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Die Wirklichkeit der virtuellen Welten


Nach dem Klappentext hat die Diskussion um das Für und Wider der virtual reality die Dimensionen eines Glaubenskrieges angenommen. In dieser Kontroverse möchte der britische Journalist Benjamin Woolley dem Leser eine Standortbestimmung ermöglichen.

Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht dabei nicht etwa die technische Machbarkeit der "Reisen" in die Datenräume der Computer, sondern die Frage nach dem Wesen der Realität, deren Beantwortung nach seiner Ansicht unerläßlich ist, um der diffusen Wolke von Ideen, die bisher die Theorie ausmache, eine klare Kontur zu geben.

Der thematische Bogen, den er zu diesem Zwecke schlägt, ist atemberaubend. Er spricht von Chaos-, Katastrophen- und Krisentheorie, vom Beweis des Gödelschen Satzes und der Thermodynamik; er knüpft Beziehungen zur Everettschen Mehrfachweltentheorie in der Quantenmechanik (Spektrum der Wissenschaft, November 1994, Seite 50), zum magischen Realismus in der Literatur, zur postmodernen Architekturtheorie, zu den Werken des Philosophen Jean-François Baudrillard und des Dichters Charles Baudelaire, Hypertexten, Cyberspace, dem Golfkrieg...

Es ist schwer, Woolley in diesem aus Hunderten von Versatzstücken bestehenden literarischen Patchwork gedanklich zu folgen. Das liegt zum einen daran, daß es dem Autor nicht immer gelingt, die verschiedenen Themen stimmig aneinander anzubinden, zum anderen an mehreren Nachlässigkeiten, die im günstigeren Falle sprachlicher Natur sind.

So liest man etwa in einem kurzen Abschnitt über zelluläre Automaten und die Arbeit des belgischen Chemikers Ilya Prigogine (Nobelpreis 1977): "[Das Entropiegesetz] besagt, daß alles auf einen Zustand der Unordnung hinstrebt. Geht man jedoch von der Selbstorganisation aus, kann man zeigen, daß dieses Gesetz, ohne verletzt zu werden, in Wirklichkeit Ordnung erzeugt" (Seite 99). Wer in der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik bewandert ist, vermag mit gutem Willen zu erahnen, was gemeint ist. Alle anderen Leser können höchstens an ihrer Verständnisfähigkeit zweifeln, vor allem weil Woolley ihnen die unabdingbare Erklärung dessen vorenthält, was ein offenes und was ein geschlossenes thermodynamisches System ist.

Derartige Ungenauigkeiten sind an vielen Stellen zu finden, etwa bei den Ausführungen zum Beweis des Gödelschen Satzes (Seite 127). Woolley macht auch den Wissenschaftsjournalisten James Gleick zu einem der Väter der Katastrophentheorie, der dann diese denkwürdige Leistung im Alter von 15 Jahren vollbracht haben müßte (Seite 102).

Schwerer jedoch als solche kleinen Ärgernisse wiegt Woolleys Versäumnis, zu der Philosophie, die dem Treiben der "virtuellen Realisten" zugrunde liegt, klar Stellung zu beziehen. Zwar streicht er heraus, daß Virtual Reality auf dem "Kalkulationismus" basiert, der Überzeugung also, daß sämtliche Strukturen im Universum berechenbar und damit auch prinzipiell von einem Computer simulierbar seien. Seine eigene Position jedoch hängt davon ab, an welcher Stelle man das Buch aufschlägt: Sie bewegt sich zwischen fragendem Zweifel und unerschütterlichem Glauben.

So bezieht er sich auf die – ohnehin diskussionswürdige – Aussage Galileo Galileis, das Buch der Natur sei in mathematischer Sprache verfaßt, und leitet daraus in einem Trugschluß die universelle Berechenbarkeit ab (Seite 81). Die aber stellt er wiederum an anderer Stelle in Frage (Seite 262).

Es hätte sich ein etwas pragmatischeres Vorgehen angeboten, um die Bedeutung des Kalkulationismus zu bewerten. Schließlich ist die bescheidenere Hypothese, daß ein kleiner Teil des Universums, nämlich das menschliche Gehirn, algorithmisierbar sei, schon oft von Forschern der künstlichen Intelligenz (KI) vertreten worden.

Gemessen an den vollmundigen Versprechungen vieler KI-Forscher und der beträchtlichen Forschungsförderung sind die bislang vorweisbaren Ergebnisse dürftig. So ist es nicht unangebracht, den Kalkulationismus in Frage zu stellen, und man muß kein Hellseher sein, um der Virtual Reality, die sich ebenfalls auf diese fragwürdige philosophische Position gründet, ein vergleichbares Schicksal zu prophezeien.

Dagegen zitiert Woolley eine Aussage von Howard Rheingold (siehe dessen Buch "Virtuelle Welten", besprochen in Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1993, Seite 121) als übermäßig optimistisch, ohne sich letztendlich deutlich von ihr zu distanzieren: Wir stünden an der Schwelle zu dem Vermögen, uns jedes gewünschte Erlebnis zu verschaffen (Seite 251). Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Träume der KI-Forscher noch blaß aus neben den Visionen, was wir angeblich in nicht allzu ferner Zukunft im Cyberspace erleben können, vorausgesetzt, wir wollen nicht nur vor dem Kauf einer echten Wohnküche in einer virtuellen herumlaufen.

Aber wie sieht es mit simulierten "Menschen und Lebewesen" aus, die wir in diesen verheißenen Welten zu treffen erwarten dürfen? Es ist nicht vermessen zu hoffen, daß sie in Sprache und Bewegung auf uns reagieren und ein soziales Verhalten entwickeln. Gegen die Algorithmisierung einer solchen Aufgabe nimmt sich allerdings der Turing-Test, an dem bis heute noch jede Maschine gescheitert ist, wie ein Kinderspiel aus.

Es würde sich als teure Illusion erweisen, wenn sich herausstellen sollte, daß manche Aufgaben sich nicht oder nur bedingt algorithmisieren lassen. Vor diesem Hintergrund ist zum Beispiel die von Woolley etwas breiter ausgewalzte heutige Schwierigkeit, in Echtzeit photorealistische Bilder zu generieren, die sich in Abhängigkeit von den Eigenbewegungen des Betrachters verändern, nur ein Nebenproblem.

Man hätte sich gewünscht, daß Woolley die entscheidende These der universellen Berechenbarkeit ausführlicher und kritischer diskutiert hätte. So bleibt die Virtual Reality weiterhin eine diffuse Wolke von Ideen, die den Blick auf das Wesen der Realität auch nach der Lektüre des Buches nicht freigibt. Der im Klappentext versprochene "beindruckende Tiefblick" des Autors beschränkt sich so auf die lesenswerten Stellen des Buches, wo er mit spitzer Feder ein Soziogramm der beteiligten Forscher zeichnet und deutlich macht, wie eng in diesem Bereich Forschung, Kommerz und Selbstdarstellung verwoben sind.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 119
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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