. Diese klinischen Versuche sind zunächst durch Mißerfolge gekennzeichnet; doch Rosenberg drückt sich nicht vor der Erinnerung an die Enttäuschungen und an die Leiden der Patienten unter starken Nebenwirkungen von hochdosiertem Interleukin 2.

Erfolge erzielt er schließlich gleichwohl mit einer LAK-Zell-Therapie, die von hohen Dosen Interleukin 2 unterstützt wird. Der Wachstumsfaktor sorgt dafür, daß sich die LAK-Zellen im Körper des Patienten weiter vermehren können und so für die Bekämpfung des Tumors in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Unter dieser Therapie wird bei immerhin 10 Prozent aller behandelten Patienten der Tumor komplett abgestoßen.

Rosenbergs Forschung ermöglicht in der Folge die Entdeckung der TIL-Zellen (tumor-infiltrating lymphocytes), die noch spezifischer als die LAK-Zellen die Tumoren angreifen können. Mutig greift Rosenberg neueste Erkenntnisse und Methoden für die Behandlung seiner Patienten auf. So schließt das Buch mit einem Ausblick auf modernste gentherapeutische Konzepte zur Einschleusung des Gens eines weiteren Immunmodulators, des Tumor-Nekrose-Faktors, in TIL-Zellen von Krebspatienten. Es scheint erste Behandlungserfolge zu geben (vergleiche Rosenbergs Artikel „Adoptive Immuntherapie von Krebs“, Spektrum der Wissenschaft, Juli 1990, Seite 56). Dafür wie für alle früheren Erfolge Rosenbergs gilt die Formel: „Erfolg = hohe persönliche Motivation + wichtige Fragestellung + ausgezeichnete Arbeitsbedingungen“.

Rosenberg hat ein spannendes Buch geschrieben. Es sollte nicht nur von seinen kritischen oder zustimmenden Fachkollegen und von medizinisch interessierten Laien gelesen werden, sondern könnte auch denjenigen Denkanregungen geben, die über die Vergabe von Mitteln für moderne naturwissenschaftliche und medizinisch orientierte Forschung zu entscheiden haben.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1993, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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