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Lebensraum aus Menschenhand. Schützenswerte Biotope der rheinischen Kulturlandschaft.

Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 1997. 154 Seiten, DM 29,80.

Während der frühesten bäuerlichen Besiedlung Mitteleuropas vor acht Jahrtausenden entstand – im Rheinland und anderswo – aus der Naturlandschaft durch Waldrodung und extensive Landnutzung eine reichgegliederte Kulturlandschaft (Spektrum der Wisssenschaft, April 1989, S. 78). Hecken, Wildblumensäume, Äcker, Raine, Obstwiesen, Teiche, Feuchtwiesen und Trockenrasen – das alles charakterisierte bis Mitte dieses Jahrhunderts die freie Landschaft. Mittlerweile ist diese Vielfalt weitgehend verlorengegangen, so daß man nach ihren spärlichen Resten mühsam suchen und sie unter Schutz stellen muß. Bruno P. Kremer, Biologie-Didaktiker der Kölner Universität, der auch viele Beiträge zu dieser Zeitschrift geliefert hat, belegt den lebendigen Reichtum der nun historischen agrarischen Welt eindrucksvoll mit Fakten.

Bei seiner Reise durch die Landschaft findet er Vielfalt schon „In Dorf und Stadt“, so das erste Sachkapitel. Wenn er für Bäume im Siedlungsgrün plädiert, dann weil sie Ortschaften „einbetten und durchgliedern“. Er weist auf den hohen ökologischen Nutzen jedes Baumes hin. So erreicht eine freistehende 100jährige Rotbuche eine Höhe von 20 Metern und einen Kronendurchmesser von 10 Metern. Ihre 250000 Blätter mit mehr als 2500 Quadratmeter Oberfläche binden an einem Sommertag 9500 Liter (oder 19 Kilogramm) Kohlendioxid – die Abgasmenge von 100 Kilometern Autofahrt.

Wert legt der naturbegeisterte Biologe und Geologe vor allem auf das Spontane, Ungeplante, Nichtgewollte. Auf Brachflächen am Wegesrand oder sogar Bauschutthaufen diagnostiziert er mit geübtem Blick „einen immer wieder erstaunlichen Artenreichtum“. Pioniersiedler wie Pfeilkresse (Cardaria draba), Hopfenklee (Medicago lupulina) und Wegmalve (Malva neglecta) gehören im Rheinland zum typischen Spontanwuchs auf Brachflächen.

Kremer schildert auf lebendige Weise die Vorbildfunktion alter Bauerngärten, was Artenvielfalt und naturnahes Wirtschaften angeht. Nach Kartierungsergebnissen für das Rheinland und Westfalen werden dort etwa 200 verschiedene Pflanzenarten kultiviert.

Zum Friedhof unserer Vorväter gehörte weniger die heute übliche aufgeräumte, mit einer Grabplatte versiegelte und mit Standardgrün bepflanzte Grabstätte, sondern lebendige Vielfalt mit Wildpflanzen, „Ökoinseln“ eben. Es war durchaus einmal üblich, auf dem Grab Rhabarber und Petersilie wachsen zu lassen und zu ernten, so wie es das städtische Amt für Denkmalpflege auf dem alten Friedhof in Köln-Esch heute wieder demonstriert. Der 44 Hektar große, 1810 angelegte Kölner Friedhof Melaten beherbergt neben 70 angepflanzten Gehölzarten erstaunliche 250 Arten von Wildpflanzen.

Kremer, selbst ein Rheinländer, berichtet vom Lebenswert der Dorfteiche und anderer Kleingewässer im Rheinischen. Er schreibt über die 50 Pflanzenarten auf einer einzigen Mauer im Bonner Stadtzentrum. Er legt sich mit dem Leser auf die Lauer, um Weberknechte alpinen Ursprungs im Steingebirge der Städte zu identifizieren oder ein lupenbewehrtes Auge auf die Flechten zu werfen, die als „Testorganismen Aufschluß über die durchschnittliche Abgas- oder Schadstoffbelastung eines Standortes“ geben.

Über Dorf und Stadt hinaus geht die natur- und kulturgeschichtliche Reise in „Ackerland und Feldflur“ mit Streuobstwiesen, Säumen und Wegrändern, Blumenwiesen und Trockenrasen. Hecken und Feldgehölze sind nach Kremer „ökologische Inseln“ mit einem großen Arteninventar, zu dem auch Braunkehlchen, Stieglitz, Rauhhaut-Fledermaus und Bechstein-Fledermaus gehören. Selbst Hohlwege und Dämme als ursprüngliche Wirtschaftswege und Schutzbauten haben heute große ökologische Bedeutung. Kremer schätzt das Alter mancher Hohlwege im Saum der Niederrheinischen Bucht auf 1000 Jahre. An einem Lößhohlweg im Bonner Stadtgebiet wurden in einer einzigen nächtlichen Kartierung mit Lichtfallen immerhin 120 Großschmetterlingsarten nachgewiesen.

Kremer würdigt ausführlich Schlagfluren – abgeholzte kraut- und gebüschreiche Waldlichtungen –, Niederwälder, Kopfbäume, Kiesgruben sowie die schon lange bestehenden Heiden. Auch ehemalige Waldweidegebiete für Rinder und Schafe, die Hutungen, sind Lebensräume aus Menschenhand mit einer besonderen Fauna und Flora. Daraus haben sich mancherorts die bekannten artenreichen Wacholderheiden entwickelt. Das Buch endet da, wo die Vielfalt begann: in der Vergangenheit – aber da, wo sie fortbesteht, etwa auf den 25 Hektar des Bergischen Freilichtmuseums Lindlar, wo sich eine alte, ökologisch hochwertige Kulturlandschaft allererster Güte präsentiert.

Wer in den vielen inhaltsreichen Textzeilen Spektakuläres sucht, wird enttäuscht. Farborgien und bizarr-exotische Details gibt es in diesem Buch nicht, dafür um so mehr von vielen kleinen Momenten und Situationen, die das Leben nun einmal ausmachen, wie eine schlichte unkrautbewachsene Steintreppe. Daß Kremers Reise durch Stadt und Land so wenig den modernen Gesichtspunkten des Marketings entspricht, macht das Buch als ein Stück Historie liebenswert.

Das ist zum guten Teil auch den Herausgebern zuzuschreiben. Der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz in Köln zeichnet mit dem Bergischen Freilichtmuseum zu gleichen Teilen verantwortlich. Auch der Staat hat über die Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimatpflege und Kulturpflege das Buch gefördert – ein gutes Omen angesichts der Tatsache, daß die Umweltzerstörung und Überproduktion der Agrarindustrie wesentlich auf staatliche Förderung zurückzuführen ist.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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