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Technologische Urteilskraft. Zu einer Ethik technischen Handelns


Der wissenschaftlich-technische Fortschritt, seine Potenzen und Risiken bilden ein fruchtbares, bislang keinesfalls erschöpfend bestelltes philosophisches Arbeitsfeld. Dabei sind die Fronten seit längerem klar umrissen und argumentativ befestigt: Auf der einen Seite sind die Fortschrittsbejaher, die zwar vieles noch effektiver und alles noch sicherer machen möchten, im Grunde aber zur heutigen Entwicklung keine Alternativen sehen, auf der anderen Seite die Technikkritiker, die angesichts globaler Gefährdungen zur Umkehr aufrufen und den Menschen längst zum Anhängsel der Technik degradiert wähnen.

Johannes Rohbeck, seit 1993 Philosophieprofessor an der Technischen Universität Dresden, möchte mit seinem Buch diese inhaltlich erstarrten Positionen aufbrechen und neue Akzente setzen. Der Titel verweist den kundigen Leser bereits auf ein Hauptanliegen des Autors: Die Aufnahme des Kantschen Begriffs der Urteilskraft signalisiert den Versuch, Technikphilosophie und Philosophiegeschichte miteinander zu verbinden. Dieses Unterfangen, für das Rohbeck in der Einleitung mit starken Worten gegen Unterlassungssünden der aktuellen Technikphilosophie zu Felde zieht, ist nicht unumstritten. So gilt es gewichtige Argumente zu entkräften, die wegen der neuen Qualität vieler wissenschaftlich-technischer Phänomene den Blick zurück in die Geschichte der Philosophie schlicht für überflüssig erklären.

Rohbecks Buch umfaßt einen sehr umfänglichen philosophiehistorischen und einen systematischen Teil. Im ersten versucht er Zugänge zu seinen Auffassungen zu öffnen und theoretisch-begriffliche Klärungen vorzubereiten. In der gegenwärtigen Technikphilosophie sei das Programm einer "technologischen Aufklärung" herrschend. Entstehen, Entwicklung und Kontrolle technischer Phänomene würden dabei in letzter Instanz auf Entscheidungen und Handlungen der Menschen zurückgeführt. Diese Fixierung auf eine einfache Zweck-Mittel-Relation sei aber bestenfalls, so Rohbeck, eine "halbe" Aufklärung, weil sie keinen Raum lasse zum Verständnis der Eigendynamik technischer Mittel. Sein Interesse gilt deshalb einer nach seiner Auffassung eher verborgenen, ja zum Teil sogar tabuisierten Traditionslinie philosophischen Denkens, die – wenn auch mit unterschiedlicher begrifflicher Klarheit – erkannt habe, daß sich die Mittel niemals in der Realisierung menschlicher Zwecke erschöpften. Die Eigendynamik technischer Mittel könne den Schlüssel liefern für die sinnvolle Entwicklung technischer Alternativen. Damit grenzt sich Rohbeck auch von Technikkritikern wie Max Horkheimer und Günther Anders ab, die aus der Eigendynamik auf die tendenzielle Herrschaft technischer Mittel über den Menschen schlossen.

Allerdings ist der philosophiehistorische Teil des Buches erheblich überdimensioniert. Dies liegt zum einen an der unverkennbaren Affinität des Autors für dieses Thema, zum anderen am Konzept. Das beginnt mit einer sehr weiten Fassung des Begriffs "technische Rationalität". Rohbeck untersucht nicht nur verschiedene Auffassungen zur Funktion gegenständlicher Mittel technischen Handelns in der Geschichte, sondern bezieht auch Denker in seine Untersuchung ein, die in anderen Bereichen wie Politik, Ökonomie und Geschichte die Rolle menschlicher Handlungen als Mittel thematisierten. So begegnet der Leser unerwartet etwa dem florentinischen Historiker und Staatsmann Niccolo Macchiavelli (1469 bis 1527), dem britischen Ökonomen Adam Smith (1723 bis 1790) und dem französischen Ökonomen und Finanzminister Robert Jacques Turgot (1727 bis 1781). Ohne Zweifel ist der Zusammenhang zwischen geschichts-, sozial- und technikphilosophischem Denken stringent. Der thematische Rahmen dieses Buches wird jedoch gesprengt, wollte man dies auch nur annähernd repräsentativ durch die Philosophiegeschichte verfolgen.

Hat der Autor tatsächlich eine verborgene Traditionslinie philosophischen Denkens neu entdeckt? Oder hat er nicht vielmehr den technikphilosophischen Diskurs der Moderne in die Philosophiegeschichte projiziert? Zumindest sei angemerkt, daß der Gebrauch politischer Mittel bei Macchiavelli und die Kritik des Fortschrittsbegriffs bei Jean Jacques Rousseau (1712 bis 1778) in der einschlägigen Literatur sehr wohl beachtet und keineswegs tabuisiert wurden. Schärfere Eingrenzung der philosophiehistorischen Exkurse, dafür gründlicheres Vordringen zu inhaltlichen Details hätten das Anliegen des Autors wirkungsvoller befördert.

Den systematischen Teil des Buches dominiert das Bestreben, das vorherrschende teleologische Handlungsmodell in seiner Unzulänglichkeit aufzuzeigen. Dazu führt der Autor seine Argumentation zur Eigendynamik technischer Mittel weiter aus: Sie entfalten im Gebrauch mehr und andere Möglichkeiten, als der planende und konstruierende Mensch ursprünglich bezweckte. Diesen im technischen Mittel enthaltenen Überschuß, der auch in der aktuellen Diskussion um die Nebenfolgen neuer Techniken thematisiert wird, führt Rohbeck auf seine naturale Basis zurück – auf die Tatsache, daß das technische Mittel umgeformter Naturgegenstand ist. Der Techniker breche dann aus dem technologischen Handlungsmodell aus, wenn er sein Hauptaugenmerk nicht mehr auf die Schöpfung neuer technischer Mittel, sondern auf die Ausschöpfung der in ihnen angelegten Möglichkeiten richte. Mit dieser inhaltlichen Bestimmung wendet Rohbeck den seit Horkheimer negativ belegten Begriff des Instrumentellen ins Positive.

Abschließend greift er in die zuletzt sehr rege Diskussion um das Verhältnis von Technik und Ethik ein. Er geht auf Distanz zu der in Mode gekommenen "angewandten Ethik", nicht weil er deren Bemühen, zwischen abstrakten Wertvorstellungen und konkreten Handlungen eine Brücke zu bauen, mißbilligte, sondern weil er auch hier die teleologische Perspektive ungebrochen sieht. Die moralische Norm werde doch in letzter Instanz der Lebenspraxis oktroyiert. Angelehnt an Immanuel Kants Begriff der Urteilskraft fordert er eine "reflexive Ethik", die, ohne auf moralische Grundsätze zu verzichten, Normen und Werte durch Reflexion auf die sich rasch wandelnden technischen Handlungsbedingungen konkret zu bestimmen vermag.

Das Buch ist keine leichte Lektüre. Über weite Strecken strapaziert eine aus-führlich referierende Darstellung die Geduld des Lesers; Vorkenntnisse zur Philosophiegeschichte sind hilfreich, will man Namen, Zitate, Diskussionsbezüge und Sachzusammenhänge stets adäquat einordnen. Ausgangs- und Bezugspunkt sind nicht die neuen Technologien, deren Möglichkeiten und Risiken, sondern die philosophische Diskussion selbst, deren unterschiedliche Konzepte, Begriffe, Ziele und Standorte. Ob Rohbecks Buch der technikphilosophischen Diskussion damit neue inhaltliche Impulse verleihen kann, wage ich zu bezweifeln.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995

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