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Komplizierte Aufwertung des Naturschutzes an den Universitäten

Mit dem Sonderprogramm hilft der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die Mängel der Naturschutzforschung in Deutschland zu beheben. Er unterstützte bereits 1990 die Universität Marburg bei der Einrichtung eines Hauptfachs Wissenschafticher Naturschutz, fördert einen koordinierenden Gesprächskreis deutscher, österreichischer und schweizerischer Wissenschaftler und bewilligte jetzt der Universität Greifswald eine Stiftungsprofessur für internationalen Naturschutz.

Die wenigen Einzelvorhaben seien nicht koordiniert, ihre Ergebnisse würden im Ausland kaum wahrgenommen, im Gegensatz zu britischen und amerikanischen Resultaten spielten sie international, etwa in der Entwicklungspolitik, keine Rolle – das im Ganzen eher abwertende Urteil, das der Wissenschaftsrat in seiner Stellungnahme zur gesamten Umweltforschung in Deutschland 1994 abgegeben hatte, trifft in besonderem Maße auf den Teilbereich Naturschutz und Landespflege zu (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1994, Seite 124). Bis vor kurzem gab es in der Bundesrepublik keinen Lehrstuhl, der dieses Gebiet insgesamt umfaßt. Die noch wenigen Professuren sind fachlich und regional eng eingegrenzt sowie von persönlichen Interessen geprägt; abgestimmte Planung und einheitliches Curriculum fehlen.

Der Biologe Michael Succow baut nun seit 1992 an der Universität Greifswald den ersten umfassenden Schwerpunkt hierzu auf. Ziel ist ein eigenständiger integrierender Studiengang Naturschutz, der Biologie, Geowissenschaften sowie sozio-ökonomische und rechtliche Wissenschaftszweige vereint.

Zunächst wurde in Greifswald Landschaftsökologie und Naturschutz als Hauptfach angeboten. Im Herbst 1995 kam experimentelle Ökologie als zweites Hauptfach hinzu. Im Bereich Landschaftsökonomie ist außerdem seit April 1996 ein von der Bundesstiftung Umwelt finanzierter Lehrstuhl besetzt. Die erste Professur für Umweltethik in der Bundesrepublik wird von einer Firma gestiftet und soll im April 1997 ihre Lehrtätigkeit aufnehmen. Für die an deutschsprachigen Hochschulen einzigartige "Stiftungsprofessur für internationalen Naturschutz" hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im Oktober 1996 für fünf Jahre Mittel in Höhe von 1,5 Millionen Mark bewilligt.

Forschung zu Naturschutz und Landschaftspflege ist multidisziplinäre angewandte Wissenschaft. Ihre Basis liegt in Biologie, Ökosystemforschung und Geowissenschaften sowie Agrar- und Forstwissenschaften. Auch zu Geistes-, Sozial-, Wirtschafts- und Rechts- sowie Ingenieurwissenschaften sollten Bezüge bestehen, doch sind diese in Deutschland relativ schwach ausgeprägt. Vor allem in den planungsrelevanten Bereichen ist nach Ansicht von Praktikern an den Hochschulen noch viel nachzuholen. Der Wissenschaftsrat sieht inhaltliche Stärken der deutschen Naturschutzforschung vor allem auf anwendungsbezogenen Gebieten wie etwa Arten- und Biotopinventarisierung, Bioindikation, Landschaftsplanung, Management von Kulturlandschaften und Strukturwandel von Agro-Ökosystemen. Defizite bestehen ihm zufolge in der naturschutzrelevanten ökologischen Forschung sowie in der angewandten Naturschutzforschung mit ökologischem Schwerpunkt und mit landschaftsplanerischem Bezug. Der Naturschutzforschung sei es auch wegen ihrer meist isolierten Vorhaben "nicht gelungen, wirklich interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte zu entwickeln".


Wissenschaftstraditionen reißen ab

Hinzu kommen Fehlentwicklungen in den grundständigen Wissenschaften zum Naturschutz. Die biologische Forschung habe sich in den letzten Jahren zunehmend von den klassischen, für den Naturschutz besonders relevanten Themenbereichen abgewandt, stellte der Wissenschaftler-Gesprächskreis in dem Positionspapier "Naturschutz in der Biologieausbildung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz" 1993 fest. An nicht wenigen deutschsprachigen Universitäten drohten die wissenschaftlichen Traditionen abzureißen. Lehrstühle und Studienschwerpunkte in Ökologie hätten diese Fehlentwicklung nicht auffangen können. Die ökologische Forschung sei "einerseits labororientiert, andererseits fehlen zunehmend Spezialisten für Taxonomie, Vegetationskunde und Biozönologie in universitären Positionen, deren Beitrag für freilandorientierte ökologische Forschung unverzichtbar ist". An den biologischen Fachbereichen der Universitäten fehlten "bereits in schmerzlichem Ausmaß die Voraussetzungen für eine solide naturschutzbezogene Forschung", die auch an den Fachhochschulen gering sei. Hinzu komme, so der Wissenschaftsrat, "daß die Ökologie in Deutschland im Unterschied zu Großbritannien und den USA wenig Eigenständigkeit entwickeln konnte" und keine Verbündeten in anderen einschlägigen Fachbereichen findet.

Auch in Politik und Öffentlichkeit sei die Akzeptanz des wissenschaftlichen Naturschutzes in den letzten Jahren zurückgegangen, klagt Harald Plachter, der den ersten Marburger Lehrstuhl innehat. Die Universitäten überlassen es den Stiftungen, in der Naturschutzforschung und -ausbildung Akzente zu setzen. Der Wissenschaftsrat empfahl dringend, die Hochschulen und die Förderorganisationen – insbesondere die Deutsche Forschungsgemeinschaft – sollten aktiver werden, etwa indem sie ein Graduiertenkolleg einrichten, das die interdisziplinäre Forschung vorantreibt.

Neue grundständige Studiengänge zu Naturschutz und Landschaftspflege lehnt der Wissenschaftsrat indes ab, sehr zum Leidwesen der betroffenen Wissenschaftler in dem Arbeitskreis, die in einer Sitzung Anfang 1995 als Gründe dafür fehlende Ressourcen innerhalb der Universitäten sowie die "organisatorischen und verwaltungstechnischen Rahmenbedingungen" angaben. Die Ministerien stellten kaum zusätzliche Gelder dafür bereit, während trotz der Mittelknappheit andere Fachrichtungen wie Gentechnologie und Technikfolgenabschätzung in den letzten Jahren erheblich unterstützt worden seien. Naturschutzinhalte im Universitätsstudium werden daher innerhalb der bestehenden Fächer in unterschiedlichen Varianten wahrgenommen.


Buntes Bild von Naturschutzstudien

Nach einer Übersicht des Arbeitskreises ergibt sich folgendes buntes Bild: An der Universität Bayreuth wurde ein Studiengang "Geoökologie" entwickelt. An der TU Berlin, mit 1100 Studenten die größte Ausbildungsstätte in diesem Bereich, gibt es Institute für Ökologie, Planung, Landschaftsökologie und Landschaftsplanung. Naturschutzinhalte werden an der Universität Dresden in verschiedenen Studiengängen vermittelt, ein Schwerpunkt Landschaftsbiologie ist vorerst zurückgestellt. Naturschutz ist an der Universität Gießen ein Zusatzfach im Diplomstudiengang. An der Universität Göttingen wurde ein Naturschutzzentrum aus den Fachbereichen Forstwissenchaften, Geologie, Agrarwissenschaften und Biologie gebildet. Die umfangreichen Ansätze in Greifswald wurden bereits eingangs dargestellt. An der Universität Halle kann Naturschutz als Nebenfach im Fachbereich Biologie studiert werden. Seit 1990 gibt es in Hamburg Naturschutz als ein eher grundlagenorientiertes Fach im Studiengang Biologie. Im Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover wird Naturschutz mit planerischem Schwerpunkt gelehrt. An der Universität Hohenheim gibt es eine Naturschutzausbildung im Studiengang Agrarbiologie. Die Aufwertung des Naturschutzes mit einer C4-Professur ist an der Universität Jena zunächst gescheitert. An der Universität Leipzig wird versucht, einen Studiengang für Naturschutz aufzubauen. Relativ praxisbezogen ist das Hauptfach Naturschutz im Diplomstudiengang der Universität Marburg. Schon seit 20 Jahren besteht an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität München ein Lehrstuhl für Landnutzungsplanung und Naturschutz. Der Lehrstuhl für den neuen interdiszplinären Studiengang Landschaftsökologie an der Universität Oldenburg ist noch nicht besetzt. An der Fachhochschule Eberswalde bestehen 50 Studienplätze – um die sich 400 Bewerber bemühen – in Naturschutzmanagement, Umweltbildung und Bodenschutz.

An allen Universitäten Österreichs werden in der Ökologieausbildung Naturschutzaspekte berücksichtigt; Naturschutz als Vertiefungsrichtung wird an der Universität Wien derzeit aufgebaut. In der Schweiz kann an der ETH Zürich Natur- und Landschaftsschutz im Studienbereich Umwelt-Naturwissenschaften gewählt werden. Nachdiplomstudiengänge in Naturschutz haben die Universitäten Bern, Fribourg und Neuchâtel eingerichtet.

Internationaler Naturschutz ist in allen diesen wenig miteinander verbundenen Ansätzen nicht vorgesehen. Diese Lücke soll nun mit dem Stiftungslehrstuhl in Greifswald geschlossen werden. Succow sieht diese Aufgabe vor allem im Zusammenhang mit der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 und ihren Folgekonferenzen sowie mit den dort entwickelten internationalen Konventionen, denen Deutschland bis jetzt höchst unvollkommen nachkommt. Der Stifterverband begründet die Initiative, einen Stiftungslehrstuhl für internationalen Naturschutz einzurichten, unter anderem damit, daß Naturschutz zwar vielfach sehr kontrovers und mit großer Emotionalität diskutiert werde, auch und vor allem zwischen Entwicklungs- und Industrieländern, daß dabei aber systematisch erarbeitete, fachliche Argumente sowie geeignete Instrumente und Strategien fehlten. "Die wissenschaftliche Bearbeitung des internationalen Naturschutzes durch die Stiftungsprofessur soll zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen und Naturschutz als Strategie nachhaltiger Entwicklung objektivieren."


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1996, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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