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Klonen - Anmerkungen eines Verhaltensbiologen: Fatale Folgen für die Anpassungsfähigkeit



Die in diesem Artikel vorgestellten Befunde sind zwar in der Tat beeindruckend. Gefährdete Tierarten zu klonen ist in einigen Spezialfällen sicher auch gerechtfertigt. Aus Sicht eines Verhaltensbiologen, der viel mit Zoos, Erhaltungszuchtprogrammen und deren Organisationen zu tun hat, seien dazu jedoch ein paar kritische Bemerkungen erlaubt.

Der erste Einwand betrifft das von den Autoren am Beispiel des Geparden dargelegte Problem. Die einschlägigen Gremien der europäischen Zoo-Assoziation, wie die Elefanten- und Nashornberatungsgruppen, betonen stets, dass gestützte Reproduktion – etwa durch künstliche Besamung – kein Ersatz für natürliche Vermehrung sein darf und schon gar kein Hilfsmittel bei unzureichender Haltung.

Die Zucht von Geparden ist möglich. Viele Zoos und Zuchtzentren zeigen dies. Das langwierige Werbeverhalten und die dazu nötigen großen Territorien stellen einen wichtigen Teil der natürlichen Partnerwahl des Geparden dar. Diese Ansprüche der Tiere gewissermaßen auszuhebeln, könnte sich auf die Anpassungsfähigkeit der erzeugten Jungtiere auf lange Sicht nachteilig auswirken. Stattdessen sollte man sich eben um bessere Haltungsbedingungen bemühen!

Tiergärtner wissen heute, dass es keine selektionsfreie Erhaltungszucht geben kann. Früher versuchten sie, möglichst alle Grundtiere "ohne Ansehen des Einzelnen" in gleichem Maße zu vermehren, um eine möglichst große genetische Vielfalt zu erhalten. Die Erfahrung spricht aber dagegen. Darum plädieren Tiergärtner nun für ein "life-history-management", das auch verhaltensbiologische, ökologische und andere lebensgeschichtliche Anpassungen und Anpassungsprozesse berücksichtigt. Das bedeutet zwar Chancengleichheit, aber nicht Gleichmacherei. Chancengleichheit heißt: Ein Tier erhält, soweit im Zoo machbar, die Möglichkeit zur arttypischen Partnerwahl. Auch sollten die Aufzuchtbedingungen für den Nachwuchs der Situation von natürlichen Populationen in möglichst vieler Hinsicht ähneln. Das berührt den zweiten Kritikpunkt: Interspezifisches Klonen – Klonen mit Beteiligung von zwei verschiedenen Arten – wird gravierende verhaltensbiologische Probleme aufwerfen.

Bei Säugetieren tragen Lern-, Prägungs- und Sozialisationsvorgänge erheblich zum individuellen Verhalten bei. Dies haben Verhaltensbiologen vielfach belegt. Die Anpassungsfähigkeit des erwachsenen Individuums an seine Umwelt hängt von diesen Prozessen entscheidend ab. Nahrungsprägung etwa ist nicht nur bei einigen Kleinraubtieren zweifelsfrei nachgewiesen (so bei dem stark bedrohten nordamerikanischen Schwarzfußiltis); sondern sie findet offenbar auch bei vielen anderen Säugerarten statt. Bisher wissen wir dies unter anderem von vielen Mäuseartigen und von einigen Huftieren, etwa von Ziegen und Schwarzwedelhirschen.

Der vom Aussterben bedrohte Bongo, der geklont werden soll, bewohnt dichte Regen- und Bergwälder. Die Elenantilope, die dazu die Leihmütter liefern soll, lebt aber in der Savanne. Eine Blatt- und Knospenfresserart wie der Bongo kann sicher durch eine Savannenart nicht aufgezogen werden, ohne dass dies erhebliche Auswirkungen auf seine spätere Nahrungsauswahl haben dürfte. In ähnlicher Weise werden offenbar Habitatbevorzugungen, Artgenossen- und Sozialpartnerschemata weitergegeben – man denke an die Probleme mit handaufgezogenen Rehböcken, die später je nach Art der Aufzucht Menschen, Rehe oder beide angreifen.

Noch viel mehr Schwierigkeiten wird die Sozialisation bereiten, die Entwicklung des Sozialverhaltens. Man weiß heute, wie sehr sich schon der Hormon- und Belastungsstatus der Mutter während der Trächtigkeit auf das spätere Verhalten auswirkt. Vielfach entscheidet die Bindung an die Mutter bald nach der Geburt, zu welcher Art ein Tier sich zugehörig fühlt. Auch arteigene gleichaltrige Spielkameraden üben in vielem einen beträchtlichen Einfluss aus. Ebenfalls macht sich bemerkbar, ob während der Aufzucht beispielsweise Kontakt zu einem erwachsenen männlichen Artgenossen besteht. Studien aus dem Freiland belegen sogar, dass Tiere derselben Art in verschiedenen Populationen nicht nur anderes Futter wählen – was mit dem Verhalten der Mutter korreliert – sondern auch unterschiedliches Sozial- und Aktivitätsverhalten zeigen. Die meisten dieser Befunde stammen keineswegs von hochkomplexen Menschenaffen oder wenigstens rudellebenden Großraubtieren, sondern von so kommunen Tierarten wie Meerschweinchen, Wildschafen, Feldmausarten oder eben Ziegen und Hirschen.

All das ist zu berücksichtigen, wenn man den Einsatz von Reproduktionstechnologien im Artenschutz erwägt. Künstliche Besamung, Embryotransfer und vielleicht auch Klonen mit einer Leihmutter derselben Art können ermöglichen, über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg Zuchtprogramme auf breiter genetischer Basis zu vollziehen, ungehindert von Veterinärvorschriften. Mit Hilfe solcher Techniken ließe sich bei Zuchtprogrammen etwa auch das Erbmaterial von solchen Wildfängen mit einbeziehen, die sich bisher in der Gefangenschaft nicht oder kaum vermehrt haben.

Doch die Klone – oder auf natürlichem Wege entstandene Embryonen – Weibchen einer fremden Spezies zu überlassen, wäre bestenfalls als letzte Rettung von Arten mit nur noch wenigen Dutzend Vertretern überlegenswert. Dann nehme man aber bitte Empfängertiere, die mit etwas mehr Kenntnis der Biologie und Ökologie ausgewählt wurden als Milchkuh zu Gaur oder Elen zu Bongo.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 38
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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