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Physiologie und Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Briefe an Hermann von Helmholtz


Erstmals edierte Briefe bekannter Persönlichkeiten verfehlen selten die Neugier der Leser, der fachlich suchenden wie der biographisch interessierten. Bei den Briefen der Physiologen Ernst Wilhelm Brücke (1819 bis 1892), Carl Ludwig (1816 bis 1895) und Gustav Theodor Fechner (1801 bis 1887) an Hermann von Helmholtz (1821 bis 1894) handelt es sich um das Geburtsprotokoll der exakten Physiologie.

Diese vier in Freundschaft verbundenen Gelehrten waren es, die neben Emil du BoisReymond (1818 bis 1896) und Rudolf Virchow (1821 bis 1902) die Fragen nach den grundsätzlichen Mechanismen des Lebens und des Verhaltens vom spekulativen Denken der Naturphilosophie befreiten und damit die Auffassung ihres Lehrers Johannes Müller (1801 bis 1858), das Leben bedürfe ei-ner spezifischen, nur dem lebenden Organismus immanenten Kraft, ad absurdum führten. Sich vornehmlich auf Experiment und Beobachtung beziehend, nabelten sie die Physiologie von der Anatomie ab und kultivierten sie "als einen Zweig der Physik und Chemie", wie der HelmholtzBiograph Leo Koenigsberger (1837 bis 1921) schrieb.

Das vorliegende Buch ist zunächst eine Quellenedition aus dem HelmholtzNachlaß der ehemals Preußischen Akademie der Wissenschaften, dessen Erschließung der Philosoph und Wissenschaftshistoriker Herbert Hörz noch als Mitglied der DDRAkademie anregte und durch etliche Publikationen voranbrachte. Seit 1993 betreibt die Berlin Brandenburgische Akademie diese Arbeit im Rahmen des Langzeitvorhabens "Wissenschaftshistorische Studien".

Die Gegenbriefe von Helmholtz waren bisher nicht aufzufinden. So ist der Leser zu einem wesentlichen Teil auf Dokumente jener angewiesen, die heute nicht mehr im Schlaglicht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Aber Hörz hat recht mit seinem Kommentar, daß sich der wissenschaftliche Fortschritt wahrhaftig erst durch das Wirken der "zweiten Reihe" durchsetzt. Es ist ein Vorzug der Edition, gerade diese we-nig bekannte Kärrnerarbeit in der Forschung lebhaft und genau zu vermitteln.

Ernst Wilhelm Brücke hatte 1845 das Augenleuchten entdeckt – eine Voraussetzung für die Konstruktion des Augenspiegels durch Helmholtz. Er eröffnete damit überhaupt erst den Zugang zur physiologischen Erforschung des Auges und des Sehens. An der Wiener Universität untersuchte er die Lautbildung sowie die Verdauung der Fette und befaßte sich mit der Selbststeuerung des Herzens – in harten Auseinandersetzungen, bei denen der maßgebliche Wiener Anatom Joseph Hyrtl (1810 bis 1894) eine beschämende Rolle spielte. Brücke wurde aufgrund seiner Leistungen in den Adelsstand erhoben, worauf er wenig Wert legte; hingegen nahm er die Verleihung des Pour le mérite hocherfreut zur Kenntnis.

Carl Ludwig, der wegen seiner libe-ralrevolutionären Gesinnung – er war 1848 Redakteur des "Neuen Verfassungsfreundes" – immer wieder Probleme bei der Berufung bekam, klärte den Mechanismus der Harnsekretion auf, untersuchte das Lymphsystem, Diffusionsprozesse und den Atemgastransport. Er ist vor allem durch den Aufbau des damals modernsten physiologischen Instituts in Leipzig und sein großes Lehrbuch der Physiologie bekannt geworden.

Gustav Theodor Fechners Hauptverdienste schließlich liegen in der physiologischen Optik, insbesondere der Untersuchung subjektiver Farberscheinungen, und in der Objektivierung der Ästhetik. Der Chemiker und Philosoph Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932, Nobelpreis 1909) nannte ihn den "Begründer der messenden Psychologie". Seine philosophischen Ableitungen indes wurden schon zu seinen Lebzeiten als irrational kritisiert.

Den Briefen ist eine umfangreiche Einführung vorangestellt. Hörz will mehr als eine pure Edition von Schriftquellen, wie wir sie, in liebloser Weise schnell und unkommentiert zwischen Buchdeckel gepreßt, immer öfter vorgelegt bekommen. Für ihn beginnt nach der Transkription die eigentliche Arbeit: Detailaufklärung unverständlicher Textstellen, Einordnung in die Zeit, Aufzeigen von Entwicklungslinien und Bezugnahmen sowie das Verfolgen von Problemen bis in die Gegenwart. Insofern ist der Titel Editionsprogramm.

Zunächst legt Hörz die politische, kulturelle und wissenschaftliche Situation Zentraleuropas in der zweiten Hälfte des l9. Jahrhunderts dar. Das erleichtert das Verständnis für die im folgenden beschriebenen Lebens und Schaffenswege von Müller und Helmholtz (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1994, Seite 100) sowie von Ludwig, Brücke und Fechner. Die Biographien der drei letzteren hat Hörz durch ausgiebige Archivstudien bereichert, die viele Interna des Wissenschaftsbetriebs – vor allem im Zusammenhang mit Berufungen und wissenschaftlichen Streitigkeiten – zutage brachten. Diese biographischen Abschnitte sind, außer den Briefen selbst, wohl der größte Gewinn des Buches.

Es schließt sich ein Abriß der disziplinären Entwicklung der Physiologie von Lorenz Okens (1779 bis 1851) Polarisationstheorie bis zur Durchsetzung der "organischen Physik" an, wie Hörz die Schule um Helmholtz bezeichnet, eine Bemerkung von du Bois-Reymond aufgreifend (ohne allerdings deren Herkunft zu erwähnen). Mit separaten Kapiteln bedacht sind verschiedene wissenschaftliche Kontroversen, die in den Briefen eine Rolle spielen, beispielsweise der bis heute aktuelle Streit um Tierexperimente oder die Auseinandersetzung mit Friedrich Zöllner (1834 bis 1882) um den Feldbegriff der Elektrodynamik und die "deutsche Wissenschaft".

Zum Schluß diskutiert Hörz den Zusammenhang zwischen Philosophie und Naturwissenschaft sowie das Problem der empirischen Induktion und theoretischen Deduktion am gegebenen Material. Hörz kommt von der Philosophie. Sein Ausgangspunkt war in den fünfziger Jahren die Kritik an der Dogmatisierung Helmholtzens durch Wladimir Iljitsch Lenin (1870 bis 1924), und er hat sich später immer wieder mit erkenntnistheoretischen Fragen des Helmholtzschen Werkes befaßt, dabei, wo möglich, die Brücke zu aktuellen Debatten schlagend. Diese streitbare Haltung merkt man den einführenden Texten an. Allerdings verselbständigt sie sich manchmal, so, wenn er sich über Sinn und Grenzen von Analogien ausläßt, eine Antwort auf die Frage nach der moralischen Berechtigung von Tierexperimenten zu geben versucht, Prioritätsstreitigkeiten als ein InduktionsDeduktionsProblem darlegt oder das Wesen der Philosophie als eines "Ideengenerators" plausibel zu machen versucht.

Das liest sich durchaus anregend. Ob es den vordergründig historisch Interessierten mitunter zu viel wird, sei dahingestellt. Vielleicht wäre es besser gewesen, die wissenschaftsphilosophischen Themen in einem stärker abgetrennten Essay zu behandeln. Diese kleine Einschränkung mindert jedoch nicht den Wert der Edition.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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