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Elemente einer Geschichte der Wissenschaften

Aus dem Französischen
von Horst Brühmann.
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994.
1080 Seiten, DM 160,-.

Der erste Eindruck ist der eines gediegenen, aufwendig gestalteten Werkes: schöner, übersichtlicher Druck, zahlreiche Abbildungen, Skizzen und Diagramme auf breiten Außenspalten sowie viele Fußnoten. Man sieht sofort, daß die Verfasser sich viel Mühe gemacht und eine enorme Fülle an Material und Information verarbeitet haben. Es gibt eine mehr als fünfzigseitige Zeittafel – eine kurze Wissenschaftsgeschichte in sich –, ein ausführliches Literaturverzeichnis, Namens- und Sachregister.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt aber auch, daß dies kein enzyklopädisches Werk ist, sondern eher eine Sammlung von Fallstudien. Die Titel der Kapitel lauten nicht etwa "Geometrie im Altertum" oder "Mechanik von Newton bis Hamilton", sondern zum Beispiel "Rechnen, Algebra und Warenhandel", "Die Ursprünge von Lylles Uniformitarismus: Für eine neue Geologie" oder "Mendel: mit Blick zum Garten". Die Auswahl dieser Themen scheint mehr durch die Interessen der Autoren bestimmt als durch ein gemeinsames leitendes Konzept. Insofern ist auch der Titel ein wenig irreführend: Es geht nicht um "Elemente" im Sinne von Grundlagen; man erwirbt weniger geordnetes, systematisches Wissen, sondern wird mit einer Fülle von Fakten, Einzelheiten, Ideen, Fragen, Anregungen und Problemen konfrontiert. Es geht auch nicht um Wissenschaften allgemein, sondern um Naturwissenschaften.

Schon die allerersten Worte des Textes haben etwas Belehrend-Autoritäres: "Vorwort, dessen Lektüre sich empfiehlt, damit der Leser die Absicht der Autoren kennenlernt und den Aufbau dieses Buches versteht." Ich bin dieser Empfehlung gefolgt und habe dem Vorwort zunächst entnommen, daß die Autoren sich ein hohes, vielleicht unerreichbares Ziel gesetzt haben. Gleich auf der ersten Seite heißt es: "Das vorliegende Buch möchte einen Beitrag zur Lösung der kulturellen Krise liefern, mit der wir zu kämpfen haben"; und vier Seiten später: "Daraus ergibt sich eine der wirklichen Besonderheiten des vorliegenden Buches: Jedes Kapitel ist so abgefaßt, daß es sich nicht damit begnügt, zu erzählen, was in einem bestimmten Fachgebiet während eines bestimmten Zeitraumes geschehen ist... Vielmehr trägt es selbst eine der Thesen vor, die von Wissenschaftshistorikern vertreten werden." Und dann noch einmal vier Seiten weiter: "Es handelt sich um ein echtes wissenschaftsgeschichtliches Werk, das die Geschichte der Wissenschaften als eine selbständige Disziplin... betrachtet und sie damit vollständiger, vollendeter darzustellen beansprucht, als es die falsche Transparenz einer vollständigen, enzyklopädischen Darstellung... jemals vermöchte."

Wenn damit der Maßstab festgelegt ist, mit dem das Buch gemessen werden soll, dann ist es mißlungen.

Zur Lösung unserer kulturellen Krise leistet es zweifellos keinen Beitrag. Ich bezweifle sogar, daß es viel zu dem wesentlich bescheideneren Ziel beiträgt, die Wissenschaft "Geschichte der Naturwissenschaften" zu etablieren. Das Buch scheitert vor allem an seinem über weite Strecken abschreckenden Stil; das bezieht sich weniger auf den unmittelbaren Gebrauch der Sprache als vielmehr auf die Art der Gedankenführung und der Darstellung. Wohl enthält das Buch viele konkrete Informationen; aber es hat auch etwas Gewolltes, oft Geschraubtes, etwas Manieristisches an sich. Überall spürt man das Bemühen um Originalität, das Bestreben, Tiefsinnigeres zu bieten als eine schlichte, sachliche und präzise Behandlung des jeweiligen Themas.

So gleitet der Text manchmal in Kitsch ab: "Mehr noch als das Herbarium ist der botanische Garten ein Ort von trügerischer Einfachheit. Es ist ein Raum, wo das Leben sanft rauscht wie Blätter im Wind." Oft ist er völlig unverständlich: "Die Geschichte passiert, ohne daß viel passieren könnte. Das Vorher und das Nachher unterscheiden sich nur darin, daß das zweite wahrer ist als das erste." Vieles ist, so wie es da steht, offensichtlicher Unsinn: "Geschichte und Wissenschaft sind zwei Tabus unserer Zeit."

So geht es fast tausend Seiten lang. Noch auf der vorletzten – zum Schluß eines an sich sehr informativen und interessanten Kapitels über die Erfindung des Computers – heißt es: "Die Geschichte der Informatik läßt sich... als unbestimmte Verteilung schöpferischer Momente und Orte betrachten, als eine Art löchriges, zerrissenes, unregelmäßiges Meta-Netz, in dem jeder Knoten, das heißt jeder Akteur, die Topologie seines eigenen Netzes seinen eigenen Zielen entsprechend bestimmt und das, was von den benachbarten Knoten zu ihm gelangt, nach seiner Weise deutet. Jeder lebendige Knoten dieses Geflechtes reinterpretiert die Vergangenheit."

Zweifellos geht es den Verfassern gerade um solche Einsichten und Analysen. Ich meine, man hätte besser getan, auf dergleichen (und das heißt auf etwa ein Drittel des Textes) zu verzichten.

Der Herausgeber, der französische Philosoph und Wissenschaftshistoriker Michel Serres, hat zehn weitere Fachwissenschaftler der verschiedensten Disziplinen als Autoren für die insgesamt 22 Kapitel gewonnen. In gemeinsamen Besprechungen und Seminaren haben sie das Gesamtkonzept festgelegt und sich – unglücklicherweise – auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt.

Die Geschichte der Wissenschaften ist genauso vielfältig, facettenreich, interessant, widersprüchlich und faszinierend wie das Leben selbst. Es ist völlig unnötig (und nur enervierend), das unablässig zu betonen, zumal in so manieristischer Diktion. Die Tatsachen sprechen schon für sich selbst. Die Autoren haben eine Chance vertan.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997, Seite 117
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1997

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