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Wissenschafts-Akademien: Super-Akademie, Akademien-Netz oder Konvent?

In die deutschen Gelehrtenversammlung kommt Bewegung. In einem ersten Annäherungsversuch wollen sich Akademien zu speziellen Themen vernetzen.


Angestachelt von einem "Außenseiter", der überregionalen Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, trafen sich am 22. Mai die Präsidenten der sieben regionalen Akademien und der Leopoldina, um den Vorschlag zur Bildung eines Nationalen Wissenschaftskonvents zu beraten. Dieser Versammlung könnten sich auch die Chefs der großen Wissenschaftsorganisationen – wie Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaft – anschließen. Das Ergebnis wäre eine Gesamt-Repräsentanz, ein gemeinsames Sprachrohr der Wissenschaft. Der Konvent könnte die deutsche Wissenschaft international vertreten und auf nationaler Ebene als unabhängiger und kompetenter Berater und Dialogpartner für Politik und Gesellschaft zur Verfügung stehen.

Doch die Präsidenten der sieben regionalen Akademien lehnten diesen Schritt überraschend ab. Stattdessen wollen sie in interakademischer Vernetzung spezielle Themen erörtern und die Ergebnisse dann an die Politik herantragen. Die Leopoldina hingegen wird ihren Konvents-Plan weiter verfolgen.

Mehr als ein Jahrzehnt lang ist die Gründung einer nationalen Deutschen Akademie der Wissenschaften ergebnislos diskutiert worden. Zunächst war die Leopoldina in Halle (Saale) – die seit 1652 bestehende älteste Akademie in Deutschland – dazu ausersehen (siehe Spektrum der Wissenschaft 4/1991, S. 49). Der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber regte an, sie innerhalb von zehn Jahren dazu umzuformen. Doch ihr Senat lehnte dieses Angebot 1992 ab, "ob aus Bequemlichkeit oder Ängstlichkeit, sei dahingestellt", wie Leopoldina-Präsident Benno Parthier auf der letzten Jahresversammlung im April 2001 spitz anmerkte.

Die Überlegungen zu einer nationalen Ergänzung der föderalistischen Wissenschaftsstruktur in Deutschland waren damit aber nicht beendet. 1994 fanden sie sogar Eingang in die Koalitionsvereinbarungen. Die lockere "Konferenz" der Länder-Akademien begann, sich als festere "Union" zu begreifen. Die überregionale Leopoldina, deren rund tausend Mitglieder aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich stammen, reformierte ihre Organisation und stärkte ihre Handlungsmöglichkeiten. Der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), Dieter Simon, verfolgt beharrlich das Ziel, aus der Hauptstadt- eine zentrale National-Akademie zu machen (siehe Spektrum der Wissenschaft 10/1998, S. 96).

Sprachrohr der Wissenschaft

Dafür baute er erste Kooperationen auf. So initiierte er 1997 mit der Nordrhein-Westfälischen Akademie einen "Konvent für Technikwissenschaften", der Anfang April 2001 von der Akademien-Union übernommen und offiziell gegründet wurde. 1999 gründete die BBAW zusammen mit der Leopoldina die "Junge Akademie" für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Simon schwebte eine spätere Fusion mit der Leopoldina zu einer Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin vor.

Diese "gemeinsame Unternehmung" sei aber jetzt von der Leopoldina aufgekündigt worden, sagt Simon erbittert. Am 5. April stimmte deren Senat einem Konzept des Präsidiums im Grundsatz zu, "dass sich die Leopoldina für die Gründung eines von den Akademien und den deutschen Wissenschaftsorganisationen gestützten Nationalen Wissenschaftskonvents einsetzen wird". Parthier begründete einen Tag später in Halle vor der Leopoldina-Jahresversammlung diesen Vorschlag. Simon verließ sofort nach dieser Eröffnungsansprache – offensichtlich verstimmt – die Veranstaltung.

Der Wissenschafts-Konvent ist ziemlich genau das, was Leopoldina und BBAW gemeinsam vorhatten. Nur hegt Parthier den Verdacht, dass im Namen der Nationalen Akademie der Begriff "Leopoldina" nicht mehr auftauchen könnte. Der sei zumindest in der nach wie vor existierenden, nur zur Zeit nicht tagenden gemeinsamen Kommission zwischen BBAW und Leopoldina nicht eliminiert worden. Darüber, dass das Management und der Präsident der Nationalen Akademie in Berlin sitzen müssten, herrschte offensichtlich Einigkeit. Allerdings ist für Parthier der Ort, an dem die Nationale Akademie arbeitet, nicht unbedingt die Hauptstadt. Simon dagegen hält an seinem Konzept der Hauptstadt-Akademie fest. "Wir sind eben jetzt Konkurrenten", stellt er im Blick auf den Entscheid von Halle fest, und reihte sich am 22. Mai in die Ablehnungsfront gegen den Konventsvorschlag der Leopoldina ein.

Es ist höchste Zeit, in Deutschland eine zentrale wissenschaftliche und transdisziplinäre Autorität zu schaffen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben, die wissenschaftliche Politikberatung, droht die Bundesregierung nun dem Anfang Mai gegründeten Nationalen Ethik-Beirat zuzuweisen. Dieses neue Gremium ist allerdings auf die Lebenswissenschaften beschränkt und soll als dauerhaftes Forum des Dialogs die verschiedenen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, philosophischen und theologischen Positionen reflektieren und keineswegs ein Sprachrohr allein der Wissenschaft sein.

Gönnerhaft bot deshalb der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Wolf-Michael Catenhusen, auf einem von Spektrum der Wissenschaft und der Volkswagenstiftung im April in Heidelberg veranstalteten Symposion der Wissenschaft an, sich als "eigene Bank" dort einzubringen. Sehr viel deutlicher forderte in diesem Disput zum Thema "Wie treffen sich Forschung und Öffentlichkeit?" der Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß, die Wissenschaft in Deutschland müsse wieder lernen, zu einem agierenden Subjekt zu werden. Der "Allianz" gelinge dieses nicht, dort verträten die Wissenschaftsorganisationen nur jeweils ihre eigenen Interessen, und bei der Besetzung der Enquete-Kommissionen des Bundestags formuliere die Wissenschaft nicht ihr Verlangen, dort vertreten zu sein.

Wichtigste Aufgabe: wissenschaftliche Politikberatung

Die sieben regionalen Wissenschaftsakademien haben sich bisher als unfähig erwiesen, ihr überkommenes Wissenschaftsverständnis zu aktualisieren und aus ihrer Union "eine organisierte Stimme der Wissenschaft Deutschlands" zu formen, die der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, verlangt. Mit dem Beschluss zur interakademischen Vernetzung wollen sie sich nach den Worten des Vorsitzenden der Akademien-Union Clemens Zintzen dieser Aufgabe stellen. Einen zwiespältigen Eindruck hatte nämlich ihr Interakademisches Symposium hinterlassen, das sich im Februar in München mit der Rolle der wissenschaftlichen Akademien im dritten Jahrtausend beschäftigte. Zwar plädierten dort Wolfgang Frühwald, Präsident zunächst der Deutschen Forschungsgemeinschaft, heute der Alexander von Humboldt-Stiftung, und Winfried Schulze, bis vor kurzem Vorsitzender des Wissenschaftsrates, dafür, die Akademien sollten neben ihren traditionellen, mehr nach innen gerichteten Aufgaben – wie Langfristprojekte und transdisziplinärer Dialog – ihre Aktivität auch deutlicher nach außen richten. Sie schlugen eine dem Vorbild des amerikanischen National Research Council (NRC) entsprechende Einrichtung vor. Deutliche Unterstützung dafür fanden sie vor allem bei Markl und dem sächsischen Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer. Zintzen hält dagegen eine Politikberatung nach NRC-Muster in Deutschland nicht für möglich.

Allerdings: Der Hauptstreiter für eine Reform innerhalb der Union, Simon, war erst gar nicht zu dem Treffen nach München gereist. Er hätte dort für seine Vorstellungen wieder einmal nur Ablehnung erfahren. Die Verfechter der konservativen Linie haben nach außen die Oberhand behalten und wehren sich mit wütender Polemik nicht nur gegen kritische Medienberichterstattung, sondern auch gegen das ",arrogante‘ Vordrängen einer einzelnen Akademie", wie Zintzen in einem nachträglichen Resümee schreibt. Freilich können sich die Akademien auf Dauer nicht davor drücken, neue Anforderungen und Probleme zu akzeptieren. Sie hätten sie nach Zintzens Meinung mit den Wissenschaftsorganisationen "zu präzisieren, zu bedenken und dann auch ungefragt dazu in der Öffentlichkeit Stellung zu nehmen".

Eine solche eher geisteswissenschaftlich bestimmte Zurückhaltung pflegt die Deutsche Akademie der Naturforscher nicht. Der Leopoldina-Präsident betonte bei der feierlichen Eröffnung der Jahresversammlung, dass selbst hochaktuelle Fragen wie die Maul- und Klauenseuche als Herausforderung an die Wissenschaft zu verstehen seien – eine Auffassung, die Zintzen ausdrücklich ablehnt. Beim Thema BSE ist die Leopoldina schon sehr frühzeitig tätig geworden, allerdings – und das ist typisch für den gegenwärtigen Zustand der wissenschaftlich initiierten Politikberatung – mit geringem Erfolg. Empfehlungen ihrer Sektion Veterinärmedizin blieben bereits 1996 bei Bund und Ländern ohne Echo. Ein neues Memorandum sowie eine Pressemitteilung Anfang Januar 2001 wurden erneut – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mit Nichtbeachtung bestraft. Für Anfang Mai wurde nun ein internationales Symposium in Wien zum Thema "BSE-Wahnsinn und Wirklichkeit" vorbereitet, und von einer Veröffentlichung der Stellungnahme in einer Fachzeitschrift (Naturwissenschaftliche Rundschau) erhofft sich Parthier einige öffentliche Wirkung.

Den nachhaltigsten Anstoß für eine zentrale Einrichtung der Wissenschaft mit tatsächlich vernehmbarer und akzeptierter Politikberatung, Auslandsrepräsentanz, Nachwuchsförderung und auch der Wahrnehmung von Langzeitprojekten der kulturwissenschaftlichen Grundlagenforschung dürften die in München vorgetragenen Gedanken der beiden Geisteswissenschaftler Frühwald und Schulze zusammen mit der Aktivität der Leopoldina-Naturforscher gebracht haben. Dieser Nationale Wissenschafts-Konvent sollte in der föderalistischen Bundesrepublik an die Stelle einer nationalen Deutschen Akademie der Wissenschaften treten. Er wird zwar wesentlich von den mächtigen Wissenschaftsorganisationen mitbestimmt. Den sich an traditionelle Konzepte gebunden fühlenden Akademien der Union bleibt aber nicht viel anderes übrig, als dabei mitzumachen, wenn sie nicht ganz ins Abseits fallen sollen. Er bietet zudem Raum für andere Aktivitäten: Die BBAW könnte ihre Sonderrolle als Hauptstadtakademie in dieses Konzept mit einbringen. Der Bund sollte seinen politisch ausgewählten Nationalen Ethik-Beirat nicht nur im Gebäude der BBAW unterbringen, sondern auch geistig der Wissenschaft anvertrauen. Die von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkten weiteren Gründungsvorhaben, etwa einer Hamburgischen Akademie der Wissenschaften, hätten dort ebenfalls ihren Platz. Aber: Wo bleibt dann die so groß in Szene gesetzte Aktion "Wissenschaft im Dialog"?

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2001, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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