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Editorial: Wenn die Gier unwiderstehlich wird



Was trifft zu: Fördert Alkohol die Gesundheit, wenn er in kleinen Mengen genossen wird, und ist er nur bei echten Dauertrinkern ein Problem? Oder muss auch schon ein geringer regelmäßiger Alkoholgenuss als Gefahr eingestuft werden?

Von der Antwort hängt viel ab: Kann man sich beim Gläschen Bier oder Wein entspannt zurücklehnen und sollte lediglich etwas Maß halten? Oder soll die legale Sozialdroge Alkohol generell bekämpft, ihr Konsum gar verboten werden? Den Aufschrei einer ganzen Wirtschaftsbranche, die in Deutschland jährlich – seit 1999 leicht sinkend – etwa 18 Milliarden Euro umsetzt und dem Staat rund 3,5 Milliarden Euro an Alkoholsteuer in die Kassen spült, kann man sich sogleich ausmalen und damit diesen Gedanken fallen lassen. Die Schwelle zur Sucht ist niedrig, auch rein geselliges Trinken kann Gefährdete in fatale Abhängigkeit führen. Dort finden sich Patienten und Schicksale, deren Kosten letztlich wir alle tragen:

Kranke und Tote: Schwerer Alkoholmissbrauch oder sogar akute Abhängigkeit liegt bundesweit bei 4,2 Millionen Menschen vor. Davon sterben pro Jahr rund 42000 Menschen; zusätzlich 1500 Personen bei Verkehrsunfällen mit Alkoholeinfluss. Leichter Alkoholgenuss steigert die Gefahr für Krankheiten wie Krebs oder Leberschäden. Angehörige: Etwa 3 bis 5 Millionen Menschen werden als Angehörige von Alkoholkranken in Mitleidenschaft gezogen. Häufig unterstützen sie noch die hoch entwickelte Kunst dieser Patienten zur Verschleierung und Verdrängung ihres Problems – und bezahlen dies mit sozialer Zerrüttung und Isolierung. Kosten: Alkoholbezogene Krankheiten belasten unser Gesundheitssystem jährlich mit rund 20 Milliarden Euro. 92000 Fälle von Arbeitsunfähigkeit und Invalidität werden pro Jahr registriert, 6500 Menschen jährlich gehen deswegen vorzeitig in Rente. Diese Kosten tragen per Gesundheits- und Rentensteuer alle – ein Minusposten für den "Wirtschaftsfaktor Alkohol".

Als wir vor zwei Jahren Manfred Singers und Stephan Teyssens Artikel über "Das unterschätzte Gift" publizierten (April 2001, S. 58), da erreichten uns Proteste, die positive Einflüsse auf das Herz-Kreislauf-System bei mäßigem Alkoholgenuss angaben. In dem Artikel auf Seite 62 analysiert nun der amerikanische Kardiologe Arthur L. Klatsky genau, wann sich mäßiger Konsum tatsächlich empfehlen lässt, wann also mit einem Schutzeffekt für Herz und Kreislauf zu rechnen ist.

Die Antwort wird nicht jeden trinkfroh stimmen. In Abhängigkeit von diversen Risikofaktoren erhalten nur wenige Gruppen den Rat, aus gesundheitlichen Gründen (ein wenig) weiterzutrinken. Grundsätzlich gilt, was Singer und Teyssen seinerzeit ihren Kritikern antworteten: "Alkohol ist keine Medizin." Anerkannt ist längst, dass Alkoholismus eine schwere Krankheit ist und Alkoholiker unheilbar krank sind.

Denn: Es gibt keine wirksame Therapie gegen diese Krankheit. Nach der obligaten Entgiftung in einer Klinik erleiden 95 Prozent der Suchtkranken einen Rückfall, während der sich anschließenden Langzeittherapie greifen dann weitere dreißig bis sechzig Prozent wieder zur Flasche. Medikamente, die den Patienten die krankhaft gesteigerte Gier nach dem Stoff nehmen sollen (wie das Psychopharmakon Campral), haben nur bescheidenen Erfolg.

Das kommt, nach Jahrzehnten von Hirnforschung und Gruppentherapie, einer Ohnmachtserklärung gleich. Dieser Umstand vor allem macht Alkoholismus zur schweren Volkskrankheit – unheilbar und kaum stabilisierbar für den Patienten, fatal für die Gesellschaft, die diese Last mittragen muss.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003

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