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Physikalisch-chemische Aspekte von Festelektrolyt-Brennstoffzellen


Wissenschaftliche Publikationen wie auch Berichte in den Medien zum Thema Brennstoffzellen spiegeln, über die vergangenen Jahre hinweg betrachtet, teils Begeisterung bis zur Euphorie, teils Frustration und Skepsis. Ein solches Wechselspiel ist sowohl für den hohen Anspruch an eine moderne Technik wie für den Schwierigkeitsgrad ihrer Realisierung charakteristisch. Wir wollen im folgenden die physikalisch-chemischen Aspekte betrachten, aus denen sich Attraktivität und Problematik ergeben.

Brennstoffzellen bestehen aus aktiven Massen, meist Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2), die im Verhältnis zwei zu eins zu Wasser (H2O) reagieren (Bild 1). Deren unmittelbare Verbrennung nutzt man etwa in der Knallgasflamme zum Schweißen. Auch wenn die Gase über ein Medium in Kontakt treten, das Ionen- wie Elektronenwanderung ermöglicht, würde die Differenz der En-thalpien zwischen den Gasen und dem Wasser als Reaktionswärme frei (Bild 2 a, b; die Enthalpie berücksichtigt außer der Energie noch Druck und Volumen). Indem man die Reaktionspartner aber durch einen Elektrolyten trennt, der ausschließlich Ionen transportiert, und die Elektronen über äußere Zuleitungen und Elektroden fließen läßt, vermag man statt dessen elektrische Energie zu entnehmen (Bild 2 c). Im Unterschied zu normalen Batteriesystemen, bei denen entweder die aktiven Massen verbraucht werden (Primärelemente) oder das System mittels eines Ladestromes wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt wird (Sekundärelemente), lassen sich die Reaktanden dabei kontinuierlich zu- und das Produkt stetig abführen.

Um Strom aus der direkten Verbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff zu gewinnen, müßte man die Prozeßwärme mittels einer Wärmekraftmaschine in mechanische und mittels einer Dynamomaschine in elektrische Energie umwandeln. Das Verhältnis von Nutzarbeit zu Reaktionsenthalpie ist in diesem Falle aber durch den Carnot-Wirkungsgrad nach oben begrenzt und kann selbst bei idealer Reaktionsführung nicht hundertprozentig sein: Der französische Ingenieur und Physiker Nicolas Léonard Carnot (1796 bis 1832) modellierte diesen Prozeß der Energieumwandlung in einem Gedankenexperiment und wies nach, daß dessen thermodynamischer Wirkungsgrad von der maximal auftretenden Temperaturdifferenz bestimmt wird und immer kleiner als eins ist.

Hingegen läßt sich bei der direkten Umwandlung von chemischer Energie die gesamte freie Reaktionsenthalpie als elektrische Arbeit nutzen. Sie ist ein Maß für die Triebkraft einer Reaktion – je stärker negativ ihr Wert, desto bereitwilliger wechseln die Reaktanden vom Ausgangs- in den Endzustand. Das ist um so mehr der Fall, je geringer bei der Reaktion der Energieinhalt des Systems wird (wenn also die Enthalpie abnimmt) oder je mehr die Unordnung steigt (wenn also die Entropie zunimmt). Deshalb erreicht der Wirkungsgrad theoretisch 100 Prozent, wenn die Zahl der Gasmoleküle – bestimmend für die Entropie – während der Reaktion nicht abnimmt, wie es beispielsweise bei oxidischen Hochtemperatur-Brennstoffzellen der Fall ist; steigt ihre Zahl an, vermag der Wirkungsgrad sogar mehr als 100 Prozent auszumachen (das ist kein Widerspruch zu den Hauptsätzen der Thermodynamik, denn dabei wird der Umgebung Wärme entzogen, so daß die Energiebilanz wieder ausgeglichen ist). Diese Aussagen gelten allerdings nur im reversiblen Grenzfall, also sofern der Prozeß jederzeit umkehrbar ist, nicht aber bei Stromentnahme.


Verlustmechanismen

Warum sind Brennstoffzellen bei solch günstigen Voraussetzungen nicht längst ein Bestandteil unserer Energiewirtschaft? Das liegt an hohen Materialanforderungen und insbesondere an den von den Werkstoffen bedingten Verlusten, die bei Stromfluß auftreten.

Beispielsweise läuft an der Kathode einer Zirkonoxid-Brennstoffzelle eine Reihe verlustbehafteter Teilschritte ab (Bild 3). Zunächst muß Sauerstoff als Gas herantransportiert werden; das geschieht durch Diffusion, bedingt durch den Konzentrationsunterschied für O2 zwischen Elektrode und Gasphase. Das an der Elektrodenoberfläche gebundene Molekül wird sodann gespalten, nimmt Elektronen auf und wird zu zweifach negativ geladenen Ionen (O2-). Diese treten in den Festelektrolyten Zirkonoxid über, durchqueren dessen Randschichten und wandern durch seine Kristallkörner und deren Korngrenzen bis zur Anodenseite. Bei dieser Bewegung springen die Ionen über eine Potentialbarriere quasi von einem Gitterbindungsplatz zum nächsten. An der Anode spielt sich wiederum ein ähnlich komplexes Geschehen ab, an dessen Ende Wasser entsteht, das es abzuführen gilt, um die Konzentrationsunterschiede als Triebkräfte der Diffusion aufrechtzuhalten.

Wird die Zelle belastet, das heißt Strom entnommen, ist jedem dieser Teilschritte ein Widerstand beziehungsweise eine Minderung der maximal verfügbaren Spannung – eine sogenannte Verlustspannung – zuzurechnen (Bild 4). Deshalb weicht der reale Wirkungsgrad deutlich vom theoretischen ab. Dabei ist der ohmsche Widerstand des Festelektrolyten von der entnommenen Stromdichte unabhängig; rechnet man nämlich den Spannungsabfall am Gesamtwiderstand auf die atomaren Abstände um, ergibt sich ein viel kleinerer Wert als der der Potentialbarriere – dieser Effekt vermag sie deshalb nicht zu stören.

Anders beim Eintritt des Sauerstoff-Ions in den Festelektrolyten: Der sogenannte Durchtrittswiderstand reagiert empfindlich auf den Stromfluß – er nimmt mit der Belastung ab. Hier wird die zu überwindende Potentialschwelle durch den Spannungsabfall an der Phasengrenze deutlich deformiert.

Im Gegensatz dazu erhöhen sich Verluste durch Diffusionshemmung überproportional. Wird auf der Kathodenseite der Sauerstoff nicht genügend schnell antransportiert, kann der Strom nicht weiter ansteigen. Das Vermögen der Materialien, Diffusion zu ermöglichen, ändert sich nämlich nicht. Auch kann der prozeßantreibende Konzentrationsunterschied nicht beliebig groß sein. Im Extremfall wird der Sauerstoff an der Grenzfläche sogar gänzlich verbraucht, und die entsprechende Verlustspannung nimmt extrem hohe Werte an.

Außer diesen elementaren elektrochemischen Verlusten sind noch weitere system- und verfahrenstechnische zu berücksichtigen. Sie sollen hier jedoch nicht weiter betrachtet werden.


Materialanforderungen

Brennstoffzellen unterliegen engen Bedingungen, etwa solchen ihrer Betriebstemperatur. Dementsprechend hoch und für verschiedene Typen unterschiedlich sind die Materialanforderungen.

In jedem Falle müssen die Elektroden sehr gute Elektronenleiter sein; außerdem sollten sie – im Verein mit der Elektrolytoberfläche – die erforderlichen Reaktionen katalysieren und viele aktive Grenzflächen bereitstellen. Der Elektrolyt wiederum muß ein reiner und guter Ionenleiter sein, der für die Ausgangs-gase weitgehend undurchlässig ist.

Alle Materialien sollen ferner untereinander sowie mit den Reaktionsteilnehmern chemisch kompatibel sein, dürfen also keine unerwünschten Verbindungen miteinander eingehen. Daß die Brennstoffseite sehr reduzierend und die Sauerstoffseite sehr oxydierend wirkt belastet vor allem den Festelektrolyten, der mit beiden unmittelbar verbunden ist (das gilt auch für die elektronischen Verbindungsmaterialien). Er darf auch unter diesen Bedingungen seine elektrische Funktionalität nicht verlieren.

Insbesondere um Einzelzellen zu leistungsfähigen Blöcken zu verschalten, bedarf es des weiteren hinreichender mechanischer Belastbarkeit. Zwar sind beispielsweise oxidkeramische Festelektrolyten für Hochtemperatur-Zellen selbsttragende Strukturen; doch unterschiedliche thermische Ausdehnungskoeffizienten und die den keramischen Materialien eigene Sprödheit stellen signifikante Probleme dar. Schließlich sind ökonomische und ökologische Fragen nach Material- und Prozeßkosten, Einsatzdauer und Umweltverträglichkeit zu bedenken.

Deshalb lassen sich Materialprobleme nicht losgelöst vom speziellen Brennstoffzellentyp betrachten. Einige der genannten Aspekte wollen wir an zwei Forschungsschwerpunkten unseres Instituts eingehender behandeln.

Elektrolyt und Kathodenseite der Festoxid-Brennstoffzelle

Herzstück der solid oxide fuel cell (SOFC) ist ein keramischer Festelektrolyt, gemeinhin aus Zirkonoxid (ZrO2); die Kathode besteht gewöhnlich aus Lanthanmanganat (LaMnO3). Die erwähnten Anforderungen werden von dieser Kombination aber wegen chemischer und mechanischer Probleme noch nicht ausreichend erfüllt, beispielsweise ist die geforderte Langzeitstabilität von 50000 bis 100000 Betriebsstunden bislang nicht zu gewährleisten. Vieles deutet darauf hin, daß die beiden Materialien bei der hohen Betriebstemperatur letztlich doch miteinander chemisch reagieren. Überdies wären höhere Leitfähigkeiten wünschenswert.

Das sollte eigentlich die Synthese neuer Verbindungen und Strukturen stimulieren. Doch trotz seiner genannten Nachteile gilt Zirkonoxid, das schon im vorigen Jahrhundert als Festelektrolyt verwendet wurde, wegen der Kombination von relativ guter chemischer und thermischer Stabilität mit ansprechend hoher Ionen- und geringer Elektronenleitung bei tolerierbaren mechanischen Eigenschaften immer noch als erste Wahl. Verbindungen, die aus mehr als zwei verschiedenen Elementen bestehen, böten zwar reichlich Variationsmöglichkeiten für neue Materialien; doch mit der Vielzahl sinkt die Wahrscheinlichkeit hinreichender Stabilität und eines hinreichend hohen Verhältnisses von Ionen- zu Elektronenleitung.

Als Alternative diskutiert die Fachwelt deshalb in erster Linie das ebenfalls aus zwei Elementen bestehende Ceroxid (CeO2). Aufgrund seiner größeren Reduktionsempfindlichkeit wird es an der Anode zwar auch leitfähig für Elektronen, immerhin dominiert aber über weite räumliche Bereiche der Ionentransport, so daß dieses Material seine Funktion als Festelektrolyt trotzdem nicht verliert. Den zusätzlichen Verlusten steht die etwa eine Größenordnung höhere Leitfähigkeit gegenüber.

Außerdem könnte eine solche kombinierte Leitfähigkeit Einphasen-Brennstoffelemente quasi aus einem Guß möglich machen, bei denen Kathode, Elektrolyt und Anode aus dem gleichen Grundmaterial bestehen. Gemischtleitende Materialien, die ionische und elektronische Reaktionspartner gleichzeitig zur Verfügung stellen, sind häufig auch die besseren Katalysatoren und bieten zusätzlich die Möglichkeit, Sauerstoff nicht nur an den Dreiphasenkontakten Gas-Elektrode-Elektrolyt in den Festkörper eintreten zu lassen, sondern außerdem über gekoppelte Diffusion von Ionen und Elektronen durch das Elektrodenmaterial selbst.

Weitere interessante Substanzen sind wasserhaltige Oxide, in denen sich Wassermoleküle dissoziativ – also als Ionen (H+ und OH-) – einbauen lassen. Das Hydroxyl-Ion besetzt dabei eine Defektstelle im Kristallgitter des Elektrolyten, an der ein Sauerstoff-Ion fehlt; das Proton verbindet sich mit einem regulären Sauerstoff-Ion des Gitters (O2-) zu einer weiteren OH--Gruppe. Weil es sich aber dort auch wieder ablösen und zu einem benachbarten Sauerstoff-Ion springen kann, stellen diese Perowskite genannten Stoffe gute protonenleitende Elektrolyte dar – im Unterschied zum sauerstoffleitenden Zirkonoxid.

Freilich sind sie noch keine wirklichen Wettbewerber: Sie sind häufig nicht gegen Kohlendioxid stabil, ein Nachteil vor allem, will man auch hier den Vorteil der hohen Betriebstemperatur nutzen, um kohlenwasserstoffhaltige Brenngase damit in Wasserstoff umzuwandeln. Hinsichtlich der mechanischen Eigenschaften schneiden sie gleichfalls eher schlecht ab. Zudem leiten einige ihrer Vertreter auch Sauerstoff-Ionen und Elektronen – chemische Kurzschlüsse sind dann möglich. Gleichwohl bieten Protonenleiter im allgemeinen einen prinzipiellen Vorteil: Das Wasser entsteht nämlich auf der Luftseite, wo es vergleichsweise einfach, billig und wirksam abzuführen ist.

Das Dotieren ist sozusagen der klassische Weg, gegebene Verbindungen zu modifizieren. So ist Zirkonoxid bereits meist mit 10 Prozent Yttriumoxid (Y2O3) versetzt; ähnliches gilt für Ceroxid (CeO2) mit der bevorzugten Dotierung Gadoliniumoxid (Gd2O3). Ersetzt man Zr4+ durch Y3+ beziehungsweise Ce4+ durch Gd3+, ist an dieser Stelle die negative Ladung des Sauerstoff-Ions nicht kompensiert. Es wird zur Erhaltung der Elektroneutralität aus dem Kristallverband entfernt, wodurch sich Sauerstoffleerstellen bilden, welche die hohe Ionenleitfähigkeit hervorbringen. Auch die Protonenleitung von Perowskiten entsteht durch den Einbau solcher schwächer negativen Ionen.

Leitfähigkeiten lassen sich also vermutlich kaum noch auf solchem Wege optimieren, wenngleich der exakte Zusammenhang zur Dotierkonzentration wegen schwer berechenbarer Wechselwirkungen der Fehlstellen noch nicht bekannt ist. Freilich ist bei Zirkonoxid-Hochtemperatur-Brennstoffzellen gerade der Transport durch den Elektrolyten stark verlustbehaftet, vielfach macht sich der Korngrenzwiderstand bemerkbar. Verbesserungen lassen sich möglicherweise durch ein optimiertes Sintern sowie eine optimierte Chemie in den Kornzwischenbereichen erreichen. Weil Zumischungen die dort stattfindenden Reaktionen beeinflussen, kommen Dotierungen wieder ins Spiel.

Das Verständnis von Grenzflächenmechanismen ist ein Schlüssel zur möglichen Verwendung von oxidkeramischen Brennstoffzellen auch bei tieferen, technisch einfacher zu beherrschenden Temperaturen. Beispielsweise verlangsamt sich unterhalb der normalen Betriebstemperatur der Sauerstoffeinbau deutlich. Zur Untersuchung dieser Vorgänge verwenden wir außer elektrochemischen und spektroskopischen Techniken vor allem eine optische Methode, um die Sauerstoffdiffusion sowie den Einfluß der Grenzflächen unter Prozeßbedingungen elegant räumlich und zeitlich zu verfolgen (Bild 5).

Auch das Kathodenmaterial Lanthanmanganat ist mit 10 bis 20 Prozent Strontiumoxid stark niedervalent dotiert, wodurch nicht nur Sauerstoffleerstellen, sondern vor allem oxidierte Zustände entstehen. Die gleichzeitige Anwesenheit ionischer und elektronischer Ladungsträger ist für die katalytische Funktion und, davon nicht unabhängig, wohl auch für die zumindest in den Randbereichen auftretende Sauerstoffdurchlässigkeit von Bedeutung. Die genauen Reaktionsmechanismen sind derzeit Gegenstand intensiver Forschung.

Selbst die Funktionen von Kathoden aus einem einzigen Element wie etwa Platin oder Silber sind noch nicht vollständig verständlich. Eine brauchbare Daumenregel besagt, daß deren katalytische Aktivität bei mittleren Elektronegativitäten maximal ist, wenn also weder das Metall noch ein Bindungspartner ein ausgeprägtes Bestreben haben, den Sauerstoff an sich zu binden. Ein allzu edles Metall hingegen würde die Sauerstoffaufnahme, ein allzu unedles dessen Weitergabe behindern.

Eine dritte grundlegende – obgleich kaum genutzte – Methode, Werkstoffeigenschaften zu beeinflussen, ist das gezielte Einbringen von Heterogenitäten. Dazu kann man chemisch verträgliche Zweitphasen physikalisch untermischen; diese Technik nennen wir heterogenes Dotieren. Daraus resultieren unter Umständen extrem veränderte elektrische und chemische Eigenschaften entweder innerhalb der Heterogenitäten selbst oder in deren unmittelbarer Nachbarschaft; die mechanische Mischung zweier Phasen kann sogar höhere Leitfähigkeiten haben als die Komponenten selbst, weil sich an den Kontakten zusätzliche Defektstellen bilden können. Wenngleich diese Methode ein beachtliches unausgeschöpftes Potential darstellt, versagt sie doch meist bei hohen Temperaturen sowie schwarz dotierten Proben und dürfte deshalb eher für das folgende Beispiel relevant sein.


Protonenleitende Polymermembranen

Die für den Einsatz von Brennstoffzellen erforderliche hohe Protonenleitfähigkeit entsprechender Elektrolyte wird bisher fast ausschließlich von Flüssigkeiten erreicht, etwa von sauren wäßrigen Lösungen oder von Phosphorsäure (H3PO4), die man in einem Zelltyp verwendet (Bild 1). Zwar sind besonders in den letzten beiden Jahrzehnten feste protonenleitende Materialien entdeckt worden, doch scheinen ihnen Flüssigkeiten mit ihrer geringen Fixierung der Moleküle im Raum stets überlegen zu sein. Demgemäß sind aber Festkörper in dieser Hinsicht um so tauglicher, je flüssigkeitsähnlicher die Dynamik der Bindungspartner des Protons ist.

Dies läßt sich anhand der zugrundeliegenden Elementarreaktionen veranschaulichen: So ist Cäsiumhydrogensulfat (CsHSO4) ein Festkörper, dessen protonbindender HSO4--Tetraeder flüssigkeitsähnliche Taumelbewegungen innerhalb der Kristallstruktur vollführt. Dabei kommen sich benachbarte Tetraeder so nahe, daß ein gebundenes Proton leicht zu einem nächsten wechseln kann, und so fort. Es entstehen ununterbrochene Diffusionspfade und damit Protonenleitfähigkeit. Sie bleibt indes immer um das Fünf- bis Zehnfache unter der von sehr guten flüssigen Protonenleitern. Zudem stören die lokalen Bewegungen zwar nicht die für den festen Zustand typische Ordnung über große Distanzen hinweg, doch schwächen sie chemische Bindungen. Damit verschlechtert sich aber die mechanische Stabilität – das gut protonenleitende Cäsiumhydrogensulfat ist deshalb eine ausgesprochen weiche Verbindung.

Für die Anwendung in Brennstoffzellen sind aus diesem Grund Materialien von besonderem Interesse, die in einem Teil ihrer Struktur Eigenschaften des festen und in einem anderen solche des flüssigen Zustands aufweisen, somit formstabil sind, aber auch Protonen sehr gut leiten. Dies trifft in nahezu idealer Weise auf das Polymer Nafion zu, das bereits in den späten sechziger Jahren von dem amerikanischen Unternehmen Du Pont de Nemours für die Chlor-Alkali-Elektrolyse entwickelt wurde; inzwischen ist es auch zum Standardwerkstoff für Brennstoffzellen mit Polymermembran (PEMFC) geworden.

Das vollständig fluorierte Polymer – alle gebundenen Wasserstoffe sind durch Fluor ersetzt – ist einerseits mit dem wasserabweisenden (hydrophoben), gegen Oxidation und Reduktion sehr stabilen Teflon verwandt, enthält aber andererseits wasseranziehende (hydrophile) Sulfonsäure-Gruppen (SO3H). Weil die Polymerketten selbst bei Raumtemperatur ihre räumliche Anordnung noch in gewissen Grenzen zu verändern vermögen, entmischen sich hydrophobe und hydrophile Bereiche in Gegenwart von Wasser.

Davon nimmt das Polymer so viel auf, daß es bis zu einem bestimmten Maße aufquillt. Auf diese Weise entsteht ein relativ formstabiles, schwammartiges Gebilde mit Kanälen und Poren von wenigen Nanometern (millionstel Millimetern) Größe; dies entspricht der Ausdehnung einiger Wassermoleküle. Zudem dissoziieren die Säuregruppen, wobei die Protonen von der wäßrigen Phase, die negativen Säurerestgruppen (SO3-) vom Polymer getragen werden. Diese negativen Ladungen werden aber von Wassermolekülen – sogenanntem Hydratationswasser – abgeschirmt, so daß die Protonen nicht von ihren Gegenladungen festgehalten werden und in den Kanälen und Poren nahezu frei beweglich sind. Dabei werden sie vom Hydratationswasser in ähnlicher Weise befördert wie für Cäsiumhydrogensulfat beschrieben.

Im gequollenen Zustand ist das Polymer also einerseits durch sein hydrophobes, feststoffartiges Gerüst verhältnismäßig formstabil und andererseits in seinen hydrophilen, flüssigkeitsähnlichen Bereichen sehr gut protonenleitend. Zusammen mit der chemischen Stabilität ergibt dies die günstige Kombination von Eigenschaften für die Anwendung in Brennstoffzellen.

Trotzdem erfüllt Nafion nicht alle Anforderungen vollständig. Bedingt durch das aufwendige Herstellungsverfahren und den patentrechtlichen Schutz ist es für den Einsatz in einem Massenprodukt immer noch viel zu kostspielig. In einigen Ländern hält man auch die Entsorgung beziehungsweise die schwierige Rezyklierbarkeit für ein Problem. Ferner ist die Membranfunktion nicht unter allen Betriebsbedingungen optimal gewährleistet. So läßt sich der Wasserhaushalt nur aufwendig kontrollieren. Weil der Protonenstrom in gewissem Maße auch Wassermoleküle zur Kathode führt, wo durch die elektrochemische Reaktion ohnehin Wasser entsteht, ergibt sich dort ein Überschuß, während die Anodenseite bei Stromentnahme wasserarm wird. Deshalb muß man das anodenseitig zugeführte Brenngas befeuchten und ein Absaufen der Gaskathode vermeiden.

Das Eindringen undissoziierter Brenngase, die begrenzte thermische Stabilität der Sulfonsäuregruppe und die morphologische Instabilität des Polymers bei erhöhten Temperaturen sind weitere Beschränkungen. Brennstoffzellen mit Nafion-Membranen arbeiten deshalb bei maximal 90 Grad Celsius, obwohl höhere Betriebstemperaturen große Vorteile böten, etwa um Methanol anstelle von reinem Wasserstoff als Brennstoff einzusetzen. Auch die Gebrauchsdauer der verwendeten Platinelektroden wäre dann wegen der geringeren Empfindlichkeit gegenüber Katalysatorgiften wie Kohlenmonoxid deutlich verlängert.

Bei einigen Lösungsansätzen beschränkt man sich darauf, das ursprünglich für die Chlor-Alkali-Elektrolyse entwickelte Material den Bedingungen von Brennstoffzellen anzupassen. Die Modifikationen betreffen im wesentlichen die Konzentration der SO3H-Gruppen und die Länge bestimmter Polymerseitenketten. Andere Forscher versuchen, wesentlich preisgünstigere fluorierte Polymermembranen nachträglich mit diesen Gruppen zu versehen; das gelingt etwa mittels energiereicher Strahlung, die reaktive und anschließend leicht sulfonierbare Radikale in der Membran erzeugt.

Verschiedentlich wird auch versucht, auf fluorierte Polymere vollständig zu verzichten. Zu Zeiten der Nafion-Entwicklung waren sie zwar die thermisch und chemisch stabilsten, doch gibt es mittlerweile zahlreiche nichtfluorierte, meist polyaromatische Polymere (zu Ketten verbundene Benzolringe) sehr hoher Stabilität, die als Basis für protonenleitende Elektrolyte dienen könnten. Viele davon lassen sich einfach sulfonieren und im Nanometerbereich ähnlich strukturieren wie Nafion. Die kontinuierliche Variation der Verzweigung und Vernetzung solcher Polymere sowie das Einbringen chemischer Heterogenitäten bieten viele Möglichkeiten für die Entwicklung neuartiger Membranmaterialien, an denen auch unser Labor beteiligt ist.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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