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Frederic Vester: Ecopolicy. It’s a cybernetic world.

CD-ROM. Hardwarevoraussetzungen: Windows, 486er Prozessor,
8 Megabyte Speicher, doublespeed CD-ROM-Laufwerk, VGA-
Graphikkarte, Maus mit Windows-Unterstützung. Wünschenswert: Soundkarte. Mit Handbuch. Rombach, Freiburg 1997. DM 98,–.

Wollten Sie nicht schon immer alles besser machen als die Politiker? Nun, mit dieser CD-ROM können Sie Ihr Glück als Regierungschef des Phantasielandes Kybernetien, des Entwicklungslandes Kyborien oder des Schwellenlandes Kybinnien versuchen. Ursprünglich ein Brettspiel namens Ökolopoly, ist das Spiel schon seit längerem in einer DOS-Version auf dem Computer verfügbar und nun als erweiterte Multimedia-Ausgabe für Windows erschienen. Frederic Vester hat es gemeinsam mit der Studiengruppe für Biologie und Umwelt GmbH in München entwickelt.

Ziel des Spieles ist, über die Runden zu kommen, genauer: zwölf Spielrunden zu überstehen, ohne daß zum Beispiel die Bevölkerung unzufrieden wird und in einem Staatsstreich den Regierungschef vertreibt. Idealziel ist der „Paradieszustand“ mit zufriedenen mündigen Bürgern, regiert von angesehenen Politikern in einer sanierten Umwelt.

Der Spieler regiert, indem er sogenannte Aktionspunkte vergibt. Ähnlich wie Geld kann er sie nur einmal ausgeben, aber für die Zukunft aufbewahren, und je besser es dem Land geht, desto mehr Aktionspunkte bekommt er im Spielverlauf hinzu. Sie stellen – begrenzte – „Eingriffsmöglichkeiten in Form von Kapital, Vertrauen, Einfluß, Arbeitskraft, Rohstoffen etc.“ dar. Der Zustand des Landes wird durch acht zahlenmäßige Größen vollständig beschrieben. Vier von ihnen, mit den Namen Sanierung, Produktion, Lebensqualität und Aufklärung, kann der Spieler durch Vergabe von Aktionspunkten direkt beeinflussen; die vier übrigen – Politik, Umweltbelastung, Vermehrungsrate und Bevölkerung – ändern sich nur indirekt, indem alle diese Größen aufeinander und zum Teil auch auf sich selbst zurückwirken. Dadurch nehmen sie neue Werte an, abhängig von diesen bekommt der Spieler wieder Aktionspunkte zugeteilt, vergibt sie in der zweiten Runde, und so weiter. Fortgeschrittene Spieler können auch die verborgenen Parameter des Spiels verändern, insbesondere die Wirkungsfunktionen, welche die gegenseitige Beeinflussung der Bestimmungsgrößen beschreiben.

Ecopolicy soll „vernetztes Denken“ fördern. Es reicht nach der Überzeugung der Autoren nicht aus, Einzelaspekte – etwa eines Landes – zu betrachten und zu verbessern; Aktionen müssen vielmehr im Gesamtzusammenhang beurteilt werden. Das zugrundeliegende Modell des Spiels basiert auf der klassischen Kybernetik. Die Vernetzung wird durch die Wirkungsfunktionen beschrieben. So wird zum Beispiel die Wirkung der Produktion auf die Umweltbelastung mit einer monoton wachsenden Kurve modelliert: Mit steigender Produktion steigt auch die Umweltbelastung. Andere Zusammenhänge sind komplexer: Wachsende Lebensqualität wirkt bei niedrigen Werten positiv verstärkend auf sich selbst zurück, bei hohem Niveau findet dagegen negative Rückkopplung statt.

Die Kybernetik oder Regelungslehre wirkt manchmal etwas angestaubt – zu Unrecht. Norbert Wiener (1894 bis 1964), der als ihr Begründer gilt, hat sie zwar bereits Ende der vierziger Jahre

formuliert. Doch um zu beschreiben, daß – und wie – kleine Änderungen große, unvorhergesehene Wirkungen haben, taugt sie so gut wie die jetzt aktuelle Chaostheorie. Unerwartete negative Wirkungen etwa von Altkleiderspenden in die Dritte Welt oder der Einführung von Füchsen nach Australien zur Kaninchenbekämpfung (die dann lieber, etwa auf Phillip Island, Pinguine fressen) zeigen, daß auch reale Systeme oft komplexer sind als erwartet. Entwicklungen wie der heute weltweite Handel, das Internet und enorme Mobilität scheinen die Kopplung der lokalen Akteure zu verstärken und die Wirkungen zu beschleunigen.

Klassisches Feld der Kybernetik sind technische Anwendungen wie die Regelung der Raumtemperatur, der Motorleistung oder einer elektrischen Spannung. Doch auch wie Organismen ihre Muskelaktivität, ihre Orientierung im Raum oder ihre Hormonproduktion regulieren, ist mit kybernetischen Prinzipien beschreibbar. Der zugehörige physiologische Begriff ist Homöostase – die Fähigkeit, einen Zustand auch gegen äußere Einflüsse aufrechtzuerhalten. Häufig geht man auch davon aus, daß biologische Systeme wie zum Beispiel Räuber-Beute-Beziehungen sich in einem Gleichgewichtszustand befinden, in den sie nach – nicht zu großen – Störungen zurückkehren.

In Ecopolicy gibt es einen stabilen Gleichgewichtszustand. Das würde man sich für die reale Welt auch wünschen. Aber daß er existiert und, wenn ja, auch nur annähernd paradiesisch ist, das ist äußerst unwahrscheinlich. In Vesters Spielwelt löst man die Probleme dadurch, daß man das System an einen bestimmten Punkt bringt. Für die Verbesserung der realen Welt reicht dieses Rezept nicht.

Auch in Ecopolicy fließen Weltanschauungen und politische Meinungen ein. Die Definition der einzelnen Bereiche und mehr noch die Wirkungsfunktionen bieten Anlaß zu ausführlichen und leidenschaftlichen Diskussionen; dies ist zweifellos beabsichtigt.

Ecopolicy ist ein aufwendig und überlegt gemachtes Computerspiel, komfortabel zu bedienen, mit reichlich Graphik und vielen nützlichen Optionen ausgestattet. Das Handbuch ist sorgfältig geschrieben und geht auch ein wenig auf die Theorie der Kybernetik ein. Leider fehlt ein Deinstallationsprogramm. Das Spiel ist sehr geeignet zu zeigen, daß bei der Beeinflussung komplexer Systeme im Zusammenhang gedacht werden muß. Und es bietet viel Anlaß zu fruchtbaren Diskussionen und empfiehlt sich deshalb besonders für große Gruppen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1998, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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