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Ökologie: POEMA - Die leise Rückkehr des Regenwaldes

LKO, Köln 2002. 159 Seiten, 29,90 €


Der freiberufliche Fotograf Manfred Linke und der Autor Rainer Osnowski reisen seit 1986 regelmäßig nach Brasilien, insbesondere nach Amazonien. Somit konnten sie das 1992 gegründete Projekt POEMA ("Programa Pobreza e Meio Ambiente na Amazônia", Armut und Umwelt in Amazonien) von Anfang an begleiten. Zum zehnjährigen Bestehen dieses Projekts erscheint dieser Bildband.

Die Grundidee lässt sich rasch darstellen. Eine wesentliche Ursache der ökologischen Verwerfungen und der Vernichtung des Regenwaldes liegt in der Armut der dort lebenden Menschen. Wanderbauern brandroden Teile des wertvollen Regenwaldes in Amazonien. Da ihnen agrarökonomische Kenntnisse fehlen und die Regierung kein entwicklungspolitisches Konzept hat, bauen sie Monokulturen an.

Die Folgen sind bekannt: In kurzer Zeit ist die dünne Humusschicht ausgelaugt, und nur eine nackte Erosionslandschaft bleibt zurück, was die Kleinbauern zwingt, tiefer in den Regenwald zu ziehen und den Kreislauf der Zerstörung weiterzuführen. In Amazonien werden jährlich knapp zwei Millionen Hektar Wald vernichtet, was sieben Fußballfeldern pro Minute entspricht.

Das Projekt POEMA (die Abkürzung ist auch das portugiesische Wort für "Gedicht"), das an die Bundesuniversität von Pará in Belém angegliedert ist, hat sich zum Ziel gesetzt, den Einheimischen einen Ausweg aus der Armut und eine ökonomische Perspektive zu bieten, ohne dass dem Regenwald weiterer ökologischer Schaden zugefügt wird. Wanderfeldbauern sollen sesshaft gemacht werden, was zugleich den sozialen Druck auf die Slums am Rande der Großstädte reduzieren würde; Waldinseln sollen den ökologischen Schaden durch Brandrodung in Grenzen halten. Naturgerechter Anbau, die Versorgung mit sauberem Wasser und die Einbindung in den Welthandel werden als Ziel verfolgt. So werden Naturfasern aus Kokosnüssen für die Automobilproduktion in Brasilien verwendet, was den beteiligten Gemeinden eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht.

Die mittlerweile herrschende Lehre in der Entwicklungspolitik, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, wird durch dieses Projekt ideal umgesetzt. Oft sind Armut und ökologischer Verfall nur Ausdruck mangelnden Wissens. Durch den Land Grant Act von 1862 wurden in den USA mehrere "Agricultural and Mechanical Universities" gegründet und zugleich verpflichtet, wissenschaftliche Beratung für Handwerk und Landwirte bereitzustellen. Die Texas A & M University ist nur die bekannteste dieser Hochschulen. Die Überwindung agrarwissenschaftlicher Probleme und die Förderung der Technologie im Handwerk hat in einem erheblichen Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung der USA beigetragen. POEMA verfolgt in Zusammenarbeit mit der Universität in Belém einen ähnlichen Ansatz.

Der Text ist dreisprachig: deutsch, portugiesisch und englisch. Schlaglichtartig werden Initiatoren und einige Lebensbilder dargestellt, beispielsweise Dona Antónia und ihre Freude über sauberes fließendes Wasser oder der Erfolg des Waldinsel-Kleinbauern Don Alfredo.

Die Darstellung ist bilderreich – der größte Teil des Buches besteht aus großformatigen Fotos der Amazonaslandschaft und beteiligter Menschen –, kurzweilig, personenbezogen und ohne größeren intellektuellen Aufwand nachvollziehbar. Allerdings fehlen kritische Bemerkungen – es scheint, als ob das ganze Projekt ohne Probleme funktioniert hätte.

Dieser "Rechenschaftsbericht" erreicht inhaltlich kaum das Niveau eines Geschäftsberichtes, er wirkt mehr wie eine Werbeschrift für POEMA und den guten Gönner DaimlerChrysler, der das Projekt von Anfang an finanziell unterstützt hat und ein Hauptabnehmer von Naturprodukten dieser Amazonasregion ist. Der Anhang bringt einige Daten zur Entwicklung des Projekts, aber man findet keine Zahl, die seine ökonomische Relevanz aufzeigen würde. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie viele Menschen Arbeit fanden, wie viele Wanderfeldbauern einbezogen wurden – wie hoch die Umsätze und wie hoch das Projektvolumen waren.

Entwicklungspolitisch gesehen ist die Grundidee völlig richtig. Nachhaltige Entwicklung solch schwieriger ökologischer Regionen wie Amazonien ist nicht gegen, sondern nur mit einer weltweiten Vernetzung und einer Einbindung in die weltweite Marktwirtschaft möglich. Die entwicklungspolitische Relevanz wird im Buch deutlich, wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen werden aber kaum gezogen. So bleibt unklar, ob das Projekt verallgemeinerbar ist. Es gibt nur Hinweise auf Ableger in anderen Bereichen.

Das Projekt war wohl deshalb erfolgreich, weil eine Einzelperson mit guten Kontakten die Unterstützung eines wichtigen Partners – DaimlerChrysler – erhielt, wodurch eine gewisse ökonomische Nachhaltigkeit (Absatz der Naturprodukte) erreicht wurde. Schwierigkeiten, die entwicklungspolitische Relevanz des Projektes, Probleme, die im Marktgeschehen auftraten oder auftreten können, werden nicht reflektiert. So wirkt das Buch ein wenig ermüdend, selbstbeweihräuchernd, was bei dem guten Ansatz eigentlich schade ist. Ein bisschen mehr Biss, ein bisschen mehr Kritik, ein bisschen mehr Anreize zum Nachahmen hätten ihm gut getan.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2003, Seite 128
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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