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Paläontologie: Neuer Nager aus Messel – Prachtstück des 'Urschläfers'

In einer Privatsammlung von Fossilien aus der Grube Messel wurde jetzt das erste vollständige Exemplar des gemeinsamen Vorläufers von Siebenschläfer und Haselmaus entdeckt.


Die Grube Messel bei Darmstadt ist als Fundstätte einer reichen und außergewöhnlich gut erhaltenen Tier- und Pflanzenwelt weithin bekannt. Die Unes-co erklärte sie 1995 zum einzigen Naturerbe der Menschheit in Deutschland. Mit Recht: Die Messeler Fossilien erlauben nicht nur faszinierende Einblicke in die Evolutionsgeschichte, sondern sind zugleich von großem ästhetischen Reiz. Als sie entstanden – im unteren Mittel-Eozän vor knapp 50 Millionen Jahren – war Europa durch Seewege in einen Archipel zergliedert, und es herrschte weltweit ein brütendes Treibhausklima.

Die Epoche des Unter- und Mitteleozäns ist von besonderer Bedeutung für die Evolution der Säugetiere, die heute die Erde beherrschen. Nur wenige Millionen Jahre vor Lebzeiten der Messelfauna waren die ersten modernen Säugetierordnungen aufgetaucht; diese Tierklasse stand also just am Beginn breit gefächerter stammesgeschichtlicher Entfaltungen. Die Fauna von Messel bezeugt zudem einen dramatischen Umbruch im aufstrebenden Säuger-Reich: Archaische "Oldtimer" aus vorangegangenen Epochen finden sich Seite an Seite mit innovativen "Newcomern".

Meist liegen die Skelette im natürlichen Verband vor, und oft ist auch der Körperumriss mit Fell und Ohren abgegrenzt. Außerdem sind vielfach Magen-Darm-Inhalte sowie Föten fossil überliefert. Damit vermitteln die Überreste nicht nur eine sehr genaue Vorstellung vom einstigen Aussehen der Tiere, sondern erlauben auch, deren Lebensweise verlässlich zu rekonstruieren. Das ist von besonderem Interesse für Gruppen wie die Nagetiere, die zur Messel-Zeit am Beginn einer großen stammesgeschichtlichen Karriere standen.

Aus Messel sind dank jahrzehntelanger intensiver Grabungs- und Forschungstätigkeit derzeit mehr als 40 Säugerarten bekannt. Trotzdem ist damit das für das Mittel-Eozän zu erwartende Artenspektrum noch lange nicht komplett erfasst. Neu-Entdeckungen sind allerdings nicht nur von weiteren Grabungen vor Ort zu erwarten; sie finden sich auch manchmal ganz überraschend in bereits bestehenden Fossiliensammlungen. So im hier beschriebenen Fall: Als eine von uns (Seiffert) im Rahmen ihrer Doktorarbeit an öffentlichen Instituten und Museen sowie bei Privatsammlern nach Exemplaren von Messeler Nagetieren recherchierte, wurde ihr ein passendes Fossil aus der Sammlung von Dr. Burkhardt Pohl zur Bearbeitung angeboten. Es war ein Glückstreffer, wie sich herausstellte: Bei der genauen Untersuchung erwies sich das Fossil als ein aus Deutschland bislang nicht bekanntes Nagetier, das die Palette der drei Nagerarten aus Messel um eine weitere ergänzt.

Das Fossil ist – auch für Messeler Verhältnisse – ausgezeichnet erhalten, was ihm Lebendigkeit und Charme verleiht. Das Tier hat eine Kopf-Rumpf-Länge von knapp sieben und eine Schwanzlänge von gut fünf Zentimetern. Das vollständig erhaltene Skelett lässt selbst feinste Einzelheiten – etwa im Bau der winzigen Zehenglieder oder des grazilen Penisknochens – erkennen. Erstaunlich klar sind zudem der Abdruck des wolligen Fells und des federartigen buschigen Schwänzchens.

Nach Gebissmerkmalen gehört das Fossil zur Art Eogliravus wildi, die bisher nur in Form isolierter Backenzähne aus etwas älteren Fundstellen in Frankreich bekannt war. Sie gilt als älteste und primitivste Art der Bilche oder Schläfer (Familie Gliridae) und stellt somit den letzten gemeinsamen Vorfahren aller bekannten fossilen und heutigen Schläfer-Arten dar. Daraus folgt zweierlei:

- Schläfer sind weltweit die einzige noch existierende Nagerfamilie, deren Ursprung über 50 Millionen Jahre zurückreicht;

- sie gehören zu den wenigen heute lebenden Säugetierfamilien, die sich auf dem europäischen Kontinent entwickelt haben.

Tatsächlich war Europa stets ein wichtiges Evolutions- und Ausbreitungszentrum der Bilche. Ihre größte Artenvielfalt erreichten sie während des Miozäns – vor etwa 5 bis 24 Millionen Jahren –, als sie viele europäische Nagetierfaunen dominierten. Von der einstigen Formenfülle sind allerdings lediglich neun Gattungen mit meistens nur einer Art übrig geblieben, die in Europa, Asien und Afrika vorkommen.

Die heutigen Schläfer – in Mitteleuropa Sieben-, Garten- und Baumschläfer sowie die Haselmaus – sind Nagetiere von Maus- bis Rattengröße, die überwiegend auf Sträuchern oder Bäumen leben. Auch das Messeler Ökosystem war einst bewaldet. Demnach hatte der Messeler "Urbilch" den Hauptlebensraum seiner heute lebenden Nachfahren offenbar bereits eingenommen. Dafür sprechen auch eindeutige Anpassungen an eine kletternde Lebensweise:

- der buschige Schwanz, der als Steuer und Fallschirm dienen kann;

- die sehr langen und geraden Schien- und Wadenbeine, die nicht verschmolzen sind und dadurch das Fußgelenk beweglicher machen;

- die nicht verkleinerten randlichen Zehen von Hand und Fuß, die die Auflagefläche und Griffweite vergrößern;

- die seitlich komprimierten, stark gekrümmten und sehr spitzen Krallenglieder an Händen und Füßen, die in rauer Rinde guten Halt finden.

Gestützt wird diese biologische Einordnung durch die Analyse des Magen-Darm-Inhalts des Fossils. Er besteht ausschließlich aus pflanzlichen Resten. Der Urbilch dürfte sich somit hauptsächlich von Samen, Früchten und Knospen von Bäumen und Sträuchern ernährt haben, wie sie auch den Löwenanteil des Speiseplans von Siebenschläfer und Haselmaus ausmachen.

Insgesamt betrachtet, war Eogliravus wildi also vermutlich ein graziles, flinkes Tier, das sich geschickt auf dünnen Ästen bewegte und dessen Lebens- und Ernährungsweise, soweit sie am Fossil rekonstruierbar sind, bereits weitgehend mit derjenigen der heutigen Bilche übereinstimmte.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2000, Seite 12
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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