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Geowissenschaften: Eiskalte Entdeckungen

Forschungsreisen zwischen Nord- und Südpol
Delius Klasing, Bielefeld 2001. 360 Seiten, € 26,–


Bringen Sie mal über fünfzig Wissenschaftler eines Instituts dazu, allgemein verständlich zu beschreiben, was sie erforschen und zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind! Schlimmer noch: Sie sollen uneingeweihten Lesern möglichst anschaulich schildern, wie es bei ihrer Arbeit zugeht, und dabei auch mit eigenem Erleben aufwarten.

Diesem Ansinnen sahen sich Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven ausgesetzt – ein Einfall ihres Direktors Jörn Thiede. Und siehe da: Sie haben ihre Sache gar nicht schlecht gemacht. Unter der offensichtlich straffen Stabführung des Berliner Wissenschaftsjournalisten Gert Lange als He-rausgeber ist ein informativer und lesenswerter Band über die vielfältigen Aspekte der Forschung in den Polargebieten entstanden, ansehnlich ausgestattet mit Fotos oder Grafiken auf nahezu jeder Doppelseite.

Bis vor wenigen Jahrzehnten galten die Polargebiete lediglich als leere Räume, die ungeachtet der dort herrschen-den lebensfeindlichen Bedingungen zu durchstreifen und zu besetzen waren. Heute sind sie mit ihren Eismassen als wichtige Komponenten des Systems Erde erkannt, in dem die unterschiedlichen "Sphären" eng miteinander verbunden sind: der Bereich des Eises mit denen des Wassers, der Luft, des Lebens und der festen Erde.

So enthalten die Eiskappen der Erde achtzig Prozent des gesamten irdischen Süßwassers. Mit den Eisbergen und direkt als Abfluss geben sie Wasser ab. Die Verluste werden durch Schneefälle kompensiert. Verändert sich die Balance, steigt oder fällt der Meeresspiegel weltweit, mit weit reichenden Konsequenzen.

Die polaren Meeresregionen sind die Lungen der Ozeane. Nur wo das Wasser an der Oberfläche besonders kalt und damit dicht und schwer wird, kann es bis auf den Grund sinken, Sauerstoff in die Tiefe bringen und gleichzeitig auch einen Teil des Treibhausgases Kohlendioxid aus der Atmosphäre mitnehmen. Extreme Süßwasserschübe aus dem Eis aber verdünnen das salzige Meerwasser und machen es leichter, sodass es weniger tief oder gar nicht mehr absinkt. Dadurch können sich Stärke und Verlauf von Meeresströmungen ändern, was wiederum gravierende Auswirkungen auf das Klima weit entfernter Regionen haben kann. Mit ihren riesigen eisbedeckten Regionen, die den größten Teil der auftreffenden Sonnenstrahlen reflektieren, üben die Polargebiete ohnehin einen großen Einfluss auf das Klimasystem der Erde aus. Klimaänderungen, die zur Ausdehnung oder Schrumpfung der Eisflächen führen, werden enorm verstärkt.

Zusätzliches Interesse weckten die Polargebiete durch die alljährliche Ausdünnung der Ozonschicht, des Schutzschildes gegen gefährliche ultraviolette Strahlung. Das "Ozonloch" über der Antarktis und ihrer weiteren Umgebung wurde zum Symbol für völlig unerwartete Auswirkungen chemischer Substanzen weitab vom Ort ihres Gebrauchs.

Schließlich bergen die Eismassen einen einzigartigen Schatz: Informationen über das Klima der Vergangenheit (SdW 4/1998, S.50). Bohrungen erschließen die eisigen Archive, die Aufschluss über Temperaturen und Niederschläge geben und sogar in winzigen Bläschen Proben der Luft aus längst vergangenen Zeiten bewahrt haben. Auf diese Weise kann etwa der damalige Gehalt an den Treibhausgasen Kohlendioxid und Methan bestimmt werden.

Für die "Eiskalten Entdeckungen" haben Wissenschaftler sehr unterschiedlicher Fachrichtungen in die Tasten ihrer PCs gegriffen. Über ihre Untersuchungen auf, im, unter und über dem Eis, in den polaren Meeren, auch in den eisfreien "Oasen" der Antarktis berichten neben den Experten für das Eis (Glaziologen) Ozeanograpfen, Geologen und Geophysiker, Biologen, Meteorologen und Aerosolforscher. Die Arbeitsbedingungen sind noch immer hart, auch wenn heutzutage Eisbrecher mit Bordbar und Schwimmbad, Flugzeuge, schwere Zugmaschinen und halbwegs komfortable Stationen zum Überwintern zur Verfügung stehen. Die Arbeit ist auch in Überlebensanzügen und trotz moderner Technik nicht ohne Risiko, ob es nun darum geht, die Dicke einer Eisscholle am Nordpol zu messen oder lediglich in unmittelbarer Nähe einer Überwinterungsstation eine meteorologische Routinemessung bei Schneesturm vorzunehmen.

Von all dem gibt das Buch einen guten Eindruck. Gewiss sind die einzelnen Beiträge unterschiedlich ausgefallen, aber eine Zumutung für den Leser ist keiner. Der Herausgeber hat ganze Arbeit geleistet.

Auch das Konzept überzeugt. In einem einführenden Teil über das "Erdsystem" wird die Rolle der Polargebiete für das Ganze eingehend beleuchtet, von der Vereisungsgeschichte der Erde über die Zusammenhänge zwischen Eiskappen, Meeresspiegel und Klima, den Ozean als Wärmemaschine, Beziehungen zwischen Plankton und Kohlendioxid bis zu einem Kapitel über Meerestiere im Klimawechsel. Es folgen die Forschungsberichte aus der Antarktis und der Arktis, dazwischen ein kürzerer Teil mit Berichten aus der Nordsee, dem Meer vor unserer Haustür. Zwanglos entsteht das von den Initiatoren des Buches beabsichtigte Porträt des Alfred-Wegener-Instituts mit seinen vielseitig tätigen 700 Mitarbeitern.

In dem abschließenden Kapitel lässt Gründungsdirektor Gotthilf Hempel die Geschichte des Instituts von 1980 bis heute Revue passieren. Hempel zeichnet eine Erfolgsstory auf, die nach der Vorgeschichte kaum zu erwarten war. Denn alle wissenschaftlichen Gutachter waren sich einig gewesen, dass das geplante Polarinstitut in Kiel angesiedelt werden sollte. In Bremerhaven seien die wissenschaftliche Infrastruktur und das akademische Umfeld zu schwach für den Aufbau eines leistungsfähigen Instituts. Doch für die sozialliberale Bundesregierung zählte damals am Ende die Solidarität mit den Genossen im Land Bremen mehr als aller Sachverstand. In Schleswig-Holstein regierte die CDU.

Tröstlich zu wissen, dass manchmal auch aus einer politischen Lösung Ordentliches werden kann.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002

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