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Sherlock Holmes und der Energie-Anarchist. 12 physikalische Rätsel brillant gelöst.

Aus dem Englischen von Michael Zillgitt und Carsten Heinisch. Birkhäuser, Basel 1998. 288 Seiten, DM 49,80.

Mein Freund lehnte sich gemütlich zurück, legte das Buch auf den Tisch neben dem Sessel und begann, seine Pfeife ein weiteres Mal zu stopfen. „Wissen Sie, es schmeichelt mir ja schon, daß ein Physiker und Publizist namens Colin Bruce uns als Hauptfiguren in zwölf Fällen auftreten läßt.“ Ich verstand nicht recht. Sherlock Holmes mußte das wohl meinem Gesicht entnommen haben und fuhr fort: „Sehen Sie, Watson, dies ist kein übliches populärwissenschaftliches Buch. Physikalische Probleme sind als Kriminalgeschichten verpackt, und wir zwei müssen sie lösen.“

Ich muß so erstaunt geschaut haben, daß der berühmte Detektiv nach einer Erklärung suchte. „Betrachten wir ein konkretes Beispiel. Der reiche Lord Forleigh wird von seinem Sohn tot aufgefunden. Der Leichnam liegt in dem gerade fertiggestellten Museum, das der noble Herr der Stadt London spenden wollte, in einem Raum, in dem ein großes, schweres Pendel schwingt. Dieses Gerät hat den bedauernswerten Lord schlicht erschlagen. Aber bis wir“, Holmes schmunzelte, „auf diese Lösung kommen, dauert es ein wenig: Das Pendel schwingt weit entfernt vom Fundort der Leiche im Raum.“

„Dann kann es den Lord auch nicht getötet haben“, dachte ich laut. Holmes unterbrach mich: „Genauso reagieren Sie auch in der Geschichte. Aber ein gewisser Professor Summerlee erklärt uns, daß sich die Schwingungsebene des Pendels langsam im Raum dreht. Deshalb hat es eben doch Forleigh einige Stunden zuvor dort erschlagen können, wo ihn sein Sohn tot auffand.“

„Das wirkt mir aber etwas an den Haaren herbeigezogen“, antwortete ich, „weshalb soll der edle Spender von seinem eigenen Pendel erschlagen werden, er mußte doch wissen, was es tut.“ Holmes strahlte. „Gut mitgedacht! Zu seinem Unglück glaubte der Lord an das ptolemäische Weltbild, nach dem sich die Schwingungsebene nicht hätte drehen dürfen. Und da er den Raum bei Dunkelheit betrat, wurde er förmlich von dem klassischen Experiment zum Nachweis der Erdrotation erschlagen, bevor er sich eines Besseren besinnen konnte.“

Ich war nur halb von der Glaubwürdigkeit überzeugt, und Holmes fügte hinzu: „Ich halte den eigentlichen Gang der Geschichte nicht für das Interessante, da sind unsere echten Fälle schon spannender. Wie Sie sich aber bestimmt vorstellen können, werden in den fiktiven Gesprächen die beiden konkurrierenden Weltsysteme ausgiebig diskutiert. Dieses durchweg verwendete Stilmittel macht das Buch lesenswert.“

Ich dachte einen Moment nach. „Was haben denn Physik und Kriminalistik gemeinsam?“ fragte ich. Holmes zog an seiner Pfeife. Ich hatte ihm wohl einen neuen Gedanken eingegeben, schließlich nickte er. „Ein Detektiv betrachtet einen Fall so lange, bis er eine plausible Theorie über den Tathergang hat. Danach sammelt er alle Details und versucht, seine Idee zu beweisen oder zu widerlegen. Das ist in der Wissenschaft nicht viel anders. Jedoch kann ein Naturforscher gezielt Fragen stellen, er kann experimentieren.“ Ich sah den Unterschied ein. Im Gegensatz zu einem Mord sollte ein Experiment beliebig wiederholbar sein. Doch mein Freund ließ mir keine weitere Denkzeit.

„Genau daran krankt das Buch etwas: Viele naturwissenschaftliche Sachverhalte lassen sich schnell einsehen, wenn man ein Experiment betrachtet. Bruce muß sich aber auf die Beschreibung von Versuchen beschränken, die der Leser dann hinnehmen muß. Beispielsweise kommt der Autor auf die Funktionsweise eines Elektroskops zu sprechen. Da kann selbst die im Buch abgedruckte Zeichnung die unmittelbare Anschauung nicht ersetzen.“ Ein Buch sei nun mal kein Experimentierkasten, wandte ich ein. Holmes stimmte mir zu, schien aber noch nachdenklich.

„Die Physik hat eine besonders scharfe Logik, man kann deshalb ihre Theorien viel formaler fassen als unsere Mordfälle. Physikalische Sachverhalte kann man berechnen. Sie haben Mathematik in der Schule doch sicherlich verabscheut, Watson, oder?“ Es wäre zwecklos gewesen, zu leugnen. „Darum will der Autor auf Rechnungen verzichten“, fuhr Holmes fort. „Aber lesen Sie hier auf Seite 72!“ Ich las laut vor: „… zehn hoch zehn Kilogramm Luft. Wir multiplizieren mit der Erdoberfläche – fünf mal zehn hoch acht Quadratkilometer – und erhalten …“ – „aber das ist ja einfach eine Rechnung im Text versteckt!“, rief ich erstaunt aus. Sherlock Holmes zog erneut an seiner Pfeife und stimmte mir zu. „Leider kommt dies an einigen Stellen im Buch vor. Ich hätte einige Vergleiche den unanschaulichen Zahlen vorgezogen.“

„Aber sonst haben Sie keine Kritikpunkte?“ Inzwischen war ich mir unsicher, was Holmes von dem Buch hielt. Mein Freund zog die Augenbrauen hoch. „Wenn da nicht diese fachlichen Ungenauigkeiten wären. Es ist beispielsweise nicht richtig, daß das kopernikanische System mathematisch wesentlich eleganter war als das ptolemäische. Und die Erklärung, warum sich eine Lichtmühle dreht, ist schlichtweg falsch: Nicht der Lichtdruck, sondern der normale Druck des Restgases in dem evakuierten Glaskolben treibt die Mühlenflügel an. Und ich könnte Ihnen weitere Beispiele anführen.“

„Aber Sie haben das Buch doch innerhalb weniger Tage gelesen; es muß Ihnen gefallen haben“, entgegnete ich Holmes. Er stimmte mir nach einigen Sekunden zu. „Die Idee, Physik als Krimi zu erzählen, ist sehr schön, die Dialoge sind trotz der erwähnten Schwächen lehrreich, und nicht zuletzt fand ich es gelungen, wie der Autor uns beschrieben hat.“

An dieser Stelle beging ich den Fehler, noch einmal nachzufragen. „Und wie komme ich dabei weg?“ Mein Freund lächelte und blies eine Wolke Pfeifenrauch aus dem Mund. „Watson, der Autor zeichnet Sie nicht sonderlich schmeichelhaft.“


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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