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Michelangelo digital

Moderne Computergraphik in der kunsthistorischen Forschung

Er war schon zu Lebzeiten einer der bedeutendsten Künstler: Michelangelo Buonarroti, in Caprese 1475 geboren, in Rom 1564 gestorben, schuf Skulpturen wie den „David“ und großartige Fresken wie die in der Sixtinischen Kapelle. Zu den Rätseln seines Lebens gehört seine zweite Pieta (nach dem lateinischen pietas, Frömmigkeit: Darstellung der trauernden Maria mit dem Leichnam Jesu). Nachdem Michelangelo im Alter von 23 in Rom bereits ein Meisterwerk dieser Gattung geschaffen hatte, arbeitete er mit etwa 70 in Florenz an einer rund zweieinhalb Meter hohen Gruppe, bestehend aus Maria Magdalena, Nikodemus, der Jungfrau Maria und Jesus Christus. Doch nachdem er Maria Magdalena und den Gottessohn vollendet hatte, wollte Michelangelo aus unbekanntem Grund das Kunstwerk wieder zerschlagen. Ein Gehilfe, so die Überlieferung, konnte ihn aufhalten, doch der Christus-Figur war auf seiner linken Seite bereits das Bein abgehauen und der Arm gebrochen worden. Ein Bildhauer namens Tiberio Calgani hat die Skulptur später teilweise repariert und fertiggestellt, heute steht sie im Museo dell’Opera del Duomo in Florenz.

Warum wollte der Künstler dies Spätwerk vernichten? Hielt er es für mißlungen? Etwas merkwürdige Proportionen könnten darauf hindeuten.

Der amerikanische Kunsthistoriker Jack Wassermann versucht seit dem letzten Jahr, Antworten mittels der Computergraphik zu finden. Unterstützt von einem Expertenteam des IBM-Forschungslabors T.J. Watson in Yorktown Heights (New York) hat er die Pieta digitalisiert, um sie dann als Computermodell eingehender zu untersuchen. Etwa 10000 Einzelbilder waren erforderlich, aufgenommen mit einer ursprünglich für die plastische Chirurgie entwickelten Kamera. Ihre sechs Objektive ermöglichen überlappende Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln; ein Computer berechnet jeweils den Abstand der Linsen zur Oberfläche. Die schließlich aus den Daten konstruierte virtuelle Skulptur besteht aus mehreren zehn Millionen Dreiecken; einige Milliarden Bytes bestimmen die Geometrie genauer und enthalten detaillierte Informationen zu Farbe und Struktur.

Dieser Aufwand ist notwendig, um den Zustand der Skulptur vor der Reparatur durch Calcagni oder gar vor der Zerstörung rekonstruieren zu können. Eines ist schon jetzt klar: Die Annahme, Michelangelo habe das Werk für sein eigenes Grabmal vorgesehen, ist nicht von der Hand zu weisen (siehe Bild). Dazu Wassermann: „Er meißelte seine Arbeiten gewöhnlich so, daß der Betrachter immer das Gesamtbild vor sich hatte.“ Aus der Froschperspektive, wie sie das Computermodell leicht ermöglicht, erscheinen die Proportionen genau richtig. In naher Zukunft soll das Projekt auf einer CD-ROM dokumentiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1999, Seite 88
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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